JV». 276 Sonntag, den 2. Dezember 1894. 21. Jahrgangs
HutdakrMZkitkiig
mit Unterhaitrrngs-KeUage „Sterne und Klnmen".
Erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnements«reis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Ps., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
IV* Zweites Blatt.
Freundschaft.
«►-♦on der Freunde trautem Kreise Sieht man gerne sich umringt, Wenn in sorgenfreier Stunde Zum Gesang die Saite klingt;
Aber wenn die Sorge lastet Zentnerschwer auf Herz und Geist, — Wenn die Schicksalsschläge kommen, Fühlt man erst, was Freundschaft heißt.
Wenn das Glück sich abseits wendet Und dein Fahrzeug liegt am Strand, Fühlst du, von der Welt verlassen, Erst den Druck der Freundeshand. Ried're Welt bejubelt heimlich Schadenfroh dein Mißgeschick, Doch aus Himmelshöhen leuchtet Dir der Freundschaft Sonnenblick.
Wahre Freundschaft trägt int Herzen Nur nur treu im Unglück ist Und aus edlem Herzensdrange Sich im Freunde selbst vergißt.
Wahre Freundschaft, du entsprießest
Nicht dem ird'ichen Jammerthal: Freundschaft, hohe Himmelsgabe, Sei gegrüßt viel tausend Mal!
Wenn dereinst ich auf der Erde Ausgekämpft den letzten Streit, Laß in Freundesarm mich sterben, Dann ist Sterben Seligkeit;
Und vor deinem hehren Throne, Wo die Geister neigen sich. Wollen wir mit deinen Schaaren Herr, dich preisen ewiglich!
Fulda. L. D.
Dolores.
Roman von Th. K. |
(20. Fortsetzung.)
11. Kapitel.
Die Laster stritten, wer von ihnen Am eifrigsten gewesen sei
Dem Bösen in der Weit zu dienen; Den Sieg erhielt — die Heuchelei.
Zu derselben Stunde saß in seinem eleganten Arbeitszimmer Don Juan. Der Tisch war bedeckt mit Briefen und Rechnungen. Verdrießlich griff er nach denselben, las einige, um sie heftig zum großen Haufen zu legen.
„Nichts als Schulden!" murmelte er. „Wer wird sie bezahlen? — Ich gewiß nicht! Das dumme Volk muß warten, dafür beehre ich es noch länger mit meiner Kundschaft. Wären nur die Ehrenschulden nicht, und hätte ich gestern nicht im Spiel das immense Pech gehabt."
Finster brütend saß er da. Wohl weilte sein Auge auf den Papieren, aber ohne weitere Notiz vom Inhalt zu nehmen. Die Spielschuld war es, die ihn marterte. Er hatte gehofft zu gewinnen, aber Fortuna hatte ihm nicht gelächelt. Wer Don Juan jetzt gesehen, hätte in ihm nicht den feinen, wohlkonser- virten Kavalier erkannt; er fah alt und verlebt aus, fein fchwarzes, glänzendes Haar war stark melirt, fast grau. Schon eine Stunde saß er da, ohne sich zu rühren. Dann und wann schien er einen Ausweg gefunden zu haben, die fchlaffen Züge belebten sich, um aber ebenso rasch wieder dem apathischen, dumpfen Ausdruck Platz zu machen. Vergebens suchte er unter der Zahl seiner Bekannten einen Freund, der ihm aus der Roth helfen konnte oder wollte; theils hatte er ihre Güte schon mißbraucht, theils waren dieselben mehr oder weniger nicht besser daran, als er selbst. Ein ironisches Lächeln zuckte um seinen Mund — dann schweiften seine Gedanken zu den Wucherern, die ihn, zwar mit hohen Zinsen, schon oft aus ähnlichen Verlegenheiten gerettet hatten; aber auch sie weigerten sich in der unverschämtesten Weise. Ein Fluch entschlüpfte seinen dünnen Lippen. Die Gesellschaft hatte ihm schon einen höheren Kredit bewilligt in Anbetracht der exakten Erzlieferungen und der reichen Gruben, von denen seines Lobes kein Ende war; einen neuen Vorschuß konnte er nicht vor der Bilanz erwarten. Jetzt erst fiel ihm ein, daß er die letzten Briefe von Don Marcial nicht gelesen hatte. Er hatte fie für günstige Berichte gehalten, im übrigen langweilten fie ihn; er begnügte sich mit Pablo's Berichten, sie
stimmten besser zu seinen Wünschen und widersprachen den Nachrichten Marcial's. Er griff nun hastig nach den Briefen. Nach den ersten Zeilen die er las, ballten sich seine Hände: „Das fehlte noch! Philon bedeutend kleiner, täglich weniger Erz, so daß das Kabel brach liegt; — zwei Paar Ochsen krank, die verkauft werden müssen! Herrliche Nachrichten, Herr Ingenieur, gerade in dieser Krisis! Die Konsequenzen bezahlst Du allein!" Er sprang auf und drückte sämmtliche Papiere in den Schreibtisch. „Pablo wird und muß mir helfen aus dieser Klemme, ich überlasse ihm für diesen Preis Don Marcial. Ha ha ha!" lachte er, „welche Romantik rettet mich alten Sünder aus dieser prosaischen Affaire!"
