jys 250 ' Mittwoch, den 31. Oktober 1894. 21. Jahrgang
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"ltlMZeitiing mit Unterhaltungs-Beilage „Sterne und Kluwen".
* Der Rücktritt Caprivi's kam ebenso plötzlich, wie seiner Zeit die Zurückziehung des Schulgesetzes und der Sturz des Grafen v. Zedlitz- Trützschler, und der nähere Anlaß zu Caprivi's Rücktritt scheint ein ebenso kleiner Vorgang gewesen zu sein, wie der nähere Anlaß zum Falle des Schulgesetzes. In beiden Fällen ist auch gleichmäßig der wirkliche Grund der Krisis in langen, mit ausgesuchter Hartnäckigkeit verfolgten Wühlereien und Jntriguen zu suchen, durch welche schließlich dem Kaiser das Vertrauen zu seinen Ministern, beit beiden bedeutendsten konservativen Männern, welche das neue Preußen und das neue Deutsche Reich besaß, soweit untergraben wurde, daß dieselben nicht mehr mit gutem Erfolg wirken zu können glaubten. Ebenso wie Graf Zedlitz feiner Zeit nicht mehr bleiben konnte — die Gründe dafür zu erörtern, wird wohl erst in längerer Zukunft möglich sein —, ebenso scheint jetzt die Lage so zu sein, daß Caprivi's Verbleiben im Amte unmöglich war.
Graf Caprivi war ein ganzer Mann und ein ganzer Minister. Wir sind häufig Gegner, zuweilen scharfe Gegner feiner Bestrebungen gewesen, sagt die ,Köln. Vztg.', aber das Zeugniß können wir ihm nicht versagen : er hat seine Unabhängigkeit gewahrt nach oben wie nach unten, wie ein rechter Staatsmann soll und muß, und wo er auf dem richtigen Wege zu sein glaubte, ist er entschlossen und mit Selbstvertrauen voran gegangen. Er hat starke Mittel zuweilen nicht verschmäht; aber der Zweck hat ihm niemals schlechte Mittel geheiligt. Er hat sich auch nie an sein Amt geklammert und nie vergessen, daß sein Amt nicht um seinetwillen da war. Ohne Vorurtheile und ohne Leidenschaft, hat er nicht aus konfessioneller Abneigung den katholischen Volkstheil verletzt. Ohne engherzige Familien-Ueberlieferungen, von vornehmer Gesinnung und klarem Geist, ohne Vermögen, ohne Familie, ohne Verwandten, die versorgt sein wollten, ohne große persönliche Bedürfnisse, war er ein völlig uneigennütziger Staatsdiener. Er hat die schwere Aufgabe, das Ansehen des Deutschen Reiches nach dem Abgang des Fürsten Bismarck und gegenüber den Anfeindungen aus Friedrichsruh nach innen wie nach außen aufrecht zu erhalten, würdig gelöst. Leider hat er etwas spät in der hohen Politik Verwendung gefunden und nur kurze Lehrjahre als Marineminister durchgemacht. Auch fehlte in seinem Blute jener Tropfen Rücksichtslosigkeit — um nicht zu sagen Brutalität —, ohne welche ein preußischer Ministerpräsident unmöglich zurecht kommt, wenn von links die liberale Bourgeoisie, von rechts eine altpreußische Fronde heranstürmt. Hätte er in dieser Hinsicht das Beispiel seines Vorgängers Bismarck befolgen können, so hätte er sich wohl länger im Sattel gehalten. Daß wir Caprivi's Rücktritt bedauern, mag offen gesagt werden. Wir haben es ihm sehr verargt, daß er einst glaubte das Schulgesetz retten zu können, indem er den liberalen Schreiern den Jesniien-
Die Iigeunerin.
Novelle von C Borges.
(13. Fortsetzung.)
5. Kapitel.
Früher denn je war an diesem trüben Dezembertage die Dämmerung eingetreten. Dichter Schnee fiel noch immer unaufhörlich vom Himmel, dazu ächzte und heulte ein schneidender Nordwind in den Gipfeln der kahlen Bäume.
