M 253 Sonntag, den 4. November 1894. 21. Jahrgang
FlilioierMZeitung
mit Urltrrhaltrrngs-Kettage „Sterne und Ktumen".
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Hierzu eine Beilager
Kaiser Alexander III. f
* Allerheiligen — Allerseelen. Die katholische Welt feierte das Andenken der uns ins Jenseits Vorausgegangenen. Die Todtenglocke durchtönte die Welt. Mit Bangen hörte sie besonders Rußland; denn nach ärztlichen Mittheilungen, die Morgens mit den ersten Klängen der Glocken über die Welt hinflogen, lag Kaiser Alexander Hf. in den letzten Zügen. Stündlich mußte sein Ableben erwartet werden. Da, Nachmittags 2 Uhr 15 Min., senkte sich die Kaiserstandarte auf dem Palais in Livadia auf Halbmast und verkündete der Welt, daß Kaiser Alexander 11!. von Rußland gestorben sei. Mit Blitzeseile verbreitete der Telegraph die erschütternde aber längst vorauszusehende Nachricht über die Welt.
Am 29. Oktober war der Jahrestag des Eisenbahnunfalles bei Borki, bei dem der Kaiser nebst seiner ganzen Familie beinahe das Opfer eines nihilistischen Anschlages geworden wäre. Eine dabei erhaltene Quetschung soll den ersten Grund zu seinem jetzigen Leiden gelegt haben, lieber das Befinden des Zaren lauteten die Nachrichten der letzten Tage verschieden. Am 27. wurde eine kleine Besserung gemeldet; der Appetit war gut, die Herzthätigkeit besser, das Oedem an den Füßen hatte nicht zugenommen, auch der Muth des Kranken war wieder gestiegen. Der folgende Tag hatte anscheinend keine Aenderung herbeigeführt, und Professor Sacharjin glaubte verbürgen zu können, daß, falls die Vermählungsfeier des Groß- fürsten-Thronfolger mit der Prinzessin Alice von Hessen wirklich am 29. Oktober, auf den sie angesetzt war, stattfinde, der Kaiser im Stande sein werde, sich wenigstens soweit zu betheiligen, daß er das Paar segne. Auch die durch Professor Grube vorgenommene Abzapfung des Wassers aus der Anschwellung der Füße verlief günstig, und die Untersuchung ließ die Annahme aufkommen, daß auch ein Aufsaugungsprozeß eintreten könne. In Folge dessen wurde denn auch die Vermählung des Thronfolgers wieder aufgeschoben.
Jndeß schon am Abend des 29. lauteten die Berichte der Aerzte schon wieder bedenklicher; der gewöhnliche Husten, an dem der Zar schon lange in Folge eines Luftröhren- und Schlundkatarrhs litt, trat verstärkt auf und bald gesellte sich eine E ntzündüng des linken Lungenflügels mit Blutauswurf dazu, der auch im Laufe des folgenden Tages weiter andauerte und sich mit Schüttelfrost verband. Die Körpertemperatur stellte sich auf 37,8, der Puls zeigte 90 Schläge in der Minute und war nur noch schwach vernehmbar; die Athmung war erschwert und der Appetit sehr schwach; eine große Körperschwäche trat ein und das Oedem der Füße hatte bedeutend zugenommen, kurz, es hatte eine sehr bedenkliche Wendung sich eingestellt, die das baldige Ableben Alexander Hl. erwarten ließ.
Die Zigeunerin.
Novelle von C. Borges.
(16. Fortsetzung.)
Als Irmgard später das Gemach wieder betrat, fand sie ihre Freundin mit rothverweinten Augen.
„Ich will noch heute zu meinen Eltern zurückkehren," schluchzte sie; „unter diesen traurigen Umständen ist es gewiß besser, wenn Ihr allein seid."
„Ganz wie Du willst," versetzte Irmgard tonlos. „Weder Sophie noch ich sind jetzt gute Gesellschafter. Es ist ein Glück, daß unser neues Haus in der Residenz fertig ist, denn hier können wir nicht mehr wagen, die Augen zu erheben, so sehr drückt uns die Schande darnieder, die Coralli über uns gebracht hat."
Mittlerweile saß Ernst von Sall in der Ecke eines Koupe's auf dem Wege zur Residenz. Seine Augen ruhten unverwandt auf einem Briefchen in seiner Hand. Es waren nur wenige Abschiedsworte seiner Gattin, aber die vielen Spuren der vergossenen Thräneu bezeugten deutlich das tiefe Weh ihres Herzens.
