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Mittwoch, den 14. November 1894.
21. Jahrgang
FuldlltrWZeitiing
mit Untrrhaltrrrrgs-Hettage „Sterne und Ktumen".
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S Sozialdemokratische „Wissenschaft".
Der eitle Lassalle war auf seine Gelehrsamkeit nicht wenig stolz, er behauptete sogar, daß er, ausgerüstet mit der ganzen Wissenschaft seines Jahrhunderts, vor das Volk trete. Mehr oder minder ist auch jetzt noch jeder sozialistische Agitator dieser Meinung, und die Partei geht überhaupt darauf hinaus, den „Genossen" die Ansicht beizubringen, daß sie sofort die Wissenschaft in Erbpacht nehmen könnten, wenn sie Sozialdemokraten geworden seien. Alle Forderungen der Partei werden im Namen der „Wissenschaft" erhoben, und Alles was nicht fozialdemokratisch ist, steht nach Ansicht oder Angabe der rothen Führer nicht auf der Höhe der Wissenschaft. Wie die Grundidee der Sozialdemokratie Materialismus ist und bei ihr Alles auf die niederen Triebe im Menfchen hinarbeitet, fo ist auch die sozialdemokratische „Wissenschaft" nichts als eine vergröberte und ins Praktische übersetzte Auflage desjenigen Materialismus, der seit Jahrzehnten von zahlreichen Universitäts-Lehrstühlen im Austrage und auf Kosten des Staates gelehrt worden ist. Aus dem Magazin der Professoren der „modernen Ideen" holt die Sozialdemokratie ihr Rüstzeug, arbeitet es zu einer gewissen Volk-thümlichkeit um und gibt es ihren Agitatoren in die Hand, um damit die „Ordnungsbestie" zu bekämpfen und neue Rekruten für das Heer der Partei zu werben.
Wenn man die Lektüre überschaut, welche die Sozialdemokratie unter den „reiferen" Genossen verbreitet, so muß die entsetzliche Plattheit derselben sofort auffallen. Materialistische Schriften ödester Art, seichte, aber boshafte Schmähschriften gegen Religion und Christenthum, kritiklose Tendenzwerke über geschichtliche, namentlich revolutionäre Epochen, Abhandlungen und Schriften volkswirthschastlichen und sozialpolitischen Inhaltes, die reichlich mit Phrasen um sich werfen, aber die Durchdringung des Gegenstandes gänzlich vermissen lassen, das ist so ziemlich die Bibliothek, aus welcher der „wissenschaftliche" Genosse und Agitator seine Kenntnisse zu schöpfen hat, abgesehen von der Tagesliteratur in den Zeitungen und Zeitschriften der Partei. Besonders charakteristisch ist auch der anmaßende, prätentiöse Ton, welcher in den „wissenschaftlichen" Werken der Sozialdemokratie zu Tage tritt Da werden Vermuthungen und Hypothesen, die nichts hinter sich haben, als die Phantasie des Urhebers ohne Scheu als feststehende und erwiesene Thatsachen hingestellt, und auf Grund derselben wird ein Lehrgebäude errichtet, wie es der Sozialdemokratie in den Kram paßt, unbekümmert darum, ob für das Ganze eine Grundlage vorhanden ist oder nicht. Die Darwinsche Descendenztheorie z. B. gilt jetzt auch bei der materialistischen Gelehrtenwelt als abgethan. Die bedeutendsten Autoritäten dieser Schule haben für dieselbe, wie für die „freie Zuchtwahl" nur mehr ein mitleidiges Achselzucken;
Dolores.
Roman von Th. K.
(5. Fortsetzung.)
Nach acht Tagen reiste Don Juan ab und der Direktor sah mit dem ganzen jugendlichen Enthusiasmus der rosigsten Zukunft entgegen. Er gönnte sich nicht mehr die nöthige Ruhe, so eifrig arbeitete er. Heute nun entwarf er die Zeichnung und suchte exakt und zierlich die ganze Grubenfläche auf das Papier zu bringen. Und zwischen all' diesem gedachte er der lieblichen Erscheinung auf Santo Toribio. Er hatte leider feinen Vorsatz, jeden Freitag ebenfalls dorthin zu gehen, nicht ausführen können. „Aber es ist heute Freitag — ob sie wohl wieder dort ist? Ob sie an mich gedacht hat?" Er packte seine Zeichnungen zusammen, machte eilig Toilette und vertraute seinem guten Stern. Rüstig stieg er den Berg hinan, als müßte er die verlorene Zeit nachholen.
Dolores hatte schon eine halbe Stunde auf ihrem Lieblingsplätzchen geruht; sie erinnerte sich eben jetzt wieder deutlich des jungen Mannes, als dieser vor ihr stand. Halb verlegen, halb ärgerlich blickte sie ihn an, um sich dann mit kurzem Gruße zu entfernen.
