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248 Sonntag, den 28. Oktober 1894. 21. Jahrgang

mit Untrrhaitrrngs-KeUage „Sterne und Klrrmen".

Erscheint täglich, Swm- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abounementsvreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wi^erholungen entsprechender Rabatt.

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PW- Hierzu eine Beilage.

Ein höchst bemerkenswerthes Geständniß

macht in einer Besprechung der belgischen Wahl die nationalliberale ,Berliner Börsenztg.', indem sie schreibt: „Wenn trotz Freigabe der sozialdemokratischen Aktion die Klerikalen sich so glänzend behauptet haben, dann kann die Centrumspolitik, wenigstens mit sub­jektiver Berechtigung, darauf fußen, daß sie mit dem Sozialismus bei uns aus eigener Kraft fertig zu werden vermöchte." Wir werden uns dieses, dem nationalliberalen Organ durch die Wucht der Thatsachen wider Willen entschlüpfte Geständniß mer­ken. Wenn die belgischen Katholiken sich trotz Frei­gabe der sozialistischen Thätigkeit so glänzend behaupten konnten, so werden es die Katholiken Deutschlands nicht minder vermögen. Jedenfalls hat das Blatt zugestanden, daß das Centrum volle sachliche Berech­tigung hat, darauf zu „fußen", daß es mit dem So­zialismus bei uns aus eigener Kraft fertig zu werden vermag. _ Der Unterschied zwischen den belgischen und den deutschen Katholiken besteht nur darin, daß jene ebenso frei in ihrer Aktion sind wie die Sozialdemo­kraten, wir Katholiken in Deutschland aber nicht. Die­selbe Staatsgewalt, welche auch uns zum Kampfe gegen den Umsturz aufruft, hat uns viele unserer besten Streiter, die in diesem Kampfe Großes leisten könnten, geraubt und will sie auch jetzt noch uns vorenthalten, obwohl den Mächten des Umsturzes die volle staats­bürgerliche Freiheit längst zurückgegeben worden ist. Man ruft unsere Mitwirkung, unsere Bundesgenossen­schaft an, versagt uns aber trotzdem die Gleichberech­tigung. Man kann und will die Thäügkeit der katho­lischen Kirche zur Bekämpfung der Umsturzbestrebungen nicht entbehren, und man hindert sie dennoch, ihre Thätigkeit voll zu entfalten und engt sie ein in bureaukratische Schranken. Sie soll Schulter an Schulter mit der Staatsgewalt kämpfen, und diese hält sich Hinterthüren auf, um bei günstiger Gelegenheit die Waffen wieder gegen sie zu kehren. Daß der Katho- - lizismus trotz aller Fesseln und Fallstricke doch auch in Deutschland fähig war, aus eigener Kraft sich der Sozialdemokratie zu erwehren, dürfte der ,Börsenztg.' vielleicht noch bemerkenswerther erscheinen, als die glänzende Behauptung seines Besitzstandes in Belgien, wo er frei ist und seit einem Jahrzehnt auch das Staatsruder führt.

Der Katholizismus hat aber in Deutschland, ob­wohl von allen Seiten aufs heftigste bedrängt, noch mehr gethan, als nur sich selbst gegen den Sozialismus behauptet. Er hat das Meiste dazu beigetragen, um den Gedanken einer großen christlichen Sozial­reform zu einem mächtigen Faktor unseres ganzen öffentlichen und staatlichen Lebens zu machen. Und

Die Zigeunerin.

Novelle von C. Borges.

(11. Fortsetzung.)

Irmgard hatte die Worte mit dem größten Gleich- mnth gesprochen, ohne dabei ihre Augen von ihrem unvermeidlichen Strickzeug abzuwenden. Hätte sie es gethan, so würde sie über den Effekt, den diese Worte auf ihre Schwägerin machten, überrascht gewesen sein. — Coralli ließ die bunte Wolle aus ihren Händen fallen, dann trat sie mit hochgerötheten Wangen und blitzenden Augen vor Irmgard.

„Darf ich fragen, warum Du Marie entlassen hast?" fragte sie scharf.

Irmgard blickte nun mit unverhohlenem Erstaunen die Sprecherin an.

„Gewiß," versetzte sie eisig. „Anstatt ihre Arbeit zu verrichten, schwätzt sie in ungebührlicher Weise über ihre Herrschaft."

„Wer hat Dir das gesagt?"

Jrmgard's Erstaunen wuchs mit jedem Augenblick. Bis jetzt hatte die Gattin ihres Bruders sich noch niemals um Haushaltungsangelegenheiten gekümmert.

