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M 244 . Mittwoch, den 24. Oktober 1894. 21. Jahrgang

FuldiikrWZtitüiift

mit Unterhaltungs-KeUage „Sterne und Hinmen".

Erscheint täglich. So«»- und Ferertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

An unsere Leser.

Fulda, 23. Oktober 1894.

In der Nr. 49 des hiesigen ,General-Anzeigers' vom gestrigen Tage liest man:

„Zur Abwehr der fortgesetzte», unmotivirten Angriffe der ,Fuldaer Zeitung' aus den ,Fuldaer General- Anzeiger'.

„O si tacuisses, philosophus manaiasea!“

Wer die ,Fuld. Ztg.' dieses Hauptorgan der römisch-katholischen Interessen im Kreise, einigermaßen genauer kennt und aufmerksam beobachtet, der wird schon längst bemerkt haben, daß sie es in Jansen'scher Manier mit der Wahrheit nicht genau nimmt, daß sie oft ganz neue, bisher Jedermann unbekannte Behaupt­ungen aufstellt, daß sie sich unter römisch-jesuitischer Flagge als unfehlbare Vertreterin christlicher Wahrheit und Sittlichkeit aufspielt, während sie von der christ­lichen Religion in ihren tiefften Forderungen, in ihrem größten Gebot, kaum eine Ahnung hat, daß sie sich anmaßt, in inquisitorischer Weise über öffentliche, poli­tische und religiöse Angelegenheiten zu urtheilen, von denen sie so viel versteht, als ein Bachulke von der Lehre vom goldenen Schnitt, und auf diese Weise einen pharisäischen Hochmuth entwickelt. Da dieser Hoch- und Uebermuth durch die katholische Klerisei unseres Kreises in Wort und That unterstützt wird, so ist es begreiflich, daß er eher im Zunehmen als im Abnehmen begriffen ist. Nimmt man nun irgend eine Nummer dieser Zeitung in die Hand, so meint man, sie führe beständig gegen Alles, was nicht absolut römisch-katholisch ist, insbesondere gegen Liberalismus, Protestantismus und Parteilosigkeit, einen Krieg auf Leben und Tod.

Wir haben zuerst diese unverfrorene Haltung der „F. Z.", soweit sie unser junges Unternehmen betraf, unbeachtet gelassen; wir ärgerten uns vielleicht im Stillen etwas darüber und dachten höchstens, man müsse eben einen bissigen, bösen Hund bellen und kläffen lassen, bis er von selbst aufhört. Aber die ,F. Z.' gehört eben zu diesen bösen, die nicht auf­hören, und weiß recht gut, daß sic durch beständiges Verdrehen, Entstellen und Läugnen uns bei ihren Lesern recht schwarz macht und sich selbst im Glorien­schein der Wahrhaftigkeit und Unfehlbarkeit erscheinen läßt.

So viel zur Charakterisirung dieses Blattes und nun wenden wir uns zu dem Manne, der es täglich „zusammenträgt" oder „deutsch" gesagt, „redigirt", zu unserem Kollegen Deibel, der ja auch unseren Namen zu nennen nicht unter seiner Würde fand.

Wie wir schon verschiedentlich hörten, soll es vor­kommen, daß, wenn es zu ruhig geworden ist im schwarzen Hain, unser Kollege Deibel von seinen Brod- herren gezwickt und gezwackt wird, bis er fuchtig wird, loslegt und Alles kurz und klein haut, was er er­reichen kann. In so einer blinden Wuth soll er bereits

Die Zigeunerin.

Novelle von C. Borges.

(7. Fortsetzung.)

Begleitet von dem freudigen Zurufen der Menge, die schaarenweise dem Wagen folgte, führte Ernst seine Gattin die Terrasse hinauf, und als Coralli jetzt schüch­tern ihrer neuen Schwägerin die Hand entgegenstreckte und mit herzgewinnender Freundlichkeit ihr leise zu- flüsterte:

„Ich fürchte, ich bin hier ein Eindringling, der nicht gern gesehen wird; aber ich will Euch lieb haben," folgte Sophie der Eingebung des Augenblickes und umarmte und küßte die Fremde schwesterlich.

Ernst, der im Stillen die Abneigung seiner Schwestern gegen seine Gattin gefürchtet haben mochte, athmete bei dem freundlichen Empfang erleichtert auf und um­armte die Schwester zum Dank vor den Augen der ganzen Dienerschaft, so daß Sophie sich reichlich be­lohnt fühlte und nicht mehr die strafenden Worte fürch­tete, die ihre Schwester zweifellos für sie in Bereit­schaft hatte.

„Wo ist Irmgard?" fragte Ernst, als er Coralli in das" Haus führte. „Ist sie nicht zu unserem Em­pfange hier?"

