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21. Jahrgang

Dienstag, den 6. November 1894.

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Kaiser Nikolaus II. voll Rußland.

* Im Alter von noch nicht 27 Jahren hat Zar Nikolaus Alexandrowitsch den Thron seiner Väter be­stiegen, also noch zwei Jahre jünger als Kaiser Wil­helm bei der Thronbesteigung war. Sein Regierungs­antritt gleicht auch insofern dem unseres Kaisers, als Kaiser Alexander ähnlich wie unser Kaiser Friedrich im kräftigsten Mannesalter von einer tückischen Krank­heit dahingerafft wurde. Von dem jetzigen Kaiser ent­wirft die ,Neue Züricher Zeitung' folgendes Bild:

Nikolai Alexandrowitsch war von früher Jugend ein zartes, schwächliches Kind. Alle die sorgfältigste Pflege, die dem Erben des Zarenthrones zu Theil wurde, und die um fo forgfältiger war, als Vater und Mutter sie selbst überwachten, konnte lange Zeit nichts daran ändern. Der junge Prinz hatte die zarte Natur der Mutter und nichts von dem robusten Körper­bau des Vaters geerbt. Auch die Gesichtszüge, nament­lich aber die großen dunklen Augen, wurden denen der Mutter immer ähnlicher. Aus Rücksicht auf die schwäch- liche Leibesbeschaffenheit des Prinzen, ließ der Vater diesen nicht so früh mit Lehrstunden plagen, tote es sonst bei Thronerben üblich ist. Die Eltern ver­wandten alle Mühe auf die körperliche Entwickelung und Ausbildung des jungen Prinzen. Bekanntlich hat der jetzige Zar felbst nur eine einfache geistige Aus­bildung erfahren, und er hat auch aus diesem Grunde nicht übermäßigen Werth auf wifsenschaftliche Be­schäftigung gelegt. Großfürst Nikolaus ist niemals mit geistigen Arbeiten überhäuft worden, und man darf wohl behaupten, daß er von allen europäischen Thronerben am wenigsten Bildung genossen hat. Der Zar hat ihn als einen richtigen orthodoxen Russen am gründlichsten in der Religion und in der Geschichte seiner Väter unterrichten lassen. Natürlich hat der Thronfolger auch Kenntnisfe in ftemden Sprachen. Der Zar selbst pflegte in der Familie, namentlich mit seinen Kindern, nur russisch zu sprechen, obwohl die Zarin die schwierige Sprache ihrer zweiten Hetmath noch nicht vollkommen beherrscht. Der Thronfolger spricht fertig französifch; das Deutsche soll er dagegen nicht einmal so gut zu gebrauchen wissen, rote sein Vater, der es nur ungern und sehr gebrochen sprach.

Irgendwelche bestimmte Neigungen haben sich bei dem Thronfolger weder in den Kinderjahren noch später entwickelt. Zu einer leidlichen Gesundheit ist er über­haupt erst seit dem zwanzigsten Jahre gekommen. Am bedenklichsten war es um ihn bestellt, als er etwa 15 Jahre alt war. Es hieß damals, er leide an Epi­lepsie, die Aerzte mußten selbstverständlich das tiefste Schweigen beobachten — und man befürchtete damals, daß er das zwanzigste Jahr nicht erreichen würde. In der That hat man in der Zarenfamilie häufig Zweifel ge­hegt, ob Nikolai jemals den Thron besteigen werde. Sein zweiter Bruder Georg ist bekanntlich so leidend, daß an eine Wiederherstellung seiner Gesundheit nicht

jetzt an den Zaren Nikolaus sich die mannigfaltigsten Jntereffen herandrängen und von ihm ihre eiligste und bevorzugte Befriedigung erheischen. Möge es ihm ge­lingen, die richtigen Wege zum Wohle des russischen Volkes einzuschlagen und möge mit ihm eine neue Zeit, eine Zeit beginnen, in der endlich die Wohlfahrt des Volkes in dem gewaltigen Reiche oberstes Gesetz wird.

Die Zigeunerin.

Novelle von C. Borges.

(17. Fortsetzung.)

Coralli schüttelte traurig ihr dunkles Lockenhaupt.

„Laß mich, Louise, ich komme nicht," versetzte sie milde. „Ich kann meine Lektion noch nicht genügend, und Du weißt, daß morgen Professor Leonardy kommt."

„Es bleibt noch Zeit genug zum Lernen — Du bist auch immer so fleißig, bist Du nicht zuftieden mit dem ersten Preis, den Du heute errungen hast? Nun, so komm doch! Die Frau Oberin hat es erlaubt, weil die Prüfung heute so gut ausgefallen ist. Schwester Theresia erzählt ein Märchen, aber wenn wir nicht eilen, so fängt sie ohne uns an." Mit diesen Worten zog die Freundin Coralli nach einer offenen Halle, wo zahlreiche junge Mädchen im Halbkreis erwartungsvoll um eine Nonne geschaart saßen.

