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21. Jahrgang

Dnnnerstag, dm 8. November 1894.

Verhältnisse das rothe Gespenst immer drohender und gefährlicher wird, dann sollte man doch nicht länger zögern mit der Beseitigung solcher Gesetze, welche ge­eignet sind, den Mittelstand der allmählichen, völligen Auflösung zuzuführen und mit der Einbringung solcher Gesetze, welche geeignet sind, den Mittelstand zu schützen und zu erhalten.

Mit diesem gesetzlichen Schutze des Mittelstandes allein ist es allerdings noch nicht genug, sondern es muß auch zugleich das religiöse Gefühl des Volkes gestärkt werden. Dazu bedarf es der vollen Freiheit der Kirche, insbesondere auch der Orden. Nur auf diese Weise: gesetzlicher Schutz des Handwerker-, über­haupt des Mittelstandes, und Pflege der religiösen und kirchlichen Freiheit kann die Sozialdemokratie wirksam bekämpft und eine friedliche und gedeihliche Entwickelung der staatlichen und sozialen Verhältnisse gesichert werden.

E. Zur Handwerkersrage.*)

Allem Anscheine nach haben die verbündeten Re­gierungen immer noch keine Eile, den berechtigten Forderungen entgegen zu kommen. Anscheinend kalt und theilnahmlos lassen sie „das Spiel der freien Kräfte" weiter wirken und thun so, als ob es sie nicht kümmere, daß der Mittelstand immer mehr zerrieben, und den Umsturzparteien dadurch beständig neue Kräfte zugeführt werden! f

Haben die verbündeten Regierungen nicht dieUeber- zeugung, daß der Handwerkerstand mit dem Mittel­und dem Bauernstände das sicherste Fundament des Staates ist? Haben sie etwa all' die Jahre seit Ein­führung der „liberalmanchesterlichen" Gesetze, insbe­sondere der zügellosen Gewerbefreiheit, den Tanz ums goldene Kalb nicht gesehen? Richt gesehen die auf­saugende Thätigkeit des Kapitals, wie eine — bislang zufriedene — mittlere Existenz nach der andern dem Rechte des Stärkeren unterliegen muß, und dadurch aus diesen srüheren starken Stützen des Staates dessen grimmigste Feinde erwachsen? Haben sie nicht gehört die Stimme des Landesvaters, der zu Wiederholten­malen dem Wunsche Ausdruck gab, das Handwerk möge wieder so hergestellt werden, wie es im 14. Jahr­hundert bezw. wie es vor dem dreißigjährigen Kriege gestellt war?

Verlangen denn etwa die Handwerker etwas Un­erfüllbares? — Sie verlangen nur, was die sogen, akademischen Stände haben, nämlich die Schranke eines Examens. Sie fordern daher nur, der Staat möge das Handwerk und den Mittelstand in derselben Weise schützen, wie er die gelehrten Stände schützt. Ohne diesen Schutz wären die letzteren ebenso dem Untergange geweiht, wie das Handwerk, und daher ist es doch gerechtfertigt, daß das Handwerk, welches mit Steuern und Lasten sicher nicht geschont wird, denselben Schutz verlangt, den andere Stände besitzen; zumal dieser gesetzliche Schutz zugleich das einzige Mittel bietet, um das Handwerk und mit ihm den Mittel­stand zu heben. Warum also zögert man, solche wirk­same Mittel zur Hebung des Handwerks anzuwenden? Weshalb läßt man dem seit Jahren vorgegebenen Be­streben, das Handwerk zu heben, nicht endlich Thaten folgen? - Weil man fürchtet, das Kapital könne nicht mehr bestehen? — Nun, war vielleicht im Mittelalter kein Kapital vorhanden? Großkapital war damals genug vorhanden, ja der Handel des deutschen Groß­kapitals war damals noch bedeutender als jetzt. Aber diesem Großkapital war es nicht gestattet, den Mittel­stand zu zerstören, und dadurch zugleich am besten und stärksten Pfeiler des Staatsgebäudes zu rütteln. Es durfte durch feine Handelsverbindungen den Reich- thum anderer Länder nach Deutschland lenken, durch den Export deutscher Erzeugnisse und durch Bezug hier nicht zu beschaffenden Rohmaterials.

Für den Mittelstand gibt es keinen gefährlicheren

*) Von einem Handwerksmeister.

Dolores?)

Roman von Th. K.

1. Kapitel.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag, Man weiß nicht, was noch werden mag, Das Blühen will nicht enden: Es blüht das fernste, tiefste Thal, Nun, armes Herz, vergiß die Qual, Es muß sich Alles, Alles wenden.

Uhland.

