JK 268
Donnerstag, den 23. November 1894. 21. Jahrgang
üldacrMZkitlliig
mit Unterhaltnngs-Kettagr „Sterne nnd Klumen".
Erschrint täqtich, S«m- mrd Feiertag« ausgenommen. — vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Aarmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Deutsches Reich.
Berlin, 20. November.
* Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe trifft morgen, Mittwoch, Abend in Berlin, ein.
* Der Sonderzug, mittelst welcher die zu den Beisetzungs - Feierlichkeiten nach Petersburg entsandte französische Militärdeputation die Fahrt von Köln bis Eydtkuhnen machte, ist der Deputation auf besonderen Befehl des Kaifers zur Verfügung gestellt worden.
* In einem Leitartikel „Tabaksteuer oder Biersteuer" erklärt die ,Kreuzztg.' eine weitere Belastung der Tabakindustrie als Den schlechtesten und sozialpolitisch gefährlichsten Weg, um zu einer Reichsfinanzkommission zu gelangen. Sie müsse vor dem Beschreiten dieses Weges wegen der damit verbundenen Brodloswerdung vieler tausend Arbeiter, welche dann in das sozialdemokratische Lager übergehen, entschieden warnen. Dagegen fordert die ,Kreuzzeitung' auf, an Stelle der Tabaksteuer, die Erhöhung der Biersteuer vorzunehmen, was jetzt, wo Graf Caprivi, der sich gegen eine erhöhte Biersteuer persönlich engagirte, nicht mehr im Amte ist, leicht und ohne die ernsten sozialen Folgen wie bei der Tabaksteuer einzuführen wäre.
* Am Donnerstag treten im Reichsamt des Innern mit Kommiffarien des letzteren solche des Reichs-Ju- stizamts, des Reichsbankpräsidiums und des preußischen Ministeriums für Handel und Gewerbe zusammen, um eine Verständigung über die Formulirung des Gesetzes betreffend die Börsenreform, herbeizuführen. Die direkte Betheiligung des Reichsbankpräsidenten Dr. Koch an den Arbeiten für die Börsenreform hat mit dem Auseinandergehen der Börsen-Enquetekommission, deren Vorsitzender Herr Koch war, ihren Abschluß gesunden.
* Das Handwerk kann warten! Die .Franks. Zig.' kann mit aller Bestimmtheit versichern, daß der ganze Plan der Organisation des Handwerks definitiv als gescheitert zu betrachten ist, so weit er sich auf eine Ordnung der Materie durch die Reichsgesetze in der nächsten Session oder doch kurz darauf bezieht. In Aussicht genommen ist vorerst eine Enquete über die Lage des Handwerks, deren Umfang aber noch nicht feststeht. Natürlich freut sich das Blatt für Börse re. unbändig über die abermalige Vertagung der endlichen Lösung der Handwerkerfrage, über die bereits so viel nntersucht, geredet und geschrieben wurde, daß man endlich Thaten erwarten durfte. Es wird nun nichts Anderes übrig bleiben, als im Reichstage die Frage nochmals anzuregen.
* Heute Vormittag hat die Uebergabe desjenigen Theils des städtischen Treptower Parks, der für die Gartenbauausstellung bestimmt ist, an den Arbeitsausschuß der Berliner Gewerbeausstellung 1896 stattge- funden. •
* Der Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, Oberst Freiherr v. Scheele berichtet telegraphisch: Fast Stadt Kuirenga 30. Oktober gestürmt, in vierstündigem schwerem Straßen- und Häuserkampf erobert. Kuirenga ist in einem Umkreise von 4l/a Km. von steinerner bastionirter Umwallungsmauer umgeben und hat zwei Zitadellen; wurde von 3000 Kriegern
Dolores.
Roman von Th. K.
(12. Fortsetzung.)
7. Kapitel.
Wer ein Herz sein eigen nennt, Dem er fest vertrauet, Hat der weiten Gotteswelt Reinstes Glück erschauet.
