Beilage jiw Wulöaev Leitung.
M 253
Sonntag, den 4. Movember 1894.
21. Jahrgang
K> „Alles neu" macht der November. Wenn die Reichsboten am 15. ds. Mts. nach Berlin komnien, so finden sie nicht blos ein neues Reichshans, sondern auch einen neuen Reichskanzler. Die Abgeordneten werden Mühe haben, sich in dem neuen Gebäude zurechtzufinden, und Fürst Hohenlohe wird Mühe haben, sich in dem für ihn neuen Parlament zurechtzufinden. Aber das Hilst nun einmal nichts; das schlichte Haus, in welchem der Reichstag ein Vierteljahrhundert gehaust hat, ist zum Abbruch bestimmt und der „schlichte Reichskanzler" Caprivi ist schon „abgebrochen". An die Stelle der ausgeflickten Porzellanmanufaktur tritt jetzt ein hoher, glänzender Palast, an die Stelle des einfachen Offiziers ohne Ar und Halm tritt ein Grandseigneur von höchstem Adel und nicht minder hohem Vermögen. Dabei ist aber Fürst Hohenlohe kein ungemüthlicher Herr. Hoffentlich wird es im neuen Reichshaus auch nicht ungemüthlich
$)ie Jung gesellen-Wirtschaft im Reichskanzlerpalast hat nun ein Ende. Vier Jahre lang fehlte dort das schöne Gewirr eines Familienlebens. Das „Ewig Weibliche" sah man zu Caprivi's Zeiten nur in einigen wenigen, dienstbaren Exemplaren vertreten. Wenn nicht gerade Verwandte bei dem Onkel Reichskanzler zum Logirbesuch waren, so behauptete dort das männliche Geschlecht, und zwar in ausgewachsenen Exemplaren, ausschließlich das Terrain. Major von Ebmeier, der treue Adjutant für Alles, besorgte die Honneurs des Hauses und was sonst zur Leitung des Hauswesens nöthig war. Ein sehr hoher Herr soll einmal auf die Junggesellen - Wirthschaft im Reichskanzlerpalais einen guten Witz gemacht haben, indem er beim Vorübergehen int Thiergarten Herrn v. Ebmeier freundlich begrüßte mit den Worten: Guten Morgen, Frau Reichskanzler.
Caprivi war wirklich „schlicht" in jeder Beziehung; er hatte alle guten Eigenschaften eines Soldaten. Er brauchte sehr wenig Apparat zur Lebensführung, wie zur Arbeit. Sein Junggeselleustaud und die damit verbundene Einfachheit des Lebens hatte einen doppelten Vortheil für ihn. Ein verheiratheter Reichskanzler muß ein ganz anderes Haus machen, wie der familienlose. Die richtige „Repräsentation" gemäß dem hohen Rang wäre aber dem Grafen Caprivi sehr schwer geworden; denn er ist bekanntlich ohne nennenswerthes Vermögen, nnd mit dem Amtseinkommen von 54,000 Mark im Ganzen kann man in der hohen Gesellschaft der Haupt- und Residenzstadt nicht viel machen. Dort laufen Bankleute, Gewerbetreibende, Aerzte rc. in Menge herum, die sich fürchterlich „verarmt" fühlen würden, wenn sie jährlich nicht das Drei-, Vier- oder Fünffache von dem Reichskanzlereinkommen „verdienten". Fürst Bismarck hatte ja von Hause aus auch so gut rote kein Vermögen, aber er wurde durch die Dotationen und Gnadengeschenke ein sehr reicher Mann, der zu dem Fürstentitel auch die Fürstenmittel hat. Capiivi hat aber blos den Grafentitel erhalten; vermnthlich hätte er auch die Grafenmittel, wenn sie ihm angeboten worden wären, „schlicht" abgelehnt. In seiner einfachen Wirthschaft konnte er ja mit semem Gehalt ganz wohl auskommen, da Frau und Kinder und deren kostspieliges Zubehör ihn nicht schröpften.
