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Dienstag, den 4. Dezember 1894.

21. Jahrgang

Stitunfl

mit Untrrhatttmgs-Keilage „Sterne und Klnmen".

Ertckemt täalick Sonn« und Setertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und BeMgew in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmond^eile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf-, bet Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Wir haben aus vorstehendem Bericht absichtlich die Einzelheiten bezüglich des Verhaltens der verklagten Firma weggelassen, weil es darauf für die Beurthei- lung des Börsentreibens nicht so sehr ankommt, wie auf den Vertrag zwischen den beiden Getreidefirmen, den wir deshalb ausführlicher Wiedergaben. Man sieht daraus, wie es gemacht wird. Abgesehen von dem angeblichen Vertragsbrüche der einen Firma scheint ja den Herren Ritter & Blumenthal Alles am Schnürchen so gelungen zu sein, wie sie sich das „Geschäft" ausgedacht. Wenigstens ist es ihnen that- sächlich gelungen, den Berliner Markt längere Zeit von Weizen derart zu säubern, daß diese Frucht durch das fast ganz fehlende Angebot natürlich ungeheuer im Preise steigen mußte. Aber jeder Landwirth, der Weizen verkauft, fowie auch sonst jeder, der sich um diese Dinge kümmert, weiß, was der Berliner Markt für die Preisgestaltung u. f. w. überhaupt bedeutet. Solche Vorfälle verdienen die ernsteste Beachtung und lassen es sehr bedauern, daß allem Anscheine nach auch in der bevorstehenden Session die Börsenreform nicht mehr zur Verhandlung, wahrscheinlich nicht ein­mal zur Vorlage im Reichstage gelangen soll. Das Bedürfniß nach einer Reform, insbesondere auch der Produktenbörse, ist aber so dringend, daß man es in der That nicht verstehen kann, wie dieselbe noch weiter verschleppt werden kann.

* Die Preisvertheueruug durch die Getreidebörse

rvird jetzt wieder einmal recht klar durch einen Prozeß, der zwischen zwei Firmen der Berliner Getreidebörse schwebt. Im Jahre 1891/92 herrschte bekanntlich eine so große Theuerung im Preise der Brodfrucht, daß damals die Agitation gegen die Getreidezölle einen «normen Umfang annahm. Es ist damals fchon darauf hingewiesen worden, daß die hohen Getreidepreise der Hauptsache nach die Folge der wüsten Preistreiberei an der Berliner Börse, namentlich Seitens der jüdischen Firma Ritter & Blumenfeld, waren. Die libe­rale Presse leugnete natürlich Alles ab, jetzt aber kommt die große „Weizenschwänze" des Sommers 1891 an den Tag durch den vorerwähnten Prozeß, der vor dem Kammergericht durch die Firma Ritter & Blumen­feld gegen eine andere Berliner Firma geführt wird. Wir geben im Folgenden einen Auszug aus den Be­richten Berliner Blätter:

Die Firma Ritter & Blumenfeld suchte im Juli 1891 den Weizenpreis dadurch zu treiben, daß sie alle in Berlin vorhandenen Weizenvorräthe auskaufte und zugleich zu verhindern suchte, daß lieferbares Material von außen dorthin gelangte. Zu diesem Zwecke schloß sie mit zahlreichen Firmen, die auf Berlin schwimmen­den Weizen besaßen, Verträge ab, worin sich dieselbe gegen besondere Vortheile verpflichteten, den Weizen nicht nach Berlin zu bringen und ihn auch in der Provinz nur unter der Beschränkung zu verkaufen, daß er nicht nach Berlin gebracht werden dürfe. Zu diefen Firmen gehörte auch eine Berliner Firma, die sich verpflichtete, weder ihre auf Berlin schwimmenden 5600 Tonnen Weizen, noch andern Weizen überhaupt nach Berlin zu verkaufen. Dagegen überließen Ritter & Blumenfeld der Firma aus ihrem Eigenbestande 10,000 Tonnen für den laufenden Termin 10 Mark unter dem Tagespreise, legten aber derselben für den Fall der Zuwiderhandlung eine Konventionalstrafe von 500,000 Mk. auf. Später wollten Ritter & Blumen­feld wieder vom Vertrage zurücktreten: indem sie allerlei Gründe geltend machten, um zu beweisen, daß die andere Firma nicht loyal verfahren sei; uns interessiren diese Gründe hier weiter nicht. Schließlich verlangten R. & B. noch einen Schadenersatz in Höhe von 225,000 Mk. und die Konventionalstrafe von 500,000 Mk., die auch verwirkt sein sollte, weil die betreffende Firma ihren Abnehmern nicht die Ver­pflichtung auferlegt habe, den Weizen von Berlin fernzuhalten. Es kam zur Klage, und zwar nur auf den Theilbetrag von 5000 Mk. Das Landgericht I. wies die Klage ab, das Kammergericht wies dann zu­nächst ebenfalls den Schadenerfatz ab, behielt sich aber die Entscheidung hinsichtlich der Konventionalstrafe noch vor, um vorher noch zu ermitteln, ob die Verklagte ihre Vertragspflicht, den Weizen von Berlin fernzu­halten, erfüllt habe oder nicht. Das Urtheil in dieser Frage steht also noch aus.