Dieser Abend blieb unauslöschlich in Coralli's Er­innerung. Der alte, große Kloster garten mit seinen dunkeln Laubgängen und bunten Herbstblumen, in dessen Hintergrund sich das ehrwürdige graue Kloster erhob; die schwarz gekleidete Schwester mit ihrem ernsten, bleichen Antlitz, und die frischen, jugendlichen Mädchen­knospen, die erwartungsvoll jedes Wort von den Lippen der geliebten Lehrerin haschen wollten, prägten sich tief in ihre Seele ein.

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Deutsches Reich.

Berlin, 3. November.

* Der ,Reichsanzeiger' veröffentlicht eine kaiserliche Verordnung vom 2. November d. I., gegengezeichnet vom Fürsten Hohenlohe, mittelst welcher unter Auf­hebung des für den Zusammentritt des Reichstages durch Verordnung vom 23. Oktober d. I. bestimmten Termins (15. November d. I.) der Reichstag berufen wird, erst am 5. Dezember d. I. in Berlin sich zu versammeln. . r .

* Der Rücktritt des Landwirthschaftsmimsters v. Heyde» ist in den nächsten Tagen zu erwarten. Als sein Nachfolger wird der Oberpräsident von Posen, Freiherr von Wilamowitz-Möllendorff allgemein be­zeichnet. Derselbe ist seiner politischen Gesinnung nach zu den Freikonservativen zu zählen. — Die Nach­richt von dem baldigen Rücktritt des Justizministers v. Schelling wird von einigen Seiten dementirt, von einigen aufrecht erhalten. Als feinen eventuellen Nach­folger nennt man in juristischen Kreifen den Ober- reichsanwalt Teffendorff. t

* Der vielberufene Artikel der ,Koln. Ztg.', der den unmittelbaren Anlaß zum Rücktritt des Grafen Caprivi gegeben hat, ist, wie die ,Köln. Zeitung' ver­sichert, weder vom Grafen Caprivi noch von einem seiner Beamten oder überhaupt von irgend einer amt­lichen Stelle aus beeinflußt und veranlaßt gewesen.

* Die zum Zweck der Verstärkung der staatlichen Machtmittel gegen die Umsturzpropaganda ausgearbeitete Vorlage ist in der letzten Staatsministerialsitzung in ihren wesentlichsten Punkten gutgeheißen worden. Nachdem sie noch im Einzelnen überarbeitet ist, wird die Ermächtigung des Kaisers zur Einbringung des Gesetzentwurfs als Präsidial-Vorlage im Bundesrath eingeholt werden. , .

* Wie verlautet, retro binnen Kurzem tttt Diszip­linarverfahren gegen den Assessor Wehlau Termin vor der Diszipl'inarkammer stattfinden.

* Die Einfuhr fremden Getreides in das deutsche Zollgebiet ist in diesem Jahre trotz der niedrigen Preise größer als im Vorjahr. Sie betrug nach der amtlichen Statisttk: Im Monat September (die m Klammern beigefügten Zahlen find die des Vorjahres) 983,753 (522,976) Doppeleentner Weizen, 770,391 (189,342) Doppeleentner Roggen, 222,109 (130,458) Doppeleentner Hafer, 1,085,236 (896,027) Doppel­eentner Gerste, 182,940 (161,953) Doppeleentner

Als die Abendandacht beendet war, stand Coralli in der Zelle der Oberin.

„Als ich vor 9 Monaten zu Ihnen kam," begann Coralli mit bebender Stimme, „stellte ich mich Ihnen vor als Freundin und Schützling der Frau Altheim, bereit Kinder hier erzogen und unterrichtet wurden," sie zögerte einen Augenblick, dann fuhr sie fort: „Ich hatte Ihnen damals meine Geschichte nur zur Hälfte erzählt, heute erzähle ich sie Ihnen ganz, denn ich muß fort.

Es war eine lange Unterredung, die Coralli jetzt mit der tteuen Oberin führte. Sie schüttete ihr ganzes übervolles Herz aus und fand endlich den lang ersehn­ten Trost. ,

Sie haben wie ein gedankenloses Kind gehandelt, sagte nachdenklich die Oberin, als ihr Pflegling schwieg und leise weinend ihr Haupt gegen die Schulter ihrer mütterlichen Freundin lehnte. „Sie kannten die Welt noch nicht, mein Kind, aber Ihr Aufenthalt hier m uferen Mauern ist Ihnen von Nutzen und großem Segen gewesen. Sie haben gelernt, was Ihnen man­gelte und was man von jeder Dame höheren Standes erwartet. — Kehren Sie jetzt in die Welt zurück; nehmen Sie die Stelle ein, die Ihnen rechtmäßig an der Seite Ihres Gatten zukommt. Bitten Sie ihn um Verzeihung und machen Sie Ihren unüberlegten Schritt durch doppelte Liebe vergessen!"