In der tiefsten Waldeinsamkeit, ziemlich hoch über dem breiten Fahrweg, der auf das Plateau des Berges führte, faß ein junges Mädchen. Sie hatte sich behag­lich in das fchwellende Moos gesetzt und athmete in langen, kräftigen Zügen die frische Morgenluft. Ihr zur Seite lag ein fchwarzer Bernardinerhund, der klug und treu seiner Herrin ins Auge sah, um dann, nach den gewohnten Liebkosungen, den Kopf in ihren Schooß zu legen.

„Nicht wahr, Moro, es ist prachtvoll hier!" Semen Kopf zwischen ihre Hände nehmend, zeigte sie auf die malerische Landschaft. „Sieh' diese Schneespitzen, diese steilen, zackigen Felsen, wie sie griesgrämlich aus das lachende, grüne Thal herabsehen, grade wie ein alter Großvater in der weißen Zipfelmütze auf die tolle

*) Nachdruck verboten.

Gegner als das durch keine Schranken eingeengte und I znrückgehaltene Kapital. Will man nicht, daß der ganze Mittelstand verschwindet, so müssen Gesetze ge­schaffen werden, durch welche dem Mittelstände Schutz gegen die aufsaugende Thätigkeit des Großkapitals ge­währt wird. Es ist geradezu eine unheilvolle Ver­blendung, wenn man den Ruin des Mittelstandes anderswo suchen will als in der verkehrten Gesetz­gebung. Unter der jetzigen zügellosen Gewerbefreiheit muß der Handwerker- und Mittelstand eingehen, auch wenn es keine Maschinen gäbe.

Und nun sage man nicht, es sei nicht möglich, dem Handwerke durch Gesetze zu helfen. Man stelle in erster Lienie fest, was ein Handwerk ist, und lasse nur den zum selbständigen Betriebe zu, der sem Examen bestanden hat, wie das in den akademischen Ständen verlangt wird.

Die Schäden sind tief eingewurzelt; deshalb be­darf es tief einschneidender Gesetze zur Beseitigung die­ser Schäden. Der Handwerker- und Mittelstand ist ein so wichtiger und nothwendiger Faktor in unserm Staatsleben, daß ein Gesetz zu seiner Erhaltung nicht scharf genug sein kann. Es gibt in Deutschland noch über fünf Millionen selbständiger Handwerker. Rechnet man hierzu die übrigen Ge­werbetreibende — kleinerer und mittlerer Kaufmann­stand, — welche ebenso schwer unter der Kapitalherr­schaft seufzen, so hat man einen so großen Theil der Bevölkerung, daß es sich wohl lohnt, wenn die Gesetz­gebung sich einmal gründlich damit befaßt. Durch gesetzlichen Schutz dieses Faktors würde wieder em kerngesunder, lebenskräftiger Mittelstand geschaffen, welcher nicht ins Proletariat sinkt, und kein Interesse am Umsturz haben kann, und damit würde der So­zialdemokratie ein gut Theil des Bodens, auf dem sie wächst und gedeiht, entzogen. Das Handwerk würde sich dann auch wohl wieder aus den bessern Ständen verjüngern und ergänzen, sobald es wieder eine sichere Zukunft bietet. Es ist nicht allein im Interesse des Handwerks und des Mittelstandes nothwendig, daß Stände geschaffen und geschützt werden, in welchen man nicht große Reichthümer, wohl aber eine sichere Existenz, einen gewissen Wohlstand finden kann, sondern dies ist auch nothwendig im Interesse unserer ganzen Ge­sellschaftsordnung. Ein Staat, welcher aus vielen kleinen und mittleren gesicherten Existenzen besteht, wo l das Vermögen der Nation mehr vertheilt ist, wo weniger Millionäre, aber dafür auch weniger Prole­tarier sich finden, bietet eine bedeutend größere Sicherheit, als ein solcher, welcher auf der einen Seite nur Plutokraten und auf der andern nur arme, unzufrie­dene Proletarier hat. Wenn nun, wie nicht bestritten werden kann, die Gesetzgebung die Hauptschuld trägt, daß in unserm Vaterlande die kleinen und mittleren Existenzen zu Gunsten des Großkapitals und dessen Anhäufung in wenige Hände theils vernichtet worden sind, theils mit Naturnothwendigkeit ihrer Vernichtung entgegengehen — wenn ferner feststeht, daß durch diese fröhliche Jugend blickt, die da tausenderlei Unsinn treibt. Das nennt man Kontraste, Moro, und Kon­traste machen die Natur schön, und auch das mensch­liche Leben. Doch das verstehst Du nicht, mein Thierchen," fuhr sie nach einer Pause in fröhlichem Tone fort, das schöne Thier hätschelnd, „und ich weiß auch nicht viel von dieser Philosophie; es ist daher für uns bester, unser Butterbrod zu essen; der Marsch und das frühe Aufftehen machen Appetit." Sie griff in ihr Körbchen und theilte redlich mit ihrem Be­gleiter, der kunstgerecht jeden Bissen ausfing. „Die Apfelsinen munden dir nicht," lachte sie hell auf, „trotz deines Durstes; nun gedulde dich! im Kloster­hof plätschert das Wasser. Jetzt wollen wir ein klein wenig Toilette machen und dann brechen wir auf." Sie griff nach ihrem breitrandigen Strohhut, den sie wegen der Hitze abgenommen, versuchte die schweren Flechten unter demselben zu befestigen, glättete ihr Kleid, schob hie und da eine Schleife zurecht — als plötzlich ein junger, eleganter Herr vor ihr stand. Er mußte schon längere Zeit, hinter den Bäumen versteckt, sie beobachtet haben, denn sonst würde der wachsame Hund seine Annäherung ungnädig bemerkt haben. Er stand jetzt kampfbereit, mit den Augen jede Bewegung des Fremden beobachtend, dem unberufenen Eindringling I seine scharfen Zähne zeigend. Sein Knurren warnte