Doch die beiden jungen Leute, die so langsam auf der breiten Allee einhergingen, die noch ab und zu stille standen, unbekümmert um den Sturm, der ihnen in's Gesicht peitschte, achteten weder auf Kälte noch auf Unwetter und verfolgten so langsam ihren Weg, als ob es eitel Sonnenschein im Frühling wäre. —
Voran ging eine Fran, in einen langen schwarzen Mantel gehüllt, das Haupt mit einem scharlachrotheu Tuche bedeckt; ihr folgte ein schöner, stattlicher Jüngling mit bräunlichem Teint und schwarzen feurigen Augen. — Jetzt erreichten sie das eiserne Gitterthor, den Eingang zum Herrenhause. Die Alte blieb unschlüssig stehen.
„Ich wiederhole Dir, Caleb," begann sie im Flüstertöne, „ich muß sie sehen und wenn es auch nur für einen einzigen Augenblick ist, damit ich weiß, ob meine bösen Ahnungen grundlos sind.jZEs ist heute so kalt
Knochen hinwarf; aber wir vergessen auch nicht, daß noch fein preußischer Ministerpräsident im Kampfe des Glaubens gegen den Unglauben so offen und entschieden für den Glauben eingetreten ist. Das Wort: „Hie Atheismus, hie Christentum" wird dauernd mit seinem Andenken verbunden bleiben.
Sein Nachfolger wird nun die schwere Aufgabe haben, zugleich die liberale Bourgeosie und die altpreußische Fronde — die Siegerin und Herrin der Lage — zu befriedigen. Nachdem es der liberalen Bourgeosie gelungen war, das Schulgesetz zu Fall zu bringen, und den Grafen Zedlitz zu beseitigen, hat sie bald einen zweiten großen Sieg erfochten: die Verhinderung der Wahlreform. Nun hat die altpreußische Fronde ihren ersten großen Sieg erfochten: den Sturz Caprivi's. Welches wird der zweite Sieg sein? Unter einem Manne von der geraden und unabhängigen Gesinnung Caprivi's war alle Aussicht vorhanden, daß der Prozeß des Jneinanderwachsens der deutschen Bundesstaaten zu einem festen Deutschen Reich sich gut fortentwickelte. Wenn aber ein Mann sein Nachfolger würde, welcher glaubte, das Reichskanzleramt-Amt in der Art verwalten zu sollen, wie der altpreußische Konservatismus auch das Preußen westlich der Elbe betrachtet, so fürchten wir, jenen Prozeß erheblich weniger rasch vor sich gehen zu sehen. Wenn man seiner Zeit diesen Leuten vorhielt, daß doch die letzte große Militärvermehrung der Land- wirthschaft weitere ungeheure Opfer auferlege, und ihre ohnehin schon geschwächte Wettbewerbungsfähigkeit noch mehr schwäche, konnte man häufig die in ganz naivem Ton vorgebrachte Antwort hören: „Wir müssen doch für weitere Offizierstellen zur Versorgung unserer jüngeren Söhne eintreten!" Und wenn man heute diesen Leuten von Parität in Besetzung der höheren Beamtenstellen spricht, kann man wiederum die harmlose Antwort bekommen: „Ja, aber wo sollen denn unsere jungen Söhne bleiben, wenn wir so und so viel Regierungs-Präsidenten an Katholiken abgeben müssen?" Nach dem Regimente Caprivi's mit seiner unantastbaren Selbstlosigkeit, ein Regiment aus diesem engherzigen und selbstsüchtigen Geist heraus, das wäre das schlimmste, was geschehen könnte.
