21. Jahrgang
Samstag, den 3. November 1894.
mit Urtterhaltrrugs-Krilage „Sterne und Klnmrn".
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Deutsches Reich.
Berlin, 1. November.
* Der Kaiser traf heute Mittag zur Enthüllung des von der Stadt Stettin und der Provinz Pommern gestifteten Denkmals Kaiser Wilhelm l. in Stettin ein und fuhr durch die festlich geschmückte Stadt sofort zum Denkmalsplatz. Die Festrede hielt Oberbürgermeister Haler, die Weiherede General-Superintendent Rotter. Der Kaiser beglückwünschte Professor Hilgers, den Schöpfer des Denkmals, und nahm dann die Truppenparade ab, worauf der Vorbeimarsch von mehr als 3000 Kriegern aus der Stadt und aus der Provinz erfolgte, welche Kränze am Denkmal niederlegten. Abends 11 Uhr gedachte der Kaiser wieder auf der Wildparkstation einzutreffen.
* General Graf v. Caprivi hat gestern Berlin verlassen, um sich zunächst nach der Schweiz zu begeben.
* Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht amtlich die Ernennung des Staatssekretärs des Auswärtigen Amts, Wirklichen Geheimraths Freiherrn Marschall von Bieberstein zum preußischen Staatsminister. — Diese Ernennung beweist, daß der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, dem in den letzten Tagen von sonst gut unterrichteter Seite Rücktrittsgedanken nachgesagt wurden, nach wie vor das volle Vertrauen des Kaisers besitzt. Herr von Marschall war bekanntlich die hervorragendste Stütze des Grafen Caprivi bei der Durchführung der Handelsverträge im Reichstage. Die Ernennung beweist ferner, daß Frhr. v. Marschall auch das volle Vertrauen des Fürsten Hohenlohe besitzt. In konservativ-agrarischen Kreisen dürfte die Ernennung des Frhrn. v. Marschall zum Staatsminister vielleicht weniger freud'ge Begeisterung finden, die Handelsverträge und ihre Vertretung durch „den Staatsanwalt" haben ihm manche Sympathieen, die er früher in diesen Kreisen besaß, entzogen. Freiherr v. Marschall ist in Neuershausen in Baden im Oktober 1842 geboren. Seit 1875 gehö te er der ersten Kammer seines Vaterlandes an. Zunächst Staatsanwalt, wurde er 1883 badischer Gesandter in Berlin und Mitglied des Bundesraths. Bei Berathung des Jnvaliditätsgesetzes im Reichstage that er sich in dieser Eigenschaft so hervor, daß ihn der Kaiser beim Abgänge des Grafen Herbert Bismarck zum Staats- fekretär des Auswärtigen ernannte.
* An Stelle eines Fürsten Hohenlohe-Schillingsfürst erhalten die Reichslande jetzt einen Hohenlohe-Langenburg als Statthalter, an Stelle eines Katholiken einen Protestanten. Fürst Hermann zu Hohenlohe-Langenburg, Haupt des ersten Zweiges der Neuensteinischen (ältesten) Linie des Hauses Hohenlohe, wurde geboren am 31. August 1832. Er studierte zu Berlin, trat dann in die württembergische Armee und 1854 in österreichische Militärdienste, in denen er 1859 den Feldzug gegen Frankreich in Italien mit
GrabgrÄanke«.
Warum, o Mensch, willst Du Dich stotz erheben, Und sprichst so viel von jenem ..Ich" und „Mein"? Ein Schatten nur, ein Traum ist hier Deiu Leben: Beginnst Du kaum, so nennt der Tod Dich sein!
Ein Morgenthan, der glänzt und bald verdunstet, Wie Blitzes Leuchten, wie der Welle Schaum, Ein fluchl'ger Lichtschein nur, ein Pfeil im Fluge Erscheinst, verschwindest Du, man merkt es kaum.
Der Säugling lachend au der Mutter Brust, Die Mutter in der Kinder frohem Kreis, Der Mann und Vater, der sie nährt und schützt, Der Jüngling, wie das Alter grau und weiß.
Die Jungfrau, deren Wangenrosen blühen, In deren Äug' der Stern der Schönheit blinkt, Wie Jene, die sie Herzen, lieben, loben, Ein Jeder rasch zum dunkeln Grabe sinkt.
Dem Reichen, Armen, Frommen wie dem Sünder, Gerechten, Weisen, Thoren, Groß und Klein, Ja, Allen schlägt, wer weiß es, wann? die Stunde, Wo Staub sich innig mischt mit Fleisch und Bein.
So geh'n die Menschen, wie die Wolken ziehen;
Sie wittern hin und and're folgen nach, Und was die ersten ließen, sie vollsühren, Um dann zu wandern wie das Laub im Bach.
