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Freitag, den 30. November 1894. 21. Jahrgang

iildokrSZtituiil,

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Deutsches Reich.

Berlin, 28. November.

* Für die Schlnßsteinlegung und Einweihung des neuen Reichstagsgebäudes ist das Programm bereits aufgestellt. Außer dem Kaiser wohnt die Kaiserin und die kaiserlichen Prinzen, sowie andere Fürstlichkeiten der Feier bei. Nachdem die hohen Herrschaften durch ein Posaunenkorps begrüßt worden, werden Staats­sekretär v. Bötticher, als Vertreter des Bundesraths, und Reichstagspräsident v. Levetzow Ansprachen halten. Bei der sich anschließenden Schlußsteinlegung wird der Kaiser die ersten Hammerschläge thun. Nach Beendi­gung der Feier werden der Kaiser und die übrigen hohen Herrschaften unter Führung des Bauralhs Wallots und des Reichstagspräsidenten die inneren Räume besichtigen.

* Für die neuen Reichssteueru beginnt die ,Nordd. Allg. Zig/ Stimmung zu machen. Sie führt aus, daß der neue Etat mit „äußerster Sparsamkeit" auf­gestellt sei, nichtsdestoweniger aber die Matrikular- beiträge die Ueberweisungen um 30 bis 40 Millionen übersteigen würden. Das sei der beste Beweis für die Nothwendigkeit neuer Einnahmen. Daß der neue Etat um 6 Millionen niedriger veranschlagt ist als der lanfende, obwohl dieser bereits 30 Millionen Ein­nahmen mehr, als der vorige und 15'/s Millionen mehr, als der Voranschlag, aufweist, vergißt die ,Nordd. Allg. Ztg/ wohlweislich. Was sie dann weiter über die Unmöglichkeit einer Erhöhung der direkten Steuern und zur Empfehlung der Tabaksteuer sagt, haben wir schon im vorigen Jahre hundert Mal gehört, ohne daß es auf die Mehrheit des Reichstags den ge­wünschten Eindruck gemacht hätte. Es wird auch wohl jetzt keinen Eindruck machen.

* Von den neuen Ministern hat bis jetzt nur Frhr. von Hammerstein-Loxten, der Minister für Land- wirthschaft, öffentlich das Wort ergriffen. Er sprach in einer Versammlung von Kanal-Vereinen sich ent­schieden für die Entwickelung unseres Kanalwesens aus, und zwar mit einem Seitenhieb auf die Konser­vativen, welche bekanntlich aus Aerger über die Handels­verträge die letzte Kanalvorlage abgelehnt haben. Von einer Scheidewand zwischen Industrie und Landwirth- schaft will Frhr. v. Hammerstein nichts wissen. Zu­gleich erschien ein anscheinend offiziöser Artikel, der

Dolores.

Roman von Th. K.

(18. Fortsetzung.)

„Wird der Besuch noch lange bleiben?" fragte Mariano. „Ich werde mich einige Tage lang nicht zeigen dürfen."

„Es ist Deine Schwester mit Mann und Kind. Nun erst wird ihr nichts mehr zu wünschen bleiben; sie hat so viel für Dich gebangt." Der junge Mann hörte nicht mehr, er stürmte in das Wohnzimmer.

„Dolores, mein liebes, kleines Mädchen!" rief er, doch fast erschrocken stand er vor der eleganten Frau, nicht wagend, sie an sein Herz zu ziehen. Weinend und lachend umschlang Dolores seinen Hals.

„Du willst mich nicht anerkennen, weil ich ge­wachsen bin", und sie herzte und küßte ihn. „Hier mein Mann, gebt Euch den Bruderkuß!" drängte sie die Beiden zusammen, — „und hier mein Junge! Sieh' Dir den Onkel an, kleiner Kerl!" sie hob ihn dabei hoch an den Mund Mariano's.

„Das ist des Glückes zu viel", sagte Mariano, den kleinen Liebling küssend.

„Wann wirst Du nun zu uns kommen?" fragte Dolores.

„In einigen Tagen; so bald die Erlaubniß kommt, und wir armen Leute wieder gnädig geduldet werden.

den neuerdings wieder vorgeschobenen Antrag Kani tz entschieden abwies. Das hat die Großagrarier rechts von der Elbe sehr verschnupft. Die ,Kreuzztg? be­merkt sogar, Frhr. v. Hammerstein hätte gar nicht Minister zu werden brauchen, wenn er nicht mit den Konservativen und dem Bund der Landwirthe gehen wolle. In der That hat es bis jetzt den Anschein, daß Frhr. v. Hammerstein mit dem Cent rum mehr Berührungspunkte hat, als mit den ostelbischen Konser­vativen, die zu einseitig und zu rücksichtslos die In­teressen der östlichen Großgrundbesitzer im Auge haben. Das unabhängige und entschlossene Auftreten Hammer­steins bestärkt uns in der Hoffnung, daß er zum Besten der ganzen Landwirthschaft das Mögliche er­reichen werde.