Als zweiten Vorzug des Junggesellenthums eines Ministers denke ich mir die erhöhte Leichtigkeit des Abschiedes. Für eine Frau Minister, die sich au die Ehre» dieser hohen Stellung gewöhnt hat, steckt indem Rücktritt doch immer etwas Herbes. Der Staatsmann selber freut sich oft für feine Person, daß er die schwere Last los wird und einmal ein unverantwortlicher Spießbürger sein kann. Aber wenn er nun vor seine bessere Hälfte treten muß mit dem Bekenntniß:
Mutter, es ist alle, ich bin eine gefallene Größe und du mußt mitpurzeln und die Sachen zum Umzug ein» packen lassen!" — so denke ich mir, daß ein solches Bekenntniß nicht so angenehm ist, wie die Ankündigung der Ernennung zu Ihrer Excellenz. Graf Caprivi brauchte sich um die Gefühle von „Muttern" nicht zu kümmern. Er wird dasfelbe leichte Gefühl gehabt haben, wie ein Abiturient, der in die großen Ferien entlassen wird und die goldene Freiheit zu genießen gedenkt. Kein Dörnchen stak unter den Lorbeeren, auf die er sich vergnügt zur wohlverdienten Ruhe niederlegt. „Sie haben doch nachher eine angenehme Erinnerung daran", sagte Fürst Bismarck zum Alexander von Battenberg, als derselbe sich ans das bedenkliche Dhrönchen von Sofia wählen ließ. Graf Caprivi hatte sich gewiß auch auf nichts weiter gefaßt gemacht, als au eine interessante Erinnerung an die kurze Periode seines Lebens, wo er als erster Nachfolger des eisernen Kanzlers Weltgeschichte machte. Diese Bereicherung seines Ge- dächtniß-Albums hat er nun, und dabei das schmeichel
hafte Bewußtsein, daß der kühne Versuch länger an- gehalten und besser ausgefallen ist, als er selber erwartet hatte. Um den Vergleich anszunutzen, müssen wir noch hinzufügen, daß Fürst Alexander auch Jnng- gefelle war, so lange ,er am Webstnhl der Zeit mitarbeitete. Als die Verschwörer ihn gefangen genommen hatten und im Schiffsverließ ohne Angabe, des Zieles fortschleppten, hat er gewiß gedacht: Es ist doch gut, daß ich keine Frau habe, die sich über mein Pech ärgern oder gar mit mir leiden müßte. Der Verzicht auf den Thron wurde ihm auch dadurch erleichtert, daß er keine Sorge zu haben brauchte, was seine Frau mit den königlichen Toiletten und Schmucksachen nun anfangen solle. Erst als Alexander in den sorgenfreien Ruhestand gekommen war, bekam er den Muth zum Heirathen. In diesem Punkt wird nun freilich der bedeutend ältere Caprivi ihm wohl nicht weiter nachahmen. Sollte er noch einmal in's Reichskanzlerpalais zurückkehren — was gar nicht fo fehr unwahr- cheinlich ist — so wird wohl der treue Ebmeier, wenn er nicht inzwischen gar zu hoch über den Major hinaus avancirt ist, wieder das Hausmütterchen der Junggesellenwirthschaft spielen.
Mit dem Fürsten Hohenlohe, dem Haupt einer so großen und vornehmen Familie, wird viel mehr Leben in das Palais kommen. Die Berliner Geschäftsleute würden es freilich noch lieber sehen, wenn Fürst Hohenlohe noch dreißig Jahre jünger wäre, um zu einer recht ausgiebigen Repräsentation noch die volle körperliche Frische und Lust zu haben. Ein glücklicher Zufall für den neuen Kanzler ist die gründliche Reno- virung des Palais, die Graf Caprivi im letzten Jahre hatte vornehmen lassen, nachdem lange Zeit der Zahn der Zeit ungestört geblieben war. Graf Caprivi war fehr befriedigt von "den Aus- und Verbesferungen, die während seiner letzten Ferien zum Abschluß gebracht waren. Genossen hat er nicht viel mehr davon; aber ich glaube, als er von der Ernennung Hohenlohe's hörte, hat er doch gedacht: „das war gut, daß ich die Bude habe neu aufmuntern lassen, sonst würde am Ende die durchlauchtige Familie über die Civili- sation des Vorgängers die Nase gerümpft haben." —
Ob Graf Caprivi noch einmal ein Denkmal bekommt? Nach menschlichem Ermessen hat er noch Kraft und Zeit genug, um sich künftig noch mehr Anrecht auf das „Ausgehauenwerden" zu erwerben, als er bisher schon gethan. Ich würde ihn freilich schon jetzt für denkmalsfähig erachten; denn unmittelbar nach dem Fürsten Bismarck und unter Anfeindung von defsen Anhang über vier Jahre die Geschäfte des Reiches zu führen, ist schon eine ganz außerordentliche Kraftprobe, wenn nicht des Genies, dann doch des Muthes und des prächtigsten gesunden Menschenverstandes. Und dabei können auch seine Gegner eigentlich nichts Rechtes von dem Wirken dieses „schlichten" Nachfolgers des „größten Mannes" aussetzen. Die Nekrologe, die Graf Caprivi bei seinen gesunden Lebzeiten zu lesen bekommen hat, sind wirklich ruhmvoll. Er hat sich durch seine Biederkeit und seine einfache und doch so tüchtige Thatkraft im Geiste des Volkes schon ein Denkmal errungen, das mehr Werth ist, als alle Standbilder. Die sog. Denkmäler an den Straßen und Plätzen sind ja auch neuerdings bei allen Vernünftigen int Kurse gesunken, seit man sogar für Leute wie Heinrich Heine die Denkmalstrompete zu blasen wagt. Glücklicher Weise hat die Vertretung von der Stadt Mainz so viel Einsicht gehabt bezw. bekommen, daß die goldene Stadt von diesem Schandmal befreit bleibt. Hoffentlich bestätigt sich auch nicht die Nachricht, daß man dem alten römischen „Netter des Vaterlandes", dem redseligen Cieero in Arpinum noch nachträglich ein Denkmal setzen will; wenn der Mann heute noch lebte, würde er der Sprechführer der Mittelparteiler sein, so daß sich zum Ehrenpräsidenten eines eiceronianischen Denkmal-Komitee's Dr. Ham- macher am besten eignete. So lange solche Denkmalsprojekte möglich sind, wollen wir den guten Caprivi mit einer derartigen Ehrung verschonen. Möge ihm die Erholung verschönert werden durch das Bewußtsein, daß ihn das ganze Volk — auch seine urtheilsfähigen Gegner — als einen Ritter ohne Furcht und Tadel, als einen tüchtigen und kreuzbraven Kerl, wie er sein soll, hochschätzen und bewundern. So Einer ist immer willkommen, wenn er wiederkehrt.