„O — ja--sie ist im Empfangszimmer. —

schon zwei blühende Existenzen vernichtet, zwei Tages­blätter ganz und eines schon halb eingesargt haben. Ob diesen Erfolgen kann es Niemand wundern, wenn sich unser Kollege Deibel für einen modernen Hannibal hält, dessen Siegeszug zwar nicht über Blut und Leichen, sondern über eingegangene Blätter und verkrachte Ge­schäfte führt.

Wiederum ertönt der Ruf: Hannibal ante portas! und diesmal gilt er uns, damit wir fliehen sollen. Das thun wir aber nicht, sondern stellen uns zum Kampfe. Und nun decken Sie sich, Herr Kollege, und wir uns, Jeder so gut er kann, denn es wird scharfe Hiebe regnen.

Wenn das wahr ist, was das Sprichwort sagt: mens sana in corpore sano! so haben Sie sich mit dem „gesunden Menschenverstand" eine unpassende Sturmkappe auf die hohläugige Stirn gesetzt, um mit Berserkerwuth gegen die Mauern des Generalanzeiger' zu rennen. Von einem Redakteur des »Generalanzeiger' verlangen wir etwas mehr „gesunden Menschen­verstand" und lieber etwas weniger „akademische Bildung".

Der Herr Kollege Deibel hat es uns sehr verargt, daß wir unserem Blatte ein Programm unterlegt haben, das auch eine Berliner Zeitung besitzt, und daß wir es nicht selber geschrieben, sondern es einfach über­nommen haben; ja er hat uns sogar die Fähigkeit abgesprochen, „leitartikelnd" sein zu können.

Betrachten wir uns einmal die ,F. Z.' und sehen wir zu, was davon unser Kollege Deibel selbst zu schreiben pflegt: den Leitartikel? Nein, den bezieht er aus einer Fabrik in Berlin oder in einer rheinischen Centrumsmetropole; den politischen Theil? Nein, den entlehnt er der ,Germania', der ,K. Vztg.', der ,Frks. Ztg.', welche Zeitungen neben noch anderen ihm das Geschäft zur Erleichterung seiner Redaktionsarbeit hält und bezahlt; das Lokale? Nein, die Festberichte und Auszüge aus der Fuldaer Chronik liefert ihm eine schriftstellernde alternde Jungfrau, die Tagesneuigkeiten sein hausirender Adjutant in Ablösung mit einem zeit­habenden Ellenritter, Kunst- und Theaterkritiker; das „Authentische" kapert er mit Piratenscham aus dem hiesigen ,Kreisblatt' und das „Kirchliche" (namentlich die Nachschriften) lispelt ihm ein Skribifax zu, der an's Schlüsselloch einer Domherrenthür sein Ohr ge­drückt hatte; die Provinznachrichten? Nein, die schickt ihm entweder ein schreibseliger Kaplan oder ein gelang­weilter Lehrer und betreffen dieselben vorwiegend Pfarrer-Installationen, Priester-Jubiläen und Kirchen- Einweihungen, hie und da macht er allerdings im Lokalen einen kleinen Spaß, ä la „dummer August" im Circus, durch eine schloddrige Schlußbemerkung, an deren hinkelbeinigem Rumpeldeutsch man sofort den „akademisch gebildeten" Geist erkennen kann. Selbst im „Vermischten", das aber nur ein Solcher lesen kann, der ganz gute Augen hat, macht unser Kollege in Schwarz zuweilen Capriolen, meistens aber alte abgedroschene Witze und fade Kalauer. Nun, dann wird er wohl das

Ich hörte den Wagen kommen und eilte hinaus," be­richtete Sophie.

Ernst's Antlitz verfinsterte sich. Ohne ein Wort zu erwidern, führte er seine Gattin in sein eigenes Arbeitszimmer.

„Willkommen in Deiner neuen Heimath, Geliebte!" flüsterte er ihr zu und umarmte sie herzlich. „Du bist gewiß von der weiten Reise müde. Ruhe hier aus; man soll uns hierhin eine Erfrischung bringen, ehe Du Dir das ganze Haus ansiehst."

Coralli sah sich in dem behaglich ausgestatteten Zimmer überrascht um.

„Wie schön ist es hier," flüsterte sie leise und ließ bewundernd ihre Blicke über die kostbaren Gemälde schweifen. „O, Ernst, wenn ich gewußt hätte, wie reich Du bist und wie groß Deine Besitzung, so würde ich nicht den Muth gehabt haben, Deine Gattin zu werden."

Ernst lachte erheitert.

„So ist es denn gut, daß Du es vorher nicht wußtest," erwiderte er zärtlich, „aber Du wirst Dich hier bald einleben. Siehe, dieses Zimmer darf außer Dir unaufgefordert Niemand betreten. Dir steht es immer offen; und wenn Du je Hilfe bedarfst oder Dir die Pflichten als Herrin des Hauses zu schwer werden,

Feuilleton schreiben, unser Kollege Deibel ist ja auch Schriftsteller? Gott bewahre, das sind Romane aus weiblichen Federn, welche im Regensburger Marien- oder Einsiedler-Kalender vor einem Jahrzehnt schon die Feuerprobe der Sittenreinheit und Harmlosigkeit be­standen haben. Ja, wenn unser Kollege Deibel alles dies nicht selbst schreibt, was thut er dann eigent­lich und wie kann er sich dann moquiren über andere, die auch einmal einen nicht selbst verfaßten Artikel reproduziren? Ja das ist eben die Logik unseres Kol­legen Deibel und sein Begriff vom „gesunden Menschen­verstand".