* * *
Graf Georg Leo von Caprivi de Caprera de Monte- cuculi, am 20. März 1890 zum Reichskanzler ernannt, war also etwas über 4 Jahre 7 Monate in dieser Stellnng, nachdem er schon vorher dem preußischen Staat als Offizier fast 34 Jahre nnd dann dem Deutschen Reiche als Chef der Admiralität 51,'« Jahre gedient hatte. Er ist am 24. Februar 1831 in Char- lottenburg als Sohn eines Obertribunalraths geboren, steht also im 64. Lebensjahre. In Berlin auf dem Werder'fchen Gymnasium erzogen, trat er am 1. April 1849 beim hiesigen Kaiser Franz-Regiment auf Beförderung ein und wurde am 19. Septemoer 1850 Offizier. Bon 1854 bis 1857 besuchte er die Allgemeine Kriegsschule (Kriegsakademie), war 1859 und 1860 Regimentsadjutant und kam nach einjährigem Kommando bei der topographischen Abtheilung des Generalstabes am 17. Dez. 1861 als Hauptmann in den Generalstab des I. Armeekorps, und schaurig, der Sturm tobt in den Lüften, es ist hier so einsam und still, gerade so, wie ich es in meinem Traume gesehen habe. Nur daß sie nicht hier ist! Ich sah sie dort an dem rauschenden Bache sitzen — sie weinte bitterlich — weinte wie Rahel und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihr. — Dann klammerte sie sich an mich, flehte mich an unter heißen Thränen, ihr die Freiheit zurückzugeben; sie wollte wieder glücklich sein — wollte in unseren Zelten ein heiteres Leben führen und für immer Lerchenheim verlassen."
„Pah! Du bist abergläubisch, Mutter," erwiederte der Jüngling. „Es wird ihr schon gut gehen, verlaß Dich darauf. Aber bedenke wohl, wenn Du hier gesehen wirst, so wird Herr von Sall uns zürnen. Er will uns nur unter der Bedingung das Geld weiter schicken, wenn wir fern bleiben — ohne seine Erlaub- niß dürfen wir uns hier nicht zeigen."
Die Zigeunerkönigin lächelte verächtlich.
„Seine Erlaubniß? Was liegt daran? Du denkst nur an den schnöden Mammon, Caleb, und das ist unrecht! Was kümmert mich sein Zorn, was liegt mir an den Folgen, wenn ich nur noch einmal meine Coralli sehen kann und mich überzeuge, daß sie glücklich ist! — Glaubst Du denn, ich hätte meine sonnige, friedliche Heimath verlassen und diese schaurig kalte Gegend aufgesucht, welche ich hoffte, nie wieder mit meinem
Nach zweijährigem Verbleib in Königsberg kam er zum Stabe der 5. Division nach Frankfurt a. O., war vom März 1864 bis Juni 1865 in den Elbherzogthümern und kam dann als Kompagniechef in das 64. Infanterieregiment. Im Mai 1866 kam er dann in den Generalstab zurück und machte den Krieg gegen Oesterreick, vor dessen Beginn er Major wurde, beim Oberkommando der 1. Armee mit; er erwarb sich hier den Orden pour le merite. Dann stand er mehrere Jahre beim Stabe des Gardekorps und wurde 1870 Ches des Generalstabes des 10. Korps; in dieser Stellung machte er als Oberstlieutenant den Krieg gegen Frankreich mit großer Auszeichnung mit. Im Dez. 1871 kam er als Chef der Abtheilung für die Armeeangelegenheiten B in das Kriegsministerium, trat im April 1875 als Chef zur Abtheilung A und wurde am 22. März 1877 Generalmajor. Am 12. Januar 1878 erhielt er das Kommando der 5. Jnfauteriebrigade in Stettin, wo er 21/« Jahre blieb, um dann an die Spitze der hiesigen 2. Garde-Jnfanreriebrigade berufen zu werden. End- 1882 wurde er Generallieutenant und Kommandeur der 30. Division in Straßburg, übernahm aber schon am 20. März unter Versetzung zu den Offizieren k la suite brr Armee die Stellung eines Chefs der Admiralität ein. Am 14. April 1888 wurde er von der Stellung als Chef der Admiralität entbunden und in Genehmigung feines Abfchieds- gefuchs zur Disposition gestellt, aber schon 5 Tage darauf erhielt er seine Wiederanstellung im aktiven Dienst und wurde als Nachfolger des Prinzen Albrecht kommandirender General des 10. Armeekorps in Hannover, am 21 September 1889 wurde er Chef des 78. Infanterie-Regiments. Bei feiner Ernennung zum Reichskanzler wurde er unter Belassung in der Chefstelle ä la suite der Armee gestellt.
