Beilage jiw Wulöaeo Aerlung.
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JVi 259
Sonnlcrg, den 11. Wovember 1894.
21. Jahrgang
Dolores.
Roman von Th. K.
(3. Fortsetzung.)
Die Unterhaltung wurde durch den raschen Eintritt von Dolores unterbrochen.
„Dein Papa war schon besorgt um Dich, mein Kind," sagte die Mutter freundlich, den dargereichten Strauß annehmend; „er protestirt gegen Deine Pilgerfahrten so ohne Begleitung, er hat auch nicht Unrecht, Du siehst sehr erhitzt aus." Sie blickte besorgt und forschend in das Gesicht ihres Kindes.
„Die Sonne hat es zu ehrlich gemeint, lieb Mütterchen, ich bin warm geworden." Mit diesen Worten entzog sich Dolores einer weiteren Prüfung, indem sie sich an den Vater wandte.
„Papa, Du willst doch Dein eigenes Blut nicht verleugnen? Wann wäre wohl jemals einer unseres Namens furchtsam gewesen? Den früheren Reichthum haben wir nicht geerbt, aber die Grundzüge des Charakters sind nicht verloren gegangen, schade, daß ich nur ein Mädchen bin."
Der alte Herr sah lächelnd auf sein stolzes Kind, das mit weiblichem Scharfsinn die schwache Seite des Papas zu benutzen wußte.
„Nicht wahr, Moro, es wäre eine Schande, wenn ich mein Gelöbniß für den Bruder nicht halten wollte, wir würden uns beide schämen. — Siehst Du, Papa, wie verständig mir Moro die Hand leckt? Er versteht mein Lob und Dein unverdientes Mißtrauen."
„Es ist Zeit zu Tisch", erhob sich Donna Regina, „arrangire Deine Toilette etwas, dann wollen wir speisen, damit Du Dich nachdem ausruhen kannst."
Das einfache aber nahrhafte Essen bestand aus einer etwas steifen Suppe, der beliebten spanischen Carbanzos, worin frisches Rindfleisch, Wurst, gesalzenes oder geräuchertes Fleisch und ein Stück Huhn sich befinden muß ; dann aus einer zweiten Schüssel: grünem Kohl oder einem anderen Gemüse mit Speck. Bei feineren Essen folgt noch Ragout und Braten. Das Dessert fehlt niemals, selbst bei den Aermsten nicht.
Eine halbe Stunde später machte Jedes eine kleine Siesta, der kräftige Wein forderte, ein Mittagsschläfchen. Bis 4 Uhr ruhte die spanische Familie in Morpheus Armen.
3. Kapitel.
Wohl ist's der Fluch der bösen That, Stets Böses zu gebären;
Gottlob, der Segen guter That Wird ewig, ewig währen.
Es ist gewiß, sowohl weises Betragen als einfältige Aufführung nimmt Einer vom Andern an, wie Krankheiten anstecken; deswegen mag sich Jeder mit seiner Gesellschaft vorsehen.
Shakespeare.
Don Pablo hatte sich auch auf seine Matratze gestreckt. Unruhig warf er sich hin und her, aber der ersehnte Schlaf wollte nicht kommen. Sein Gehirn brannte. Waren es die versengenden Sonnenstrahlen oder die grimmigen Gedanken, die darin wühlten. Dolores Bild, ihr Bild gaukelte vor seinen geschlossenen Augen, spottete der tiefen Dunkelheit und der zugezogenen Läden. Ihre Worte, mit denen sie seine Huldigung flalt abgewiesen, tönten noch in seinen Ohren und stachelten ihn zur Rache auf. „Ich will mir Pedro rufen; er soll mir helfen, meinen Haß zu kühlen, er wird mich übertreffen in dem Durst nach Rache und Haß, denn er ist bei dem Teufel in die Schule gegangen; mir ist er treu ergeben." — Gedacht, gethan!
