j# 245 ' Donnerstag, den 25. Oktober 1894. __21. Jahrgang
FMmWZMig mit Untechaltunss-Kriiage „Sterne und tilumrn“.____________________
Die Zigeunerin.
Novelle von C Borges. (8. Fortsetzung.)
„Coralli," sagte in diesem Augenblicke der junge Gutsherr, als er die Thür öffnete, „hier führe ich Dich zu meiner ältesten Schwester Irmgard. Ich hoffte," wandte er sich hierauf an diese, „Du würdest uns bei unserer Ankunft auch begrüßt haben, wie Sophie es that, das würde mir sehr lieb gewesen sein."
„Ich war hier, um Euch hier zu empfangen," versetzte sie eisig, „hoffentlich sind Sie von Ihrer Reise nicht allzu sehr ermüdet, Frau von Sall?"
Coralli erschrak. Sie war bis jetzt immer noch bei ihrem Vornamen genannt worden. Die förmliche Anrede: „Frau von Sall" klang ihr so fremd, daß sie fast glaubte, die stolze Dame habe zu einer dritten Person gesprochen.
„Ich? — o nein, ich ermüde nicht so leicht," stotterte sie verlegen.
„Vermuthlich nicht; Sie sind ja an Reisen und Strapazen von Jugend an gewöhnt," stotterte Irmgard. „Wünschen Sie Thee, Kaffee oder eine sonstige Erquickung zu nehmen?" fügte sie dann hinzu.
„Nein, wir haben uns in meinem Zimmer erfrischt," wandte Ernst ein, den die höhnende Bemerkung peinlich verletzt hatte. „Komm, Coralli, wir wollen uns
Deutsches Reich.
Berlin, 23. Oktober.
* Wie schon gemeldet, empfing am Samstag-Mittag der Kaiser eine Deputation des „Bundes der Land- wirthe" aus Ostpreußen, und zwar in Gegenwart des Ministerpräsidenten, des Landwirthschafts - Ministers und des Vorstehers des Geh. Civilkabinets. Diese Deputation ist offenbar eine Wirkung der Königsberger Rede. Augenblicklich liegen nähere Meldungen darüber nicht vor. Bekanntlich empfing der Kaiser im vorigen Jahre in ähnlicher Weise eine Deputation Audienz, welcher Minister beiwohnten, und über die dann der .Reichsanzeiger' einen längeren Bericht brachte.
* Die Aeußerungen des Kaisers über die vierten Bataillone liegen noch immer nicht im authentischen Wortlaut vor. Es scheint also auch nicht beabsichtigt zu sein, einen solchen zu veröffentlichen. Die ,Berl. Neuesten Nachr.' halten mit Entschiedenheit fest, daß der Kaiser von derVervollständigung der Halb-Bataillone zu ganzen gesprochen habe. Gegen die Behauptung, eine derartige Aeußerung stehe mit den bei der Berathung der Militär-Vorlage im Reichstage von der Regierung abgegebenen Erklärungen im Widerspruch, bemerkt das genannte Blatt, daß sich diese Erklärungen selbstverständlich nur auf die fünfjährige Periode erstreckt hätten. Was nach Ablauf dieser Periode zur Aufrechthaltung der zweijährigen Dienstzeit etwa erforderlich sein könnte, darüber habe weder der Reichskanzler noch der Kriegsminister eine Erklärung abgegeben.
* Aus einer Aeußerung der ,Nord. Allg. Ztg.' ist zu schließen, daß sich das reichsgesetzliche Vorgehen gegen die Umsturzbestrebungeu, darauf beschränken wird, die „giftigsten und bedenklichsten Wucherranken der sozialdemokratischen Agitation mittelst einer besonnenen und sorglich überlegten Revision einiger Gesetzesparagraphen zu beschneiden."
* Von zuverlässiger Seite wird die Meldung bestätigt, daß die Tabaksteuer-Borlage fertig ausgearbeitet und den Bundesregierungen zugegangen ist; Graf Posadowsky hat kürzlich Vortrag beim Kaiser gehabt. Wie die ,Frkf. Ztg.' erfährt, ist der Ertrag der Steuer nicht auf 30, sondern auf 35 Millionen Mark veranschlagt. Nach der ,Nordd. Allg. Ztg.' enthalten die in der Samstagsnummer mitgetheilten Angaben der .Süddeutschen Tabakzeitung' über den neuen Tabaksteuerentwurf nur das eine Zutreffende, daß der Entwurf in den Gruudzügen sich dem aus der letzten Session anschließt.