* Die Sache von Kotze hat endlich nach so langer Zeit ein neues, von der Familie von Kotze erstrebtes Ergebniß gefunden. Die förmliche Untersuchung ist nach den Vorschriften der Militärstrafprozeßordnung eingeleitet worden und damit ist der Schluß gerecht­fertigt, daß ein Richterspruch diese Angelegenheit nun­mehr völlig klären wird.

* Der Zwiespalt der Sozialdemokratie zeigt sich neuerdings auch in Württemberg. In Heilbronn ist es sogar schon zu einem vollständigen Bruche zwischen den alten Führern mit ihrem Anhänge und einer großen Anzahl jüngerer Genossen, die sich der „Paschawirthschaft" der alten Führer nicht mehr unter­werfen wollen, gekommen. Als der älteste und seither einflußreichste sozialdemokratische Führer in Heilbronn, Rittler, in einer sozialdemokratischen Versammlung am letzten Samstag das Wort ergreifen wollte, kam es zu tumultuarischen Auftritten zwischen den beiden Lagern. Der Tumult wurde so groß, daß wenig zu einer regelrechten Prügelei fehlte; „Schuft", „Lumpen", „Schergen", Pascha", „grüne Jungen" und ähnliche Koseworte schwirrten hin und her. Die „Brüderlich­keit" und „Freiheit" im sozialistischen Zukunftsstaate wird durch die Art, wie die „Genossen" sich gegen­seitig anpreisen, auf das Trefflichste dokumentirt. In­zwischen hat die begreifliche Verlegenheit, in welche die Befürworter der Gefetzgebung gegen den sogen. Umsturz durch den Streit im sozialdemokratischen Lager gerathen sind, einen besonders findigen Kopf unter ihnen auf die verblüffend geniale Idee gebracht, daß dieser ganze Streit eine raffinirte Komödie sei, ausgetüpfelt von Bebel, Vollmar und Grillen­berger, um in den schwachen Köpfen der „Bourgeois" die Meinung hervorzurufen, die Sozialdemokratie, die in Wirklichkeit einig sei wie nur je, sei innerlich ge­spalten, gehe dem Zerfall entgegen und könne allen­falls noch gerettet werden durch den neuen Kitt einer Verschärfung der Gesetzgebung.

* Durch ein Telegramm des Kaisers ist dem Für­sten Hohenlohe-Langenburg, wie die,Berl. N.N.' mittheilen, seine Ernennung zum Statthalter vonElsaß- Lothringen mitgetheilt und zugleich der Wunsch aus-

gesprochen worden, ihn bald in Berlin zu sehen. Da­gegen wird eine andere von der,Allgem. Ztg? gegebene Lesart, wonach darin auch die Ernennung des „Onkels" (Oheims der Kaiserin) zum Reichskanzler angegeben war und der Schluß gelautet haben sollte, „Ableh­nen gibt's nicht", für unrichtig erklärt.

* Dem Fürsten Bismarck soll zu dessen 80. Ge­burtstage auf dem Bismarckplatze zu Dresden ein Denkmal errichtet werden. Ein Komitee, an defsen Spitze der Oberbürgermeister und frühere Reichstags- Abgeordnete Dr. Stübel steht, erläßt einen Aufruf zu Beitragsspenden.

* Münster, 26. Nov. Am 21. d. M. starb in ländlicher Zurückgezogenheit in den Baumbergen Dr. phil. Ludger Suing, eines der ältesten Mitglieder der kath. Journalistik. Suing war geboren 1832 zu Beckum und war von 1865 bis 1888 Redakteur des ,Wests. Merkur'. Im Kulturkämpfe erlitt er lang­wierige Gefängnißstrafen, welche seine Gesundheit stark beeinträchtigten und ihn früh altern ließen.

* München, 27. Nov. Am Freitag den 7. Dez. findet dahier eine Versammlung jener katholischen Ver­einsvorstände statt, welche die Abhaltung des deutschen Katholikentags in München bei Graf Preysing angeregt haben.

Ausland.

