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M 251 ' Donnerstag, den 1. November 1894. 21. Jahrgang

FuldaerWZtitiing

mit Urrterhaltrmgs-Kettage „Sterne und Klnmen".

Erscheint täglich, Sonn» und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher AbonnementspreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Hierzu eine Beilage.

Des Festes Allerheiligen wegen erscheint die nächste Nummer am Freitag.

*f* Am Allerseelentag.

Nicht zu fröhlichem Wandern fordern uns heute die verschiedenen Stimmen der Religion und Natur auf, sondern zu ernstem Gange, in das stille Gräberfeld, wo unsere „lieben Todten" ruhen.

Es kann sich dieser Stimme Ruf nicht leicht Je­mand ekwehren und mag er noch so sehr im Taumel der Weltenlust alle Mahnungen des Jenseits zu über­rauschen suchen. Nichts hilft es; — die eine oder andere Geisterstimme, sei es, daß sie den Ton alter Anhänglichkeit und Liebe als Echo in dem Herzen wach- ruse, sei es, daß der Mahn und Racheruf ungesühnter Schuld ihr innewohne, einer dieser Laute dringt an diesem Tage in eines jeden Sterblichen Seele, soweit die christliche Taufe ihm ihr unauslöschbares Merkmal aufgedrückt hat.

So ist es ein ganz eigenartiges Schauspiel, das man beim Betreten des Friedhofes einer großen Stadt beobachtet. Da wandern nicht nur hinaus Diejenigen, welche sich den Glauben lebendig in der Brust bewahrt haben, sondern es gehen des gleichen Weges gebeugten Hauptes auch Diejenigen, die sonst vor lauter gottloser Wissenschaft nicht hoch genug den Kopf zu tragen wissen. Wozu sollten sie hinauspilgern zu den elenden traurigen Resten der Leiber, wenn es wirklich wahr wäre, was ihre Wissenschaft lehrt, wenn dieser armselige Plunder, halb Staub, halb morsches Gebein Alles wäre, was von dem einst so stolzen, durch glänzende Gaben des Verstandes ausgezeichneten Menschen übrig ist?

Unbewußt getrieben und durch den Widerspruch mit der eigenen Lehre sich selbst verurtheilend, finden wir bei denGräbern der auf ewig Entschlafenen die Jünger einer, sei es in der Lehre, sei es in der Praxis, gott­losen Geistesrichtung.

Man sagt, daß am Sterbelager eines Nahestehenden und vorzüglich auf dem eigenen Todtenbette Manchem, der längst geglaubt hat, Gott als einen überwundenen Standpunkt betrachten zu können, wieder der Gedanke an ein Jenseits mit ewiger Vergeltung zum siegreichen Durchbruch gekommen sei. Nicht minder, glanben wir, daß solch' einAngenblick mahnender göttlicher Gnade für Viele kommt, wenn sie die stumme Reihe der doch so stark beredten Grabhügel durchschreiten und allüberall das Kreuz erblicken, wie es nach Unten deu­tet mit dem einen Ende auf Tod und Vergänglichkeit, wie es aufwärts weist mit mahnendem Finger und wie es endlich beide Arme liebreich ausbreitet, um alle in seinem beseligenden Bereich der ewigen Liebe will­kommen zu heißen.

Wem es vergönnt wäre in die Herzen aller dieser Kirchhofpilger einen Blick zu werfen, der würde gewiß mehr denn einmal Zeuge sein des inneren Kampfes, bei dem der Mensch gegen sich selbst und seine Leiden­schaft anstrebt. Wohl dem, der den Funken der unversiegbaren göttlichen Liebe in sich zünden ließ, dem der gute Kampf gelang!

Das Herz in ernsten andächtigen Gedanken ge­sammelt, so betritt der gläubige Christ die Stätte der Todten. Seine Hand legt bei dem Grabhügel nicht nur den blumengeschmückten Kranz als äußeres Zeichen der das Grab überdauernden Liebe nieder, sein Herz naht sich den lieben Todten vor Allem mit dem un- verwelkbaren Rosenkränze kheilnahmvollen Gebetes.

Die reine, geheiligte christliche Liebe ruft uns mit tansend Stimmen am Allerseelentage zum Friedhof. Es ist die treue anhängliche Liebe, welche uns die Erinnerung an die Abgestorbenen unauslöschbar macht; es ist die dankbare Liebe, welche mit dem Al­mosen des Gebetes jetzt manche Wohlthat vergelten will, die früher oft kaum erkannt, oder deren Aus­gleich bei Lebzeiten nicht möglich war; es ist die edle christliche Liebe vor Allem, welche das strenge Gebot hat, den Bedrängten, die sich selbst nicht helfen können, beizustehen, die christliche Liebe, die zu beten gebietet selbst für die, welche im Leben feindselig uns begegnet sind.