Bleib' er nah, und bleib' er weit, Weiß er doppelt seine Freud, Weiß er, daß auch seinem Leid Still ein Auge thauet.
Es war ein reges Leben in dem alten Palacio, trotz der Einfachheit der Hochzeit. Nur die nächsten Familienglieder waren gebeten.
.„Pablo soll Dich mir zuführen; er ist mein bester Freund, und liebt Dich still und verschwiegen."
Es war das erste Mal, daß sein Name unter ihnen genannt wurde.
„Nur er nicht, Marcial!" bat sie fast ängstlich. „Er haßt mich; ihn laß für immer unferm Haufe fern bleiben."
„Welche kleine Thörin Du bist! Wie Recht Pablo hatte, mich bei meiner Bitte auf Deine Weigerung aufmerksam zu machen."
„So!" sagte Dolores, „Du hast ihm Deinen Vorschlag also fchon mitgetheilt? Aber trotzdem wirst Du
vertheidigt. Lieutenannt Maaß, 8 Askari tobt, 29 Askari schwer, Lieutenants Kleist, Engelhardt und Unteroffizier Jaehnke leicht verwundet. 150 Feinde beerdigt, viele in Häusern verbrannt, Kuirenga zerstört. Erbeutete Geschütze und Gewehre der Zelewski- Expedition, befreite 1500 Weiber und Kinder, meistens Sklaven. 2000 Stück Groß- und 4000 Stück Kleinvieh, für 70,000 Mark Elfenbein und 3000 Faß Pulver gewonnen. Trat am 3. November mit 3., 4. und 12. Kompagnie den Rückmarsch nach Kilossa an, wurde am 6. November bei Mage von 1500 Kriegern angegriffen; der Feind durchbrach die Trägerkolonne; fein Angriff scheiterte aber am Feuer der Truppe. Erlitt außer einigen Trägern keine Verluste; der Feind verlor 25 Todte unmittelbar an der Kolonne und erlitt bei der Verfolgung noch viele Verluste. Haltung der Truppe am 30. und 6. vorzüglich. 5. und 6. Kompagnie mit Verwundeten und größtem Theil des Viehs treten den Rückmarsch später an. Scheele.
* Die ,B. N. N.' berichten von Kämpfen, die Lieutenant Dominik in Südkamerun mit den dortigen Eingeborenen zu bestehen hatte. Lieutenant Dominik war von Kribi an der Stifte, nach Colodorf und Jannde marschirt, um diese Stationen mit verschiedenen Lebensrnitteln zu versehen und durch sein Erscheinen mit bewaffneter Macht dem Wege dorthin erneute Sicherheit zu geben. Von Jaunde aus war Lieutenant Dominik nach Ngila gezogen, wo er freundlich aufgenommen worden war. Von Ngila, das nördlich vom Sannanga liegt, hat er bann, anstatt nach Jaunbe zurückzukehren nnb von bort ben bekannten Weg nach ber Küste einzuschlagen, sofort bireft bie Richtung nach Westen genommen. Ans biesem Marsche ist er von ben Eingeborenen, ben Bakoko, mehrfach überfallen worben. In ber verschiedenen Gefechten verlor er mehrere Snbanesen nnb würbe selbst ver- rounbet. Ans bie Nachricht bavon eilte ber Konnnanbenr ber bortigen Schutztruppe, Freiherr v. Stetten, ber Expebition Dominik entgegen, traf sie auch unb führte sie bann nach Ebea am Sannanga.
