mit Unterhaltungs-Beilage „Sterne und Klnmen".
21. Jahrgang
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* Neber die Lage der Landwirtschaft bringt der ,Freiburger 33ote' nachstehenden beachtenswertsten Artikel:
„Der Hauptfehler, unter dem unsere Bauern leiden, besteht unserer Ansicht nach darin, daß dieselben keine sichere Einnahme haben, auf die sie zum Voraus rechnen könnten. In früherer Zeit stand das Getreide als Hauptfaktor in der bäuerlichen Rechnung da. Wurden in Folge einer reichen Ernte die Preise niedriger, so wog die geerntete Menge den Preisausfall auf. Bei geringeren Ernten steigerte sich der Preis und es verminderte sich dadurch der Ausfall. Der baldige Absatz des Geernteten war in beiden Fällen sicher in Rechnung zu nehmen.
Heutzutage sind die Getreidepreise so sehr gesunken, daß auch eine reiche Ernte keinen vollen Ersatz für den Ausfall am bäuerlichen Einkommen mehr bietet. Muß der Bauer vollends merken, daß auch bei dem niedrigsten Preis sich keine Nachfrage für feine Ernte einstellt, dann läßt auch der ruhigste und bescheidenste Mann den Kopf hängen.
Die Gegner der landwirthschaftlichen Schutzzölle rufen bei jeder Gelegenheit: „Deutschland kann seine Bevölkerung nicht mehr mit eigenem Getreide ernähren, wir brauchen die Zufuhr des Auslandes noth- wendig, um nicht zu verhungern!" Der Bauer muß aus den Zeitungen erfahren, daß Eisenbahnen und Dampfschiffe Millionen von Doppel-Centnern Getreide aus aller Welt Enden herbeischleppen und auf den deutschen Markt werfen. Die hiesigen Getreidelager, die großen Mühlen und Brauereien decken ihren Hauptbedarf aus dem Ausland — nach der Ernte unserer Bauern fragt kein großer Händler, kein großer Müller und kein großer Bierbrauer mehr. Das ist bitter: Hagelschlag und geringe Ernten nimmt der deutsche Landmann als schwere „Prüfungen" hin. Aber bei einem reichen Erntesegen ohne Absatz und somit ohne Geld dazustehen, die riesige Konkurrenz des Auslandes zu tragen und trotz der dadurch gedrückten Preise keine Käufer zu finden — das auch noch als „Prüfung" in Geduld und Ergebung hinzunehmen, geht fast über menschliche Kraft. Und das ist auch nicht zu verwundern.
Woher foll aber eine Besferung der gesunkenen Preise, eine Preiserhöhung kommen? Einem schweizerischen Blatte wird von einem Landsmann aus Südrußland gemeldet, daß dort in Folge einer sehr guten Ernte die Getreidepreise auf die Hälfte herabgesunken seien. „Der Gutsbesitzer steht trostlos vor seinem Getreidesegen; denn bei den nachstehenden, in unser Geld umgesetzten Preisen erzielt er nicht einmal seine Arbeitslöhne! Die größten Flächen werden nicht geerntet, sollen vielmehr stehen bleiben und verfaulen, da der Arbeitslohn mehr beträgt, als der Werth des Getreides ist. Die Nachfrage des Auslandes ist ganz schwach."
Die Zigeunerin.
Novelle von C. Borges.
(10. Fortsetzung.)
Diese erste Gesellschaft im Herrenhause war nur der Anfang einer langen Kette von Festlichkeiten, die die guten Bewohner von Lerchenheim zu Ehren der neuen Herrin veranstalteten.
Vergeblich verschwendeten Irmgard und Sophie ihre weisen Lehren über Sitte und Anstand; Coralli hörte sie schweigend an, blieb einsilbig, schüchtern und zurückhaltend. Selbst den inständigen Bitten ihres Gatten wollte es nicht gelingen, sie zu erheitern, oder sie so glücklich zu sehen, wie sie noch vor wenigen Monaten gewesen war.
„Ich täuschte mich selbst, als ich mir einbildete, es wäre ein Leichtes, mich in Kreisen zu bewegen, die mir gänzlich fremd waren", versetzte sie traurig, als Ernst sie dringend bat, doch wieder fröhlich zu sein. „Man fragt mich nach Leuten und Ländern, die ich nie gesehen, deren Namen ich nie gehört habe, und wundert es Dich, daß ich dadurch noch mehr eingeschüchtert werde? — Noch gestern versuchte Komtesse Sibylla meine Familienverhältnisse und Verwandtschaft auszuforschen, und es wurde mir sehr schwer, alle ihre Fragen zu beantworten, ohne Dich zu kompromittiren. — Deine Schwestern erinnern mich beständig daran,
Für den Doppelcentner Getreide auf die Bahnstationen geliefert (ohne Säcke) wird bezahlt:
Roggen, beste Qualität ... 4 Mk. 30 Pf.
