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Sonntag, dm 25. November 1894. 21. Jahrgang

mit Unterhaltungs-Keilagr „Ktrrue und j-iumrn".

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„Aber die Thränen," entgegnete dnmpf der Erste, „die' Armnth und den Flnch der armen Mütter, deren Lieblinge wir in b ™ ..

gelobtet, die Roth der Waisen, die schlaflosen Nächte der Hinterbliebenen, liegen sie nicht im quälenden Be­wußtsein, wenn wir auch das Beste gewollt? Viele Hunderte sinb zwecklos gefallen und was ich mir als V.rdienst und 'Muth angerechnet, es kommt mir jetzt vor als Verbrechen und Mord. Die Todten sind zu beneiden, sie schleppen nicht den Schimpf des Bruder­krieges mit sich herum, nicht die häßliche Ueberzeugung des perfidesten Verrathes, einer solchen kläglichen Nieder-

die kriegerische Gestalt messend.

„Sie sind des Verrathes angeklagt, Don Mariano; werden Sie sich morgen vor dem Kriegsgerichte ver- theidigen können?" Durchdringend haftete sein Auge

herum." . . ,OM

„Wann sahen Sie dteselbe zuletzt.

„Vor drei Jahren." . .

„O, Sennor, drei Jahre bedeuten viel bet jungen Mädchen."! . ,.

Mariano blickte still und traurig vor sich hm. Hatte sein Liebling sich verheirathet, ohne ihm eine Anzeige zu machen? Hatte man Vergnügungen und Feste gefeiert? War er auch dort vergessen, auch der Heimath stemd geworden? Schmerzlich enttäuscht wollte er nicht weiter fragen. (Fortsetzung folgt.)

läge." „ r ....

„Wie kommst Du nur auf diese verzweifelnden Gedanken, Mariano? Es ist ja nichts von Bedeutung geschehen — nur dieses dumme zwecklose Hinhalten der Generäle. Wer weiß, welcher Diplomatenstreich da­hinter steckt. Also hoffen wir auf die morgen ange- küudigte Schlacht."

„Sie wird nicht stattfinden, ich hoffe nichts mehr, antwortete tonlos der junge Mann. „Ich habe hinter die Karten gesehen, leider nur zu spät. Man hat zur Abwechslung Krieg gespielt, das Geschäft ist nicht ein­träglich genug für die Anführer gewesen — von der andern Seite wird ein größerer Gewinn geboten und — das Drama ist zu Ende. Verstehst Du mich? Ich glaube, mich deutlich genug ausgedrückt zu haben. Wenn so ein junger König in das Feld zieht, dann ist der Krieg zu Ende, besonders wenn er reich, mit den Schätzen des Orients beladen, auf dem Schauplatze er- sckui it, um sich seine Lorbeeren zu erkaufen."

Betroffen blickte Gregorio in das farkastische Ant­litz des Sprechenden.

„Mariano, Du sprichst irre," stotterte er.

Mariano lachte heiser. „Ich sehe, Du hast mich verstanden, weitere Kommentare sind auch für Dich nicht zuträglich, armer Freund, wie sie für mich ge­fährlich sind. Komm, Gregorio, laß uns zum letzten Male den Samariterdienst ausüben, die Todten be­graben und den Sterbenden die gebrochenen Augen zu­drücken. Mögen sie bei Gott für uns bitten.

Es war ein schauerlicher Anblick, das Leichenfeld! j

Ernst und schweigend durchstreiften es die jungen Männer und helle Schweißtropfen rannen von der Stirn beim angestrengten Arbeiten. Sie fanden noch einen Verwundeten, der mit brennenden Augen sie an­starrte und gierig das Wasser trank, was sie ihm boten. Sauft trugen sie ihn weiter bis znm nächsten Hause, wo die Bewohner ihn bereitwillig aufnahmen. Dank und Segenswünsche stammelten die trockenen Lippen, als Mariano ihm heimlich feine Börse zusteckte. „Sie sind krank, ich bin gesund," scherzte er, „lassen Sie sich gut pflegen und grüßen Sie Ihre Lieben in der Heimath."

„Wenigstens Einer wieder gerettet!" jubelte sein Herz. „Gregorio, ich bin entschlossen, noch diese Nacht in die Heimath zurückzukehren, lieber jetzt flüchtig, als nach acht Tagen mit gnädiger Amnestie. Ich kann den letzten Akt nicht mit erleben, ich allein würde die Schande mit Blut rächen und mit meinem Kopfe be-

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Kaum waren diefe Worte gesprochen, als Mariano zum General beordert wurde.

„Ich bin gut bewaffnet, fürchte nichts," beantwor­tete er den ängstlich fragenden Blick des Freundes.

„Ich bin mit deuKameraden in derNähe," flüsterte Gregorio, sich eilig entfernend. Verständnißvoll nickend schritt Mariano mit der Ordonnanz in das Zimmer

des Generals. .

