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jfo 273 ' Donnerstag, den 29. November 1894. 21. Jahrgang

FuldaerWZkitiuu;

mit Unterhaltrrngs-Kettage „Sterne und Klumen".

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und BeMgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

Berlin, 27. November.

* Noch ist die Umsturzvorlage nicht veröffentlicht. Das hindert aber nicht, daß bereits die Aussichten derselben im Reichstag eifrig erörtert werden. Man kommt dabei auf allen Seiten zu dem Schluffe, daß die Entscheidung in den Händen des Centrums ruht. Eine ziffermäßige Berechnung stellt sich wie folgt dar: Für die Vorlage werden voraussichtlich die alten Kartellparteien stimmen, und zwar 63 Deutsch­konservative, 26 Vertreter der Reichspartei und 53 Nationalliberale, dazu zählen noch 8 Abgeordnete die keiner Fraktion angehören; das ergibt zusammen 150 Abgeordnete. Gegen die Vorlage dürften stimmen die drei freisinnigen Parteien mit 47 Stimmen, die Sozial­demokraten mit 46 Stimmen, 8 elsaß-lothringische Ab­geordnete, 16 Antisemiten und 10 Wilde; das sind 127 Abgeordnete. Welche Haltung die 19 Polen ein­nehmen werden, kann dahingestellt bleiben, da sie weder nach rechts noch nach links den Ausschlag geben würden. Es kommt deshalb in letzter Linie darauf an, wie sich das Centrum, das 100 Mann stark ist,' zu der Vorlage stellen wird. Daraus erklären sich dann auch die Versuche, welche aus der tonser- vativen Partei heraus gemacht werden, um das Centrum an sich zu ziehen und die, wenn sie eine Sicherheit für die endliche Beachtung katholischer Reklamationen bieten, selbstverständlich nicht so ohne weiters von der Hand gewiesen werden dürften. Man muß zunächst das Gesetz und die Begründung ab­warten. Sollte es sich zeigen, daß die Regierung ge­willt ist, das katholische Programm auf den Gebieten von Kirche und Schule anzunehmen, so würde manches Bedenken schwinden müssen, welches jetzt gegen „nichts als Polizeigesetze" erhoben wird. Auch ist zu beachten, daß die Regierung eine Ablehnung des Gesetzes wahrscheinlich mit der Auf­lösung des Reichstages beantworten würde. Eine solche Maßregel wäre, wegen der damit ver­bundenen Unruhe, der Störung in Handel und Wandel, nicht zu wünschen. Aber sie würde doch das eine Gute haben, daß die Regierung, angesichts der Wahlen, sich für ein klares politisches Programm entscheiden müßte.

* Der Kaiser hat die wegen Duells zu Festungs- strafc verurtheilten Herren v. Kidderlen-Wächter und Redakteur Polstorff (vom Kladderadatsch) begnadigt.

* Die Fürstin Bismarck ist heute früh in Varzin gestorben. Johanna von Bismarck wurde am 11. April 1824 als Tochter des Herrn Heinrich v. Putt­kammer zu Viartlum in Hinterpommern geboren. Am 28. Juli 1847 vermählte sie sich mit Herrn v. Bismarck- Schönhaufen zu Alt-Colziglow; der Ehe sind drei Kinder entsprossen: Marie, die Gemahlin des Grafen Cuno v. Rantzau und die Grafen Herbert und Wilhelm Bismarck. Graf Herbert Bismarck war bereits in der Nacht in Varzin eingetroffen und weilte mit seinem

Dolores.

Roman von Th. K.

(17. Fortsetzung.)

„Ich werde eine genaue Revision anstellen. Diesen schweren Tadel will ich nicht umsonst ertragen. Licht soll es werden, Gonsalo — und doch, Ihre Anklage ist jnir räthselhaft, da ich jede, auch die kleinste Rech­nung mir vorlegen lasse und nachsehe: sie stimmt genau mit den Büchern. — Roch einmal, Gonsalo, ich danke Ihnen von Grund meines Herzens und werde den großen Dienst, den Sie mir heute geleistet, niemals vergessen, falls Sie Recht haben." Marcial entfernte sich.

Gonsalo hatte nur zu sehr Recht mit seiner Aus­sage. Die ganze Transport - Geschichte leitete hinter dem Rücken Marcial's Pablo. Er hatte die sämmt- lichen Fuhrleute und Beamten erkauft. Es gab zwei Buchführungen, die eine führte er, die zweite wurde Marcial vorgelegt. Es war ein ganzes Labyrinth von kleinen und großen Betrügereien und da Marcial mit der Direktion der Gruben, deren viele weit von ein­ander entfernt lagen, zeitraubende Mühe hatte, konnte er alles Einzelne nicht prüfen. So oft er auch kam, um sich zu überzeugen, es schien ihm stets Alles vor­züglich organisirt zu fein, er fand niemals Grund zur Klage. Ob aber die Ochsen das täglich gebuchte Korn,

Vater in der Sterbestunde der Fürstin bei dieser. Graf Wilhelm Bismarck, Graf und Gräfin Rantzau sowie die übrigen Verwandten trafen im Laufe des heutigen Tages in Varzin ein.