Dolores.

Roman von Th. K.

(21. Fortsetzung.)

12. Kapitel.

ES gibt im Leben Augenblicke, Wo sich der Himmel von den Menschen wendet Und ihn den finstern Mächten überläßt.

Wer bann nicht Kraft hat, aus sich selbst zu bau'n, Der ist gewiß für alle Zeit verloren.

Bahrdt

Die Post war noch nicht in Sicht, aber Pedro wanderte schon lange ungeduldig auf und ab, Don Pablo erwartend. Endlich! Schweigend nahm er den Nachtfack, wobei er wohlgefällig feinen Gönner musterte, aus besten Antlitz er den Triumph lesen konnte. Er brannte vor Neugierde, das Resultat der Reise zu er­fahren, wagte jedoch keine direkte Frage.

„Carambo! Sennor mio! Wie stattlich Sie aus- fehen, gerade wie ein Feldherr nach gewonnener Schlacht!" sagte er stehenbleibend. „Ich nehme meine früheren Worte zurück."

„Ich erinnere mich deren nicht", sagte Pablo gleich­gültig.

„Warum haben Sie mich denn aus Ihrem Zimmer geworfen, he?" zischte der Kleine, „doch nur, weil ich meinte, Sie sollten Pater werden, da Sie zum Han-

folge für Cigarren und Cigarretten eine Steuer von 25 Prozent (im vorjährigen Entwurf 33^/z Proz.), für Kau- und Schnupftabak eine folche von 40 Prozent (im früheren Entwurf 50), für Rauchtabake von 50 Prozent (gegen 662/3 des früheren Entwurfs) bean­tragt. Die Ermäßigung der Sätze ist also recht un­bedeutend, so gering, daß die Vorlage auch bei diesen geringeren Sätzen die Tabak - Industrie und ihre Ar­beiter aufs Schwerste schädigen müßte.

* Die vom Büreaudirektor des Abgeordnetenhauses, Geheimrath Kleinschmidt, mit großer Sorgfalt ausge­arbeiteten Uebersichten über die Geschäftsthättgkert des Abgeordnetenhauses in der letzten Session sind den Mitgliedern des Hauses zugegangen. Sie zerfallen in die Rednerliste, die Uebersicht über den Staatshaus­haltsetat und die Hauptübersicht. Die Rednerliste er­gibt den Tag, an welchem, sowie der Gegenstand, über welchen jeder einzelne Redner gesprochen hat, unter Hinweis auf die betr. Seiten der stenographifchen Be­richte. Die Etatsübersicht macht die bezüglichen Anträge, Petitionen und Verhandlungen ersichtlich und weist bei den verschiedenen Verwaltungen sämmtliche Etats­titel mit ihren Beträgen nach. Die alphabetisch geord­nete Hauptübersicht umfaßt, abgesehen von dem Staats­haushalts-Etat, alle zur Erörterung gelangte Gegen­stände, unter Darlegung des Verlaufs der Berathung. Die Regierungsvorlage, sowie die Anträge zu den­selben sind darin in ihrem Wortlaute übernommen und die Verhandlungen über ein und denselben Gegenstand, auch wenn dieselben zu verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Gelegenheiten stattgefunden haben, auf einer Stelle verzeichnet. Zu der Hauptübersicht gehört ein besonderes Jnhaltsverzeichniß, welchem eme Ge- sammtübersicht der Berathungsgegenstände beigefügt ist.

* Ueber den Jahresabschluß der preußischen Staats- eiseubahnverwaltung in dem Wirthschaftsjahr vom 1. April 1893 bis 31. März 1894 theilt im .Archiv für Eisenbahnwesen' Rechnungsrath Schremmer vom Ministerium der öffentlichen Arbeiten die authentischen Daten mit: „ ,

Die Gesarnmteinnahmen stellten fich danach auf 962 886 719 M., während sie in dem Boraufgegangenen Rech­nungsjahr nur 922,457,124 M. betragen haben. Die Aus­gaben betrugen 584,281,400 M. gegen 586,293,154 M. tm vorangegangenen Jahr. Mithin betrug der Brutto-Neber- schuß 1893/94 : 378,605,318 M., 1892/93: 336,163,970 M.; d7r Bruttoüberschuß von 1893/94 überstieg den Etatansatz um 40 325,826 M. Bon dem für 1893/94 erzielten Rohüberfchusse von 378,605,318 M. kommen auf Grund beS Eifenbahn- Garantiegesetzes zur Verzinsung berEiseubahn-KapitalSschulb 213 612 978 M. uttb zur Ausgleichung beS sonst durch Anleihen zu deckenden D e f i zi tS i m St a a t Sh a uS h a lte 2,200,000 M., Zusammen also 215,812,978 M. zur Verrechnung, so daß ein Reinüberschuß für 1893/94 von 162,792,339 M. verbleibt. Bon diesem Reinüberschuß find nach dem Eifenbahn-Garantte- qefetze zur Amortifation der Eifenbahnanlethen zu verwenden 5 420 267 M., zur außerordentlichen Tilgung von Staatsanleihen resp. zur Verrechnung auf bewilligte Anleihen 19,373,242 M., so daß 137,998 830 M. zur Deckung anderwerter et atS mäßiger Staatsausgaben des Rechnungsjahres 1893/94 disponibel blieben. DiefeS letztere Jahr hat den höchsten bisher er­zielten Reinüberschuß der preußischen Staatsegenbahn«