„Exeellenz haben befohlen," grüßte milrtärrsch Mariano, eine Anrede erwartend.

Unruhig und heftig schritt der Herr in dem kleinen Raume auf und ab, dann und wann die hohe Figur,

Dolores

Roman von Th. K. (14. Fortsetzung.)

Gast entgegen. „ „

Essen Sie trinken Sie Alles, was Sie wollen, bat sie. „Sie wissen nicht, wie ich mich freue einen Landsmann bei uns zu sehen. Ich kenne ^hre Familie und wär im vorigen Sommer dort, als >chre kleine Schwester sich verheirathete." .

Meine Schwester? Das muß ein Jrrthum sein. Die "tummelt noch in kurzen Kleidern mit ihrem Moro

den Lippen. , r. <■> <

„Ich habe nicht gebebt im heftigsten Kugelregen; habe dem Tode mit kaltem Blute in's Ange gesehen, aber mich geduldig als Verräther erschießen zu lassen, wo ich mein Leben für dm König geopfert, bloß weil ich die Pläne der Generäle erfuhr, sie kenne, - nie- i — Ich würde Sie tobten, aber bas weiße Haar will ich schonen; bas Bewußtsein Ihres erkauften Glückes wirb Sie noch auf Ihrem Sterbebette elenb machen, wenn Sie ein Gewissen haben! Verhalten Sie sich jetzt sehr still, forbern Sie Ihr Schicksa. nicht heraus, ober Sie sind bes Tobes. Meine Freunde sinb für ben Augenblick Ihre Ehrenwache! Es lag ein schnöber Hohn, ein bitterer Sarkasmus in feinem Rathschlage „Unb nun leben Sie wohl!"

Der General war moralisch ntebergebonnert, ent­setzt von ben Enthüllungen des jungen Mannes, der roie ein Kriegsgott mit eiserner Entschlossenheit ge­sprochen. „Du bist mir doch verfallen!" grollte er.

Es war unüberlegt von mir, jeden Beistand entfernt zu haben, aber ich fürchtete feine Aussagen, woher tat« di- E- täte di- H-Md- U°d . n Si- h-b-n bch-c- Ein-

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Feld der geträumten Ehren und Lorbeeren hinter sich. 1 ‘mtnpm’n- Juiiner angestrengter eilte er davon, denn wenn ihn der General verfolgen ließ unb einfing, war er rettungs- I los feinem Tobfeinbe verfallen. Er erreichte Zuma- I caga, als zum ersten Male roieber ber Zug von Frank­reich heranbrauste. Erst jetzt fiel ihm ein, baß er ohne Gelb war, nur feine Uhr unb Waffen waren bte ein» jigen Werthgegenstände die er besaß. Er griff seufzend in die Tasche, dieselben zu verkaufen; aber dre Uhr war ein Andenken von feinem Vater, für ein glücklich bestandenes Examen, er konnte sich nicht entschließen, dieselbe für einen Spottpreis zu verkaufen. „Es findet sich gewiß noch andere Gelegenheit", tröstete er sich.

Es wird meinen aristokratischen Händen nichts schaden, wenn ich vorläufig ein paar Koffer schleppe, um Geld zu verdienen.,, Gelegenheit fand sich gleich, und das errungene Geld, der erste Verdienst in feinem i Leben, zauberte ein frohes Lächeln auf das ernste Ge- auf dem jungen Manne. Ein bitteres Lächeln lag um ; sicht des jungen Mannes. Bescheiden setzte er sich nun

im Gastzimmer in die dunkelste Ecke an den Tisch, wo das freundliche Schenkmädchen dem Einsamen das saftigste Stück Fleisch und das beste Glas Wem brachte Sie hatte gleich errathen, wie es um Mariano s Börse stand, auch daß er mehr sei, wie em gewöhn­licher Kofferträger. Als sie flmk die Gaste bediente, sioa mancher theilnehmender Blick in den einsamen Wmkel, wo Mariano jetzt erst fühlte, wie matt und kraftlos er war, wie sein Körper Ruhe verlangte, sollte er nicht zusammenbrechen. Mariano saß nahe beim Schmktisch, und als die Fremden bedient waren, kam das Mädchen an ihm vorbei. , oW

Sennor, soll ich Ihnen nicht em Zimmer geben? Sie scheinen matt und hinfällig zu sein. Sw sind sicher dort; für jede Störung hafte ich. Das junge Mädchen betonte das sicher und jede.

„Meine Kaffe reicht nicht dazu", erwiderte Mariano; er wollte lächeln, aber es gelang ihm nicht.