Der Bediente klopfte und brachte auf silbernem Teller eine Visitenkarte.
„Man soll den Teufel nicht an die Wand malen, sonst ist er da," dachte Don Juan, sich vergnügt die Hände reibend. „Der Herr ist mir willkommen. Führe ihn in den Salon." Don Juan wußte die Freude über den Besuch Pablo's zu verbergen.
„Eine Viertelstunde später würden Sie mich nicht mehr getroffen haben," sagte höflich Don Juan. „Sie müssen mir Wichtiges zu sagen haben, denn der Zug ist erst eben angekommen," fragte er lauernd.
„Durchaus nicht, Sennor," antwortete Pablo, das- felbe Spiel spielend. „Ich kenne so ziemlich Ihre Zeit- eintheiluug. Bestimmen Sie für morgen eine Stunde, in der wir abrechnen und uns dann gemüthlich unterhalten können."
„Ter Schuft hat Wind bekommen, hat sich schon erkundigt, weiß, wie es um mich steht," dachte Don Juan. „Besser, sofort Alles geordnet."
„Warum wollen wir etwas bis morgen verschieben, wozu wir den heutigen Abend benutzen können," war die liebenswürdige Antwort. „Lassen Sie mich den Wirth machen und nach der nöthigen Stärkung gehen wir zu den Geschäften über."
Don Juan fchellte und befahl dem Diener in leifem Tone, für einen guten Imbiß zu folgen, mit Champagner und den stärksten Weinen.
„Es ist servirt," meldete bald der Diener. Don Juan führte feinen Gast an die reichbesetzte Tafel. Pablo war anfangs noch zurückhaltend und einsilbig, bis der feurige Wein seine Zunge löste und ihn all' seine Vorsicht vergessen ließ. Don Juan füllte sogleich das leere Glas — er selbst aber war gegen seine Gewohnheit sehr mäßig.
„Herrlicher Tropfen, Don Juan! Der erwärmt und' animitt, ohne den Kopf zu verwirren," meinte Pablo. „Ich werde Ihnen jetzt den Zweck ineiner Reise besser auseinandersetzen können. Lassen Sie uns anstoßen auf das Gelingen unserer Geschäfte!" — Wieder trank er fein Glas leer. „Sehen Sie, Don Juan, heute sind Sie nicht fo kühl, deshalb kann ich auch frei von der Leber fprechen."
Thun Sie das, junger Freund," erwiderte Don Juan inlfaft väterlichem Tone. „Sie wissen, ich werde Ihren Wünschen gern Rechnung tragen. Sprechen Sie! "
Pablo sprach und trank, und je mehr er trank, je mehr sprach er und je durstiger wurde er. Der jahrelang gehegte Haß und Ingrimm, die Lust, sich zu rächen für das Verfchmähtsein und die Verachtung, die er schweigend ertragen, sprudelte jetzt von seinen Lippen. Seine Augen hrannten unheimlich und tiefer Haß prägte sich dem Gesichte auf.
„In dieser Woche ist derartig wemg Erz befördert, daß die Lieferung bis zum ersten Oktober nicht stattfinden kann, um so weniger, als ich nach unserer letzten Verabredung stets den zehnten Karren in mein Magazin habe bringen lassen. Sie wissen, Ihnen fehlte Geld, Ihr Wechsel blieb aus, um die Arbeitslöhne und Ausgaben zu bestreiten. Sie betrachteten diesen Vorschlag damals wie eine Laune, da der Werth in keinem Verhältnisse mit der Summe stand, die ich Ihnen vorgeschossen habe. Das Erz sehlt nun, dem Ingenieur, der keine Ahnung hat, wie künstlich sein Magazin geleert ist und wie viele Nächte ich dort mit meinem Krüppel und meinen Leuten gearbeitet habe. Sie sind auf folche Weise gezwungen, den Ingenieur zu entlassen, denn er hat sein Amt nicht gut verwaltet, Ihrem Vertrauen nicht entsprochen. Sie werden mich an seine Stelle plaziren." f „
Mit feinem Worte wurde Pablo unterbrochen.
Das ist Alles ganz gut, aber Sie vergessen das Interesse, welches ich selbst für die Ablieferung habe
— oder für den günstigen Verkauf der Gruben. Ich bin an denselben betheiligt, erhalte auch keine Fonds mehr zum weiteren Betriebe," entgegnete Juan abweisend.
