246 . Freitag, den 26. Oktober 1894. 21. Jahrgang
FuldaeiWZeituiil;
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-r Der Alkoholismus
in seinem Verhältnisse zur individuellen und sozialen Gesundheit.
Es war eisig kalt und winterlicher Schnee bedeckte weithin das Land. Ich ging mit beschleunigten Schritten sröstelnd vor der Thüre eines kleinen Hauses auf und ab, wohin mein Freund, den ich in seine ärztliche Praxis begleitet hatte, zu einer kranken Frau gerufen worden war. Schon ungeduldig über des Doktors langes Ausbleiben, überlegte ich eben, ob ich nicht allein den Heimweg antreten sollte, als ein Mann die Gasse herunterkam, welcher allem Anscheine nach dem Arbeiterstande angehörte und zu dem Nachbarhause seine Schritte lenkte. Um der tödtlichen Langeweile zu entgehen, versuchte ich ein Gespräch anzu- knüpfen, selbst auf die Gefahr hin, daß kein anderer Gegenstand als eine Klage über die unbestritten grimmige Kälte zur Verhandlung kommen sollte. Und so ging es denn auch, es wurden nur einige allgemeine Redensarten ausgeführt. Dann aber meinte der Mann mit der Blouse: „Wir Arbeitsleute können gegen Wetter und Kälte durch Kleider uns nicht schützen. Fest arbeiten und dann einen guten „ollen Kloren" — das find die besten Mittel gegen Kälte." Und mit erhobener Stimme und einer gewissen Feierlichkeit fuhr er dann fort: „Für einen Arbeitsmann ist 1I2—1 Liter Schnaps auf den Tag nicht zu viel, ja das ist nützlich und nothwendig, das mag der Mensch wohl haben." Ich war versucht, darauf die Frage zu stellen: „Nicht mehr?" — zog es aber vor, die Sache ernsthaft zu behandeln und versuchte dem Manne seinen Jrrthum klar zu machen. Dies gelang mir aber so wenig, daß ich vielmehr den wenig mißverstandenen Nasenstüber einstecken mußte: wer Geld für Wein und Bier habe, trinke solches; es gebe aber Leute, die dem armen, geplagten Arbeiter nicht einmal den nöthigen Schnaps gönnen möchten. In diesem Moment kam mein Freund und das Gespräch wurde abgebrochen. Ich wollte eben beginnen, das Erlebte zu erzählen, da Hub der Doktor mit den Worten an: „Der beste Bundesgenosse der Sozialdemokratie ist doch die Fuselflasche, und der beste Beitrag zur Lösung der sozialen Frage wären gesetzliche Maßregeln zur Verhinderung des Schnapstrinkens. Der Teufel hat den verfluchten Schnaps erfunden. Da liegt die arme Frau dort in dem Hause, wo ich soeben war, in den letzten Zügen und der Mann sitzt dabei vollständig unzurechnungsfähig, nämlich sinnlos betrunken und singt Gassenhauer. Natürlich grinst die Armuth einem aus allen Ecken auch mit scheußlichen Fratzen an." „Und nun gibt es", antwortete ich, „noch immer Leute, wie ich aus dem Munde des Mannes gehört habe, mit dem ich bei Deiner Ankunft sprach, welche zuversichtlich glauben, das schlimme Gebräu sei unter Umständen auch noch gesund für einen Menschen." „Allerdings", sagte mein Freund, „jeder verurtheilt den
Die Zigeunerin.
Novelle von C Borges.
(9. Fortsetzung.)
Erst als fast fämmtliche Gäste versammelt waren, erschien Ernst von Sall. Sein erster Blick siel auf seine Gattin, und er merkte gleich, daß sie sich in dem Kreise nicht behaglich fühle. In seinen Augen war sie stets schön, wiewohl heute ihre Wangen bleich waren und ihre großen dunkeln Augen in unheimlichem Feuer leuchteten. Er wollte zu ihr, doch ein alter Freund, der Gutsnachbar Baron Darenberg faßte ihn am Arm.
„Hollah, alter Freund!" raunte er ihm zu, „wenn mir das Glück eine solche Perle in den Weg gestreut hätte, so wäre ich gewiß kein alter Junggeselle geblieben. Hat Deine Gattin vielleicht noch Schwestern? In diesem Falle muß ich Dich bitten, sie mir vorzustellen, denn einen solchen Schatz möchte ich mir auch erringen!"
„Nein", antwortete der Gefragte erheitert. „Meine Gattin war die einzige Tochter!"
„Ah! das ist schade! Ist sie eine Fremde?"
„Ja. Ihre Eltern lebten in Ungarn, jedoch hat sie von Kindheit an in Deutschland gelebt," versetzte Herr von Sall, der jetzt von seinen anderen Freunden in Anspruch genommen wurde.
„Ich freue mich, Sie endlich allein zu haben,"
Trunkenbold, aber im selbigen Athemzuge behauptet man den Nutzen des mäßigen Alkoholgenusses. Auch letzteres ist aber ein verhüngnißvoller Aberglaube."
