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Mittwoch, den 28. November 1894.
21. Jahrgang
mit Unterhaltungs-Beilage „Sterne und Klnmen".
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Deutsches Reich.
Berlin, 26. November.
* Mit der Möglichkeit einer Reichstagsanflösung sich vertraut zu machen, räth die .Augsburger Postzeitung' den bayerischen Katholiken, da — wie es auch ganz richtig ist — das Centrum nimmermehr einer Strafgesetzänderung zustimme, die dem rein subjektiven Ermessen des Richters.einen so ausgedehnten Spielraum gewähre und sich auf eine rein äußerliche Machterweiterung der politischen Polizei erstrecke. Zudem sprächen dabei die angekündigte bedeutende Marineforderung und die Steuerpläne mit. Auch wir halten die Auflösung des Reichstags für wahrscheinlich. Möglicherweise bildet sie eine Art politischer Weihnachtsgabe
* Der neue Landwirthschaftsminister beeilt sich, auch noch in dem neuen Etat, soweit es geht, seinen guten Willen, der Landwirthschaft zu helfen, zum Ausdruck kommen zu lassen. Es sollen, wie wir schon kurz erwähnt haben, „nicht unbeträchtliche" Summen zu landwirthfchaftlichen Verbesserungen, besonders auch in den östlichen Provinzen, eingestellt werden; darüber schweben noch Verhandlungen mit dem Finanzminister. Herr Miquel hat also nun Gelegenheit, das von den Konservativen in ihn gesetzte Vertrauen zu bethätigen. Es ist ja sonst seine Gewohnheit, die Kollegen möglichst knapp zu halten; hier thut er aber vielleicht seine milde Hand auf, einmal wegen des besagten Vertrauens, und zweitens, weil er ja einen ungünstig abschließenden Etat im Interesse feiner Reichsfinanzreform ganz gut brauchen kann. Im 'Hamburger Korrespondent' stand dieser Tage ein für offiziös gehaltener Artikel, der als „landwirthschaft- liches Aktionsprogramm" bezeichnet wurde. Darin wurde ausgeführt, daß eine einseitige Begünstigung der Landwirthschaft auf Kosten der übrigen Erwerbszweige nicht angehe, und daß ferner Bestrebungen nach Art des Antrages Kanitz keine Aussicht auf Verwirklichung hätten. Als positive Ziele wurden neben der Ausbildung des Agrarrechts bezeichnet: Förderung der Landeskultur, Beseitigung eines Preisdrucks für landwirthschaftlicheErzeugnisse durch künstliche Manöver der Börse und unlauteren Mitbewerb (Margarine), Besserung der Absatzverhältnisse durch Errichtung gemeinsamer Lagerhäuser und Schaffung besserer lokaler Verkehrsmittel. Dieses Programm wird gewiß die be- theiligten landwirthschaftlichen Kreise bald beschäftigen und von ihnen kaum verworfen werden. Ob es allgemein befriedigen wird, müssen wir abwarten. Die .Kreuzztg.' ist wenig damit zufrieden. Besonders die Zurückweisung des Antrages Kanitz gefällt ihr nicht. Sie beruft sich auf die Erfahrung, welche lehre, daß, was heute noch für ein Hirngespinnst erklärt wurde, oft schon nach wenigen Jahren als nothwendig anerkannt wurde, namentlich auf landwirthschaftlichem Gebiete. Dew gegenüber ist aber doch auch daran zu er-
Dolores.
Roman von Th. K.
(16. Fortsetzung.)
Er führte sie bei diesen Worten in ihr hübsches Boudoir, welches durch Geschmack und Zierlichkeit einen angenehmen Eindruck machte. In dem kleinen weißen Bettchen lag ein rosiger Posaunenengel. Bewundernd hingen die Blicke der Eltern an dem lieblichen Schläfer. Sie vergaßen den kleinen Streit in der Betrachtung des Kindes. Kaum wagte Marcial, das kleine Händchen anzufassen, aus Angst, es zu zerdrücken, und den Kuß, den er dem kleinen Wesen zugedacht, bekam die liebliche Mutter, die er zärtlich an sich drückte. „Wagst Du auch jetzt noch, Deinen bösen Verdacht zu wiederholen?" flüsterte er leise. „Ich glaubte, Dir und Deinen Eltern eine Freude zu machen, und Du sprichst von — Wegschicken! Morgen wollte ich kommen, mir meinen Antheil Glückwünsche zu holen; er ist doch auch mein Junge!" sagte Marcial in stolzem Vaterglück.
„Verzeih, Marcial; Du hast Recht. Ich werde in einigen Minuten fertig sein. Aber laß Dich nicht zu lange erwarten, sonst verstimmt mich Dein Ausbleiben. " ,
Er nickte, und Dolores hörte, wie er anzuspannen befahl. Tann hoste er selbst Decken, und sah nach,
innern, daß im Reichstage selbst von den Konservativen nur 40 für den Antrag gestimmt haben, und dieser Tage auf einer Verfammlung der pommerschen ökonomischen Gesellschaft der Vorschlag, dem Grafen Kanitz für seinen Antrag Dank auszusprechen, abgelehnt wurde.
