Einzelbild herunterladen
 

21. Jahrgang

Sonntag, den 25. November 1894.

uldacrWZtituiilj

mit Unterhaltungs-Kritage „Sterne und Klumr»"

* Neber das neue Reichsbndget

kommen in den letzten Tagen Mittbeilungen nicht be­sonders erfreulicher Natur. Wir wollen im Nachstehen­den zusammeustellen, was für das Militär allein schon als Neuforderuugen sicher ist. Vorerst aber müssen wir auf den geradezu unerhörten Druck Hinweisen, den die ,Nordd. Allg. Ztg.' und die „nationalgesinnte" Presse in den letzten' Tagen auszuüben sich erlaubt. Man sucht nämlich zu Gunsten neuer Marineforderungen unsere bisherige Flotte als gänzlich unzureichend dar­zustellen und thut, als ob sie nach gar keiner Richtung hin den Ansprüchen genüge. Wenn das thatsächlich der Fall ist, dann wissen wir nicht, wozu wir unsere schonen Millionen für die Marine ausgegeben haben. Nun soll beabsichtigt sein, 4 neueKreuzer als Minimal­bedarf zu verlangen. Die Summe, welche hierfür nöthig ist, wird in weiser Vorsicht vorläufig noch nicht ge­nannt. Diese Forderung allein schon wird sehr hoch sein. Nun kommen aber hinzu die neuen Mittel für das Landheer. Neu gefordert werden die Meldereiter, die Vergrößerung der Kriegsakademie, die Fußartillerie soll neu organisirt werden. Bei der schweren Artillerie werden zwei Besetzungsabtheilungen neu gebildet, 80,000 M. werden für Uebersiedelungsbeihilfen an penfionirte Offiziere gefordert, für einen Uedungsplatz für das Gardekorps braucht man 700,000 M., für das 4. Armeekorps 2 Millionen, für den Ausbau des Artillerieschießplatzes bei Thorn 500,000 M-, für drei Uebungsplätze, Lagereinrichtungen und Entlastung der Lastgemeinden 1,600,000 M., ein fächsisches Armee-. korps braucht ebenfalls einen neuen Schießplatz usw. Nun gehen diese Fortsetzungen in die Millionen. Aber noch nicht genug. Bei '5 Armeekorps tritt die Noth- wendigkeit der Ausstattung der Intendanturen mit höheren Beamten hervor und es soll eine eigene Inten­dantur für die Eisenbahntrupien zu 18,000 M. er­richtet werden. Die Verstärkungen des Bureaupersonals der Korpsintendanturen kosten 118,950 M., dann soll eine neue Kommandantur für den Armeekorpsübungs­platz bei Koburg geschaffen werden. Zur Organisation der Meldeämter sind 30 neue Bezirksoffiziere nöthig, bei den Bekleidungsämtern sollen die pensionirten Offi­ziere durch aktive ersetzt und die Vorstandsstellen mit Offizieren im Range der Regimentskommandeure besetzt werden. Was sonst noch an Neubeschaffung von Aus­rüstungsgegenständen, Neubauten und anderen schönen Dingen gefordert werden wird, • läßt sich nicht alles zusammenstellen. Sicher ist nur das eine, daß der Militäretat wieder sehr anschwellen wird und seine Rückwirkungen in den Budgets der einzelnen Bundes­staaten sehr fühlbar sein werden. Und bei diesen enormen Geldmengen, die aufgebracht werden müssen, behauptet man noch immer, daß Kulturanfgaben nicht leiden. Wenn aber derartige Forderungen für kulturelle Zwecke kommen, dann wird an den- felben herumgestrichen, bis sie auf das Dürftigste be­schränkt sind oder sie werden ganz über Bord geworfen, weil man das Geld nöthiger für das Militär braucht. So geht es Jahr für Jahr weiter, und was das Ende fein wird, läßt sich mit Gewißheit Voraussagen. An einen Einhalt ist aber, so wie die Dinge liegen, mcht zu denken. Unsere ganze Kultur scheint eben, wenn man unsere Staatsausgaben betrachtet, nur in Militär, Soldaten, Gewehrgriffen und Kriegsschiffen zu bestehen. Machen wir noch einige Jahre so weiter, können wir ruhig Argentinien, Portugal, Griechenland und Mexiko nachmachen und uns für zahlungs­unfähig, für bankerott erklären.

Deutsches Reich.

Berlin, 23. November.

* Trotz der ungünstigen Finanzlage Preußens sollen, wie von berufener Seite mitgetheilt wird, in den nächsten Haushaltungsvorschlag nicht unbeträchtliche Summen zu landwirthschaftlichen Verbesserungen einge­stellt werden. Die Höhe der betreffenden Summe steht noch nicht fest, da noch Verhandlungen zwischen dem landwirthschaftlichen und dem Finanzministerium schwe­ben.