* Unter bem Vorsitze bes Präsibenten bes Reichsversicherungsamts, Herrn Bödicker, trat hier am Montag eine Konferenz von Vorsitzenden ber Jnva- libitäts- unb Altersversicherungs - Anstalten unb Vertretern ber Lanbesversichernngsämter zusammen, um über bie Jnvaliditäts- und Altersversicherung betreffend Berwaltungssragen zu berathen. Insbesondere kommen dabei in Betracht: eine Aendernng ber Geschäftsanweisung vom 29. Oktober 1890, betreffend bie Auszahlungen bnrch bie Post, eine Aenbernng int Verfahren bes Ausschusses ber Versicherungsanstalten bei Aufstellung bes jährlichen Haushaltsplans. Die Ver- meibung von Doppelzählungen bei Zusammentreffen von Unfallrente einer- unb Jnvaliben- ober Altersrente anberfeits; bie Zahlung einer Unterstützung an Angehörige solcher Versicherten, welche in einem Krankenhause zum Zwecke bes Heilverfahrens untergebracht finb; ferner bie Frage, ob § 126 Abs. 2 bes Jnvaliditäts- und Altersversicherungsgesetzes den Kontrollorganen bas Recht gibt, von ben Arbeitgebern Auskunft auch über bie Lohnverhältnisse ber von ihnen meinem Wunsche Rechnung tragen." Sie blickte ihn bittenb an.
„Ich habe niemals mein gegebenes Wort zurtick- genommen, wie könnte ich es bei bieser Gelegenheit thun!" bemerkte er, finster zu Boben blickenb.
„Nun gut," sagte wehmüthig Dolores, „wenn Du vorziehst Deine Frau, bie Du so über Alles zu lieben vorgiebst, mit trüben Ahnungen an ben Altar treten zu sehen, so halte Dein Wort! Aber hüte Dich vor Pablo's Freunbschaft, benn sie bringt Dir Unglück unb Verberben."
„Ihr Frauen habt Antipathien unb Vorurtheile, nach benen ihr hanbelt, bie kaum zu bekämpfen finb;" lächelte gezwungen Marcial. „Ich will nicht ben Vorwurf auf mich laben, falls uns im späteren Leben ein Unglück träfe, daß Pablo die Schuld trüge. Bist Du zufrieden, kleine Gebieterin? Ich beuge mich Deiner Macht!"
Marcial's Urlaub ging zu Ende. Er hatte mit Dolores ben Silben Spaniens bnrchstreift, sie sehnten sich zurück nach ber trauten Heimath. Dolores hatte mit regem Geiste die neuen Eindrücke, welche bie Reise bot, in sich aufgenommen. „Ich werbe dieselben niemals vergessen," meinte sie, noch schaudernd an die aufregenden Stiergefechte denkend, wo der Mensch so leichtsinnig sein Leben auf das Spiel setzt, und die armen Thiere zu Tode quält, und bie Menge Beifall
beschäftigten Personen zu verlangen, unb endlich bie Frage ber Erweiterung ber Grünbe für bie Wieder- aufnahme bes Verfahrens gemäß § 82 bes Jnvalibitäts- unb Altersversicherungsgefetzes.
* Von ben fünf Büchern bes Entwurfs eines bürgerliche» Gesetzbuches zweiter Lesung liegt nunmehr auch bas bem Familienrecht geroibmete 4. Buch in ber bnrch bie Rebaktionskommisston sestgestellten Fassung vor. Die brei ersten Bücher finb bereits im Frühjahr bieses Jahres auf Veranlassung bes Reichsjustizamts in einer amtlichen Ausgabe erschienen unb wirb in ben nächsten Tagen bas 4. Buch veröffentlicht werben. Das 5. Buch — Erbrecht — soll im Frühjahr 1895 nach- solgen.
* An ben Reichskanzler unb bie beutschen Bundesregierungen beabsichtigt der Bund deutscher Gastwirthe eine Eingabe zu richten, in welcher um Herbeiführung strengerer gesetzlicher Maßregeln gegen Boykotts gebeten werden soll.
* Der langjährige erste Vorsitzende des Central- vereins für Hebung der deutschen Fluß- unb Kanalschifffahrt, Professor Schliechting, ist im Alter von 60 Jahren in Charlottenburg gestorben.