„Warum wollen Sie fort, Sennorita?" fragte Marcial.
„Um mir ein anderes Plätzchen zu suchen, wo ich
in den sozialdemokratischen „wissenschaftlichen" Schriften spukt sie aber munter weiter und gilt dort als unverrückbares Dogma. Auf religiösem Gebiete ist es nicht besser; hundertmal widerlegte Behauptungen tauchen in der sozialdemokratischen Literatur immer wieder als Thatsachen auf, die keines Beweises mehr bedürfen; überhaupt aber ist es Methode der Sozialdemokratie, das Gebiet der Beweise links liegen zu lassen. Eine Reihe von Grundgedanken, welche ihr gelegen kommen, wird als „eiserner Bestand" angenommen, von diesen aus betrachtet man alle Erscheinungen und kann auch mit geringem Geschick in der Gruppirung sodann Folgerungen ziehen, wie man sie wünscht. Ein solches Material stellt an die Auffassungskraft keine hohen Anforderungen, und da zu Agitatoren mit Sorgfalt jene Elemente herausgesucht werden, welche neben natürlicher Redegabe für Fana- tisirung empfänglich sind, so ist es kein Wunder, daß es der Sozialdemokratie leicht gelingt, sich „Eintreiber" in kürzester Zeit zu dressiren. Als sehr zweckdienliches Moment kommt noch hinzu, daß bei der Ausbildung der Agitatoren deren Selbstbewußtsein nach jeder Richtung hin gepflegt und gestärkt wird. Ein echter Sozialdemokrat sieht mit Geringschätzung auf Jedermann, der nicht zu feiner Partei gehört, in jeder fozialistischen Zeitungsnummer werden alle Nichtgenossen als erbärmliche Subjekte geschildert, über welche der grünste Sozialdemokrat thurmhoch erhaben ist. Es kann nicht Wunder nehmen, daß der stetige Hinweis dieser Art besonders auf junge Leute, in deren Gehirn noch der jugendliche Most rauscht, gleichsam berauschend wirkt. Diese einfache psychologische Erscheinung erklärt es auch, weshalb so viele unreife Burschen mit wahrem Feuereifer sich der Agitation hingeben und grenzenlos gereizt werden, wenn ernstere, gesetzte Männer ihnen zu widersprechen wagen. Sie glauben eben, die sozialdemokratische Wissenschaft in sich ausgenommen zu haben; mit ihrem kleinen Vorrathe halbverdauter Redensarten und Schlagwörter kommen sie in ihren Kreisen aus, verschlingen dann hie und da eine seichte Flugschrift und halten des Abends ein „Referat" über ein Thema, welches sie morgens sich auf diese Weise zu eigen gemacht haben. Es geht ihnen schließlich dabei allerdings, wie es den billigen und schlechten Maaren ergeht: sie halten nicht vor und werden vorzeitig zum alten Eisen geworfen. Wenn sie eine Zeit lang ihre Weisheit ausgekramt haben, werden sie langweilig, ihnen selbst wird auch ihre Rolle langweilig, falls sie nicht durch irgend einen Zufall oder die Gunst der Parteipaschas in einen höheren Rang befördert werden; inzwischen haben sich nach dem nämlichen Schema andere jüngere Kräfte herangebildet, die mit gleichem Selbstbewußtsein auf ihre fehllose „Wissenschaft" das alte Material in anderen Geschirren serviren und thatsäch- lich auf ihre Kenntnisse gegenüber den älteren Agitatoren pochen zu können glauben. So geht es „wissenschaftlich" im alten Kreislauf weiter, Alles ist auf die
Urtheilsunfähigkeit der Arbeiter berechnet, mit blinkendem Phrasenflitter werden dieselben geködert und wenn ie gläubig auf die Worte ihrer „Führer" schwören, erhalten sie gern das „aufrichtige" Zeugniß, daß fte, wie ehedem Lassalle, mit der „ganzen Wissenschaft ihres Jahrhunderts" ausgerüstet sind. Ein werthvolles Diplom — nicht wahr?
Deutsches Reich.
Berlin, 12. November.
* Wie die,Post' vernimmt, dürfe die anderweitige Besetzung des Justizministeriums als nahe bevorstehend betrachtet werden. Es heiße, daß die Verhandlungen mit dem Präsidenten des Oberlandesgerichts in Celle, Schoenstedt, zum erwünschten Resultate geführt hätten.
* Das Gerücht von der Ernennung des Dr. Kügler zum Kultusminister wird von der .Kreuzzeitung' als unbegründet erklärt. Das konservative Blatt spricht dann weiterhin seine „Ueberzeugung" dahin aus, „daß Dr. Kügler bei der großen Mehrheit des Abgeordnetenhauses auf die geringsten Sympathieen zu rechnen haben dürste."