* Der Kolonialrath hat sich bis auf Weiteres vertagt. Bei Berathung des Etats für Deutsch-Ostafrika wurden die Fragen der Heranbildung eines eigenen Beamtenstandes für den Kolonialdienst und einer besseren sprachlichen Vorbildung der Kolonialbeamten, einem besonderen Ausschuß zur weiteren Berathung überwiesen, ebenso die Frage der Regelung des Grund-
* Zum Kapitel von der Bahnsteigsperre wird aus Stettin der folgende interessante Beitrag geliefert: Die Vorsteher der dortigen Kaufmannschaft haben unterm 4. d. Mts. an die königliche Eisenbahndirektion zu Berlin den folgenden Antrag gestellt:
Von der am 1. d. Ms. in Kraft getretenen Bahnsteigsperre werden die hiesigen Kaufleute insofern empfindlich betroffen, als die Boten, welche die Briefpost zu den Zügen bangen, sich jedesmal eine Bahnsteigkarte lösen müssen, was für em einzelnes Geschäftshaus eine jährliche Abgabe von etwa 10Ü M. bedmgt. Die königliche Direktion ersuchen wir ergebenst, diese sehr erheb- liche Verkehrserschwerung dadurch erträglich machen zu wollen, daß gegen eine geringe Gebühr Jahresbahnsteigkarten ausgegeben werden, deren jede von jedem Komptoirdiener einer bestimmten Firma'benutzt werden darf.
Die königliche Eisenbahndirektron Hot darauf unterm 12. d Mts. geantwortet: „Wir bedauern, dem Anträge vom 4. Oktober d. Js. Nr. 839/10 nicht ent- prechen zu können, da die Verausgabung von Jahres- lahnsteigkarten nach den bestehenden Bestimmungen Uni*1 ®er ihochwürdige P. Amandus Acker, Apostolischer Missionar aus der Gesellschaft der Väter vom hl Geist, der durch seine hervorragenden Verdrenste auf dem Gebiete der katholischen Missionen in Ostafrika rühmlichst bekannt ist, befindet sich gegenwärtig in Berlin, um über Errichtung einer Ordensmeder- lassunq zur Ausbildung von Missionaren zu verhandeln.
* Europa muß mit einem Thronwechsel in Rußland rechnen. Sobald der Kaiser stirbt, hat ein neuer Selbstherrscher, über dessen persönliche Ansichten und Neiqunqen die widersprechendsten Nachrichten durch die Presse gehen, über die Schicksale der vielen Millionen seiner Unterthanen nicht allein, sondern auch über den Frieden in Europa zu entscheiden. Die Jugend des Thronfolgers bringt es schon mit sich, was nach gewissen Nachrichten auch feinem Charakter entsprechen soll: daß die Rathgeber mehr Einfluß auf seine Entschlüsse haben werden, als die Umgebung des Thrones auf Alexander III. hatte. Welche Rathgeber amtlich und außeramtlich auf die Politik des künftigen Zaren Einfluß gewinnen werden, weiß Niemand zu sagen. Wenn sich Jugend zu Jugend gesellen sollte, so sind die Aussichten des europäischen Friedens weniger gut. Jedenfalls ist Unsicherheit in die auswärtige Lage gekommen. .
* Zur Warnung theilen wir Folgendes mit: Agenten des sogen. Vaterländischen Buchverlages von Naumburger in Dresden vertreiben das sogen, patriotische Prachtwerk „Deutschlands größter Held" mit der Erklärung, daß der gesarnrnte Reinertrag des Prachtwerkes oder doch wenigstens sein größter Theil den bedürftigen Invaliden aus dem Jahre 1870/71 zugute, kommen solle. Das Landrathsamt zu Goslar weist nun in einer Bekanntmachung darauf hin, daß vor einigen Wochen durch ein Urtheil der Strafkammer des Landgerichts in Konstanz i. B. mehrere Vertreiber des Werkes und Agenten des genannten Naumburger wegen Betruges, begangen beim Bewußtsein, daß sie hier ihrer Stellung nicht gewachsen sei. , , _ , .
„Mutter hatte ganz Recht", dachte sie bei sich selbst, „als sie mich warnte, ein Zigeunerkind sei keine passende Gattin für einen Edelmann. — Aber obgleich ich Ernst innig liebe, fürchte ich doch, daß meine geringen Kenntnisse ihm nicht genügend sind. Ja, wenn ich eine Erziehung wie andere junge Mädchen genossen hätte, so fürchtete ich mich nicht, aber jetzt--Es
ist wahr, ich habe von ihm jetzt schon viel gelernt; er hat sich in Paris unendliche Mühe mit mir gegeben, und ich war auch in der kurzen Zeit sehr fleißig und lerne leicht, aber es fehlt mir doch noch sehr viel. — Ob es mir wohl möglich werden wird, mich so leicht und fließend zu unterhalten, wie Sophie und Irmgard es thaten? oder sorglos zu lachen und zu scherzen wie die Dorfjugend dort draußen im Zelte? — Ernst wird mir zürnen, wenn ich es nicht thue, und doch ist es mir unmöglich, diese ängstliche Schüchternheit abzulegen! — Die Leute werden sich von mir zurückziehen und mich verhöhnen, weil ich keine „Dame" bin. Oh, ich hatte nicht geglaubt, daß es so schwer sei, in einer höheren Stellung zu leben und sich heimisch zu fühlen!
