Einzelbild herunterladen
 

JV8 255 Mittwoch, den 7. November 1894. 21. Jahrgang

FuldaerWZeitllNß

mit Nnterhaltrrrrgs-Keilagr »Sterne und Klumen".

Lkschetnt täaüch, 6o*w ueb Frrertag« ausgenommen. — Vierteljährlicher Abounementsprei» ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Rar? 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Sarmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

Berlin, 5. November.

* Der Kaiser wohnte heute dem in der Kapelle ter russischen Botschaft zu Berlin stattgefundenen Trauergottesdienste für weiland Kaiser Alexander III. bei und empfing alsdann den neuen Bischof von Fulda Dr. Komp in Audienz.

* Zur Regierungskrisis schreibt die ,Germania' nm Schluffe eines längeren Artikels: „Nach den bis jetzt hervorgetretenen Symptomen glauben wir unserer­seits in derThat, daß der Kaiser schon seit einigen Monaten die Konservativen aus ihrer Opposition herauszubringen versuchen wollte und vielleicht die Person des Kanzlers dabei als ein Hinderniß erkannte, obgleich derselbe die den Konservativen anstößige Handelspolitik in vollster Uebereinstimmung mit dem Kaiser und wohl auch auf dessen Aufforderung inaugurirt hatte. Und auch insofern scheint sich all­mählich ein Gegensatz herausgebildet zu haben, daß der Kanzler an dem Programm des neuen Kurses von 1890 festhielt, in welchem die Gewaltpolitik im Hintergründe und die Sozialreform mit der Hilfe von Kirche und Schule im Vordergründe stand, während der Kaiser zu schärferen Repressivmaßregeln neigte. So erhielten wir den allerneuesten Kurs. Wie sich derselbe entwickelt, weiß niemand, und ohne jede Ausnahme nehmen jetzt alle Parteien eine abwartende Stellung ein. Die Konservativen ver­wahren sich gegen eine Kartellpolitik, und die National­liberalen sehen mit Sorge, daß der ganze Bund der Landwirthe zu einem Empfange seiner Deputation beim Kaiser sich vorbereitet. Die ostpreußische Deputation des Bundes der Landwirthe am 20. Oktober hat ja schon eine Rolle in der jetzigen Krisis gespielt, und die Nordd. Allg. Zeitung sieht darin eine Vorbereitung zur Annäherung aller Conservativen an die Regie­rung, während für die Zwecke der Kartellpolitik die Kreuzzeitungs-Konservativen doch ab gesprengt wer­den müßten. Wirrwarr über Wirrwarr!"

* Der ,Reichsanzeiger' veröffentlicht amtlich die Er­nennung des Fürsten zu Hohenlohe-Langenburg zum kaiserlichen Statthalter in Elsaß-Lothringen, sowie die Ernennung des bisherigen deutschen Gesandten in Lissabon, Grafen v. Bray-Steinburg, zum deutschen Gesandten am schwedisch-norwegischen Hofe. Fürst zu Hohenlohe-Langenburg hat bereits am Sonnabend Berlin verlafsen und sich nach Schloß Waldleiningen in Baden begeben.

* Der für den Posten eines preußischen Landwirth- -schaftsministers ausersehene Oberpräsident Freiherr Willamowitz-Möllendorf ist am Sonntag Abend aus Posen in Berlin eingetroffen.

* Eine Anarchistenversammlung, die sich mit dem sozialdemokratischen Parteitag in Frankfurt beschäftigen sollte, versiel vor der Eröffnung der Auflösung.

* Die General-Synode befaßte sich u. A. mit der Frage, wie in den katholischen Gegenden die Kat ho-

Die Zigeunerin.

Novelle von C Borges.

(Schluß.)

„Wollen Sie in die Gesindestube eintreten?" fragte ehrerbietig der Verwalter, „es ist kein Zimmer in Ordnung, Marie soll die Fenster im Wohnzimmer öffnen und ein Feuer machen; der Abend ist schon kühl."

„Nein, nein, nicht dort. Ich will in das Arbeits­zimmer meines Gatten gehen; — Marie soll das Zimmer zuerst in Ordnung bringen."

Die Köchin und die ganze Dienerschaft war ebenso überrascht bei der unerwarteten Rückkehr der Herrin, als wie der Verwalter. Sie besorgte in Eile ein Abendessen, konnte es aber nicht lassen, jeden Augen­blick zu ihrer Herrin zu eilen, wiederholt ihre Freude über die glückliche Rückkehr auszudrücken und alle Neuigkeiten zu erzählen, die sich zugetragen hatten. So erfuhr Coralli in kurzer Zeit, daß seit ihrer Ab­wesenheit zweimal ihr Gatte einige Stunden in Lerchen­heim verweilt, daß Irmgard und Sophie längst ihr neues Haus bezogen, und daß Sibylla Egressy einen reichen Amerikaner geheirathet, der sie in seine Hei- math in New-Dork geführt habe.