* Offiziös wird bestätigt, daß dem Reichstag zu-

daß der Erzherzog Joseph der Versammlung tele­graphisch seinen Gruß sandte. In der gestrigen Sitzung des Abgeordnetenhauses wurde die Angelegen- beit Gegenstand einer Interpellation, die der radikale Abgeordnete Otto Hermann einbrachte. Auf die Inter­pellation desselben betreffend den Katholikentag m Stuhlweißenburg, die daselbst erfolgte Konstituirung einer politischen Partei auf konfessioneller Grundlage behufs Bekämpfung der kirchenpolitischen Gesetze auch nach deren Sar.ktionirung, sowie das emgelaufene Danktelegramm des Erzherzogs Joseph, antwortete der Minister-Präsident Wekerle, er sei selbstver­ständlich mit den dort verkündeten Prinzipien nicht einverstanden und erachte deren Verkündigung als ge­fährlich und geeignet, die öffentliche Ruhe Ungarns zu stören. Andererfeits müßten aber das Versamm­lungsrecht und die freie Meinungsäußerung eifersüchtig gewahrt bleiben. Gegenüber solchen Erscheinungen muffe das Gebiet der sozialen Gegenagitation betreten werden. Die gesunde öffentliche Meinung sei stark genug, einen allzugroßen Schaden derartiger Kund­gebungen hintanzuhalten. Er (der Ministerpräsident) werde Verfügungen gegen den eventuellen Mißbrauch der Redefre heit und der Versammlungsfreiheit treffen, er habe jedoch keine Kenntniß, daß dies tn Stuhl­weißenburg noihwendig gewesen wäre. Betreffend die Anspielung des Interpellanten auf die bisher aus­ständige Sanktion der kirchenpolitischen Vor­lagen sprach der Ministerpräsident die feste Ueber- zeugung aus, daß die Sanktion erfolgen werde; eine andere Auffassung sei nach den politischen Prämissen unmöglich. Er erachte jedoch die Zeit für eme Bitte um Beschleunigung an die Krone noch nicht für ge­kommen. Der Ministerpräsident versicherte, weder er noch der Landesvertheidigungsmimster hätte m dieser Richtung Schritte unternommen, weil sie dies mit dem Taktgefühl für unvereinbar hielten. Da die Regierung überzeugt fei, die Sanktionirung würde beruhigend wirken, werde sie, wenn sie die Zeit für gekommen er­achte, ihre Pflicht gewiß kennen. Trotz diesen zuver­sichtlichen Worten Wekerles ist bei ihm und seinen Ministerkollegen die Besorgniß eine große, der Kaiser werde den Kulturkampfgesetzen seine Sanktion nicht geben Selbst in liberalen Kreisen befürchtet man, daß eine Ministerkrisis deshalb bevorstände. Wenn diese durch den Stuhlweißenburger Katholikentag be­schleunigt würde, so wäre das bereits ein schöner Er­folg der Versammlung. .

* Rom, 21. Nov. Die ,Kreuzzeitung' laßt sich von hier melden, daß der Papst sich mit der Absicht trage, den Kardinal Galimberti zur Krönung des Zaren nach Moskau zu entsenden.

* Dem rumänischen Königspaar sind anläßlich seiner silbernen Hochzeit von allen Seiten lebhafte Sympathiebeweise zu Theil geworden, vor Allem Seitens des rumänischen Volkes. Der König hat zum dauernden Gedächtniß der Feier eine Bauernunter­stützungskasse begründet und dieselbe mit 200,000 Frcs. dotirt.

* Petersburg, 22. Nov. Gestern reisten die preu­ßischen, österreichischen und bayerischen Militär- Deputationen ab, heute Prinz Ludwig von Bayern, Prinz August von Sachsen und der König von Ser­bien. Louis Napoleon, der Oberst der russischen Dra­goner, legte einen Kranz am Sarge des verstorbenen Kaisers nieder. Die Land- und Stadtgememden des Warschauer Gouvernements widmeten einen großen silbernen Kranz und die St. Petersburger Stadtver­ordneten beschlossen, eine Gratulations-Deputation zur Vermählung des Kaisers zu senden, zmn Gedachtmß Schulen 'zu errichten und Brod und Salz zu uber= liefern — Anton Rubinstein wird nicht vor dem 16 ober 17. alten Stils in St. Petersburg beerdigt. Von seinem Gesicht und seinen Händen sind Gyps- abgüsse gemacht. .

* Ans Polen war eine Deputation am 18. d. m Petersburg angenommen, um sich, trotz des Ver­botes des General-Gouverneurs Gurko, korporativ an den Beisetzungsfeierlichkeiten zu betheiligen. Die­selbe legte einen überaus prachtvollen Kranz an dem Sarge des verewigten Zaren nieder. An der Spitze der aus über 50 Personen bestehenden Deputation standen die Herren: Fürst Michael Radziwill, Fürst Woroniecki, Fürst Czetwestynski, Graf Rodryg Potockl, Marquis Wielopolski, Wirklicher Staatsrath und

wächst nur die sogenannte Umsturzvorlage zugehen soll. Der Etat würde dann erst später und gleichzeitig mit ihm der Gesetzentwurf, betreffend die Erhöhung der Reichs - Eiunahmen (Tabakfabrikatsteuer) eingebracht werden. „ , ± ,

* Zur geplanten Tabakfabrrkatstencr verlautet nach der ,Voss. Ztg.' in betheiligten Kreisen,, daß die Mim- sterkrisis in den letzten Wochen auf diese Vorlage nicht ohne Einfluß geblieben ist. Die süddeutschen Regie­rungen wollen sich nicht mit dem bisherigen Schutzzoll von 40 Mark für 100 Kilo, den die in Berlin aus­gearbeitete Vorlage beibehalten habe, begnügen, sondern sie verlangen eine Erhöhung von 50—60 Mark.