Eine Stätte der gnadenreichen, göttlichen Liebe ist aber auch der Friedhof für uns, die wir

den Schritt zu ihm lenken. Eine ganze Fülle heil­samer Gedanken stürmt auf unser Herz ein, von dem sich langsam die irdische Schaale löst und das dadurch empfänglicher wird dem Sonnenstrahl, der ewiges Leben hervorruft. Hier, so im Angesichte des Todes gleichsam, da wird uns die erste und einzige Nothwendigkeit klar, nicht nur auf das Zeitliche das Ange zu richten, sondern Sorge zu haben, daß die arme Seele nicht allein den Weg ins Jenseits an­tritt, sondern geleitet von dem Engel, der unsere er­worbenen ewigen Schätze dem Herrn über Leben und Tod darbringt znm schwachen Entgelt für seine Herr­lichkeiten.

Wohin das Ange schaut, grüßt uns das erlösende Kreuz, verheißend, daß auch der schlimmsten Schuld durch den, der an ihm gehangen, Genüge gethan worden ist für Alle, welche reumüthig es umfassen. Hoffnungsvoll sodann ist zugleich dies geheiligte Zeichen für den, der mühsam den dornenvollen Weg des Lebens wandelt, denn unter diesem Grab kreuz, da hört der Erden Kreuz und Leid auf und so es mit Christo ist getragen, erblühen an den Erdendornen die kost­barsten Himmelsrosen.

Es geht durch unsere Zeit allgemein ein gewiß berechtigtes Seufzen über schweres Leid der mannig­fachsten Art. Mögx for Weg zum Friedhof alle stärken mit frohem, gottergebenem Glau­bens muth, der allein befähigt ist, denFrie- den zu geben in diesen Tagen und einst die stille Grabesruh, mit ewigem, seligem Frieden uns zu segnen!

Deutsches Reich.

Berlin, 30. Oktober.

* Der Kaiser empfing am Sonntag Vormittag den Reichskommissar v. Wißmann und den Führer der Schutztruppe in Ostafrika, Johannes.

* Eine geheime Zusammenkunft zwischen dernsKaiser DentzfichLstnd und dem russischen Thronsolger soll, wie der ,Voss. Ztg.' ans Petersburg gemeldet wird, nach einem in der Petersburger Gesellschaft verbreiteten Gerücht jüngst in Deutschland stattgefunden haben, und zwar um die Zeit, zu welcher der Kaiser in Thorn war, entweder vor seiner Ankunft dort oder während der ersten Tage seines Rominter Aufenthaltes. Zweck dieser Zusammenkunft sei in erster Reihe bie Regelung konfessioneller Angelegenheiten im Zusammenhang mit dem bevorstehenden liebertritt der Prinzessin Alix von Hessen gewesen.

* Eine bedeutsame Maßnahme hat der Reichskanzler Graf Caprivi unmittelbar vor seinem Rücktritt noch getroffen. Er hat als Chef der deutschen Reichsbank nunmehr das seit 1889 in Kraft befindliche Verbot aufgehoben, russische Werthe zu beleihen. Ausschlag­gebend für diese Maßregel soll vorAllem der Gesichts­punkt gewesen sein, daß der Beweggrund, der zum Erlaß des Verbotes geführt hatte, nach Wiederherstel­lung guter wirthschastlicher Beziehungen mit Rußland inzwischen weggefallen ist; daß ebenso wenig ein politi­scher Grund vorliegt, die russischen Werthe von der Reichsbank anders behandeln zu lassen, wie die Werthe aller übrigen europäischen Staaten, und daß endlich eine Befürchtung, der deutsche Markt werde nunmehr wiederum von russischen Werthen überschwemmt wer­den, bei dem jetzigen hohen Kursstände der russischen Papiere als ausgeschlossen gelten muß. Zn wünschen ist nur, daß sich letztere Hoffnung erfüllt, aber einiger Befürchtungen können wir uns nicht entziehen, z. B. wie steht es mit Neuausgaben von Papier? Will man den deutschen Markt für russische Papiere wieder­gewinnen, so dürfte das jetzt nicht mehr so schwer hal­ten, als vor der Aufhebung des Verbotes; man braucht ihm nur einige Zugeständnisse bei der nächsten Neu­ausgabe im Preise zu machen und er ist für russische Papiere wiedergewonnen. Wir können uns daher nicht ganz der Befürchtung entschlagen, daß dieser Gruß an den sterbenden Zaren den deutschen Sparern noch ein­mal recht theuer zu stehen kommen könnte, falls diese nicht so vernünftig sind, ihre Taschen russischen Papieren gegenüber zuzuhalten.