„Und jetzt wird auch Herr von Sall zurückkommen",

liken zur Feier des Karfreitags zu zwingen seien. Der Vizepräsident des Oberkirchenraths, Frhr. v. d. Goltz, theilte mit, daß die Bemühungen des Oberkirchen­raths seit Jahren darauf gerichtet seien, dem Karfrei­tag, „dem höchsten Feiertage der ganzen Christenheit", den gesetzlichen Schutz im ganzen Lande zu verschaffen. Leider sei aber die §rage, ob der Karfreitag als Lan­desfesttag polizeilich geschützt werden solle, noch nicht entschieden. General-Superintendent Bauer aus Koblenz konnte nicht umhin, dasFrohnleichnamsfest in gehässiger Weise herbeizuzerren. Er wolle, so erklärte er, nicht in eine Vergleichung zwischen dem biblischen friedlichen Karfreitag und dem legendarischen, polemisch konfessionellen, tumultuarisch lärmenden, prunkvollen Frohnleichnamsfeste der katholischen Kirche eintreten, er wolle nur für das gute evangelische Recht des Kar­freitags eintreten. Dadurch könne die wechselseitige Achtung der Konfessionen nur gestärkt werden. Leider bringen die Zeitungen seine Rede, die sehr „begeistert" gewesen zu sein scheint, nur in sehr kurzem Auszüge. Der Konsistorialrath Borg ins aus Posen bemerkte, es gelte, der katholischen Kirche gegenüber zu bezeugen, daß die evangelische keinen höheren Festtag kenne, als den Todestag des Erlösers. Oberpräsident Studt aus Münster setzte auseinander, daß in Gegenden mit konfessionell gemischter Bevölkerung die Lösung dieser Frage auf große Schwierigkeiten stoße. Hoffentlich werde aber eine gesetzliche Regelung zu einer Lösung führen. Es wurde fast einstimmig der Antrag ange­nommen, den Oberkirchenrath zu ersuchen, dahin zu wirken, daß in allen Provinzen dem Karfreitag der Schutz als hoher Feiertag zu Theil werde. Ferner befaßte sich die General-Synode mit Anträgen, betr. die Form der Eidesleistung. U. A. wurde darin gefordert, daß nur ein christlicher Richter einem Christen den Eid abnehmen darf. Die Anträge wurden zunächst einer Kommission überwiesen. Am Tage vor­her hatte die Synode darüber verhandelt, was gegen das Ueberhandnehmen christlich-jüdischer Misch­ehen geschehen könne. Es wurde festgestellt, daß in dm 16 Jahren von 1875—90 in Preußen 4214 solcher Mischehen abgeschlossen worden sind, denen 7528 Kinder entsprangen. Die Synode beschloß, den Ober- kirchenrath zu ersuchen, Maßnahmen gegen solche Ehen in Erwägung zu nehmen und die Geistlichen auf die schweren Gefahren solcher Ehen aufmerksam zu machen und sprach die Hoffnung aus, daß die Geistlichen und Kirchenräthe die ihnen zu Gebote stehenden Mittel der Seelsorge und Kirchenzucht anwenden würden, um dem Nothstand wirksam zu wehren. Bei der Synode ging ein Antrag ein, eine scharfe Verurtheilung der Vor­gänge in Kamerun auszusprechen.

* An den Reichskanzler Fürsten Hohenlohe hat der Vorstand des Ostpreußischen landwirthschaftlichen Centralvereins bereits eine Adresse gerichtet. Sie be­trifft die zum Schutze der Landwirthschaft zu er­greifenden Maßregeln, insbesondere die Aufrechter­haltung der zum Schutze der deutschen Viehzucht er­schloß die redselige Köchin. „Wenn ich nur geahnt hätte, daß Sie gerade heute gekommen wären, so sollte das ganze Haus spiegelblank sein! Komm, Marie, wir wollen die Schlafzimmer fertig machen", wandte sie sich an das Hausmädchen, das mit freudestrahlen­den Augen zur Seite stand.

Obgleich bis zum Tode ermattet, ging Coralli in das Arbeitszimmer ihres Gatten. Sie öffnete die Thür, die nach der Terrasse führte, damit die Dämmerung ihren letzten Schein hinein werfe. Hier war jeder Gegenstand eine liebe, traurige Erinnerung. Hier standen seine Pfeifen, seine Tabakskasten, sein Cigarren­ständer, den sie selbst für ihn in Paris ausgesucht hatte. Tort, auf dem kleinen Seitentisch stand die Photographie, die gleich nach der Hochzeit von dem jungen Paare gemacht worden war. — Coralli nahm das Bild, setzte sich in einen Sessel und betrachtete es mit stiller Wehmuth. — Würde er jemals so freundlich auf sie herabblicken, wie hier auf diesem Bilde?

Horch! War es eine Täuschung ihrer erregten Phantasie? Sie glaubte einen Schritt auf der Terrasse zu hören — es war sein Schritt.