* Der ungarische Radauprediger, Franz K o s s u t h, eines berühmten Vaters unbedeutender Sohn, hat, nachdem er deutlich genug gesagt hatte, eigentlich müßte er heute König von Ungarn sein, am Montag ganz gemächlich den Treueeid für den herrschenden König geleistet. Damit ist der Radau wohl vorläufig beendigt. Der Mann hat seine Schul­digkeit gethan, er kann nun gehen. Das liberal- jüdisch-calvinische Ministerium Wekerle kann seiner Dienste entrathen. Es hatte den Sohn des unver­söhnlichen Revolutionärs auf die Reise geschickt, da­mit er Unruhe im Lande erzeuge, und damit der Kaiser-König einen rechten Begriff von der Macht und Herrlichkeit des liberalen Ministeriums bekäme. Der Streich ist denn auch gelungen. Der König von Ungarn, der Träger der Krone des hl. Stephan, hat den Herrn Wekerle in Wien empfangen, und der mit den ungarischen Rothschilds verschwägerte Herr Wekerle ist nach Pest zurückgekehrt mit der Versicherung, dre Sanction der von der Kirche und von dem un­garischen Bischöfe verurtheilten „Kirchengesetze" werde alsbald erfolgen. Unablässig ist in diesen entscher- dungsreichen Tagen die Bitte zum Himmel gesandt worden, das marianische Königreich davor zu bewahren. Erfolgt die Unterzeichnung dennoch, wird die öffent­liche ausdrückliche Billigung dieser kirchenfeindlichen Gesetze eine Thatsache, dann mag man nur getrost dre Krone, welche einst des heiligen Stephan erhabenes Haupt zierte, aus dem Kronschatze in Pest hervorholen und in den Freimaurertempel tragen.

Bis dahin wäre mein freies Umhergehen Leichtsinn, und könnte es uns, falls wir Feinde hätten, Unan­nehmlichkeiten bereiten."

„Wer wollte uns einen so niedrigen Streich spielen?" meinte Don Fernando.

„Pablo!" sprach Dolores. Sie hatte unbewußt den Namen geflüstert; nur ihr Mann hatte ihn vernom­men, und ihn kränkte es, den Freund so geschmäht zu hören von seiner Frau. Unwillkürlich erbleichte sie bei dem ganz zornigen Blicke Marcials, der nur aus Rücksicht für die Eltern und den Bruder die bittere Zurechtweisung nicht aussprach. Dolores beschäftigte sich mit ihrem Kinde, und so merkte Niemand das lautlose, kleine Intermezzo zwischen den Gatten.

„Wir müssen aufbrechen", mahnte Marcial fpäter. „Die Nachtfahrt möchte für den Kleinen nicht gut fein. Ich werde den Wagen bestellen."

10. Kapitel.

Welch' ein Reichthum von Wahrheit liegt in der Sympathie und Antipathie des Herzens, von denen der blinde Verstand kein Wort weiß, ja, von denen er sich kein Wort erklären kann, wenn sie auch schon unleugbar vor ihm liegen.

Herder.

Der Generaldirektor hatte noch in der letzten Stunde seinen Besuch wegen Familienverhältnissen absagen müssen. Statt dessen brachte der Oberingenieur, als zweiter Chef, feine Frau und Tochter mit. Sowohl

Marcial wie auch seine Frau waren enttäuscht. Mar­cial hatte sich förmlich darnach gesehnt, mit dem Direktor, der ein durchaus gediegener Mann, die Zu­kunftspläne zu studiren. Er wollte ihn besonders da­rauf aufmerksam machen, wie ein noch größeres Kapital durchaus keinen V ortheil bringen könne, trotzdem Don Juan stets das Gegentheil behauptete. Dolores fürchtete die fremden Damen; sie fürchtete ihnen zu wenig Amüse­ment bieten zu können.

Die gefürchtete Stunde schlug. Noch einen letzten prüfenden Blick, der zufrieden über feine Frau glitt, wie er vorhin den geschmückten Salon gemustert, und sie eilten an die Thüre, die Gäste zu empfangen. Es war ein herzliches Willkommen, und die Entschuldigung der Damen, als unberufene Gäste einzudringen, wurden auf liebenswürdige Manier von Dolores widerlegt. Die Frau des Oberingenieurs war eine angenehme Dame, die personifizirte Weiblichkeit. Trotz ihres Alters war der Ausdruck ihres Gesichtes ein kindlicher ge­blieben, voll Herzensgüte und Frohsinn. Zu ihr fühlte sich die junge Frau gleich hingezogen. Dolores mußte lächeln, wenn sie an ihre ausgestandene Angst dachte. Die Tochter war ein geistreiches, gewandtes Mädchen; auch sie schloß Freundschaft mit Dolores. Das ganze Städtchen nahm bald Antheil an diesem Besuche. Es wurden gemeinschastliche Bergparthien gemacht in die umliegenden Dörfer, wo Tanz und Spiele arrangirt