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Beilage jiw Pulöaev Aeitnng.

JVs. 251

Donnerstag, den 1. November 1894.

21. Jahrgang

für die Monate Aoneinder und ve;enlber

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Fntdaer Zeitung

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Wei den Gräbern.

gibt's ohn' bange Klagen

VI Kein Herz und keinen Ort;

<SSTöA Doch ach, wie „Grab" und „Sterben"

So traurig klingt kein Wort.

Allein, es klingt auch keines

So hell wie „Auferstehen",

So schön wie „Ewiges Leben",

So süß wie „Wiedersehen". Roller.

Die Zigeunerin.

Novelle von C. Borges.

(14. Fortsetzung.)

Das war alles. Coralli saß mit stieren Blicken und ihre stechenden Augen ruhten unverwandt auf dem verhängnißvollen Papier. Sie hatte die Zeilen so oft gelesen, daß sie sie längst auswendig konnte; jedes Wort war wie mit brennender Flammenschrift unauslöschlich tief in ihr armes, wundes Herz einge­graben. Konnte es denn möglich sein?

„O Ernst, Ernst, hilf mir, rette mich!" stürmte es in ihrem Innern. Doch plötzlich sprang sie auf. — Ein Wagen nach dem andern hatte bereits vor dem Portal gehalten, die Gäste mußten alle anwesend sein und noch immer nicht hatte sie ihre Toilette als Zigeunerkönigin beendet. Das Zigeunerlager sollte das erste Tableaux sein.

Rasch kleidete sie sich an, wusch ihre schmerzenden Augen und eilte in den Saal, in dem eine kleine pro­visorische Bühne hergerichtet war.

Ein großes, weites Mooslager breitete sich auf der Erde aus. Auf demselben lagen Herren und Damen in malerischer Zigeunertracht, die ihre Haare dunkel gefärbt und ihre Gesichter gebräunt hatten. So­gar ein Feuer fehlte nicht, über dem ein geschwärzter Kessel hing. Kinder und Hunde hockten vor demselben, und schauten erwartungsvoll in die knisternden Flammen. Inmitten der bunten Gruppe stand Coralli hoch und stolz aufgerichtet. Ihr rothes Kleid war mit goldenen Schnüren besetzt, eine breite goldene Kette fiel auf das kurze schwarze Sammetmieder, und in ihren herab­fallenden schwarzen Haaren perlten Diamanten wie Thautropfen im Sonnenschein. Sie hielt mit ihren Fingerspitzen die Hand eines jungen Zigeunerburschen und schaute prüfend und verständnißvoll auf die sich vielfach kreuzenden Linien, gleichsam als wollte sie ihm seine Zukunft enthüllen.

Das lange Beifallklatschen der Menge wollte kein Ende nehmen; noch einmal erhob sich der Vorhang vor dem Lager, und noch einmal fühlte Coralli die Blicke der Zuschauer auf sich gerichtet.

Dann folgte ein zweites Bild.

Sibylla Egressy und Ernst von Sall standen — als Schäfer und Schäferin gekleidet — am Abhange eines kleinen Hügels. Sie ließ ihr schönes Haupt an seiner Schulter ruhen und blickte mit unendlicher Liebe zu ihm empor, der zärtlich seinen Arm um ihre Taille geschlungen hatte. Auf der Spitze des Hügels, zwischen Bäumen .und Laubwerk verdeckt, lugte Irmgard mit ihrem Späherblick auf die Liebenden herab, während im Hintergrund eine Stimme vernehmlich flüsterte: „Ihr seid belauscht — Ihr seid belauscht!"

Coralli achtete nicht darauf, was um sie her vor­

ging; sie hörte nicht das laute Zurufen der Gäste, die es an dankbaren Beifallsbezeugungen nicht fehlen ließen. Sie glaubte nur, ein Jeder müßte sie bemit­leiden, denn Ernst zeigte ganz öffentlich, daß er Si­bylla liebe. — In ihrer ahnungslosen Seele stieg nie der Gedanke auf, daß das Bild vor ihren Augen nur Trug und Schein sei; nein, sie hielt es für Wirklich­keit, denn den Sinn der lebenden Bilder hatte sie nicht recht begriffen. Ernst stand vor ihr, Sibylla lehnte an seinem Herzen, und immer mußte sie der Warnung gedenken, die ihr von unbekannter Hand in dem Briefe gegeben worden war.

Die Bilder waren beendet; die Gäste hatten sich in den Tauzsaal begeben, nur Coralli saß theilnahms- los auf ihrem Platze. Da legte sich eine Hand auf ihre Schulter.

„Komm, Coralli, laß uns den Walzer tanzen."