* Die Jsolirnng Bebels scheint von den Sozialdemokraten für die beste Taktik gehalten zu werden, um den Streit mit den Süddeutschen nicht ver- häugnißvoll werden zu lassen. Der Abgeordnete Liebknecht hat schon dieser Tage erklärt, daß er mit Bebel nicht übereinstimme. Jetzt sagt auch der .Vorwärts' in Beantwortung eines Artikels der Münchener Post', die Redaktion habe schon in zwei Leitartikeln ausgesprochen, was sie über den Frankfurter Parteitag denke, und das stehe in diametralem Gegensatz zu dem was Bebel in der Berliner Versammlung gesagt. Sie habe keinen Grund, ihre Meinung zu ändern. Das Hamburger Sozialistenorgan, das im Verlage des Reichstagsabgeordneten Meister erscheint, geht sehr scharf gegen Bebel vor. Die Art und Weise, wie er über die bayerische Angelegenheit sich äußere, sei das Aergste, was je ein Parteigenosse sich erlaubt habe. Er putsche auch den Parteitag herunter, als wenn dieser aus lauter dummen Jungen zusammengesetzt wäre, die nicht wüßten, was sie zu thun hätten, und in ihrer Unwissenheit Dummheiten begingen. Die Partei dürfe das Gebühren Bebels nicht ungerügt hingehen lassen. „Wer sich nicht fügen will, dem bleibt keine andere Wahl wie dem Genossen Dr. Rüdt." Liebknecht sprach am Donnerstag-Abend in einer sozialdemokratischen Versammlung über Prinzip und Taktik. Die sehr stark besuchte Versammlung wurde indessen sehr getäuscht, da Liebknecht einer Erörterung des von Bebel veranlaßten Streits ganz aus dem Wege ging. Das paßte aber vielen Genossen nicht, weshalb er schließlich versprach, demnächst über den Parteitag und die Streitfragen sprechen zu wollen.
* Königsberg i. Pr., 24. Nov. Auf das Telegramm des Vereins der ostpreußischen Landwirthe an den Kaiser ist folgende Antwort eingegangen: „Se. Majestät lassen für den Huldigungsgruß der zur Feier des fünfzigjährigen Jubiläums des ostpreußischen landwirthschaftlichen Zentralvereins versammelten Landwirthe bestens danken und dem Verein auch für die Zukunft einen gesegneten Erfolg seiner Thätigkeit wünschen. Auf Allerhöchsten Befehl, Lucanus."
* Münster, 24. Nov. Der einstimmige Beschluß der Kommission, welche zur Berathung des Entwurfs von Satzungen für eine in der Provinz Westfalen zu errichtendeLandwirthschafts-Kammer nach hier berufen war, lautet:
„1) In Erwägung, daß es sich bei Einführung der Land- wirthschafts-Kammer nur um die Neu-Errichtung einer ander- weiten provinziellen Vertretung derLandwirthschaft handelt; in fernerer Erwägung, daß aber die Provinz Westfalen in dem landwirthschaftlichen Provinzial-Verein mit den ihm angeschlossenen Hauptvereinen und dem westfälischen Bauern -
ob alles bequem und sicher sei. Die milde Sommerluft wirkte stärkend auf Dolores, und je näher sie dem Vaterhause kam, welches sie seit einigen Monaten nick ^ mehr betreten, je freudiger klopfte ihr Herz, je mehr vergaß sie die trüben Gedanken, und nur seine Sorge und Liebe für sie und den Kleinen blieb als dankbare Erinnerung in ihrem Herzen. Die Gereiztheit ihrer Nerven trug die Schuld, ihre Schwäche weckte die Einbildung, mit der sie sich quälte. Bei ihrem Eintritt schallte ein Jubelruf durch das Haus, und der kleine Schläfer, der etwas unsanft erwachte, unterstützte denselben kräftig.
Marcial war mit seinen Blicken dem Wagen gefolgt, der sein ganzes Glück dahin fuhr, bis er seinen Augen entschwand. Er trat in's Haus zurück, um die vielen Arbeiten zu beaufsichtigen, die bis Mittag fertig sein sollten. Unter seinem sicheren Kommando ging die Arbeit frisch von statten, und nun erst schien das Haus ihn zu befriedigen. Pablo überschüttete ihn wie gewöhnlich mit Schmeicheleien, und wenn er einen berechneten Tadel einflocht, so ließ er diesen von Marcial widerlegen.
„Du wirst doch unser täglicher Gast sein, Pablo," lud ihn Marcial ein. „Der Besuch ist interessant für Dich."
Pablo nahm natürlich die Einladung mit trium- phirendem Herzen an.