4. Kapitel.
„Ich weiß gar nicht, wie ich es machen soll, Ernst; ich fürchte, ich werde mich sehr ungeschickt benehmem Irmgard hat mir so viele „Winke" gegeben, was ich
erwerbs in Ostafrika. Bezüglich der Ostaftikanischen Eisenbahnfrage wurde der Regierung empfohlen, gemeinschaftlich mit den Vertretern der interesfirten Privatgesellschaften, die Vorarbeiten zur Fesfftellung der besten Tracen nach den Seen aufzunehmen und die Ausführung der Bahnen durch Landverleihungen und durch Garantirung einer Minimalverzinsung aus den Zolleinnahmen zu fördern.
* Heber unlauteren Wettbewerb beim Betriebe der Landwirthschaft wird den ,Berl. Pol. Nachr.' geschrieben: Wenn von Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs die Rede ist, so glaubt man gemeiniglich, daß es sich dabei nur um einen Schutz des Gewerbes im engeren Sinne, also der Industrie und des Handwerks handele. Gewisse Theile der unlauteren Konkurrenz, wie der Verrath von Fabrik- und Geschästs-Geheimnissen, betreffen ja allerdings fast allein oder größten Theils das Gewerbe im engeren Sinne. Indessen irrt man, wenn man glauben sollte, daß der reelle Land- wirthschastsbetrieb nicht auch unter dem unlauteren Wettbewerb zu leiden hätte. Jetzt, wo die Vorarbeiten für die Herstellung eines der Bekämpfung des letzteren besonders dienenden Entwurfs im Gange sind, wird auch aus landwirthschaftlichen Kreisen von einer ganzen Anzahl von Praktiken gemeldet, welche keine reelle Konkurrenz darstellen. Vornehmlich sollen sich diese Kniffe im Käse- und Butterhandel herausgebildet haben. Hat Jemand einen Käse hergestellt, der preiswerth und gut ist, und hat er diesen Käse mit einem besonderen Namen belegt, so findet sich nur zu leicht ein anderer, der unter demselben Namen ein minderwerthigcs Produkt auf den Markt bringt. Natürlich kommt der Käsename dann nur zu bald in Verruf, und der erste Hersteller ist geschädigt. Bei dem Butterhandel ist es ebenso. In die Butterfässer reeller Meiereien, die nicht zurückgeliefert werden, werden schlechte Buttersorten gepackt, und der Ruf der betreffenden Meierei ist geschädigt. Und nicht blos bei Käse und Butter hat die Landwirthschaft unter der unlauteren Konkurrenz zu leiden. Saatgetreide von geringerem Werthe wird in Originalsäcke bekannter Firmen gepackt; unter den Namen „westfälische Schinken", „pommersche Gänsebrüste" werden Erzeugnisse von geringem Werthe verkauft u. a. m. Kurz man ersieht schon aus der Anführung dieser wenigen Beispiele, daß, wenn die Gesetzgebung sich gegenwärtig daran macht, dem unlauteren Wettbewerb durch geeignete Maßnahmen entgegenzutreten, auch die Landwirthschaft stark daran betheiligt ist. Allerdings wird auch in ihrem Interesse darauf geachtet werden müssen, daß unter den festzusetzenden Bestimmungen nicht etwa die reelle Konkurrenz zu leiden bekommt. Hierin beruht überhaupt die größte Schwierigkeit des ganzen gesetzgeberischen Vorgehens. Die hier von dem offiziösen Blatte angeführten Beispiele über eine Schädigung der reellen Konkurrenz im Land- wirthschaftsbetriebe ließen sich noch sehr vermehren.
die anderen Räumlichkeiten ansehen. Die Luft in diesem Gemache erstickt mich; Du mußt versuchen, es hier mit der Zeit gemüthlicher zu machen."
Er bot ihr den Arm und verließ mit ihr das Gemach. ,.
„Ernst hat sich übereilt; er wird bald genug seinen Schritt bereuen", seufzte Irmgard, als sie mit der Schwester allein war. „Hast Du nicht bemerkt, Sophie, wie schüchtern sie ist? Sie ist auch nur halb so schön, wie ich erwartete."
Coralli ließ sich willenlos von einem Zimmer in das andere führen. Das einfache Naturkind, das sein ganzes Leben kein anderes Obdach wie ein schnell hergerichtetes Zelt oder einen Planwagen gekannt hatte, staunte über die Reihe von Zimmern, die alle in ihren Augen fürstlich, obgleich in Wirklichkeit nur gut bürgerlich, aber behaglich eingerichtet waren.
Kein Wunder, daß schon am ersten Abend der Gedanke an ihre ungezwungene Freiheit in ihr aufstieg; kein Wunder, daß sie in ihrem stillen Gemach bittere Thränen vergoß bei der Erinnerung der letzten Stunden. „ ,
Irmgard hatte beim Abendessen unaufhörlich nach Leuten, Ländern und Gegenden gefragt, die ihr kaum dem Namen nach bekannt waren, und ihr dadurch ihren Mangel an Kenntnissen recht fühlbar gemacht; und mit tiefem Weh im Herzen erwachte in ihr das