Ihr Gatte hatte sie aus ihrer dumpfen Träumerei geweckt. Ohne ein Wort zu erwidern, folgte sie ihm in den hellglänzenden Festsaal.

„Ausgezeichnet!" rief Ernst freudig überrascht, als er einige Male mit ihr durch den Saal geschwebt war, „ich wußte gar nicht, daß Du eine so gute Tänzerin wärest."

„Ich habe immer gern getanzt; es war mein Lieb­lingsvergnügen", versetzte sie leise.

„Dann laß uns noch einmal eine Tour machen", jubelte er, und führte sie wieder in die Reihe der Tanzenden.

Doch dicht vor ihnen stand plaudernd ein Paar, das vom Tanze ein wenig ausruhte und Herrn von Sall mit seiner Gattin nicht bemerkte.

„Sie ist wirklich schön", hörte man die Dame sagen, „und sie scheint auch glücklich zu sein, wiewohl Jedermann erstaunt war, daß er Sibylla Egressy nicht gewählt hatte."

„Ja", versetzte der Angeredete gedehnt, „er hatte immer sonderbare Ansichten. Mein Freund Daren­berg sagte mir noch gestern, daß Frau von Sall ein armes Zigeunermädchen sei, die auf der Landstraße aufgefunden sei. Zuerst wollte ich es nicht glauben, als ich sie aber heute als Zigeunerin im Tableau sah, schwand mir jeder Zweifel."

„Führe mich fort von hier, führe mich fort, Ernst", hauchte Coralli, dann sank sie besinnungslos in den Arm ihres Gatten. — Die Umstehenden er­schrocken, als sie die Stimme ihres Wirthes erkannten, der leise bat:

„Bitte, lassen Sie mich vorbei. Meine Gattin ist ohnmächtig", dann trug er sie aus dem Festsaal.

Lautlose Stille herrschte. Der fröhliche Tanz hatte ein jähes Ende gefunden, und ein Gast nach dem andern zog sich zurück.

* * *

Im grauen Osten dämmerte kaum der neu er­wachende Tag. Die Schläfer im Herrenhause zu Lerchenheim lagen noch in tiefem Schlummer, da öffnete sich leise das große Gitterthor, und eine tief verschleierte Gestalt huschte geräuschlos in die Dunkel­heit dem Dorfe zu. — Noch oftmals wandte sie sich um, zögernd blieb sie inmitten der Allee stehen, gleich­sam als bereue sie jetzt schon den Schritt , doch nur einen Augenblick, dann verschwand sie in der Dunkel­heit.

(Fortsetzung folgt.)

+ Dreimal Allerheiligen.

(Fortsetzung.)

III.

Wiederum drang im nächsten Jahre der Schall des schönen Glockengeläutes von C. am Morgen des Allerheiligentages an mein Ohr. Die feierlichen Klänge draußen duldeten mich nicht lange mehr im Bette; rasch sprang ich auf, um womöglich noch ins Hochamt gehen zu können; nach demselben wollte ich sofort meine alten Freunde in der Bergstraße aufsuchen.

Während ich zur Kirche eilte, holte ich bald einen Mann ein, dessen ganze Statur mir bekannt erschien. Er trug einen Trauerflor um seinen Hut und ging mit bedächtigem Schritt, das Haupt gesenkt, vor mir her.

Mein Gedächtniß hatte mich nicht getäuscht: der Herr war mein Bekannter vom vorigen Jahre, Karl N.

Ich begrüßte ihn auf's Herzlichste. Nachdem die üblichen Fragen und Gegenfragen über das Befinden ausgetauscht waren, nahm seine Miene wieder einen tiefernsten bekümmerten Aus­druck an. Es betrübte mich sehr, den schönen jungen Mann so traurig zu sehens „Und Sie sind noch immer in Trauer, Herr N.?" wandte ich mich an ihn.

„Ach", erwiderte er, „glauben Sie mir, es gibt trübe Augenblicke im Leben, bei denen ein schwaches Menschenkind wirklich wohl 'mal der Verzweiflung nahe kommen möchte. Es ist nur e i n Trost für mich: dort oben gibt es Jemanden, der alle Fäden unseres Geschickes in Händen hat und sicher das Ganze einst noch zum Besten lenken wird!

„Sie haben Recht," sagte ich bewegt, „auch ich bin schon in der Lage gewesen, mich an diesem Trost aufrecht halten zu müssen."

„Ohne ihn," erwiderte er, „würde ich den Menschen für ein Pfuscherwerk und das Leben für eine Narrethei halten, über die man nicht einmal lachen könnte, weil sie zu bitter und zu ernst wäre. Kommen Sie mit mir und Sie werden die Ursache meines Kummers erfahren!"