„Ist das deine wirkliche Ansicht?" erwiderte ich. „Man gibt doch nicht selten schon den Kindern Alkohol und meint ihnen eine Wohlthat damit zu erweisen. Bei den gewöhnlichen Leuten gibts Schnaps, bei den Wohlhabenderen Wein und Bier. Die Unsitte, die Kinder bei Tische mittrinken zu lassen, ist weit eingerissen; ja man zieht die Kinder zu festlichen Gelagen zu und nicht geringe Mengen Alkohol werden von Kindern häufig auf sonntäglichen Ausflügen, Reisen und bergt konsumirt. Schon für den Sängling in der Wiege setzen viele Mütter einige Tropfen Branntwein oder Cognac der Milch zu. Es wäre aber eine Härte, die Leute deshalb zu verurtheilen, sie handeln alle in dem Glauben, den Kindern etwas Gutes zu thun." „Professor Dr. Demme in Bern hat auf Grund feiner im Jenner'schen Kinderhospital gemachten Erfahrungen", sagte darauf mein Freund, .„eine gute Broschüre veröffentlicht, worin er die schlimmen, unmittelbar in die Augen fallenden, wie auch die schleichenden und mehr verborgenen Schädigungen des kindlichen Organismus unter dem Einflüsse des Alkohols darlegt. Die bedeutungsvollsten Störungen der kindlichen Gesundheit treten nach Demme im Gebiete des Nervensystems hervor. Daß auch unsere Jugend zum Theil schon der Modekrankheit „Nervosität" verfallen ist, ist nach Demme dem Alkoholgenufse mit auf das Konto zu setzen und daß der Alkohol wirklich die besagten Schäden bewirkt, ist des Oefteren dadurch bewiesen worden, daß sie schwanden nach Aushebung des Alkoholgenusses. Von größerer Tragweite für das jugendliche Individuum ist jedoch der, die sittliche Kraft, die Moralität des Menschen lähmende Einfluß des Nlkohol- mißbrauches. Der an den reichlichen Genuß geistiger Getränke gewöhnte Knabe oder Jüngling läßt in Folge der die Willensenergie lähmenden Einwirkung des Alkohols feinen Leidenschaften ungehemmt die Zügel schießen. In ganz ähnlichem Sinne sprach sich Prof. Dr. Zuntz im Vereine für innere Medizin in Berlin aus (vergl. ,Deutsche medizin. Wochenschrift' Nr. 20 pro 1893). Auch der „Deutsche Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke" hat sich an hundert der besten Sachkenner mit der Frage gewandt, was sie von dem Trinken mäßiger Mengen der leichteren Alkoholgetränke bei Kindern halten. Gegen 70 Gutachten sind daraufhin eingelaufen und mit Ausnahme von zwei Gelehrten stimmen alle in der Anschauung überein: Kinder bedürfen dieser Getränke nicht, sie vertragen sie nicht, sie schädigen sich dadurch. Die Gutachten sind unter dem Titel „Zum Schutze unserer Kinder vor Wein, Bier und Branntwein" von dem Geschäftsführer des genannten Vereins, Dr. W. Bode in Hildesheim, herausgegeben und möchte ich wünschen, daß sie möglichst weit verbreitet werden."
„Was nun den Alkoholgenuß im Allgemeinen, auch
redete jetzt eine korpulente Dame Coralli an, die sich ein stilles Plätzchen in einer Fensternische ausgesucht hatte, und hoffte hier ungestört zu bleiben. Sie blickte überrascht auf. Vor ihr stand Frau Altheim, die das einzigste Kolonialwaaren-Geschäft im Dorfe hatte, aber von den Fräulein von Sall nicht gern gelitten wurde.
„Ich habe Ihren Gatten von feiner Kindheit an gekannt," fuhr die redselige Frau fort, „und ihm oft, als er noch ein ganz kleiner Knabe war, Süßigkeiten aus meinem Laden gegeben, aber," flüsterte sie jetzt ganz leise, er ist herzensgut, jedoch hüten Sie sich vor seinen Schwestern. Ich kenne sie seit dreißig Jahren, und sie würden mich heute gewiß nicht geladen haben, wenn sie nicht fürchteten, daß ich sonst die Wohnung gekündigt hätte; ich wohne nämlich bei ihnen zur Miethe."
„Ast ihr Gatte hier?" fragte Coralli.
„Hier? Guter Gott, er ist schon seit sechs Jahren todt," stöhnte die Frau und zerdrückte eine Thräne im Auge.