„Es kann Dir doch gleichgiltig sein, wer es mir gesagt hat," lautete die strenge Antwort. „Es genügt, wenn ich Dir sage, daß das Betragen des impertinenten Mädchens meine Kündigung rechtfertigt."

wenn die Stimme der katholischen Sozialreformer von Anfang an mehr gehört und gewürdigt worden wäre, dann wäre die soziale Gefahr nie so groß und so dro­hend geworden, wie sie jetzt tatsächlich vor uns steht. Die berufenen Vertreter der katholischen Kirche und der katholischen Wissenschaft haben sich nicht damit be­gnügt, darüber zu klagen, daß der moderne Staat die harmonische Ordnung des Mittelalters*), anstatt sie der Neuzeit entsprechend auszugestalten, zerstört hat; daß die liberal-kapitalistische Wirthschaftslehre an die Stelle der christlichen Liebe und des christlichen Gemeinsinnes die Selbstsucht und den Kampf Aller gegen Alle gesetzt hatte. Nein, sie haben auch von vornherein vor den Folgen dieser Lehren und Grundsätze gewarnt und zu­gleich energisch den Kampf zum Schutze, zur Erhaltung und Wiederherstellung aller sittlichen und wirthschaft- lichen Kräfte, deren Zerstörung die nothwendige Folge der liberal-kapitalistischen Entwickelung sein mußte, ausgenommen. Schon Ende der vierziger Jahre erhob Wilhelm Emanuel v. Ketteler seine Stimme gegen die rücksichtslose Ausbeutung der menschlichen Arbeits­kraft durch das entfesselte Kapital; er verlangte Schutz der Arbeiter und ihrer natürlichen Rechte. So legte er bereits die Grundlage zu einem sozialpolitischen Programm, das auf dem christlichen Sittengesetze und den Lehren der christlichen Philosophie fußt. In seinem Geiste wurde weiter gearbeitet, und es bestand bereits eine große Schule katholischer Sozialreformer, als Graf Galen 1876 im Namen des Centrums die ersten formulirten, programmatifchen sozialen Forderungen allen anderen Parteien, auch der Sozialdemokratie, voraus stellte. Der positive Kainpf gegen den Umsturz wurde von katholischer Seite bereits geführt, als Fürst Bismarck noch mit Lassalle liebäugelte und sich ihn zum Gutsnachbar wünschte. Und als der Staat im Bunde mit dem gesammten Liberalismus den „Kulturkampf" gegen die katholische Kirche führte, statt gegen den kul­turfeindlichen Sozialismus, da war die Selbsterhalt­ung die erste und dringendste Pflicht der Katholiken; sie vergaßen aber darum nicht, die Erhaltung desselben Staates, der sie bekämpfte, gegen den Umsturz im Auge zu behalten.

Sie waren 1876 die ersten am Platze, sie waren in den folgenden Jahren die ersten, welche den „Schutz der nationalen Arbeit", den Zollschutz für Landwirth- schaft und Industrie forderten, und sie blieben fortan stets die Hauptträger und die eifrigsten Förderer aller sozialen Reformpolitik. Nicht nur bei der Gesetzgebung, sondern auch durch die praktische Selbsthilfe haben sie im Kampfe für Religion, Sitte und Ordnung gegen die Umsturzparteien Großes geleistet, ohne darum auf den errungenen Erfolgen auszuruhen. Man braucht da bloß an die vielseitige Wirksamkeit des katholi­schen Volksvereins zu erinnern, der soeben erst

* Das kürzlich im Berlage der Fuldaer Aktiendruckerei er­schienene Schriftchen „Die Arbeiter-Einigungen des Mittelalters" gibt darüber interessante Aufschlüsse.

„Verzeih', Irmgard, aber ich habe Dein Gebot aufgehoben. Ich habe soeben mit Marie gesprochen, die mir die Geschichte erzählt hat. Nur der einfache Grund, daß sie Aehnlichkeit zwifchen mir und einer Zigeunerin findet, genügte mir nicht zur Entlastung. Sie soll in ihrem Dienst bleiben, vorausgesetzt, daß dieses Thema nicht mehr in der Küche berührt wird."

Coralli hatte in ihrer gewöhnlichen Ruhe ge­sprochen, jedoch verrieth ein leises Beben ihre innere Unruhe, besonders als sie sah, wie die beiden Damen in maßlosem Erstaunen sie anstarrten. Irmgard faßte sich zuerst.

„Wie darfst Du wagen, Dich in meine Angelegen­heiten zu mischen, brauste sie empört auf. „Habe ich deshalb feit zwanzig Jahren diesem Haushalte vor­gestanden, um nun ein Gespött der Leute zu werden? Weil mein Bruder ein unwissendes Mädchen hier als Herrin eingeführt hat, die nichts von der Haushaltung versteht, soll ich mein Recht aufgeben? Wärest Du ähig gewesen, selbst die Leitung zu übernehmen, eh bien! so würde ich Dir gleich bei Deiner Ankunft die Schlüssel übergeben und mich zurückgezogen haben. Es war der ausdrückliche Wunsch meines Bruders, daß ich das Regiment hier weiter führte; — das weißt Du sehr gut!"