„Geliebter Gatte! Ich verlasse Dich, weil ich Dich zu sehr liebe, denn ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß Du an der Seite einer anderen Gattin glücklicher gewesen sein würdest. — Ein-
Alexander III. Alexandrowitsch war geboren am 10. März 1846 als der zweite Sohn Alexanders II. und der Kaiserin Maria Alexandrowna, einer Tochter des Großherzogs Ludwig 11. von Hessen. Nach dem am 24. April 1865 zu Nizza erfolgten Tode seines älteren Bruders Nikolaus wurde Alexander feierlich zum Thronfolger ernannt. Am 9. November 1866 vermählte er sich mit der Braut seines verstorbenen Bruders, der Prinzessin Dagmar von Dänemark, Tochter Christians iX., einer dänischen Prinzessin, die ihm geistig überlegen und ihn in seiner deutsch-feindlichen Gesinnung aus erklärlichen Gründen nur noch bestärkte.
Mit Alexander III. wird ein Fürst zu Grabe getragen, der als höchstes Ziel für die Wohlfahrt seines Volkes mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln die Erhaltung des Friedens anstrebte. Nach des Zaren festem Willen sollte der Friede gesichert werden, damit Rußland das vielsach in früheren Jahren Versäumte nachholen könne, und so gelang es Alexander lil., seinem Lande in verhältnißmäßig wenigen Jahren und trotz aller Einbußen durch Mißwachs, Seuchen und Hungersnoth zu einem Aufschwung zu verhelfen, von dem sich bei seinem Regierungsantritt niemand etwas hätte träumen lassen. Befand sich Rußland doch 1881, als er zum Thron gelangte, vollständig unter dem blutigen Banne des nihilistischen Schreckens! Ein Theil der Beamten fürchtete die nihilistischen Drohungen mehr als den kaiserlichen Zorn, nachdem die Umstürzler durch den Kaisermord gezeigt, daß sie ihre Drohungen auch wahr zu machen wußten. Alexander Hl. nahm unbeirrt den Kampf mit ihnen auf, in welchem sie allmählich, wenn auch nicht besiegt, so doch decimirt und stark zurückgedrängt wurden.
Außer den revolutionären Wühlereien erregte bald darauf die moskowitische Losung „Rußland nur für die orthodoxen Russen" die weitesten Kreise. Es dauerte nicht lange, so befestigte sich die Ansicht, Rußland bereite langsam aber stetig einen Waffengang mit dem deutschen Nachbar vor und diese Ansicht erhielt neue Nahrung durch das immer offener zur Schau getragene französisch-russische Liebeswerben, das schließlich zu den lärmenden Verbrüderungsfesten in Kronstadt führte. Dennoch hatten sich die Franzosen mit ihren gegen Deutschland gerichteten Rachehoffnungen verrechnet.
Mit der steten Sorge für Heer und Flotte, die Alexander in Organisation und Ausbildung über die der andern Großmächte zu erheben bestrebt war, ging Hand in Hand seine Thäügkeit auf den andern innern Gebieten, dem Ordnen der Finanzen, der Hebung des Handels und der Industrie, der Erweiterung der Verkehrswege usw. zu. Jedenfalls hat sein eigenes Land dem entschlafenen Kaiser viel zu danken; Europa aber wird hoffen dürfen, daß sein Sohn, der junge Kaiser Nikolaus II., in den friedlichen Bahnen seines Vaters bleiben möge.
Die letzten Nachrichten aus Livadia lauten: Der Kaiser war bis zum letzten Augenblick bei voller Be-
liegenden Brief bekam ich gestern. — Sibylla liebt Dich — Du liebst sie. Nimm sie später zur Gattin, denn ich werde doch bald sterben. Gott schütze Dich. Denke zuweilen an Deine unglückliche Coralli."
Er konnte längst den Bries auswendig, Wort für Wort, und dennoch ruhten feine Augen daraus. Jeder Buchstabe hatte wie mit einem Dolche sein Herz verwundet, und schaudernd barg er sein bleiches Antlitz in den Händen.
Jetzt kamen seine bitteren Vorwürfe und Gewissens- bisie zu spät. — Hätte er ihrer Stimme gehorcht, ihre stumme Bitte erfüllt, fo hätte er nie in die Festlichkeit eingewilligt, die ihr im Grunde der Seele verhaßt war, und sie wäre jetzt noch an feiner Seite. Aber es war Sibylla's Wunsch gewesen, und deutlich genug hatte er seiner Gattin gezeigt, daß die Meinung dieser verlockenden Sirene maßgebend für ihn fei.