* Verschiedene Blätter bringen die Meldung, daß im Kriegsministerium eine neue Abtheilung gebildet werden solle, indem das Kriegsdepartement in zwei Departements mit je einem Direktor an der Spitze getheilt würde; daß ferner seitens der Militärver­waltung beabsichtigt fei, die Sätze für die Garnison­verpflegung der Truppen zu erhöhen. Diese Meldungen entbehren, wie der ,Nat. Ztg.' zuverlässig mitgetheilt wird, der Begründung. Weder erhält das Kriegs­ministerium ein neues Departement, noch ist an eine Theilung des Kriegsdepartements gedacht. Was die Truppenverpflegung anbetrifft, so enthält der nächst­jährige Etat lediglich die Summe, welche dem Durch­schnitte der Aufwendungen für die Naturalverpflegung in den letzten drei Jahren entspricht.

* Vor wenigen Tagen, erst hat der bekannte Par­lamentarier Herr v. Koscielski die Nachricht dementirt, daß ihm eine Audienz beim Kaiser verweigert worden sei. Die Arrangeure der Agitation gegen den Um­sturz, die sich der Mitwirkung des Altreichskanzlers in Varzin zu erfreuen hatten, werden nun nicht ohne Enttäuschung eine aus zuverlässiger Quelle stammende Mittheilung der hiesigen ,Volkszeitung' lesen, wonach Herr v. Koscielski durchaus nicht in Ungnade gefallen, fondern erst vor kurzem vom Kaiser zur Jagd ein­geladen worden ist und auch neuerdings andere un­zweideutige Beweise besonderen kaiserlichen Wohlwollens erhalten hat. Tas wird den Polen­fressern eine sehr unbequeme Nachricht sein, da sie geglaubt hatten, der „allerneueste Kurs" würde sich mit einer Polenhetze einführen.

* Die griechische Regierung hat beschlossen, die deutsche Regierung zu ersuchen, ihr einen Architekten nachzuweifen und nach Griechenland zu senden, welcher das Parthenon untersuchen und sein Urtheil über den Zustand und die Maßregeln zur Restaurirung dieses herrlichen Bauwerkes, welches bekanntlich der Gefahr des Einsturzes ausgesetzt erscheint, abgeben soll.

* Köln, 26. Nov. Der hochw. Herr Generalvikar, Domdechant Msgr. Dr. Kl ein Heidt ist gestern an den Folgen der Lungenentzündung gestorben. Der Verstorbene wurde geboren am 26. April 1830 in Heising und am 11. November 1852 zum Priester geweiht. Als langjähriger Vorsteher des hiesigen Priesterseminars hat er sich um die Ausbildung des Klerus unsterbliche Verdienste erworben. Erz­bischof Dr. Paulus Melchers ernannte den Verstorbe­nen am 25. Okt. 1866 zum Domkapitular. Während des Kulturkampfes und insbesondere nach der „Ab­setzung" und Verbannung des hochw. Erzbischofs Pau­lus Melchers erwarb sich Domkapitular Dr. Kleinheidt sehr hohe Verdienste um die Verwaltung der Erz­diözese. Als im Jahre 1886 der damalige General­vikar Herr Weihbischof Dr. Baudri mit Rücksicht auf welches zu hohen Preisen gekauft war, auch fraßen, darüber kam kein Zweifel bei ihm auf. Ob bei seiner Abwesenheit stets der Karren so viel Mineral trans- portirte, wie der Wäger cs ihm schwarz auf weiß brachte und er es dann in feine Bücher verzeichnete, daran zu zweifeln lag nicht in seiner Natur. Er war ein durch und durch rechtschaffener Mann und so taxirte er seine Untergebenen. Wie konnte er ahnen, daß der Bettler Pedro, dem er stets ein Almosen auf dem Wege gab, so oft er ihm auch begegnete, sein Vorbote, fein Spion war, deffen heiseres Gekrächze das warnende Signal für die Beamten war. Wie eine Spinne hatte Pablo das Netz mit seinen Fäden immer dichter ge­webt, mit einer Selbstbeherrschung und Ausdauer, die einer besseren Sache würdig gewesen wäre, als nur dem Siege der Rache und Falschheit zu dienen.

Pablo hatte sich unterdessen seinen Gedanken über­lassen. Die Befriedigung spielte noch um seine Lippen, mit der er sich den grausamen, niederschmetternden Schlag vorzauberte, der den stolzen Marcial von der geträumten Höhe stürzen, ihn niederschmettern und brechen werde. Endlich mußte auch für ihn ein Glücks­tag kommen, der Lohn für Heuchelei, Verachtung und jahrelange Arbeit!