Weizen........5 Mk. 75 Pf.
Hafer, leichter......3 Mk. 40 Pf.
Hafer, besser......4 Mk. 75 Pf.
Gerste........2 Mk. 65 Pf.
Leinsaat........13 Mk. 50 Pf.
Zur Zeit beträgt (wie von sachkundiger Seite mit- getheilt wird) Fracht für den Doppelzentner Getreide von Odesfa bis Mannheim nur 1 Mk. 13 Pf.! Amerikanisches Getreide wird von Baltimore bis Rotterdam um 23 Pf. per Doppelcentner herübergebracht.
Wie soll nun unsere deutsche Landwirthschaft mit solcher Konkurrenz aus Rußland, Amerika, Indien u. s w. in Wettbewerb treten? Die Dampfschiffe setzen ihre Fracht immer mehr herunter, mit jeder neuen Eisenbahn, die in den Getreideländern Rußland, Ungarn, Rumänien, Nord- und Südamerika, Indien u. s. w. eröffnet wird, verschärft sich für unsere Landwirthschaft die Konkurrenz.
Summa Summarum: Die Aussichten unserer Bauern sind überaus trübe, die Nothlage der deutschen Landwirthe läßt sich nimmermehr leugnen und ist größer als je. Darum muß jeder, der es nicht nur mit der bäuerlichen Bevölkerung, sondern mit Land und Volk überhaupt gut meint, lauter denn je den Ruf erheben: Schutz der deutschen Landwirthschaft ist die dringendste nationale Aufgabe! Daß aber abnorm billige Getreidepreise für unser deutsches Volk und sein Geschäftsleben kein Segen sind, dürste nachgerade ein jeder einsehen, der nicht mit unheilbarer Blindheit geschlagen ist, und auch jeder zugeben, dem die Nothlage nicht zu unehrlicher Ausbeutung und damit zur eigenen Bereicherung dienen soll.
Deutsches Reich.
Berlin, 25. Oktober.
* Der Kaiser hat auf die Eingabe des Kirchenvorstandes von St. Pius 30,000 Mk. aus dem Dispositionsfonds für die neuzuerbauende Piuskirche in Berlin überweisen lassen.
* Zu den Minister-Konferenzen sind in Berlin eingetroffen die bayerischen Minister des Aeußern und des Innern, Freiherr v. Crailsheim und Freiherr v. Freilitzsch, die Königl. sächsischen Minister des Innern und der Finanzen, v. Thümmel und v. Metzsch, die württembergischen und badischen Ministerpräsidenten, Freiherr v. Mittnacht und Dr. Nokk, der hessische Staatsminister Finger, der Mecklenburg - schwerinsche Minister v. Bülow, der braunschweigische Minister Dr. Otto, die herzoglich sächsischen Minister Dr. v. Heim, v. Helldorf und v. Strenge, der fchwarzburgische Minister Petersen, der waldeck'sche Landesdirektor v. Sal- dern, der reußische Minister'Dr. Vollert, der schaum-
daß ich nach Geburt auf einer geringen Stufe stehe, und daß es mir niemals gelingen werde, mich zu Dir zu erheben. — Ich bezweifle es jetzt säst selbst, — aber, wenn sie nicht so ängstlich auf jedes Wort horchten, jeden Schritt so peinlich beobachteten, so würde ich unbefangen auftreten können, und es würde mir besser gelingen, meine Stellung auszufüllen."
Sie hatte so traurig gesprochen, der Ausdruck ihrer schönen schwarzen Augen war so wehmüthig, daß Ernst nur seine Arme ausbreiten konnte und ihr zuflüsterte, daß sie in seinen Augen vollkommen sei, sie ihm genüge, und daß das Urtheil der Welt ihm gleich- gtitig sei.
„Es ist mir nur leid um Deinetwillen; ich habe längst auf die Freuden der Welt verzichtet", schluchzte sie bitterlich.
„Sei doch heiter und glücklich, und kümmere Dich nicht darum, was Irmgard und Sophie auch sagen mögen", ries er tief bewegt. „Es dauert ja nicht mehr allzu lange, dann ist das Haus, das ich ihnen in der Vorstadt der Residenz habe bauen lassen, fertig, und dann sind wir hier allein und Niemand soll es wagen, Dir ein kränkendes Wort zu sagen!"