* Wird die Centrumspartei die ausschlaggebende Partei im Reichstage bleiben? Unter diesem Titel ist im Verlage der ,Germania' in Berlin eine kleine Schrift des Centrumsabgeordneten Amtsgerichtsrath W Schwarze, des Vertreters des Reichstagswahlkreises Lippstadt Brilon, erschienen, die neben einer genauen, nach den Regierungsbezirken geordneten Statistik der Wahlresultate höchst beachtenswerthe Winke für die Central-, Provinzial und Kreiswahlvorstände enthält. „Schon oft", fagt der Verfasser in der Vorrede, „ist das Centrum begraben worden; schon ost behauptet worden, daß der Centrumsthurm bröckele. Auch bei der Reichstagswahl 1893 ist diese alte Behauptung wieder erhoben, und dieses hat den Verfasser veranlaßt, die Ergebnisse der Reichstagswahl in dieser Beziehung einer Untersuchung zu unterziehen. Diese Untersuchung hat für die Centrumspartei ein sehr gutes Resultat gehabt. Es ergibt sich klar aus den statistischen Zahlen, daß das Centrum seinen Kulminationspunkt noch nicht überschritten hat, sondern sich noch auf der auf steigend en Linie befindet. Sämmtliche Verluste des Centrums sind lokalen Ursachen oder vorübergehenden Zuständen zuzuschreiben, die, wenn das Volk dem Centrum treu bleibt, verschwinden. Anderseits kann aber das Centrum in einer größeren Menge von Wahlkreisen, in denen die Sozialdemokratie auf Kosten der konservativen oder nationalliberalen Parteien wächst, dadurch siegen und neue Sitze erlangen, daß es in Folge dieser Verhältnisse mit einer dieser Parteien in die Stichwahl kommt und in dieser siegt, wie das die Wahlen in Bielefeld und Bochum gezeigt haben". Will man überall die Winke, die der Verfasser für die Wahlen gibt, beher-
mich ungestört ausruhen kann; ich verzichte von heute an auf dieses."
„Bitte, Sennorita, ich habe nicht daran gedacht, daß Ihnen meine Gegenwart so unangenehm sein könnte. Sie haben Recht, ich verspreche Ihnen, Sie niemals wieder zu belästigen; bleiben Sie, ich gehe schon."
Marcial sah sie bittend an. Dolores kämpfte einen Augenblick mit sich selbst und sagte dann mit ihrer natürlichen Offenheit:
„Nein, das kann ich für heute nicht annehmen, Sie sind möglicherweise auch müde; für heute wollen wir uns alfo diesen Platz friedlich theilen und nächstens bleibt er Ihnen überlassen."
„Ich lasse mich nicht von Ihrer Großmuth übertreffen," verbeugte sich Marcial. „Ohne Ihre Gesellschaft verliert er für mich den Werth — und ich verzichte. Wollen Sie nur noch die Güte haben, mir Ihren Namen zu sagen? Ich möchte Ihnen gern auf neutralem Gebiete begegnen, wo ich weniger von Ihrer Gnade abhänge."
„Dolores de Mendora," antwortete sie freundlich. „Visitenkarten führe ich auf meinen Wallfahrten nicht, da ich auf keine fahrenden Ritter gerechnet habe."
„Und für wen beten und pilgern Sie jeden Freitag?" Darf ich das auch wissen?"
„Für Jemand, den ich sehr lieb habe," antwortete sie wehmüthig lächelnd.
„Und Sie glauben wirklich, damit etwas bei Gott zu erreichen? Sie glauben, Gott kümmere sich um jede Kleinigkeit und um das Leben jedes Einzelnen? Sie glückliches Kind!"
Befremdet fah Dolores den jungen Mann an. Sie bekreuzte sich, wie das in Spanien Jeder thut im Stadium des Schreckens und der Verwunderung. „Jefus Maria!" rief sie dann erstaunt, „Sennor, sind Sie ein Ketzer? Bei wem haben Sie Ihre Religionsstunden gehabt? Gelernt haben Sie in diesem Fache nicht viel," setzte sie naiv hinzu, „oder Alles verlernt und vergessen? Das wäre traurig!"
Der junge Mann amüsirte sich im Stillen über diesen Gedankengang, der sich zugleich so lebhaft in ihren Mienen aussprach. Er hätte für Alles in der Welt das Thema nicht gewechselt.
„Wollen Sie mich nun als armen Sünder in Ihr Gebet einschließen, Donna Dolores?"
„Nein!" sagte sie kalt und entschieden. „WasEiner selbst kann, soll er nicht von Anderen verlangen."
„Aber ich kann es ja nicht - ich glaube ja nicht," erwiderte Marcial.
„Ein Grund weniger, mich darum zu bitten, Sen- norito. Somit war Ihre Bitte ein Spott!" Dolores sprach in gekränktem Tone.
Bei Gott, ich wollte Ihnen nicht wehe thun!"