Ich schloß mich ihm nur zu gerne an und merkte bald, daß sein Weg hinaus zum Friedhof führte. Während wir lang­sam dahin spazirten, erzählte er mir seine Erlebnisse im ver­flossenen Jahre.

Jener eine plötzliche Blick auf das Grab seines Vaters hatte eine so tiefe Umwandlung in seinem Innern veranlaßt, daß er von da ab gleichsam ein ganz neuer Mensch wurde, mit seinem bisherigen Leben vollständig brach und fernerhin all' sein Thun dem Andenken an seinen Vater und der Pflege seiner Schwester widmete. Für nichts Anderes lebte er mehr und für nichts Anderes wollte er leben. Er beschloß, nicht mehr nach Paris zurück­zukehren, sondern dem dort lockenden größern Gewinn einen bescheidenen Wirkungskreis in seiner Vaterstadt vorzuziehen.

Hierbei zeigte sich zunächst eine Schwierigkeit: kein Meister fand sich in C., der für die hohen Fähigkeiten Karl's auch nur im Entferntesten eine entsprechende Verwendung gehabt hätte. Aber eben diese Schwierigkeit veranlaßte eine besonvers glück­liche Wendung. Karl mielhete ein Atelier im Erdgeschoß des von ihm und Elisabeth zum Theil bewohnten Hanfes und fing an, für eigene Rechnung zu arbeiten. Gleich im ersten Monat feiner Selbständigkeit bekam er einen sehr ehrenvollen Auftrag vom Kommerzienrath H.; er sollte für diesen in möglichst kurzer Frist ein Renaissance-Büffet von durchaus origineller Komposition liefern. Kaum hatte dieses Buffet zum ersten Male auf einem Diner beim Kommerzienrath paradirt, als Karl auch schon mit Aufträgen aller Art aus den vornehmsten Kreifen förmlich über­schüttet wurde. Durch jene Arbeit wurde der Name Karl's sofort auf's Bortheilhafteste in der feinen Gesellschaft der ganzen Gegend bekannt und es gehörte zum guten Ton, wenigstens irgend ein bescheidenes Stück Möbel in dem Atelier des jungen Künstlers in Arbeit zu haben.

Welche Freude hatte er, als er auf diese Weise bereits nach einem Vierteljahr seiner Lisbeth eine zweifellos sorgenfreie, glück­liche Existenz versprechen konnte! Sie hingegen zeigte ihrem Bruder gegenüber die ganze Dankbarkeit, welche wahrhaft edle Seelen auszeichnet.

Der Spätsommer rückte schon heran und unserem Karl war fast ein Jahr in anstrengender aber auch segensvoller Thätig- keit dahingeflossen. Er hatte die Räume seines Ateliers bedeutend erweitern und eine ganz beträchtliche Anzahl Gehilfen anstellen müssen. Da gab es viel zu überlegen, zu zeichnen und vor allen Dingen auch aufzupassen bei der Ausführung, denn er hielt auf's Strengste darauf, daß auch die geringste Kleinigkeit be­achtet und ausgearbeitet wurde.

Die Abende gehörten regelmäßig seiner Schwester; sowie sich die Gehilfen nach dem Schluffe des Tagewerkes entfernt hatten, ging er hinauf — müde zwar und oftmals auch ver- stimmt, wenn irgend ein Fehler vorgekommen war; aber wie bald heiterte sich seine Laune auf, wenn er am Theetifch saß, die Zeitung nahm und mit Lisbeth über die Ereignisse des Tages zu plaudern begann!

„Wie glücklich bin ich, daß Dir Alles so trefflich gedeiht, was Du unter den Händen hast," sagte Elisabeth eines Abends zu ihrem Bruder, als dieser gerade nach dem Abendessen sich gemüthlich seine Pfeife anzündete.

„Auch ich bin wirklich glücklich darüber," bestätigte Karl. „Aber mein ganzer Erfolg würde mich nicht bei Weitem be­friedigen, wenn ich nicht dabei denken könnte, daß er schließlich auch Dir, Lisbeth, zu gute kommt. Was wäre mir fonst das ganze Geschäft werth! Nicht einen Pfifferling, glaube es mir, Lisbeth!"

„Sei doch kein solcher Thor!" wandte Elisabeth kopfschüttelnd ein. „Du sollst doch auch vor allen Dingen an Dich selbst denken. Es ist ja fast eine Sünde, denken zu wollen, daß Du die ganzen Früchte Deiner Arbeit einer armen gebrechlichen Person, wie mir, zukommen lassen wollest!"

(Schluß folgt.)

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