„Setzen Sie sich, ich will eilte Erfrischung^holen," bat Coralli in ihrer weichen, melodischen Stimme, denn diese Frau war die einzigste, die sie nicht mit argwöhnischen Blicken gemustert hatte, und sie fühlte sich zu ihr hingezogen. „Ah, da ist Ernst! — Willst
für Erwachsene anbelangt, so wünschte ich, fuhr der Doktor fort, ich könnte allen Menschen die trefflichen Ausführungen von Prof. Dr. Bunge in dessen „Lehrbuch der physiologischen und pathologischen.Chemie" über den Alkohol in die Hand drücken und sie zwingen, das zu lesen, was dieser bedeutende Gelehrte schreibt. O wie manchem würden da die Augen aufgehen! Bunge führt fämmtliche Wirkungen des Alkohols auf dessen lähmende Eigenschaften zurück. Die scheinbar erregende Wirkung, die der Alkohol ans Psychischem Gebiete äußert, erklärt er in dieser Weise leicht. Diejenige Gehirnfunktion nämlich, welche bei der beginnenden Lähmung zunächst geschwächt wird, ist das klare Urtheil, die Kritik. In Folge dessen wiegt das Gemüthsleben vor, der Mensch wird offenherzig und mittheilsam, jedes Schmerzgefühl und jede Art des Mißbehagens wird betäubt, auch die Selbstkritik sinkt und im selben Maße steigt die Selbstgefälligkeit. Als Lähmungserscheinung sind auch die lebhaften Gestikulationen und unnützen Kraftanstrengungen der Trunkenen zu deuten, indem jetzt die hemmende Schranke beseitigt ist, welche der Nüchterne jedem Anlasse zu uu- nöthiger Bewegung entgegenstellt, um seine Kräfte zu schonen. Auch das im 'Gefolge des Alkoholgenusses auftretende Wärmegefühl ist wesentlich auf eine Vermehrung der Blutzufuhr zur Körperoberfläche durch Lähmung der Gefäßnerveucentren zurückzuführen. Eine Lähmungserscheinung, die irrthümlich als Erregung gedeutet wird, ist auch die Beseitigung des Müdigkeitsgefühles. Letzteres ist ja das Sicherheitsventil an der Maschine unseres Körpers. Wer dasselbe aber betäubt, um weiter zu arbeiten, gleicht demjenigen, der gewaltsam das Ventil verschließt, um _bie Maschine überheizen zu können. Der Jrrthum, daß der Alkohol den Müden stärke, ist außerordentlich vcrhängnißvoll für die ärmere Volksklasie, indem sie dadurch verleitet wird, einen bedeutenden Theil ihres Einkommens anstatt für reichliche und wohlschmeckende Nahrung, die allein stärken kann, für Alkohol auszugeben. Wie aber der Alkohol für die ärmeren Klaffen zur Ueberarbeitung reizt, so ist er für andere Gesellschaftskreise wieder der unselige Dämon, der keine ordentliche Thätigkeit aufkommen läßt. Wie das Müdigkeitsgefühl nämlich zur Ruhe zwingt, so zwingt die Qual der langen Weile den Menschen zur Arbeit, ohne welche Muskel und Nerven entarten und keine Gesundheit gedeihen kannn. Die meisten Faullenzer würden sich schließlich gezwungen sehen, in irgend einer Weise ihr Gehirn und ihre Muskeln anzustrengen, um das Gefühl der Leere loszuwerden und Ruhe und Befriedigung wieder zu gewinnen, wenn sie nicht den Alkohol hätten. Weiter fagt Bunge: In dieser Beziehung ist das Bier unter den alkoholhaltigen Getränken das allerschädlichste, weil kein anderes in dem Grade dazu sich eignet, zur Betäubung der langen Weile mißbraucht zu werden. Der Philister ist immer nur entsetzt, wenn ein Mensch durchdenBranntwein verkommt. Daß Tausende beim Bier
Du nicht ein Glas Wein für Frau Altheim holen?" bat sie.
„Gewiß! Wie geht's, liebe Frau Altheim? Nun, was denken Sie von meiner Gattin?" fuhr er fort, zärtlich den Arm um Coralli's Nacken legend.
„Na, es taugt nicht, Leute in's Gesicht zu loben", versetzte die Angeredete; „aber wenn sie so gut ist wie schön, bann ist sie ein Engel!"
„Das ist sie auch," lachte Ernst unb toanbte sich nach bem Büffet, um bas bie Gäste geschnürt in Gruppen stauben, um bie verlangte Erfrischung zu holen.
„Viele junge Damen von nah unb fern haben sich vergebliche Hoffnungen gemacht, Herrin in Lerchenheim zu werden," 'fuhr Frau Altheim fort, als sie mit bewundernden Blicken der stattlichen Gestalt des jungen Gutsherrn folgte, „aber ich sagte immer, Herr von Sall wählt nur eine Gattin, die er innig liebt. — Sehen Sie dort die stolze Schöne ? Sie ist die Tochter des Grafen Egressy, Komtesse Sibylla. Sie ist sehr viel hier im Hanse, und man erzählte, daß Ernst von Sall sie zur Gattin erheben wollte. Sie ist schön, aber — ihr Herz ist so kalt wie Eis. Was mich an- belangt, so habe ich nie an das Gerede der Leute geglaubt, wiewohl die beiden als Kinder aufgewachsen sind und die Eltern die Verbindung sehr gewünscht haben. Es soll mich doch wundern, was sie jetzt