Deutsches Keich.
Berlin, 29. Oktober.
* Der .Reichsanzeiger' meldet:
„Se. Maj. der Kaiser und König haben Allergnädigst geruht: Dem Reichskanzler, Staatsminister und Minister der auswärtigen Angelegenheiten, General der Infanterie, Grafen v. Caprivi, unter Verleihung des hohen Ordens vom Schwarze« Adler mit Brillanten, sowie dem Präsidenten des Staatsmini- steriums und Minister des Innern, Grafen zu Eulenburg, unter Belassung des Titels und Ranges eines Staatsministers, sowie unter Verleihung des Kreuzes und des Sterns der Groß- komlhure des Königl. Hausordens von Hohenzollern mit Brillanten die nachgesuchte Entlassung aus ihren Aemtern zu erthei- len. Allerhöchst ihren Statthalter in Elsaß-Lothringen, Fürsten zu Hohenlohe-Schillingssürst, Prinzen vonRatibor und Corvei, zum Reichskanzler, Präsidenten des Staatsministeriums und Minister der auswärtigen Angelegenheiten und den Unterstaatssekretär im Ministerium für Elsaß-Lothringen, v. Köller, zum Staatsminister und Minister des Innern zu ernennen."
’ Der Ausgang der Regierungs-Krisis ist nach den verschiedenen Zeitungs-Nachrichten das Ergebniß einer Wendung indem persönlich en Verhältnisse zwischen dem Kaiser und dem Kanzler. Diese Wendung ist, wie dem,Hamb. Korresp.' offiziös gemeldet wird, „anscheinend während des Jagd-Aufenthaltes des Kaisers bei dem Grafen Philipp Eulenburg eingetreten, man vermuthet in Folge persönlicher Anlässe." Am Dienstag Abend folgte nämlich der Kaiser einer Einladung zur Jagd auf das Gut des Botschafters Graf Philipp zu Eulenburg in Liebenberg bei Zehdenick im Kreife Templin. Dort hatten sich zur Jagd auch alle übrigen Glieder der Familie Eulenburg eingefunden. Anwesend waren außer dem Botschafter Fuße zu betreten, wenn ich nicht in den Sternen gelesen hätte, daß meinem geliebten Kinde Unheil droht? — Aber ihr Gatte soll sich hüten" — sie ballte die Faust unter ihrem Mantel — „wenn er uns betrogen hat! Er gab mir das heilige Versprechen, sie vor allem Leid zu bewahren, sie so glücklich zu machen wie das Vöglein im Frühling. — Jedoch fürchte ich, daß ich gesehen werde. — Nur einen einzigen Blick will ich durch das erleuchtete Fenster werfen, selbst ungesehen, ungehört, und wenn ich sehe, daß Coralli glücklich ist, wohlan, so treten wir noch heute die Rückreise an. — Bist Du nun zufrieden, Caleb?"
Caleb murmelte einige unverständliche Worte und die Alte fuhr fort: .
„Ich will auf die Treppe gehen, dort sind die Fenster noch nicht verhangen und ich kann gut hineinschauen. Es ist heute eine Festlichkeit, so hörte ich unten im Dorfe, da werden die Diener zu sehr beschäftigt fern, um mich zu bemerken, und sollte ich gesehen werden, nun, so muß meine Kunst als Wahrsagerin mich schützen. — Bleibe Du hier, Caleb, bis ich zurückkomme; ich werde nicht lange bleiben. Mich schaudert's an diesem Platze; Alles erinnert mich hier deutlich an meinen Traum."
Sie zog den Mantel fester um sich, bedeckte ihr Antlitz fast zur Hälfte mit dem rothen Tuche und stand am hellerleuchteten Fenster.