„Ja, ich weiß es; aber dennoch wünschte Ernst nicht, daß ich Dir Alles überlassen sollte," versetzte

in Freiburg einen von über 650 Geistlichen und Laie besuchten praktisch-sozialen Kursus veranstaltet hat. „Aus eigener Kraft" haben auch die deutschen Katholiken so schöne Erfolge errungen, und sie werden auch mit dem Sozialismus aus „eigener Kraft" fertig werden, wenn man sie nur gewähren läßt und ihre Kräfte nicht knebelt. Möge die Regierung, sagt die ,Cobl. Vlksztg.', und mögen die Konservativen, wenn sie unsere Bundesgenossenschaft in den sozialen Kämpfen wünschen, dies beherzigen und uns jene volle Freiheit der Bewegung und Gleichheit der Bedingungen ge­währen, ohne die wir aus der Defensive nie zur Offensive gegen den Umsturz wirksam übergehen können. Volle Gleichberechtigung — das ist die un­erläßliche Vorbedingung jeder Berufsgenossenschaft.

Deutsches Reich.

Berlin, 26. Oktober.

* Die stimmführenden Minister der verbündeten deutschen Staaten sind gestern Nachmittag 2 Uhr unter dem Vorsitze des Reichskanzlers zu einer Berath- ung zusammengetreten, die übrigens nicht als eine Sitzung des Bundesraths anzusehen ist. Den Gegen­stand der Konferenzen bildet, wie die ,Post' berichtet, einmal die Erörterung der allgemeinen politischen Lage, dann aber eine Besprechung der dem Reichstage vor­zulegenden Gesetzentwürfe. In dieser Hinsicht kämen zunächst die Tabaksteuervorlage sowie die Gesetzent­würfe, betreffend den unlauteren Wettbewerb und die Börse, in Betracht. In erster Linie würden sich die Minister mit den Maßnahmen, durch welche die Macht­mittel der Regierung gegen die Umsturzbestreb­ungen verstärkt werden sollen, zu beschäftigen haben. Diese Maßnahmen bewegen sich in Grenzen, bei denen auf eine Mehrheit im Reichstage gerechnet wird; die Regierung sei indessen dabei entschlossen, ihre Forder­ungen jedenfalls mit aller Festigkeit zu vertreten. Im übrigen hätten die gegenwärtigen Verhandlungen den Charakter vertraulicher Aussprachen; die materielle Behandlung der Vorlagen an den Reichstag fällt naturgemäß dem Bundesrathe zu. Mit der Ausar­beitung der Vorlage zur Bekämpfung der Umsturz­bewegungen sind Beamte aus dem Ministerium des Innern und aus dem Reichsjustizamt, Geh. Ober­regierungsrath v. Philipsborn und Geh. Oberjustiz­rath v. Seckendorf, betraut worden. Nach der ,B. B.-Ztg.' handelt es sich bei der Bekämpfung der Um­sturzparteien vornehmlich nm eine Aenderung des Vereins- und Versammlungsrechtes und um eine Ver­schärfung von gewissen Strafgesetzen, Maßregeln gegen die Presse sind nicht geplant. Endlich erhält die ,Voss. Ztg.' über den augenblicklichen Stand der Dinge folgende Mittheilungen: Eine Einigung zwifchen den Vorschlägen des Grafen Caprivi und denen des Grafen Eulenburg über die Bekämpfung der Umsturzbestrebungen ist noch nicht erzielt worden.

Coralli.bestimmt. „Es ist die höchste Zeit, daß ich jetzt die Leitung allein übernehme, oder es wird mir später noch schwerer werden, wenn Ihr fort seid. Ich erkenne es wohl an, daß Du mir einen großen Dienst geleistet hast, indem Du so lange meinem Hause vor­standest, aber das Recht, meine Untergebenen zu ent­lassen, oder neue zu engagiren, möchte ich mir nicht gern rauben lassen."

„Hm! Du sorgst schon jetzt dafür, daß Du Deinen Untergebenen keinen Respekt einflößest," höhnte Irm­gard. „Wie kannst Du nur eine Magd behalten, die überall erzählt, daß Du einer Zigeunerbande ange­hörtest. Jedoch, Du mußt wissen, was Du zu thun hast!"

„Ich gehörte nicht zu einer „Bande", wie Du uns zu nennen pflegst," erwiderte Coralli, deren Stolz sich gegen die schnöde Behandlung längst empört hatte. „Meine Mutter und ihre ganze Familie nahmen bei unserem ganzen Volke die höchste Stellung ein, und wenn ich nicht eine so seine Bildung genossen habe, war es nur, weil wir zu arm waren. Aber dennoch bin ich nicht so unwissend, wie Du vielleicht meinst. Ein Deutscher, der sich schon seit Jahren uns zugesellt hatte, unterrichtete mich im Lesen, Rechnen und Schreiben, außerdem habe ich von meinem Gatten sehr viel gelernt. Du hast kein Recht, immer^soZverächt-