vermischtes.
* Mannheim, 30. Okt. Was kostet ein Schnurrbart? Mit dieser Frage hatte sich gestern das hiesige Schöffengericht zu beschädigen. Es stand allerdings nur ein halber Schnurrbart in Frage, welchen der Schnhmachermeister Johann Karl Michel in Sandhofen seinem Freunde Matthäus Weimer am 3. Oktober d. I. bei einer Rauferei ausgerissen hatte. Weimer, der als Zeuge erschien, konnte gestern nur das trübselige Bild eines
hälftigen Schnurrbartes aufweisen, denn der Nachwuchs auf der verwüsteten Seite befand sich noch im ersten Keimen, während die andere Schnurrbart-Seite eine fesche Spitze von 15 cm Länge zeigte. Der öffentlichen Klage hatte sich der Mißhandelte als Nebenkläger angeschlossen und verlangte eine Geldbuße van 200 Mark. Das Gericht gelangte zu einer Gefängnißstrafe von 4 Wochen und einer an den Beschädigten zu zahlenden Geldbuße von 50 Mark. . _
* Ein schlechter Witz zum Reichskanzlerwechfel. Anläßlich der Uebersiedelung des Grafen Caprivi sind, wie die ,B. N. N.' berichten, fast alle bedeutenden Möbeltransport-Ge- chäfte Berlins arg mystifizirt worden. Das Möbeltransport-Geschäft von Meyer in der Dorotheenstraße erhielt eine Postkarte des Inhalts, das Geschäft möge am Freitag um 6 Uhr zwei gepolsterte Möbelwagen zum Reichskanzler-Palais senden um Möbel, Koffer u. s. w. znm Lager zu nehmen. Unterzeichnet war die Karte mit Ebm , was auf den Adjutanten des bisherigen Reichskanzlers schließen ließ. Als die Firma zur festgesetzten Stunde mit den Wagen auffuhr, fand sich nach nnd nach eine große Anzahl von Möbelwagen von anderen Fir.ven ein, welche die gleiche Aufforderung erhalten hatten. Die Karten wurden von den Dienern eingefordert und dem Major Ebmeyer übergeben, der die Polizei benachrichtigte, um die Ermittelung des Urhebers herbeizuführen. n m
* Für Spieler in auswärtigen Lotterien. Bor einigen Wochen wurde in den Berliner Zeitungen berichtet, daß der Loosehändler Heinrich Kron, Alexanderstraße, weil er einen Lotteriegewinn von 5000 Mk. dem Loosinhaber vorenthalten hatte, vom Schöffengericht wegen Betruges zu 1000 M. Strafe verurtheilt wurde. Gleich darauf folgte die Nachricht, daß der Loosinhaber mit seiner Klage wegen Herausgabe des Gewinnes vom Civilgericht ab gewiesen worden sei, weil ihm ein Anspruch nicht zustehe. Aus dem schriftlichen Urtheil ergibt sich jetzt daß der Loosinhaber mit seiner Klage abgewiesen werden mußte, weil es sich um eine verbotene Lotterie (sächsische) handle und diese Forderung nicht einklagbar sei. Der Verklagte hatte selbst auf Abweisung der Klage wegen Spielens in einer verbotenen Lotterie angetragen. Es liegt hier also der Fall vor, daß ein Loosehändler, der mit verbotenen Loosen handelt, sie den Leuten unaufgefordert ins Haus schickt und zum Spielen verleitet, in dem Augenblick, wo er einen Gewinn seines Kunden unterdiückt und dieserhalb verklagt wird, sich vor Gericht darauf beruft, daß die Lotterie verboten sei. Diejenigen, die sich des Spiels in fremden Lotterien nicht enthalten können, erfahren hieraus, welcher Gefahren sie sich aussetzen..