* Im mittelparteilichen Lager träumt man jetzt von einer neuen Kartellpolitik. Die ,Nat. Ztg.' ist überzeugt, daß keine Reaktion kommen wird. Der

Name Hohenlohe und der des gemäßigt-konservativen Grafen Udo Stolberg bezw. des Herrn v. Köller, — „unter der Voraussetzung, daß letzterer seine (ftüheren konservativen) Anwandlungen überwunden hat, wofür seine Straßburger Thätigkeit vielleicht spricht" — scheint ihr eine Ankündigung der Kartellpolitik zu sein. Die ,Kreuzzeitung' dagegen will hiervon nichts wissen, sondern fordert ein christlich-konservatives Programm. Für dieses ist aus Centrum und den Konservativen jedenfalls eine Mehrheit vorhanden, während für das Kartell keine vorhanden ist. Den Reichstag aufzulösen, um sie zu schaffen, wäre für eine neue Regierung ein Wagestück. Ob die Konser­vativen, denen der Graf Caprivi wegen vermeintlicher Vernachlässigung der landwirthschaftlichen Interessen so verhaßt war, nunmehr auf ihre Rechnung kommen, haben sie abzuwarten.

* lieber die schon angedeuteten Vorgänge, welche sich beim Jagdausflug in Liebenberg ereignet haben sollen, schreibt man dem ,Berl. Tgbl.': „Die An­wesenheit des Kaisers in Siebenberg ist von der gegen den Grafen Caprivi thätigen Strömung sehr geschickt benutzt worden. Den Anhalt dazu gab der bekannte Artikel der ,Köln. Ztg.', der den Anschein erweckte, als ob der Reichskanzler mit allen Mitteln auf die Entlassung des Grafen Eulenburg hinarbeite. Zurück- gekehrt in die Hauptstadt, stellte der Kaiser dem Reichs­kanzler diese Thatsachen und ihre Deutung vor. Graf Caprivi lehnte jede Verantwortlichkeit ab. Als der Kaiser darauf eine Art von Genugthunng für den Minister des Innern verlangte, lehnte Graf Caprivi auch das ab und bat um feine Entlassung, die sofort angenommen wurde." Wenn diese Mittheilung, wie wir Ursache haben anzunehmen, dem wirklichen Ver­lauf der Dinge entspricht, so hätte zwischen dem Kaiser und dem Exkanzler eine sachliche Differenz nicht Vor­gelegen, es deutet das vielmehr mit auch anderen An­zeichen auf eine Eulenburgische Familieueomödie hin, die allerdings insofern Erfolg hatte, daß Graf Capivi gestürzt wurde, aber gleichzeitig auch den Grafen Eulenburg das Amt kostete.

* Graf Botho zu Eulenburg wurde geboren am 31. Juli 1831. Er war Laudwirth, wurde Mitte der sechziger Jahre in das Abgeordnetenhaus gewählt und trat der konservativen Partei bei. Auch dem kcm- stituirenden norddeutschen Reichstag gehörte er an. Nach einer mehrjährigen Thätigkeit als Hilfsarbeiter und Vortragender Rath im Ministerium des Innern wurde er zum Regierungspräsidenten in Wiesbaden, 1876 zum Oberpräsidenten in Hannover ernannt und am 30. Mai 1878 zum Minister des Innern berufen. Am 19. Febr. 1881 kam es zu dem Konflikt zwischen ihm und dem Fürsten Bismarck, der ihn durch den Geheimrath Rommel im Herrenhause bei der Be- rathung der Kreisordnung nnvermuthet hatte des- aöouiren lassen. Am 25. Februar 1881 erhielt Gras Eulenburg seine erbetene Entlassung und wurde, nach­dem er einige Jahre von der amtlichen Thätigkeit fern geblieben, zum Oberpräsidenten von Hessen-Nassau ernannt. Am 24. März 1892 übernahm er das durch den Rücktritt des Grafen Caprivi freigewordene Prä­sidium des preußischen Staatsministeriums und nach dem Rücktritt Herfurths am 9. August 1892 dazu das Ministerium des Innern.

* Der neue Minister des Innern, Ernst Matthias v. Köller, ist der jüngere Bruder des langjährigen Präsidenten des Abgeordnetenhauses. Er ist am 8. Juli 1841 zu Kantreck bei Gollnow geboren, besuchte das Gymnasium zu Stettin und die Ritterakademie zu Brandenburg, das Gymnasium zu Treptow a. R., dann die Hochschulen Heidelberg und Berlin, wurde 1864 Auskultator in Friedberg N.-M., 1868 Land- rath zu Kammin, 1887 Polizeipräsident von Frank­furt und 1889 Unterstaatssekretär des Innern im Ministerium von Elsaß-Lothrmgeu. Dem Reichstage gehörte Herr von Köller als Mitglied der deutsch- konservativen Partei an. Bei den Reichstagswahlen Ende Oktober 1884 wurde Herr v. Köller im 4. Berliner Wahlkreis von den Konservativen aufgestellt. Er erhielt 10,500 Stimmen gegen 13,500, die auf Träger, und 25,900, die auf den damals zuerst offen als Sozialdemokrat auftretenden Singer fielen.

* Die Rcichsfiuanzen bessern sich zusehends. Die Zolleinnahmen in dem Halbjahr des Etatsjahres 1894/95 weisen nach der Zusammenstellung, die der