Einzelbild herunterladen
 

M 249 Dienstag, den 30. Oktober 1894. 21. Jahrgang

FuIdaerMZeitiing

________ mit Unterhaltnngs-Keilagr „Sterne und Zlumrn«.

Schhemt tägttch, Sww und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig 3”'eratc kosten die einspaltige Sarmondzeile oder deren Raum 15 Ps., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

für die Monate November und Semnber

werden Abonnements auf die

ßW^ Fuldaer Zeitung -WU

nebst der illustrirten Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen^ von allen Postanstalten, sowie Landbrief­trägern, Zeitungsträgern und von unserer Expedition (Harmonie) zum Preise von 1 Mk. (nebst Bestellgeld) jederzeit entgegengenommen.

Deutsches Reich.

Berlin, 27. Oktober.

* Zum Reichskanzler und preußischen Minister- Präsidenten ist, wie bereits durch Telegramm mitge- theilt wurde, der Statthalter von Elsaß - Lothringen, Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst, und zum Minister des Innern der Unterstaatssekretär v. Köller ernannt worden. Im öffentlichen Leben ist Fürst Chlodwig Karl Viktor zu Hohenlohe kein Neuling, vielmehr hat er bereits die verschiedensten Stellungen bekleidet. Geboren am 31. März 1819 zu Rotenburg an der Fulda, widmete er sich nach Ablegung der juristischen Staatsprüfungen und kurzer Beschäftigung als Referendar bei der Regierung zu Potsdam zu­nächst der Verwaltung der ihm zugefallenen Standes- herrschaft Schillingsfürst im baierischen Regierungs­bezirk Mittelfranken und trat im Jahre 1846 als erb­liches Mitglied in den bayerischen Reichsrath ein. Hier trat er politisch durch die Bekämpfung der groß­deutschen Ministerien Schrenk und von der Pforten hervor, wie er denn überhaupt eine ausgesprochen preußenfreundliche Haltung einnahm. Nach den Er­eignissen des Jahres 1866 wurde er zum Minister des königlichen Hauses und des Auswärtigen ernannt; als solcher setzte er die Zoll-Einigung der süddeutschen Staaten mit Preußen durch. Als Abgeordneter zum Zollparlament für Forchheim war er drei Sessionen lang Vice-Präsident dieser Körperschaft. Kirch en- politisch machte er sich in durchaus staatskirchlicher Richtung bemerkbar. Ganz besonders regte er zum Vorgehen gegen die Jesuiten an und machte den glück­licher Weise vollständig gescheiterten Versuch, die vor­wiegend katholischen Staaten Deutschlands und dem­nächst alle sogen, katholischen Mächte Europas zu einer gemeinsamen Aktion wider das vatikanische Konzil zu bestimmen. Als daher die Katholiken im Jahre 1869 bei den Neuwahlen zur baierischen Kammer die Mehrheit erlangten, war seine Stellung unhaltbar geworden; am 7. März 1870 erhielt er die wiederholt erbetene Entlassung. Als Mitglied der bayerischen Reichsrathskammer stimmte Fürst Hohen­lohe für den Eintritt Bayerns in das Deutsche Reich. Im deutschen Reichstag schloß er sich der Reichspartei an; 1871 und dann wieder 1874—77 war er Erster Vize-Präsident des Reichstages. Im Mai 1874 ging er, nach der unter den bekannten Umständen erfolgten