* Was die Damen nie eingestehen. Es gibt Dmge, welche eine Dame nie eingesteht, sie mag nun alt ober jung, häßlich ober hübsch, groß ober klein, mager ober stark fern. Sie gibt nie zu, baß sie sich zu sehr geschnürt hat; daß die Schuhe welche sie trägt viel zu eng sind; daß sie niemals auf dem Balle eher müde ist, als ihr Tänzer; daß sie gerade so aussieht, wie sie wirklich ist; daß sie mehr als höchstens 10 Minuten zu ihrer Toilette gebraucht; daß sie jemals habe auf sich warten lassen; daß sie irgend etwas gegen ihre Ueberzeugung ansspricht; daß sie ein wenig Klatscherei nicht ungern hat; daß sie, die Untier« heirathete, sehr gern heirathen möchte; daß sie sich mehr Kleider wünscht als ihre beste Freundin hat; daß ihre Geduld recht oft „rreifet — mit einem Worte — daß sie Überhaupt wirklich Unrecht haben kann, ohne einen triftigen Grund dafür zu haben.
Literarisches.
S Erimierungsblätter an die feierliche Uebertragung der Gebeine der heil. Märtyrer Adelarins und Eobanus in der Domkirche zu Erfurt. G. A. Brodmaun. 32 S. 40Pfg. Adelar, Bischof von Erfurt und Eoban, Bischof von Utrecht, befanden sich am 5. Juni 755 in der Begleitung des hl. Boni» falius und empfingen mit ihm die Krone des Martyrthums. ^hre Reliquien kamen nach Erfurt, das sie als seine Stadtpatrone verehrte. Am 11. Juni 1894 vollzog der Hochw. Herr Bischof von Paderborn Dr. Hubertus Simar gelegentlich der Ansipendung der hl. Firmung zu Erfurt die feierliche Ue6edragung der heil. Reliquien in den Sarkophag, der ihnen schon im 13. Jahrhundert zur Ruhestätte gedient hatte. Seit den Wirren des 16. Jahrhunderts, in denen der frühere silberne Sarg in die Münze wanderte waren die Reliquien in einem hölzernen Behälter beim Chore, später in der Sakristei verwahrt worden. Der Erinnerung an diese Feierlichkeit ist diese interessante Schrift gewidmet, m welcher das ganze eiufchlagende historische Material zu finden ist.
§ Am 10. Dezember 1894 ist der 600jährige Gedenktag der Uebertragung des heil. Hauses von Nazareth nach Loreto. Manchen unserer Leser wird nicht nur die Feier der Wiederkehr dieses denkwürdigen Ereignisses selbst interessiren, sondern er wird auch die Geschichte dieses ersten und ehrwürdigsten aller marla- nischen Wallfahrtsorte gern kennen lernen wollen. Im ersten und zweiten Hefte der illustrirten Marien - Monatsschrift ,D er Rofenkr an z', welche soeben den zweiten Jahrgang beginnt, finden wir den Anfang dieser Beschreibung in anziehender, unter» haltender Weise geschildert Da man heutzutage fast tn jebem gut katholischen Hause auch eine Mutt rgottes-Zeitschrift finbet, zumal ber außerordentlich billige Preis das Abonnement auf eine solche Jedermann gestattet, so stehen wir nicht an, unseren Lesern zu Beginn bes neuen Jahrgangs speziell bie Schrift ,®er Rosenkranz' zu empfehlen. ,Der Rosenkranz' erscheint tn monatlichen Heften unb kostet pro Halbjahr nur 60 Pfg, also 10 Pfq. jedes Heft, eine Ausgabe, bie sich jede Familie gestatten kann. Zn beziehen ist diese Zeitschrift durch alle Buchhandlun- gedie Post ifttb die Agenten des .Rosenkranz'. Probehefte srnd ebendaselbst gratis zu erhalten oder direkt zu beziehen durch die Verlags-Buchhandlung A. Riffarth in M.-Gladbach.
für die Monate Ammdn unb Dtttmlitr
werden Abonnements auf die ____
ßM- Fuldaer Zeitung
nebst der illustrirten Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen' von allen Postanstalten, fowie Landbriefträgern, Zeitungsträgern und von unserer Expedition (Harmonie) zum Preise von 1 Mk. (nebst Bestellgeld) jederzeit entgegengenommen.