zu denken ist, und auch der jüngste Sohn des Kaisers, Michael, macht kaum den Eindruck eines kräftigen Jünglings. , . m

Populär ist der Großfürst-Thronfolger tu Peters­burg so wenig wie irgend ein anderes Mitglied der Zarenfamilie. Eine Popularität im westeuropäischen Sinne ist nach der Lage der Verhältnisse und bei der großen Zurückhaltung, die sich die kaiserliche Familie der Oeffentlichkeit gegenüber auferlegt, dort überhaupt nicht denkbar. Im Uebrigen sah man den Thron­folger, der meist bei seinen Eltern weilte, in Peters­burg nur selten, und man sprach im Ganzen auch nur wenig über ihn. Man glaubt zu wissen, daß er für kein Gebiet besonderes Interesse hat — er gleicht darin den Söhnen Alexanders II. — weder für Militär, obwohl er Ataman aller Kosaken ist, noch für Politik, noch für die Wissenschaft und noch viel weniger für die Kunst. Zu politischen Aufgaben ist er vom Zar noch nie ausersehen worden und repräsentativen Aufgaben scheint er sich nie mit besonderer Vorliebe unterzogen zu haben. Ein einziges Mal geschah es, daß er etwas hervortrat und öfter genannt wurde, und zwar im Jahre 1891, als er aus seiner Reise durch Asien, welche ihn bekanntlich in Japan einem Mordanfalle ausgesetzt hat, in Ussuri den ersten Spatenstich für die sibirische Pacific-Bahn ausführte. Das ist bis jetzt feine einzige That, von der man zu berichten weiß.

Zar Nikolaus II. ist der absolute Herrscher eines endlosen Reiches von etwa 22 Millionen Quadratkilo­meter und rund 120 Millionen Bevölkerung (während das deutsche Reich den vierzigsten Theil dieser Fläche und etwa 52 Millionen Einwohner aufweist). Unbe­schränkt ist sein Wille; keine Verfassung, keine Volks- verttetung schränken ihn ein; sein Entscheidung allem ist oberstes Gesetz. Um so begreiflicher muß es er­scheinen, daß nicht blos seine Unterthanen, daß auch die ganze Welt mit Spannung seinen ersten Herrscher­schritten entgegensieht.

Kein wolkenloser Himmel ist es, der ihn bei seiner Thronbesteigung begrüßt; in der auswärtigen wie in der tmtertt Politik drängen sich mannigfaltige Fragen zur baldigen Entscheidung an ihn heran. Der chinesisch­japanische Krieg und die schwere Erkrankung des Emirs von Afghanistan erheischen unmittelbar Ent­schlüsse. Jede Voreiligkeit, jede überstürzte Entscheidung kann zu den verhängnißvollsten Folgen weit über die Grenzen Asiens hinausführen. Glücklicher Weise bürgt Der Mangel an Entschlossenheit und Wagemuth, der das gegenwärtige englische Kabinet kennzeichnet, sowie die jetzige politische Vereinsamung Englands einerseits und nicht minder die bisherige kluge Zurückhaltung der Leitung der russischen auswärtigen Politik andererseits für ein weises Maßhalten, das der Erhaltung des europäischen Friedens nur von Nutzen sein kann.

Auch die innere russische Politik enthält der Sorgen und Aufgaben eine überreiche Fülle; auch hier werden, tote vor sechs Jahren an Kaiser Wilhelm, so

Schwester Theresia erzählte eine französische Ge­schichte, und Coralli, die die Sprache noch nicht voll­kommen beherrschen konnte, mußte ihre ganze Auf­merksamkeit auf die Heldin der Geschichte lenken, damit die Erzählung sie fesseln konnte.

„Und so sehen wir," erzählte Schwester Theresia zum Schluß, „daß großes Leid über Susanne herein­brach, weil sie so thöricht war, von ihrem Gatten fort­zulaufen, beim sie glaubte, er habe sie nicht geliebt. Als sie zurückkehrte, fanb sie ihn tobt. Er lag still unb bleich auf der Bahre, — sein Mund war ver­stummt, — seine Ohren blieben ihren Bitten um Ver­zeihung taub, — sie — —"

Ein leiser Schrei war Coralli's Lippen entschlüpft, die Schwester hielt in ihrer Erzählung inne, doch schon hatte sie ihren Platz verlassen und war in den stillen, einsamen Garten geeilt.

„Pauvre enfant! Sie ist so gefühlvoll," dachte Schwester Theresia und erzählte weiter.

Coralli flüchtete in ihre friedliche Klosterzelle. Wie im Traum befangen starrte sie in die Ferne; sie hörte nicht, wie die Glocken zur Abendandacht riefen, sie sah nur in Gedanken ihren Gatten — ihren Ernst — tobt auf ber Bahre liegen und sie — das Weib, das ihm vor Gottes heiligem Angesicht Liebe und Treue ge­schworen hatte, hatte ihn treulos verlassen — heimlich, wie ein Dieb in der Nacht! —