Nach ein paar Minuten kam Pablo zurück mit einem kleinen, verkrüppelten Bettler, einem wirklich abschreckenden Menschen. Verschlagenheit, Verbissenheit und Bosheit drückten den Stempel auf seine häßlichen Züge, und das blödsinnige Grinsen machte ihn vollends zu einem widerlichen Subjekt. Er war von Allen gemieden und gefürchtet, und vielleicht lag darin der Schlüsfel, daß es nur eine Genugthuung für ihn gab: Anderen wehe zu thun und sich über ihr Leid und Unglück zu freuen. Pablo hatte ihn schon öfter benutzt, ihm seine Dienste reichlich bezahlt und ihn mit seinem Vertrauen beehrt; — daher rührte eine gewisse Sympathie zwischen den Beiden.
„Hier trinke Wein, Pedro," redete ihn Pablo an, „die Hitze macht Durst. Andere Leute vergessen Dich, weil Du häßlich bist, ich denke aber an einen Freund, wie Du siehst."
„Gott segne Sie dafür, gnädiger Herr," erwiderte demüthig grinsend der Bettler. „Auf Ihr Wohl!" — und er leerte in einem Zuge das große Glas.
„Was befehlen Sennorito dem armen Pedro? Verfügen Sie über meine fchwachen Kräfte, die Sie neu gestärkt haben."
Zögernd betrachtete Pablo den gräßlichen Menschen. Noch zauderte er. Sollte er wirklich sein einzig gutes Gefühl diesem Scheusal anvertrauen — seine Liebe zu Dolores? Er kämpfte nochmals mit sich. „Sie hat es nicht anders gewollt" — entschied dann sein Haß, entflammt durch die südlich-feurige Leidenschaft.
Pedro störte seinen Gedankengang nicht. Mit be- gierlichen Augen sah er nach dem hübschen Dolche, womit Pablo gedankenlos spielte. Wie, wenn er den verdienen könnte!
„Soll ich das kleine, zierliche Jnstrumentchen benutzen, Sennorito?" fragte er lauernd. „Es scheint sehr tauglich zu sein, hübscher Griff und scharfe Schneide! Nach der Benutzung würde es Ihnen doch nicht mehr gefallen. — Dem Verdienste die Krone! Lassen Sie es als Preis für die Forderung gelten."
„Du bist zu rasch, mein Freund; aber Dein soll der Dolch sein, da ich sehe, Du willst mir dienen. Nimm ihn! Zunächst aber sei mir Dein Rath willkommen: Dolores muß mein Weib werden!" stieß er leidenschaftlich heraus, „verstehst Du mich, Pedro? Wie gewinne ich Einfluß auf sie, oder wie die Macht, sie elend zu machen?"
„Ei, sie will nicht — unser Kind?" höhnte der Krüppel. „Ihnen fehlt die Ahnenreihe, sie will Ihr Geld und Ihren neuen adligen Namen nicht gelten lassen, — und doch ist er so rechtlich von der Regierung mit Schrift und Siegel verdient," antwortete der Krüppel boshaft, selbst diesen besten Gönner nicht schonend.
„Warum verklagen Sie den Alten nicht als Ver- räther wegen seiner carlistischen Sympathie? Er ist doch nicht der Erste, der vom Schauplatze des Lebens plötzlich verschwindet. Warum lassen Sie das Wenige, was noch da ist, nicht unter den Hammer bringen, da der Sohn bei der Armee Don Carlo's dient, und die Zeitungen öffentlich dazu aufgefordert haben, das Vermögen Solcher zu konfisziren? Sie erhalten dann dadurch als treuer Unterthan eine paffende Stellung, z. B. als Governador der Provinz. Wie hübsch das klingt! Und die hochadlige Dame ist eine Bettlerin, wie ich. Hui! welch' herrlicher Plan!"
' (Fortsetzung folgt.)
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