Dr. Schädler soll erst gesagt haben: der Teufel ist neutral! und dann der Teufel sei nicht neutral! das kommt uns bei einer Analogie zu gute! Der Kollege Deibel ist auch nicht neutral, sonst wäre er seinem hart bedrängten Bonifatiusmann nicht zu Hilfe gekommen. Ob der's ihm auch dankt und ihm nicht einmal seinen Redaktionssessel zum Rost des hl. Laurentius macht. Der Teufel ist eine gefallene Größe; unser Kollege Deibel fiel auch von akademischer Höhe herab bis zum papiernen Taglöhner im Solde einer Gesellschaft auf katholische Aktien zur Rettung des Glaubens, Hebung der Sitten und Reinigung der Moral, doch wäre es ihr lieber, wenn das Aktienkapital sich zu mehr Pro­zent rentiren würde. Der Teufel ist ein Feind des Lichts, unser Kollege Deibel tappt gerne im Finstem und liebt im Trüben zu fischen. Der Teufel ist der Vater der Lüge, der Kollege Deibel meint es mit der Wahrheit nicht immer genau.

Was den Zweck anbelangt, den die ,F.Z.' und der .Generalanzeiger' hat, so fragen wir: Hat seit dem Bestehen der ,F. Z.' die Rohheit abgenommen, die Re­ligiosität zugenommen? Hat'sie eine Einwirkung auss öffentliche, häusliche und soziale Leben gehabt? Ist es nicht ein und derselbe Klageton, der von den Kan­zeln kommt, daß Religionslosigkeit und Unmoralität schrecklich überhand nehmen? Wo bleibt der sittliche Einfluß der ,F. Z.'? Daran ist ihr auch gar nichts gelegen, sie will nur ein Geschäft machen, verdienen. Ja Geld und wieder Geld, das ist das Höchste, was so ein Deibel kennt. Alles Andere ist nur Einkleidung und Mittel zum Zweck. Hat doch die Aktiendruckerei, welche die Milch frommer Denkungsart dieser Herren zu Geld machen muß, die schimpflichste Schmutzkon­kurrenz hier inaugurirt; ist es doch diese, welche neu­lich erst das Tausend gedruckte Hanf - Kouverts mit 2,50 M. anbot, eine Schamlosigkeit, die sich das elen­diglichste „Feuerzeug" noch nicht hat zu Schulden kom­men lassen. So ein Geschäftsführer gehört angebohrt, aber nicht am Knie, oder unter eine Dachtraufe gestellt. Die Aktiendruckerei wurde auf christlichem Fundament gegründet; sie hat sich als eine ungerathene Tochter ausgewachsen, denn sie sucht durch unlautere Wettbe­werb und unverschämte Preisdrückerei das Geschäft zu verhunzen.

Ein angesehener Mann hier von echt diamant- schwarzer Färbung äußerte sich unlängst zu uns: „Was

so soll dies kleine Zimmer Dein Zufluchtsort sein, wo­hin Du Dich flüchten kannst.

„Ist hier denn nicht das Gesellschafts-Zimmer? — es ist hier so elegant," stammelte Coralli verwirrt.

„Nein, mein Herz. Hier ist mein kleines Heilig- thum. Hier arbeite ich oder ich lese oder ich rauche hier. Auch Du hast ein kleines Privatzimmer, welches Dir hoffentlich noch besser gefallen wird," fuhr er heiter fort, „und wenn jemals eine Stunde kommen sollte, daß ich Dir zürnte, so schließen wir uns Jeder in unserem Zimmer ein, bis wir zur Versöhnung be­reit sind," scherzte er.

„Sprich nicht so, Ernst, sprich nicht so. — Ich würde sterben, wenn Du mir zürntest oder--ich

würde fortlaufen," und überwältigt vor Aufregung oder Ueberanstrengung der Reise brach sie in krampfhaftes Schluchzen aus.

Im Augenblicke hielt ihr Gatte sie innig umschlun­gen, küßte die Thränen von ihren Augen, versicherte ihr, daß er nur gescherzt habe, daß es nicht möglich sei, ihr jemals zu zürnen, bis es ihm endlich gelang, sie wieder zu beruhigen.

Sie trocknete ihre Thränen und lächelte. — Doch ihre erregten Worte: „Ich würde fortlaufen," waren in dem Herzen des jungen Gatten wie mit brennender Flammenschristunauslöschlich eingeschrieben. Der Charak-