Fuldaer M Zeitung

mit U«trchattnngs-Sritagk .Sterne und Kt«me»". _____________

Deutsches Reich.

Berlin, 6. November.

* Als künftiger preußischer Justizminister an Stelle des Herrn v. Schelling wird jetzt mit großer Be­stimmtheit Reichsbankdirektor Koch genannt - Als Nachfolger des Präsidenten der Reichsbank Dr.Koch werden gerüchtweise die Unterstaatssekretäre v. Rothen­burg und v. Schraut bezeichnet.

* In der gestern unter Vorsitz des Reichskanzlers Fürsten zu Hohenlohe stattgesundenen Sitzung des Bundesraths wurde die Berathung des Reichshaus­haltsetats sortgesetzt.

* Die Verschiebung der Einberufung des Reichs­tags bis zum 5. Dezember ist daraus zu erklären, daß einmal die Arbeiten im neuen Reichstagshause noch nicht weit genug vorgeschritten sind und daß auch der Bundesrath mit seinen gesetzgeberischen Vorbereitungen noch im Rückstände ist. Die Uneinigkeit tm preußischen Staatsministerium hat auch ihre Rückwirkung auf den Bundesrath ausgeübt. Die kleineren Etats sind zum Theil dem Bundesrathe bereits zugegangen, aber der Etat für das Reichsheer und die Marine läßt noch aus sich warten, vielleicht aus dem Grunde, weil noch Meinungs-Verschiedenheiten über die auch in diesem Jahre zu erwartenden Mehrforderungen auszu- qleichen sind. Durch die Ernennung des Fürsten Hohen­lohe zum Reichskanzler ereignet sich zum ersten Male seit der Gründung des Reiches der Fall, daß ein Civilist die oberste Verantwortung für den Mmtar- und Marine-Etat vor dem Reichstage übernehmen muß, und Fürst Hohenlohe mag daher das Bedürfniß empfin­den, über alle Einzelheiten sich genau zu unterrichten. Das erfordert Zeit und Ueberwindung. Möglicherweise wird der Etat auch die Neuerung bringen, daß die Kolonial-Abtheilung des Auswärtigen Amtes zu einem selbstständigen Reichsamte erhoben wird, was zum Zwecke einer sparsamenKolonial-Politik wünschens- werth erscheint. Diese Neuerung ließe sich durchführen, den jungen Mann, näher zu treten. „Moro, komm! komm her, mein treues Thier!" Nur ungern folgte der Hund; er legte sich zu ihren Füßen, aber er büeb i mißtrauisch. , „ ,

„Erlauben Sie mir ein Plätzchen zum Ausruhen, Sennorita?" ... . =

„Ei, gewiß, Sennor, und so lange tote es ehrten beliebt. Sie sehen, ich gehe fort, und mein Eigenthum ist es nicht. Sie haben dasselbe Recht hier, rote ich, entgegnete sie fteundlich. __

Ich bitte, bleiben Sie! Mit Ihrem Fortgänge verliert dieser Platz den schönsten Reiz, holde Diana."

Diana«", lachte das junge Mädchen hell auf, „so heiße weder ich noch mein Hund; mit Göttinen habe ich überhaupt nichts gemein. Sie sind em Fremder, sonst würden Sie schon an meiner Nationaltracht die Asturianerin erkennen." Sie sah bei diesen Worten mit einem Anflug von Koketterie auf ihre zierlichen, aus­geschnittenen Schuhe, die bunten Strümpfe und den reichbesetzten Faltenrock, wobei sie mit der Hand Blatter und Blüthen fortwischte, die sie vorhin zerpflückt hatte. Der junge Herr lächelte fein und setzte sich.

„Bis das Klosterglöckchen läutet, will ich hier bleiben," sagte sie ohne Verlegenheit. „Sehen Sie hier durch die Büsche: einige hundert Schritt weit, da ist I mein Ziel."