* Nach dem augenblicklichen Stande der Etats- bcrathnng im Bnndesrathe, wirb offiziöser Mittheilung zufolge, das Plus an Matrikularbeiträgen gegenüber dm Ueberweisungen an die Einzelstaaten, etwa 34 bis 35 Millionen betragen.

* Der Kaiser hat eine neue Marineordmmg ge­nehmigt, welche die Wehrordnung vom 22. November 1888 'militätisch ergänzt. Ebenso hat der Kaiser neue Bestimmungen über das Verfahren bei Havartesallen erlaffen. . , ,

* Der „Bund der Landwirthe" wird am 27. d. Mts. zu einer mehrtägigen Ausschußsitzuug^zu- sainmentreten. In der letzten Sitzung am 8. Ium d Js. hatte der Ausschuß eine reichhaltige Tagesord­nung erledigt und die Fragen des Spiritusmonopols, des'Grundkredits und des Getreidehandels durchbe- rathen. Es waren damals zur weiteren Verfolgung der einzelnen Fragen Kommissionen eingesetzt worden. Von diesen haben die Grnndkreditkommisston und die Kommission betreffend die Regelung des Getreide- Handels ihre Aufgaben erledigt. In der diesmaligen Ausschußsitzung wird auch die Frage entschieden wer­den, ob der Vorstand ermächtigt werden soll, Namens des Bundes eine Audienz beim Kaiser nachzusucheu.

* Hannover, 21. Nov. Zu Ehren des Ministers v. Hammerstein-Loxten fand eine zahlreich be­suchte Abschieds-Feier, veranstaltet vom Niedersächsischen Kanal-Verein und vom Ausschuß für den Mittelland- Kanal, statt. Es wurde dem Minister eine Dankadresse überreicht. Derselbe erklärte, er wolle auch ferner die Bestrebungen für den Mittelland-Kanal nach Kräften fördern. ... m

* Münster, 22. Nov Die Kommission für Be- rathung der Satzungen der Landwirthschafts- Kammern hat auf Antrag des Freiherrn v. Schor- lemer die Einrichtung der Kammern für Westfalen ein­stimmig abgelehnt. . ,

* Köln, 21. Nov. In der gelingen Vormittags- Sitzung der Kölner Strafkammer wurde der bekannte Beleidigungs-Prozeß des Staatssekretärs v. Marschall gegen den Verlag und die Redaktion der Westdeutschen Zeitung' und den Redakteur Nestler in Nürnberg verhandelt. Letzterer, sowie der Verleger Dr Kleier stehen heute auf dem Standpunkte, daß v. Marschall der Kladderadatsch-Affaire völlig fremd gegenüberstehe. Siebetonen, zu jeder Ehrenerklärung bereit zu sein. Nestler hatte an Marschall, an Fürst Hohen­lohe und an den Kaiser Schreiben gerichtet, daß sein Verdacht gegen Marschall unbegründet sei; da ,edoch dem abbittenden Schreiben der Passus beigefügt war, für das auswärtige Amt wäre es bester, wenn die ge­richtliche Verhandlung unterbliebe, so mußte die Zurück­nahme des Strafantrages unterbleiben. Auf fernen Eid erklärte der hier anwesende Staatssekretär Marschall, daß ihm persönlich Alles, was ihm zur Last gelegt worden, fremd sei. Das Urtheil tautet: Redakteur Zimmermann erhielt 150 Mark Geldstrafe event. 15 Tage Gefängniß, Dr. Kleier und Redakteur Nestler je 2 Monate Gefängniß. Der Staatsanwalt hatte 2 resp. 5 und 3 Monate Gefängniß beantragt. Außerdem hat die Publikation des Urtheils m der Westdeutschen Allgem. Zig.', sowie in der .Köln. Ztg.', in der ,Köln. Volksztg.' und in der ,Nationalzeitung' zu erfolgen. Auch wurde die Vernichtung, der Platten und der noch vorhandenen Exemplare verfügt.

Ausland.

♦ Pest, 21. Nov. Die ungarischen Knlturkämpfer sind gewaltig erbost über den glänzenden Verlauf des Stuhlweißenburger Katholikentages. Namentlich ist es ihnen zu Kopfe gestiegen, daß dort die Gründung : einer katholischen Volkspartei beschlossen wurde und