Verschwunden sind sie all', die vor uns waren, Und kühler Rasen deckt ihr stilles Heim;
In ihren Häusern suchen wir zu wohnen, Und blieb darin zurück der Todeskeim. '
machte. 1862 wurde er badischer General und machte als solcher den Feldzug gegen Frankreich 1870/71 als Korpsdelegirter beim 14. Armeekorps mit. Seit 1860 ist er erbliches Mitglied der württembergischen Ersten Kammer, zu deren Vicepräsidenten er 1893 gewählt wurde. Von 1871 bis 1880 gehörte er dem deutschen Reichstage und in demselben der deutschen Reichs- Partei (Freikonservativen) an. 1877 bis 1878 war er Vizepräsident des Reichstages. Er ist ein lebhafter Förderer der Kolonialpolitik und gründete 1882 die Deutsche Kolonialgesellschait, deren erster Vorstand er jetzt noch ist. 1891 wurde er in den Kolonialrath berufen. Durch Familienvertrag vom 21. April 1860 und Erbtheiluugsvertrag vom 23. Oktober 1893 folgte er seinem Vater im Fürsteuthnm Hohenlohe-Langenburg in Württemberg und in der oberen Grafschaft Gleichen im Herzvgthum Sachsen-Gotha. Vermählt ist der Fürst mit der Prinzessin Leopoldiue von Baden, zweiten Tochter des verstorbenen Prinzen Wilhelm, Oheims des regierenden Grvßherzogs Friedrich. Er ist ein Oheim der Kaiserin, deren Mutter, seine Schwester mit dem Herzog Friedrich von Schleswig-Holstein- Sonderburg-Augustenburg vermählt war.
* Die Enthüllung über die Staatsstreich-Pläne des Grafe« Eulenburg — Abänderung des Reichstagswahlrechts nöthigenfalls durch einen Akt der Bnndes- fürsten — welche „Tas Volk" vor einigen Tagen machte, wird jetzt officiös im Hamb. Korr.' bestätigt. Zugleich erfährt man auch, mit welchen Gründen Graf Caprivi diese Staatsstreichpläne zurückgewiesen hat. Dem genannten officiösen Organ wird nämlich aus Berlin geschrieben: „Daß Graf Eulenburg Maßnahmen befürwortete, die die Gefahr eines Konflikts und eines Staatsstreiches in sich schlossen, haben auch wir bereits gemeldet. Entgegengehalten wurde ihm sowohl vom Grafen Caprivi wie von anderen Ministern, daß, abgesehen von sonstigen Bedenken, ein Verfassungskonflikt im Reiche eine ganz andere Sache sei, als in Preußen. Hier lasse sich, wie das Beispiel von 1862 bis 1865 zeige, auch in der Konfliktszeit die Regierung mit starker Hand fortführen. Das Reich dagegen beruhe auf Verträgen, und manche Bmldesfürsteu würden zweifelsohne, wenn sie, was thatsächlich schwerlich der Fall sein würde, zn einem gemeinsamen Bruch der Verfassung bereit sein sollten, für diese ihre Mitwirkung dann eine Gegenrechnung von Wünschen und Forderungen präsentiren, deren Begleichung dem Reiche harte, vielleicht lebensgefährliche Opfer auflegen müßte. Diese Pläne des Grafen Eulenburg fanden nirgends Zustimmung." — Letzteres ist erfreulich zu vernehmen. Aber wäre es bei dieser Lage der Dinge für den Grafen Eulenburg nicht ein Gebot des politischen Anstandes gewesen, alsbald seine Entlassung einzureichen?
* Der Sch luhsteiu, mit dessen Verlegung am 15. November die Einweihung des neue« Rcichstags- gebändes erfolgt, findet seinen Platz im Mittelpunkt
So manches Herz, das liebend für uns schlug, Gebrochen liegt es, falt im morschen Sarge;
Die bitt're Leb.-nsklage ist verklungen, Verrauscht die karge Freude, die es barg.
Verzagen, Hoffnung, Freuden, Leid und Schmerz, Sie folgen sich gleich Sturm und Sonnenstrahl; Und Lächeln, Thränen, der Gesang, die Klage, Sie wechseln stets im Leben ohne Wahl.
Auch wir sind so, wie die. die vor uns waren: Wir seh'« und thun genau, was sie gethan;
Dieselbe Sonne ist's, die für uns leuchtet. Wir geh'n dieselbe rauhe Lebensbahn.
Ein Augenblick, fast eitel Nichts genügen, Trotz Jugendkraft, trotz Freuden, Lust und Glück, Dich hinzustrecken auf die Todtenbahre:
Was nützt der Stolz Dir? D'rum weis' ihn zurück!
Fulda. L.jtzllbch.
Die Zigeunerin.
Novelle von C. Borges.
(15. Fortsetzung.)
Irmgard von Sall nahm heute wieder den Platz als Herrin des Hauses ein. Ihr Antlitz war finsterer denn je, ihre Stimme eisiger, als sie mit kurzen Worten ihre Befehle ertyeilte.