Thut nichts, Sennor, heut zu Tage ist das keine Seltenheit, und unsere Zimmer und Matratzen werden darum ebenso lange halten. Meine Herrschaft W gut unb mir wirb's ber liebe Gott an meinem schätz lohnen, beim er ist Solbat unb finbet bann auch Pflege, wenn er ihrer bebarf. Kommen Sie. Nur so kann ich mein eigenes unb sorgenvolles Herz be­schwichtigen unb inbirett für mein fernes Sieb Gutes

h Mariano schwankte mübe hinter seiner Fuhrerm her Balb schlief er fest unb ruhig.

’ Sie lugte einige Male leise durch die Thure ob er nicht krank sei, aber er lag unbeweglich. Entsetzt kam ihr am folgenben Tage der Gedanke, ob er nicht gar tobt sei; vierundzwanzig Stunden Mafien verflossen, und noch immer lag er regungslos. Mit klopfendem Herzen schlich sie sich an sein Bett, ihre Angst über- windend, - da schlug Mariano die Augen auf. Sie uickte freundlich und zog sich eilig zuruck Mariano sprang neugestärkt aus dem Bette. Elastisch schüttelte er die alten Erinnerungen ab und versuchte die, de­fekten Kleider mit der Bürste aufzufrischen, auch seinen ungepflegten Bart mit ber alten Rücksicht zu behandeln, unb so sah er, wenn auch nicht elegant, boch ziemlich an­ständig aus. Seine Boina, wie bie eigentümliche Kopfbedeckung ber Carl fiten heißt, eine breite Kappe aus buntem Tuch, nur mit einem schmalen Raub, wollte er gegen einen Hut verkaufen, ber übrige An- zug war nicht anffallenb; er stammte aus feiner früheren Garberobe, bie er, wie viele andere aus Mangel an einer Uniform oft getragen hatte. Wieder war die Uhr fein Rettungsanker.

Sennorita, wollten Sie wohl diefes unnutze Möbel als Pfand annehmen? Ich löfe es bald wieder ein, denn es ist mir sehr theuer; - aber ich habe Geld nöthig," redete er das junge Mädchen an. 7 Ich habe nur für Ihre Aufwartung zu sorgen; die Geldgeschäfte machen Sie mit meiner Herrin ab, sie ist von mir unterrichtet. Die Behörde hat schon nach Ihnen forichen lassen.und sucht, sie m emerRich- tuua die ich fangegeben habe. Seien Sie unbesorgt, I wenn Ihnen auch Ihr Jneognito nichts mehr nutzt.

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ben festgeschlossenen Mund; er schwieg, aber griff, ohne I sich weiter zu bewegen, wie spielend nach ber hübschen Pistole, bie im Gürtel steckte.

„Wer hat Ihnen erlaubt,, mit dieser Waffe hier einzutreten?" fragte argwöhnisch der alte Herr.

Wer? Niemand, Exeellenz! Sie begreifen, daß ich nicht um diefe Erlaubniß nachgesucht habe — so ps oer isriie, i kindlich harmlos sind wir nicht mehr. ^ ^ch fürchtete, r armen Weiber unb daß ich dieselbe gebrauchen könnte und Sie sehen selbst,

der Hitze des Kampfes wie folgerichtig ich geurtheilt habe, da Sie mich, den

.....— ■ ~*"' ■ > treuesten Soldaten, desVerrathes bezeichnen; da massen die fchlimmsten Feinde in unserer eigenen Reihe ver­steckt sein — und je höher der Posten fit, den sie be­kleiden, desto schädlicher sind ihre Wirkungen.'

Nicht einen Augenblick hatte Mariano seine kühle Ruhe verloren unb selbst bie kleinste Haubbewegimg seines Chefs verfolgte er mit sicherem Ange.

„Denken Sie an Ihre Rechtfertigung, Sie haben nur meine Fragen zu beantworten; weitere Bemer­kungen werben nicht verlangt."

'Mariano verbeugte sich.

„Nein, Exeellenz; wer mich anklagt, wirb schon bie schlagendsten Beweise meiner Schuld liefern, unb ich muß bann nach Recht unb Gerechtigkeit des hohen Kriegsgerichts sterben", ermiberte Mariano kaltblütig. Ich wäre ja nicht ber Erste; noch vor zwei Tagen, Exeellenz wollen sich Ihres treuen Boten gütigst er­innern , wurde ein ähnliches Exempel an dem armen Burschen ftatuirt. Sie vergessen: ich habe die Er­fahrung für mich." Mariano sprach in einem mono­tonen, langsamen Tone.

Mit dem Ausdruck der größten Wuth wollte ber General schellen, — aber Mariano kam seinem Wunsche zuvor, inbem er bas kleine Glöckchen ruhig in feine Tafche fahren ließ. Der General sprang nach seiner Waffe, boch schon hielt ihm Mariano bie seimge mit gespanntem Laufe an ben Kopf. Nur ein heiserer Ton des gräßlichsten Haffes brang von ben blauen, zittern-