Sie sprang auf; eine schwere Portiere barg sie vor jedem menschlichen Auge, und Ernst von Sall be­trat das Gemach.

lassenen Einfuhrbeschränkungen und veterinärpolizeilichen Vorschriften.

• Die Königl. Regierungspräsidenten zu Hannover und zu Marienwerder hatten vor etwa Jahresftist Schächtverbote wegen der mit dieser Schlachtmethode, nach einer verbreiteten Anschauung, verbundenen Thier- quälerei erlassen. Auf Grund der deshalb vom Minister des Innern veranlaßten Erhebungen hat dieser im Einverständniß mit dem Kultusminister der ,Weser­zeitung' zufolge, jene Verbote wieder aufgehoben.

* Der große Wucherprozeß Treuherz und Genosse« wird erst im Dezember verhandelt werden. Angeklagt sind sieben Personen: der Kaufmann Mendel Treu­herz, der Kaufmann Benno Ostertag, der Kommissionär Albert Spiegel, der Agent Max Bruck, der Juwelen - Händler Siegmund Wolfsohn, der Kaufmann Ernst Winter und der Kommissionär Simon Aufrichtig. Mit Ausnahme von Spiegel und Wolfsohn sind sie sämmtlich schon bestraft. Von dem Umfange des Wuchergeschäftes zeugt die Thatsache, daß die Anklage 121 Zeugen vorschlägt. Unter diesen sind auch Per­sonen, gegen die das Verfahren wegen Wuchers noch schwebt oder durch Verurtheilung erledigt ist. Darunter befinden sich: Max Wildenow, Louis Pulvermacher, Julius Protz, Konrad Reuter, Nathan Rosenberger, Saaling Jakoby, Simon Cohn und Joseph Labischiu. Der als Zeuge vorgeschlagene Kaufmann Leo Löwen­thal verbüßt eine Zuchthausstrafe wegen Urkunden­fälschung.

* St. Johann, 4. Nov. Vor Kurzem wurde tn einer Gemeinde des Kreises St. Wendel eine katholische Schule errichtet und mehrfach der Wunsch geäußert, daß der Pfarrer Orts-Schuliuspektor werde. Das ist nun, der ,K. Vztg.' zufolge, auch geschehen. Orts- Schulinspektor ist der Pfarrer geworden — aber der protestantische!!!

* Karlsruhe, 3. Nov. Der bekannte Führer der sozialdemokratischen Partei in Baden, Dr. Rüdt, er­klärt heute in Maueranschlägen, daß er sich dem Be­schlüsse des Frankfurter Parteitages bezw. feiner Maß­regelung auf demselben wegen seines Verhaltens in der Frage der religiösen Orden nicht fügen werde, weil feine Ueberjeugung und feine Ehre dies nicht zulaffeu. Gleichzeitig erklärt er feinen Austritt aus der sozialdemokratischen Partei, was ihn jedoch nicht ab­halten werde, auch fernerhin für das Wohl und Wehe der Arbeiter einzutreten.

Ausland.

* Wien, 4. Nov. Aus Altauffee, wo die Gemahlin des Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe gegenwärtig weilt, wird gemeldet: Die Fürstin widerstrebt, an­gesichts des hohen Alters des Fügten der angebahnten Berufung auf den verantwortungsvollen Posten und beauftragte den Prinzen Alexander, nach Berlin zu reisen, um ihre Bedenken beim Fürsten geltend zu machen. Auf dem Bahnhof, wo der Prinz vom Fürsten erwartet wurde, äußerte diefer auf die vor-

Ahnungslos von ihrer Gegenwart zog er seine Uhr hervor.

„Sieben Uhr vorbei — es ist spät, aber es macht nichts! Thor, der ich bin! Warum kam ich nach diesem einsamen Ort zurück? Hollah! wer ist hier gewesen? Diese Sachen sind berührt? — Warum ist die Thür geöffnet?"

Er hielt in seinem Selbstgespräch inne, setzte sich auf einen Sessel, den Coralli soeben verlassen hatte, und nahm ihr Bild zur Hand.

„Arme, kleine Coralli!" flüsterte er dann halb­laut, „wo magst Du jetzt wohl sein? Möge Gott geben, daß ich Dich wiederfinde. Verzeih'mir, Coralli, oh wenn Du hier wärest, ich wollte Dich um Ver­zeihung bitten, denn ich habe Dich von hier fortge- trieben!"

Er barg sein Antlitz in die Kissen und »einte tote ein Kind. .,

Da legte sich ganz sanft em weicher Arm um sei­nen Hals.

„Nein, Ernst, nicht Du, ich allein habe Unrecht gethau; vergib mir!"

Träumte er? War es Coralli oder ihr Geist, der vor ihm kniete? Nein, es konnte keine Täuschung sein! Heiße Küsse bedeckten seine Hände.

„Coralli!"