Es lag wirklich für Coralli ein unschätzbarer Trost in der Aussicht, daß die beiden Fräulein von Sall bald für immer Lerchenheim verlassen sollten, besonders hatte die älteste der armen neuen Herrin das
burgische Minister Spring, der lippische Kabinetsmini- ster v. Wolffgramm und der Hamburger Bürgermeister Dr. Versmann; ferner der mecklenburgische Staatsrath v. Arnsberg, der mecklenburgisch-strelitzsche Minister v. Dewitz, der braunschweigische Wirkl. Geheimrath Dr. Spies und der lübeck'sche Senator Dr. Rittscher.
* Pater Acker aus Zanzibar weilt, wie schon gemeldet, wieder in Berlin, um die Angelegenheit wegen Errichtung eines Missionshauses für die Väter vom heil. Geist in Deutschland weiter zu betreiben. Nachdem der Bundesrath diesen Orden aus der Liste der den Jesuiten verwandten Orden gestrichen hat, steht von Reichs wegen der Niederlassung der Väter vom hl. Geist in Deutschland nichts entgegen. Dem Vernehmen nach wird beabsichtigt, das Erziehungshaus in der Erzdiözese Köln zu errichten. Dazu bedarf es der Genehmigung der preußischen Regierung und, wie die ,K. Vztg.' hört, ist das Gesuch um Genehmigung nunmehr an das Ministerium eingereicht worden. Entsprechend der Praxis bei ähnlichen früheren Anlässen wird die Genehmigung vermuthlich abhängig gemacht von gewissen Vorbedingungen, namentlich von der Gründung einer deutschen Ordensprovinz und deren direkte Unterstellung unter die Propaganda.
* Der sozialdemokratische Parteitag hat die Anträge wegen Kürzung der Gehälter der Parteibeamten nach langen und lebhaften Debatten abgelehnt. Die meisten Redner vertraten die Ansicht, daß die Parteibeamten und Redakteure zu hohe Gehälter aus den Arbeitergroschen bezögen und die geistige Arbeit nicht besser bezahlt werden dürfe als die körperliche. Viel Abneigung trat auch gegen die Akademiker hervor, welche die Autodidakten zu verdrängen suchten. Ver- theidigt wurden die jetzigen Gehälter hauptsächlich durch Herrn Bebel, der immer wieder hervorhob, daß die betreffenden Beamten und Redakteure ihre Stellung einfach aufgeben würden, wenn man die Anträge annehme. Vor zwei Jahren wurde ein Antrag, die Gehälter der Parteisekretäre Auer und Fischer zu erhöhen, vom Parteitage abgelehnt. Der Vorstand hat sich aber zu helfen gewußt, indem er Fischer auf den besser bezahlten Posten des Leiters der Parteibuchhandlung brachte und Herrn Auer für seine Thätig- keit am,Vorwärts' noch ein Extrahonorar von 125 Mk. monatlich bewilligte. Dieses Vorgehen hat von Seiten der Genossen mehrfach Beschwerden hervorgerufen, gegenüber denen der Vorstand sich auf dem Parteitage nur mit Mühe vertheidigen konnte. Von der Extra- honorirung des Herrn Auer, die er nun schon seit mehreren Jahren bezieht, haben die meisten Genossen erst jetzt erfahren. Als Auers Aufgabe wurde bezeichnet die innige Verbindung zwischen Parteivorstand und Centralorgan herzustellen. Wozu mag denn Herr Liebknecht da sein? Bei verschiedenen Genossen hat es auch Unwillen erregt, daß .die Bureauräume des Vorstandes und des .Vorwärts' so luxuriös ausgestattet sind. Ueber die Diäten der sozialdemokratischen Ab- Leben erschwert. Sophie, die anfänglich nur Liebe und Freundlichkeit gezeigt, aber von Jugend an sich dem Willen d.r älteren Schwester untergeordnet hatte, wagte schon lange nicht mehr, ein anderes Wort als das der Ermahnung oder Bekehrung an Coralli zu richten.
Wenige Tage später traf Coralli auf dem Korridor das Hausmädchen Marie, die laut weinend in einem Winkel stand, und das Gesicht mit ibrer blauleinenen Küchenschürze verhüllte.
„Was fehlt Dir, Marie?" fragte Coralli theil- nehmend mit derselben herzgewinnenden Stimme, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte. „Was ist geschehen?"
Das Mädchm ließ ihre Schürze fallen und blickte mit ihren roth verweinten Augen flehentlich die Herrin an.
„FräuleSll Irmgard hat mir den Dienst gekündigt," schluchzte sie unter Thräneu. „Ich soll in vierzehn Tagen das Haus verlassen. — Wo soll ich nun hin? Ich habe keine Eltern mehr--" Thronen erstickten
ihre Stimme.
„Warum denn? Was hast Du gethan? Komm, trockne Deine Thränen und sage es mir," und Coralli legte mitleidig ihre Hand auf den Arm der Weinenden.
Diese Berührung schien den Schmerz von Neuem anzufachen, sie weinte heftiger.