„Frau von Sall wird heute ihr Zimmer nicht verlassen; — — — sie ist krank," sagte sie mit sichtlicher Anstrengung, um damit allen lästigen Fragen
der großen Wendelhalle, wo er die Grundlage für den Unterbau eines später aufzustellenden Standbilds Kaiser Wilhelm I. bilden soll. An die Schlnßsteinlegungs- feier schließt sich eine Besichtigung der inneren Räume durch den Kaiser.
* Der japanische Militärattache, Major Otziai in Berlin, ist von seiner Regierung abberufen und ein Nachfolger von derselben nicht ernannt worden.
* Die Nachricht, daß der Gonverneur von Deutschostafrika, v. Scheele, auf seiner Expedition gegen die W ah ehe nnverrichteter Sache habe wieder umkehren müssen, weil es infolge der Verwüstnvg des Landes an Proviant mangelte, ist bisher ohne Bestätigung geblieben. Amtliche Meldungen sind darüber noch nicht eingegangen.
* Das Auswärtige Amt hat gegen das nunmehr vorliegende Erkenntniß der Potsdamer Disziplinar- kammer betreffs des Kanzlers Leist die Berufung an den Disziplinarhof in Leipzig einlegen lassen.
* Dresden, 30. Okt. Die sächsischen Gerichte haben jetzt die Preßverantwortlichkeit der Zeitungsausträger ausgesprochen. Kürzlich waren vom Dresdener Schöffengericht vierzig Zeitnngsträger zu Geldstrafen verurtheilt worden wegen einer Notiz der von ihnen ausgetragenen ,Sächs. Arbeiterztgü Das Urtheil ist jetzt in der Berufungsinstanz bestätigt worden. — Konsequenterweise müßten nun auch die Postämter, welche den Vertrieb dieser Nummern besorgt haben, und die Briefträger, welche die Nummern den Abonnenten ins Haus gebracht haben, dafür verantwortlich gemacht werden.
* Aus Darmstadt wird der ,Frkf. Ztg.' geschrieben: „Seit vielen Tagen ist hier alles für eine etwaige Abreise des Großherzogs gerüstet. Die russische Uniform liegt schon lange bereit Am Vormittag des 31. Oktober war eine so ernst lautende Privatdepesche eingelaufen, daß sich das Gerücht verbreitete, der Hof würde der Einweihung der Jvhanneskirche nicht mehr beiwohnen können. Diese vollzog sich iitbeffen ganz programmgemäß. Der Großherzog und die Großherzogin, sowie Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen erschienen des Abends auch noch im Theater. Prinzessin Alix soll ihrem Bruder, dem Großherzoge, mit Handschlag versprochen haben, sich nicht eher trauen zu lassen, bis derselbe anwesend sein könne."
Ausland.
* Aus der Schweiz, 30. Okt. Dem St. Gallen'schen Blatte ,Ost-Schweiz' zufolge besteht die Absicht, auf dem Wege der Volksinitiative eine Sammlung von 50,000 Unterschriften zu bewerkstelligen, um durch ein Verfassungsverbot die schweizerischen Juden von allen öffentlichen Aemtern, Offiziersstellen te. auszu- schließen. Obschon in der Schweiz die Juden verfassungsmäßig dieselben Rechte genießen wie die Schweizer, blieben ihnen thatsächlich die öffentlichen Aemter bis auf wenige Ausnahmen verschlossen.
der Dienerschaft zu entgehen. Man merkte es, wie entsetzlich schwer diese Lüge über ihre Lippen kam.
Die wenigen Gäste, die nach dem Festabend noch im Herrenhause verweilt batten, zogen sich bei dem verstörten Aussehen des Wirthes schnell zurück; sie wagten kaum nach der Herrin zu fragen; nur Sibylla blieb. —
Als Stunde auf Stunde verging und Coralli ihr Zimmer immer noch nicht verließ, wandte Fräulein Egressy sich mit der Frage an Irmgard, ob die junge Herrin ernstlich erkrankt sei, yh man nicht den Doktor holen, oder ihre Familie zu benachrichtigen sei.
Irmgard schaute sich ängstlich im Zimmer umher, als sie sich aber überzeugt hatte, daß die Thüren fest geschlossen und,kein Lauscher zu befürchten sei, flüsterte sie leise der Freundin in's Ohr:
..Coralli ist gar nicht krank--sie ist gar nicht
in ihrem Zimmer, wie man vermachet. Ich habe diesen Grund angegeben, um sie in den Augen der Gäste und der Dienerschaft zu entschuldigen, und um die Neugier zu befriedigen. Dir jedoch, Sibylla, will ich die Wahrheit nicht verhehlen, denn ich weiß, daß ein Geheimniß bei Dir sicher ist. — Coralli hat in ihrem Wahn das Tableau, welches Du mit Emst darstelltest, für Wirklichkeit angenommen und ist in Nacht und Dunkelheit davon gelaufen!"
„Unmöglich!" stöhnte Sibylla, — „sie ist fort?"