* Aus einer Veröffentlichung über ben letzten Jahresabschluß der preußischen Staats - Eiscubahn- Berwaltung geht hervor, baß ber Rohüberschuß ber Verwaltung um reichlich 40 Millionen Mark höher ausgefallen ist, als er im Etat für 1893/94 veranschlagt war unb ber Reinüberschuß 162,792.340 Mk. betragen hat. Von biesem großen Ueberschuß hat gesetzmäßig ein Theil zur Tilgung von Staatsschulden und'zur Deckung von Anleihen Verwenbung zu sinben, 137,998,830 Mark aber zur Deckung anberroeiter etatsmäßiger Staatsausgaben bes letzten Rechnungsjahres bienen können. Das Jahr 1893/94 hat den höchsten bisher erzielten Reintiberschuß ber preußischen Staatsbahnverwaltung ergeben, und es ist andererseits von der Verwaltung im Jahre 1893/94 der höchste Betrag zur Deckung anderweiter etatsmäßiger Staatsausgaben geleistet worden.
'* @ine Bismarck - Spende, die dem „Altreichskanzler" zu seinem 80. Geburtstage gestiftet werden soll, ist von „Frauen und Jungfrauen aller Stände" in Breslau geplant. Die Erträge dieser Stiftung fallen zu Gunsten ber Provinz Schlesien in einer vom Fürsten Bismarck zu bestimmenden Weise verwandt werden. Außerdem soll dem Fürsten eine Adresse und ein Erzeugniß des schlesischen Kunstgewerbes überreicht werden. In Ostpreußen wird für eine ostpr eußische Bismarckstiftung zu wohlthätigen Zwecken gesammelt, die ebenfalls zum 1. April nächsten Jahres errichtet werden fall. (An Stiftungen für andere Leute dürste, nach den bisherigen Erfahrungen zu urtheilen, dem Fürsten Bismark nicht allzuviel gelegen sein.)
* Die Kaiserin Friedrich, welche gegenwärtig noch auf Schloß Rümpen heim weilt, trifft am Sonnabend in Berlin ein, um hier während des Winters dauernden Aufenthalt zu nehmen.
* Barzin, 19. Nov. Professor Schweninger, der am 17. d. hier eingetroffen war, ist heute Nachmittag wieder abgereift. Der Tag der Abreise des Fürst en- klatscht. Geblendet war sie von den Theatern und dem Luxus der großen Welt, aber sreudig hatte sie die Großartigkeit und Schönheit der Natur bewundert und die antiken Kunstwerke, die sie gesehen. Für Marcial war das Interessanteste das glückliche Erstaunen seiner kleinen Frau, bie sich jetzt naiv für gebildet erklärte. „Mit einigen kleinen Winken Deinerseits werde ich doch bie Frau Direktor roürbig repräsentiert?" fragte sie scherzend, wobei sie sich auf die Fußspitzen stellte, um ihm bis an den Kopf zu reichen. „Es scheint, Du willst mir über den Kopf wachsen, unb bann von oben auf mich herabsehen!" Mit biesen Worten hob er sie hoch in bie Lust unb ihr Sträuben kam längst zu spät, wie auch ihre demüthige Bitte, sie nur im Staube zu taffen. Marcial wollte nun einmal praktisch beweisen, wie er sie auf den Hänben tragen werbe.
Mit ber größten Zuvorkommenheit würbe bas junge Ehepaar im Stäbtchen begrüßt. Alle Familien kamen, nm nach spanischer Sitte ihnen ihr Haus unb ihre Freundfchaft zu off er ir en. Natürlicherweise wirb Besuch unb Offerte sehr bald erwidert. Wenn beides auch nur eine Höflichkeitsform ist, so ist doch ein so liebevolles Entgegenkommen wohlthuend und erleichtert den geselligen Verkehr und die Schwierigkeit, ffich in neue Verhältnisse einzuleben. Das Haus von Marcial war eines ber angenehmsten der Stadt. Es herrschte ein ebenso gesellschaftlich-feiner, als auch gemüthlicher Ton