Verein bei dem einträchtigen, durch gemeinsame Einrichtungen befestigten Zusammenwirken dieser beiden Vereine eine bewährte, die Interessen des landwirthschaftlichen Berufsstandes in allen Zweigen und weitesten Kreisen erfassende Vertretung besitzt, wie sie kaum in einer andern Provinz des Vaterlandes vorhanden sein dürste; in Erwägung endlich, daß diese bestehende Vertretung stets und bis in die neueste Zeit noch anderen Landestheilen und der zeitigen Bewegung vorangehend Alles in's Auge gefaßt und angeregt hat, was das Wohlergehen der Landwirthschaft bedingte: erscheint es nicht nothwendig und angezeigt, vielmehr nachtheilig, weil auch die bestehende bewährte Organisation erschütternd, mit der Errichtung einer Landwirthschafts-Kammer für die Provinz Westfalen vorzugehen. 2) Nach Abgabe der vorstehenden pflichtmäßigen Erklärung unterzieht sich die Kommission bereitwillig der ihr gestellten Aufgabe, den Entwurf der Satzungen für eine eventuell in Westfalen zu errichtende Landwirthschafts-Kammer in Berathung zu nehmen.
Der Beschluß unter Nr. 2 hat nach dem vorangegangenen Beschluß nur mehr theoretischen Werth, da nicht anzunehmen ist, daß die Central - Regierung in Berlin gegen den Willen der ganzen Provinz, deren Leitung wie der Bevölkerung, dieselbe mit einer Landwirthschafts-Kammer belasten werde.
* Köln, 24. Nov. Der Herausgeber der ,Westdeutschen Zeitung' Herr Dr. K les er hat gegen das in der Kladderadatsch-Affaire am Dienstag von der Straskammer gegen ihn gefällte Urtheil die Revision angemeldet.
Ausland.
* In Ungarn wächst die Verlegenheit des liberalen Ministeriums von Tag zu Tage. Die Sanktion der kirchenpolitischen Vorlagen durch den König ist immer noch nicht in Pest eingetroffen, zudem fürchtet man sehr mit Recht, daß der König über die Rundreise des jungen Kosfuth, der überall die Unabhängigkeit Ungarns predigt, empört ist, und doch fehlt dem Ministerium Wekerle der Muth, den Agitator einfach des Landes zu verweisen. Ein klägliches Schauspiel!
* Paris, 24. Nov. Nachrichten aus Madagaskar zufolge verfügen die Hovas über 14,000 Mann gut bewafftieter Truppen, sodaß sich der f r a n z ö s i s ch e Feldzug sehr schwierig gestalten wird. Die Hovas besitzen auch mehrere Kanonen. Die Europäer in Ta- matave fürchten täglich einen Ueberfall.
* Rom, 25. Nov. In der vergangenen Nacht wurde in Reggio wiederum ein wellenförmiger Erdstoß verspürt. Wie ferner aus Messina gemeldet wird, wurden dort Nachts zwei schwache Erdstöße wahrgenommen, denen ein starker, kurzer Centralstoß voranging. Der Bevölkerung bemächtigte sich neuerdings eine Panik.
* Petersburg, 25. Nov. Eine Unmasse von Geschenken und Dekorationen wurde an ausländische Fürstlichkeiten, außerordentliche Gesandtschaften, Militär-Deputationen, Gefolge und Dienerschaft der Fürsten verliehen. Nicht weniger als 16 Andreas-Orden wurden verliehen. Selbst ein Prinz von Siam erhielt einen solchen. — Der letzte Bericht der Aerzte über den Großfürsten Georg lautet bester. Die Kaiserin
„Denkst Du auch bei den Einladungen an die Last Deiner zarten Frau? Wird die Sorge nicht zu viel für sie sein?" klang es besorgt.
„Wie meinst Du das?" fragte Marcial etwas scharf. „Du wolltest doch nicht sagen, sie sei ihrer Stellung nicht gewachsen?
„Wieder ein wunder Punkt," dachte Pablo, indem er erwiderte: „Dolores ist eine distinguirte Natur, sie wird schon mit ihrem feinen Taktgefühl, trotz ihrer etwas zu einfachen Erziehung das Richtige treffen, darum sorge ich nicht; aber es ist anstrengend, die Führung des Ganzen zu übernehmen, wenn einem das großartige Leben in den höchsten Kreisen völlig fremd ist."
Pablo wußte, welchen Hieb er durch diese ruhigen Worte Marcial versetzte, der, obschon seine Frau eine so feine Sicherheit im Auftreten, und eine so natürliche Eleganz in der Gesellschaft entwickelte, sie doch immer mit eifersüchtigen Augen bewachte, immer ängstlich besorgt, sie könne sich irgend eine Blöße geben, einen gesellschaftlichen Fehler machen. Sie sollte und mußte Alle überstrahlen, dann war er um so glücklicher.
„Ich habe eine Köchin und Dienerschaft für die Tage engagirt, meine Frau soll sich nicht opfern, nur befehlen," brach Marcial kurz ab. „Ich muß noch nach den Gruben, Pablo; entschuldige mich."