Oh! wie sehnte er sich jetzt darnach, seine Gattin zu umarmen! er wollte ihr die Thräneu von ihren Wangen küssen, ihr seine unveränderliche, heiße Liebe zu ihr ins Ohr flüstern. Würde er sie jemals Wiedersehen ? jemals wieder ihre weiche, melodische Stimme hören? Das Leben bot ihm keinen Reiz, wenn nicht an der Seite seiner geliebten, schwarzäugigen Zigeunerin.
finnung. Die Kaiserin war stets bei ihm. Der Kaiser verschied sanft, umgeben von seiner ganzen Familie. Von der Leiche verabschiedeten sich die Kinder, Anverwandten, Hofchargen und Diener. Die Flagge des Palais sank auf Halbmast und Kanonendonner verkündete den Tod des Zaren. Um 4 Uhr Nachmittags wurde dem Kaiser Nicolai der Eid der Treue geleistet. Zuerst thaten dies die Großfürsten, dann die Hofchargen, das Militär, Beamte 2c.
Deutsches Reich.
Berlin, 2. November.
* Mit dem Telegramm, welches dem dänischen Hofe den Tod des Zaren meldete, sandte Kaiser Nikolaus II. gleichzeitig eine Depesche an Kaiser Wilhelm.
* Der Kaiser hat mit seiner Vertretung bei den B e i- setzungsfeierlichkeitenKaisers Alex and er III. den Prinzen Heinrich beauftragt, welcher sich zu dem Zwecke nach Petersburg begibt.
* Der hiesige Hof legt für den verstorbenen Kaiser von Rußland vierwöchentliche Trauer an. Die königlichen und öffentlichen Gebäude, sowie eine Anzahl von Privatgebäuden, haben die Fahnen halbmast gehißt. Auf Befehl des Kaisers sind die Königlichen Theater geschlossen und die morgige Hubertusjagd im Grünewald untersagt worden.
* Aus Paderborn ist gestern Abend eine Abordnung von vier Offizieren des achten Husarenregi- ments, dessen Chef der Zar ist, nach Rußland abge- reist.
* Die Gerüchte von einem beabsichtigten Rücktritt des Justizministers v. Schelling werden der ,N. A. 3.', zufolge von unterrichteter Seite als unbegründet bezeichnet.
Daß Major v. Wißmaun in der nächsten Zeit in den auswärtigen Kolonialdienst zurücktreten wird, erscheint unwahrscheinlich, da er sich soeben in der Hagenstraße der Villenkolonie Grünewald bei Berlin ein Landhaus gemietet hat, das er mit seiner jungen Gemahlin beziehen wird. Die Villenkolonie hat bereits vor einiger Zeit zu Ehren des kühnen Führers eine ihrer Straßen Wissmannstraße benannt.
* Die katholischen Missionare können sich rühmen, selbst von den Andersgläubigen als die erfolgreichsten Arbeiter auf dem Felde der harten Mifsionsthätigkeit anerkannt und gelobt zu werden. Es ist bekannt, wie unsere deutschen Afrikaforscher und nicht an letzter Stelle unser „bester Afrikaner", Major von Wiß- mann, die Wirksamkeit der katholischen Missionare in den deutschen Kolonien lobend hervorheben im Gegensatz zu den Missionen anderer Konsessionen. Wenn man solche uneingeschränkte Anerkennung bei Leuten findet, welche die Sache ruhig und objektiv, ohne durch konfessionelle Vorurtheile eingenommen zu sein, betrachten und beurtheilen, so kann das nicht Wunder nehmen. Es scheint aber, daß allmählich auch solche Kreise, welche die Katholiken überall, wo
Monate waren vergangen. Die Rosen blühten in voller Pracht, Nachtigallen sangen, und die muntere Kinderschaar tummelte sich auf der großen Haide in Lerchenfeld.
Doch während draußen in der herrlichen Natur alles grünte und knospte, stand das große Herrenhaus still und verlassen da. Die Fensterladen waren dicht geschlossen, die geräumigen Zimmer leer und öde, kein menschlicher Schritt auf den Treppen oder auf dem Korridor verkündete, daß noch Leben im Hause sei. — Die beiden Fräulein von Sall hatten längst ihr neues Heim in der Residenz bezogen; Ernst irrte in fremden Ländern umher, suchte nach seiner verlorenen Gattin, die er fast nicht mehr zu den Lebenden zählte.
Er wollte nicht wieder in die Heimath zurück; und dennoch zog es ihn mit unwiderstehlicher Gewalt nach der Gegend hin, wo er kurze Zeit fo glücklich gewesen, und wo er dann sein Liebstes verloren hatte. Dann ftieg wohl eine leise Hoffnung in seiner Seele auf, daß Coralli ihren Schritt bereut und zurückgekehrt sei, doch ach! diese Hoffnung war trügerisch.
Die wenigen Freunde, die ihn auf feinen Reisen antrafen, schüttelten mitleidig ihr Haupt; — die Zigeunerin hatte ihn und seine Familie unglücklich gemacht — das war das Urtheil der Welt.