Marcial war fchweigsam und achtete nicht auf ihn. Er verlangte, allein nach Hause zu kommen; er sehnte

sein hohes Alter sein Amt niederlegte, berief Erzbischof Dr. Krementz den Verstorbenen in dieses schwierige und verantwortungsvolle Amt, für welches sich der­selbe durch sein außerordentliches Wissen ganz beson­ders eignete. Im März vergangenen Jahres erhob ihn der hl. Vater zur Würde eines Prälaten. Nach dem Tode des hochw. Herrn Weihbischofs Dr. Baudri ernannte ihn Se. Eminenz der hochw. Herr Kardinal- Erzbischof zum Domdechanten. Die Beerdigung des hohen Verstorbenen wird am Mittwoch Morgen aus dem Dome stattfinden.

* Solingen, 24. Nov. Vor kurzem wurde von hier gemeldet, daß bei der Berathung der neuen Ge­meindesteuern der hiesige Bürgermeister im Stadtver­ordnetenkollegium erklärt habe, für Prozefsionen sei als öffentliche Aufzüge die entsprechende Steuer zu zahlen. Die Katholiken unserer Stadt beabsichtigten gegen diese sonderbare Auslegung der Lustbarkeits­steuer Beschwerde bei der königl. Regierung zu erheben. Dies ist indessen nicht nöthig geworden, da in der letzten Sitzung der Stadtverordneten der Bürgermeister seine damalige Aeußerung widerrief; Prozessionen seien allerdings öffentliche Aufzüge, aber selbstver­ständlich nicht zu den „Lustbarkeiten" im Sinne des Gesetzes zu rechnen, mithin auch nicht steuerpflichtig. Ebenso wenig könne von Begräbnissen eine „Lustbar- keits"-Abgabe erhoben werden. Mit dieser offiziellen Erklärung hat sich denn nun die heikle Angelegenheit zur allgemeinen Befriedigung in Wohlgefallen aufgelöst.

Ausland.

* In Oesterreich ist die Angst vor den Umsturz­männern auch sehr groß. Die Wahlrechtsreform will nicht vom Fleck, denn keine Partei will einerseits den Sozialdemokraten die Möglichkeit bieten, in acbtung- gebletender Stärke in den Reichsrath emzuziehen, andererseits bemüht sich aber auch jede Partei ängst­lich, nur ja keine Bestimmung zuzulasien, durch die eine der anderen „bürgerlichen" Parteien Nutzen haben könnte. Die Berathungen der Regierung mit den „koalirten" Parteien haben deshalb zu keinem Ergebniß geführt, und die Regierung will nun ihrerfeits einen Reformplan entwerfen und dann verfuchen, die „Koa­lition" dafür zu gewinnen. Andernfalls gedenkt das Ministerium, wie es heißt, abzudanken. Kaiser Franz Josef soll über die Verzögerung der Wahlrechtsreform sehr ungehalten sein; mit Recht, denn man kann sich denken, welchen Eindruck die Verschleppung bei den seither vom Wahlrecht ausgeschlossenen besitzlosen Klassen machen muß.

* Wien, 26. Nov. Die politische Situation m Ungarn gilt andauernd für sehr ernst. Wekerle, welcher gestern zweimal vom Kaiser empfangen wurde, hat heute wieder Audienz. Man hält dafür, daß eine Krise un­vermeidlich sei und bezeichnet in informirten Kreisen den ehemaligen Minister Koloman Szell als den Mann, welcher mit der Bildung des Kabinets betraut werden dürfte.

sich nach Dolores. Pablo wurde aufmerksam auf fein Schweigen. Lauernd streifte fein Blick ihn von der Seite, ohne eine Bemerkung zu machen.

„Kann ich Dir in irgend einer Sache helfen?" fragte Pablo nach halbstündigem scharfem Ritt. „Die Unterhaltung oben scheint Dich verstimmt zu haben."

„Nein!" erwiderte Marcial kurz, „denn ich will selbst prüfen und untersuchen," fügte er unvorsichtig bei.

Bei diesen Worten spitzte Pablo die Ohren, aber er war Diplomat genug, nicht weiter zu fragen, um kein Mißtrauen zu erwecken. Das Prüfen wollte er fchon mit all' seiner Schlauheit vereiteln.

Marcial duldete es nicht zu Hause; er stieg wieder zu Pferde, um nur fo rasch wie möglich bei seiner Frau zu sein. So lange er nicht in ihre treuen Augen sah und in das hübsche Kindergesichtchen, wollte weder Ruhe noch Heiterkeit zurückkommen. Vor ihrem son­nigen Lächeln verschwanden die Wolken des Unmuthes, erhellte sich der umflorte Blick.

„Gibt es auf der Welt ein lieblicheres Mütterchen, als meine Frau?" fragte Marcial. „Sie imponirt mit ihrer Würde und scheint noch gewachsen zu sein in dieser hohen Stelluna," neckte er. „Der Kleine ist ihr wie aus dem Gesichte geschnitten; er ist ein Prachtkerl, der Fernando. Großpapa, Dein Pathenjunge wird Dich übertreffen."