„Entlassen Sie ihn," drängte Pablo, „und mein Magazin steht Ihnen dann zur Verfügung. Wir können liefern, er nicht. Er muß den Druck mit sich nehmen, durch feine Vertrauensseligkeit auf die Beamten seinen Ruin herbeigeführt zu haben. Er wird an seiner eigenen Tüchtigkeit zweifeln, weil die Gruben sich werth- loser zeigen, als er geglaubt. Ein Charakter, wie Marcial, erträgt schwer einen solchen Schlag und die Umstände könnten nicht günstiger für uns sich vereinigen."
Don Juan hatte sich in den Schatten zurückgezogen und schien ganz in Gedanken zu sein — nicht, als ob er nicht längst entschlossen gewesen wäre, auf den Vorschlag einzugehen, sondern nur um Zeit zu gewinnen, dieses Geständniß in größtem Maße für sich auszubeuten.
„Ich beanspruche kein Gehalt," fuhr Pablo fort, „Sie können dasselbe für sich benutzen. Mein Reich- thum und mein Erbe ist kolossal," prahlte er, eine gefüllte Börse auf den Tisch werfend. „Ich kann mir Alles erlauben, mir Freunde kaufen — aber ich will die Menschen in den Staub treten, die mich unglücklich gemacht haben. Dolores hat meine Liebe verachtet, jetzt soll sie elend, ihr Stolz gebrochen werden!" knirschte er.
„Keine elegischen Stimmungen," versetzte DonJuau, der mit habsüchtigen Augen die Börse betrachtete.
„Ich werde mit der Zeit Ihr Mentor; nachdem Sie Ihre Rache gekühlt, werde ich Sie in andere Ge- stde führen, wo Sie bald unter Strahlenblicken und Shreneiigesängen das simple Landmädchen und prak- tifche Hausmüttercheu vergesfen werden. Sie werden den Jugendtraum belächeln — allerdings solche Vergnügungen kosten Geld, aber das fehlt Ihnen ja nicht," cherzte er frivol. „Ich werde Sie dem Leben und der Jugend wiedergeben, wenn Sie versprechen, mir folgsam zu sein, als mein Beamter sowohl, wie als mein Schüler."
„Alles verspreche ich — aber erst: ihn niederschmettern! dann — der Genuß!"
„Lassen wir nun die Geschäfte ruhen," erhob sich Don" Juan. „Begleiten Sie mich zum Spieltisch? Ich habe den ganzen Tag zu Hause gearbeitet!"
Pablo starrte ihn mit gläsernen Augen an; er war kaum fähig, sich zu erheben, was Don Juan lange mit Sehnsucht erwartet hatte. Er brachte ihn deshalb zu Bett, um den schweren Rausch zu verschlafen. Don Juan griff nun nach der vergesfenen Börse und eilte mit frohem Herzen seine Schuld zu bezahlen, sein Glück von Neuem zu prüfen; es blieb ihm die ganze Nacht hold.
Verwirrt erwachte fpät am Morgen Pablo mit schwerem Kopfe. Befremdet blickte er im Zimmer umher; durch die fchweren Gardinen drang kaum ein Sonnenstrahl. Allmählich entsann er sich des gestrigen Abends und wurde sich seiner Situation bewußt. Geld regiert die Welt!" dachte er triumphlrend; "noch einige Tage und ich bin gerächt. Das heiße Blut kann sick> abkühlen, aber so lange brauche ich die herablassende Freundlichkeit von Don Juan; später liegt mir nichts an ihm, nichts an einer gütigen Bevormundung. Er spekulirt auf mein Geld, ich auf seine Roth. Meine Börse hat ihn jedenfalls begleitet." Pablo erhob sich müde. (Fortf. folgt.)
Vermischtes.
* Aus der Gewalt der Mahdisteu. Pater Rossignoli, dem die Flucht von Omdurman jüngst gelungen ist, leidet an entsetzlicher Mattigkeit, der Folge der Strapazen welche er auf der Reise nach Assuan zu erleiden hatte Der Araber, welcher ihm als Führer diente, hat ihm vortrefflich beigestanden Ohne ihn wäre die Flucht kaum geglückt. Dieser Araber wurde vor einigen Monaten von der eghptischen Regierung mit cmem Schreiben des früheren apostolischen Vikars für Mittelafrika, Mfqr. Sogaro, an Pater Rossignoli abgesandt. Dem Pater wurde angerathen, sofort nach Empfang des Briefes sich auf btt Flucht zu machen, der Araber würde ihm behilflich fem. Pater Rossignoli schützte Krankheit vor und erhielt die Erlaubmß, zum Zweck der Lustvcränderung sich nach Chartum zu begeben. Von da gelang es ihm, nach Berber zu entweichen. In Berber wäre er beinahe angebalten worden. Der Araber bewies sich aufopferungsvoll. ' Er selbst wurde in das Gesängmß gewonen, weil man den Verdacht gegen ihn hegte, daß er einen Christen bei sich habe. Erst nachdem er seinen Wärter bestochen hatte, erlangte er die Freiheit. Dann floh er mit dem so lange ver- borgenen Pater nach Assuan. Hier kamen beide nach einem be- schwerlichen Marsche durch die^Wüste an.