Abberufung des Grafen Arnim als deutscher Bot­schafter nach Paris. Diesen schwierigen Posten füllte er, nach allgemeinem Urtheil, mit großer Umsicht aus. Als Nachfolger Manteuffel's wurde Fürst Hohenlohe dann im Juli 1885 Statthalter von Elsaß-Loth- ringen, wo seine Thätigkeit anfangs viel ange­fochten wurde, aber mehr und mehr sich Geltung ver­schaffte. Es gelang ihm insbesondere, die von einfluß­reicher Stelle in Berlin befürwortete Aufhebung des Statthalteramtes und des Landes-Ausschusses zu hinter­treiben. Sehr fiel für die Befestigung seiner Stellung in's Gewicht, daß die Reichstagswahlen vom 20. Febr. 1890 einen starken Rückgang der protestlerischen Stimmen ergaben; bei den Wahlen vom 15. Juli 1893 wurde auch des Statthalters jüngster Sohn Alexander (neben vier demselben näherstehenden Abge­ordneten) gewählt. Die Berufung des Fürsten Hohen­lohe zu den beiden höchsten Aemtern im Reiche dürfte hauptsächlich seiner Bewährung auf einem wichtigen diplomatischen Posten zuzuschreiben sein. Es muß dem Kaiser daran gelegen sein, daß der unerwartet erfolgte Rücktritt Caprivi's in den Beziehungen zum Aus­lande keinerlei Störung herbeiführe, zumal in einem Augenblick, wo sich aller Voraussicht nach in nächster Zeit an der Newa ein Thronwechsel vollzieht, der von großer Bedeutung werden kann. Was der Wechsel an den wichtigsten Stellen im Staatsdienste für die innere Politik des Deutschen Reichs und Preußens für Folgen haben wird, bleibt abzuwarten. Es wird versichert, daß bezüglich der im Vordergründe stehen­den Frage der „Bekämpfung des Umsturzes" der Nach­folger Caprivi's dessen Programm auszuführen haben würde. Man darf das billig bezweifeln, sicher wird es anders kommen, nachdem der bisherige Unter­staatssekretär von Elsaß-Lothringen, Hr. v. Köller, preußischer Minister des Innern geworden ist. Da darf man sich nach dem früheren Auftreten dieses Staatsmannes schon eher auf eine „schneidige" Politik im Sinne der jüngsten ostpreußischen Adresse und im weiteren Verfolg auf Reichstags-Auflösung und Ver­wickelung aller Art gefaßt machen. Doch man soll nicht prophezeien unter dem neuen und neuesten Kurs. Herr v. Köller war früher Reichstagsabge­ordneter, gehörte als solcher der konservativen Fraktion an und zeigte sich als schneidiger Redner, insbesondere in Militärangelegenheiten. Er war wiederholt Refe­rent der Budgetkommiffion für den Militäretat. Der neue Reichskanzler ist, wie ausdrücklich bemerkt fein mag, katholischen Bekenntnisses; über seine kirchen­politische Stellung wurde oben das Nöthige gesagt. Hoffentlich sind die „Beklemmungen" der ,Kreuzzeitung' nicht allzu groß.

* Der König von Serbien hat bei Verlassen des deutschen Reichsgebiejs, dem Kaiser und der Kaiserin noch seinen Dank für die ihm gewährte überaus freund­liche Aufnahme, telegraphisch ausgesprochen. — Graf Caprivi, Staatssekretär Freiherr v. Marschall, der ge­wesene Ministerpräsident Graf Eulenburg und Ober­

hofmarschall Graf Eulenburg, haben vom König von Serbien das Großkreuz zum Weißen Adler-Orden er­halten.

* In der gestrigen Bundesraths-Sitzung wurden die Etats für den Reichskanzler und die Reichskanzlei und der Reichsjustizverwaltung für 1895/96 genehmigt.

* Die außerordentliche General-Synode ist heute im Herrenhause zusammengetteten und vom Präsidenten des evangelischen Oberkirchenraths Dr. Barkhausen be­grüßt worden. Hauptberathungsgegenstand ist die neue Agende. Zum Präsidenten wird Graf Ziethen-Schwerin, zum Stellvertreter Superintendent Holtzheuer, zu Schrift­führern werden Geh. Regierungsrath Schumann-Frank­furt a. O., Superintendent Prof. Dr. Förster-Halle, Geh.RegierungsrathTrosien-Magdeburg,Superintendent Altgelt-Wülfrath gewählt.

* Nachdem an aus Amerika eingeführtem Rindvieh in Hamburg Fälle von Texasfieber festgestellt sind, ist die Einfuhr von lebendem Rindvieh und frischem Rind­fleisch aus Amerika nach Deutschland verboten worden. Viehsendungen, welche bis einschließlich den 28. d. M. von Amerika abgegangen sind, werden unter Bedingung sofortiger Abschlachtung noch zugelassen.

* Frankfurt a. M., 27. Okt. Der sozialdemo- krattsche Parteitag ging über die sämmtlichen, die religiöse Frage betr. Anträge zur Tagesordnung über. — Als Ort des nächsten sozialdemokratischen Partei­tages wurde Breslau bestimmt. Der Vorsitzende Singer hielt um 3xk Uhr die Schlußrede.

Ausland.

* Wien, 27. Okt. Die »Wiener Zeitung' ver­öffentlicht eine Bekanntmachung, nach welcher die Ein­fuhr von Rindvieh nach Oesterreich aus den Regierungs­bezirken Magdeburg, Hildesheim und Köln, sowie aus den Kreishauptmannschaften Leipzig und Zwickau und aus dem Großherzogthum Sachsen-Weimar bis auf Widerruf verboten wird.

* Am 28. d. M. finden wieder in ganz Belgien Wahlen statt, nämlichdie Provinzialrathswahlen zur vollständigen Erneuerung der 9 Provinzial-Land- tage. Diese Wahlen, für die gleichfalls zum ersten Male das allgemeine Stimmrecht in Anwendung kommt, sind jetzt politisch wichtiger als früher, weil die Pro- vinzial-Landtage 26 Senatoren zu wählen haben. Von den Provinzial-Landtagen sind bisher die von Bra­bant, Lüttich und Hennegau liberal, die von Ant­werpen, Ost- und Westflandern, Namur, Limburg und Luxemburg katholisch.