^Daun will^ch^hm, oder besser — seiner Gattin heute meine Aufwartung machen." — Wieder die alte Schwäche!" dachte er. „Soll im letzten Augenblicke durch einen fteundlichen Blick, durch ein liebes Wort von ihr unsere ganze Arbeit unnütz sein? Sie brauchte mich nur anzulächeln, und aus der Tragödie würde ein Lustspiel. Aber die Gnädige ist dumm und stolz, und wird mich abgekühlt heimschicken. Es ist komisch, welche Bundesgenossin sie uns unbewußt ist."

„Laß Dir Essen geben, Pedro", entließ ihn Pablo, der empfindlich berührt wurde, wenn jener über seme Liebe höhnte. ,

Pablo zog es unwiderstehlich zu Dolores. Haß und Liebe kämpften mit einander — und noch blieben ihm einige Tage bis zur Entscheidung. Er fragte nach Marcial, obschon er wußte, daß derselbe nicht zu Hause war, und ließ sich dann bei der Sennora melden. Dolores wollte sich entschuldigen, dann aber blitzte em Gedanke in ihr auf und sie ging, den Kleinen an der Hand, in das Empfangszimmer. Sie sah liebreizend aus. Erröthend bei seinen feurigen Blicken nahm ste den Knaben auf den Arm und sah fragend auf Pablo, ihn höflich grüßend.

„Wie dankbar bin ich Ihnen, daß Sie mich ein­mal ohne Abneigung empfangen. Könnte dies nicht

Deutsches Reich.

Berlin, 1. Dezember.

* Der Kaiser wird am 3. Dezember die neue Hochbrücke über den Nordostsee-Kanal bei Levensau eröffnen und sich darauf mittelst Dampfers nach Kiel begeben, woselbst Mittags im Exerzierhause der 1. Matrosen-Division in seiner Gegenwart die Vereidig­ung der im November eingetretenen Rekruten der 1. Werft-Division, 1. Matrosen-Artillerie-Abtheilung, 1. Torpedo-Abtheilung und des 1. Seebataillons, zusammen 860 Mann stattfindet. Die im Oktober eingestellten, bereits vereidigten Rekruten der vorgenannten Marine- theile, ca. 400 Mann, nehmen an der Feier theil. Am Dienstag besichtigt der Kaiser die Schiffe der ersten Division des Manövergeschwaders: Panzerschiffe „Kur­fürst Friedrich Wilhelm", auf dem sich der Kaiser einschifft, „Brandenburg", „Wörth" und „Weißenburg", sowie Aviso „Wacht." Am Abend kehrt der Kaiser nach Berlin zurück.

* Die erste Plenarsitzung des Reichstags findet nicht sofort nach der Eröffnung im Rittersaale des königlichen Schlosses, sondern erst Nachmittags 4 Uhr im alten Reichstagsgebäude statt. Präsident v. Levetzow wird hier die Abschiedsrede halten. In den Restau­rationsräumen des neuen Reichstagsgebäudes wird dann Abends 8 Uhr ein Bankett abgehalten, zu dem mancherlei Festgaben gespendet und bereits einge­troffen sind.

* In der Tabaksteuer-Borlage wird der ,Post' zu- deln den Muth nicht fänden. Ich rieth Ihnen, der kleinen Gnädigen die Füßchen zu küsfen, vielleicht nehme der Engel Sie dann in fein Herz, den Allerliebsten zu retten."

„Schweig, Mensch! Dein Mund kann nur Gift und Galle speien."

„Schönen Dank, gnädiger Herr! Sie haben am wenigsten Grund, über den unglücklichen Pedro den Stab zu brechen, denn Ihnen ist er treu ergeben mit Rath und That, und Sie sind der einzige Mensch, den er liebt."

„Da nimm, Kleiner!" Er reichte ihm ein Gold­stück. „Nun erzähle, was geschehen ist während meiner Abwesenheit. Ich hoffe, Du hast den Direktor keinen Moment aus den Augen gelassen."

„O, dazu gehört wenig Schlauheit! Er lebt und arbeitet systematisch fort. Man sollte es für unmöglich halten, daß sich bei diesem pedantischen Menschen ohne sein Wissen Fehler einschleichen können. Sein Kopf steckt voll neuer Projekte und selbst seine Frau hat Mühe, ihn von ihrer Existenz zu überzeugen. Doch, bei den mißlichen Geschäften ist er ernster und schweigsamer. ,

„Ah", unterbrach ihn Pablo, „er ahnt doch mchts?" „Nein", lächelte Pedro, „er ist einfältig wie ein neugeborenes Kind."