* Paris, 26. Okt. Dem ,Matin' zufolge ist die Polizei benachrichtigt worden, daß drei aus Poitiers, Lyon und Lille kommende Anarchisten ein Attentat gegen die Deputiertenkammer versuchen würden.

* Der Zustand des Kaisers von Rußland scheint in den letzten Tagen gleich geblieben zu sein. Wie es heißt, kann der Zar, der zum Skelett abgemagert ist, während der Unterleib unförmig aufgedunsen erscheint, schon seit Wochenfrist nicht mehr im Bett liegen; er

Die Zigeunerin.

Novelle von C. Borges. (12. Fortsetzung.)

„Das soll geschehen," versetzte die gute Alte, und sie hielt Wort, denn noch nie hatte sie sich bei ihrer Arbeit so viele Mühe gegeben wie gerade jetzt, und Ernst, der jeden Mittag seine Lieblingsspeisen zube­reitet fand, überhäufte Coralli mit Lobesbezeichnungen.

Jedoch die unheilverkündende Wolke, die anfäng­lich nicht größer wie eine Hand war, hing drohend tief unten am Horizont, stieg langsam höher und höher, ohne bemerkt oder beachtet zu werden.

Sibylla Egressy war ein gern gesehener, häufiger Gast im Herrenhause zu Lerchenheim. Sie schien dort ihre zweite Heimath zu haben, „denn ich habe hier so viele, glückliche Tage zugebracht," sagte sie gleichsam entschuldigend zu Coralli.

Coralli wußte auch recht gut, daß es eine bittere Enttäuschung für Sibylla gewesen war, als Ernst eine Fremde als Herrin in das Haus seiner Väter ein­führte, denn Irmgard und Sophie hatten es an spitzen Bemerkungen hierüber nicht fehlen lassen.

„Es muß ein harter Schlag für das arme Mäd­chen gewesen sein," hatte Sophie noch heute geäußert, „denn sie liebte Ernst aufrichtig, und alle unsere Be­

kannten hielten die Sache so gut wie abgemacht Sie würde auch hier so gut am Platze gewesen sein, während jetzt--" ein vielsagender Blick und ein verächt­

liches Zucken der Achseln war die Ergänzung; doch Coralli, die seit dem Eintritt in das Haus solche und ähnliche Bemerkungen hinreichend gehört hatte, verließ stumm das Gemach.

„Coralli," begann Ernst eines Tages, als sie allein im Wohnzimmer am Feuer saßen, „glaubst Du nicht, daß wir noch eine Festlichkeit geben müssen, ehe Irm­gard und Sophie uns verlassen? Siehe, uns zu Ehren haben Nachbarn und Freunde Gesellschaften genug veranstaltet, jetzt könnten wir endlich einen Ball oder theatralische Vorstellung geben; Sibylla schlug es vor; was denkst Du darüber?"

„Wie Du willst, Ernst," entgegnete sie sanft.

So lautete immer die in gleichmäßiger Ruhe und Hingebung gegebene Antwort auf jeden Vorschlag, den er ihr machte. Seine Stint umwölkte sich; er hätte o gern ihren Wunsch, ihre Ansicht gehört, er wollte ihr eine Freude machen, und die in stiller Demuth ergebenen Worte: „Wie Du willst, Ernst," reizten ihn. Aeußerlich hatte sie leicht alle geselligen Formen angenommen; sie glich jetzt einer vollkommenen Welt­dame, aber Herr von Sall war nicht damit zufrieden. Er sehnte sich nach einem glücklichen heiteren Wesen,

das an seiner Seite als Gattin ebenso lachen, scherzen und singen konnte, wie das Zigeunermädchen, welches so lustig Feld und Wald durchstreift hatte.

„Es sollte eine besondere Freude für Dich sein," versetzte er daher.

Coralli blickte ihn fragend an.

„Oh, ja — — es ist mir auch eine Freude. — Aber was jagtest Du, ein Ball hier in unserm Hause?"

„Ja, oder theatralische Vorstellungen. Sibylla meinte, wir könntep auch lebende Bilder stellen, weil die weniger Zeit erfordern."

„Wer soll uns dabei helfen? Du weißt, ich habe nie derartigen Vergnügungen beigewohnt."

„Ah, mache Dir keine Sorge, Sibylla versteht sich gut auf solche Sachen. Sie soll einige Tage zu uns kommen, dann kann alles besprochen werden. In rüheren Jahren haben wir oft in einem Lustspiel ge­wirkt; ich sage Dir, sie spielt entzückend; ich denke noch mit Freuden daran zurück."

Ahnungslos hatten seine Worte eine wunde Stelle in Coralli's Herzen berührt, und schwer seufzend setzte ie sich ihrem Gatten zur Seite, der eine lange Liste einer Gäste aufschrieb, die Einladungen zu dieser Festlichkeit erhalten sollten.

Es war ein kalter Dezembertag. Fußhoher Schnee