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21. Jahrgang

Dienstag, den 23. Oktober 1894.

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nter und größer. Hier gilt in Wahrheit das Wort: „quot capita, tot sensus“: „soviel Köpfe, soviel Mei­nungen" gibt es, worüber schon Luther sich bitter be­klagt hatte. Und bei diesem inneren Zwiespalt handelt es sich nicht etwa bloß um geringfügige Dinge, sondern um Lehren, welche zum Wesen des Christenthums ge­hören. Sehr bezeichnend, in dieser Beziehung ist der Streit, der gegenwärtig in der evangelischen Landes­kirche Preußens über das apostolische Glaubensbekennt- niß sich erhoben hat. Die Orthodoxen, d. h. die gläu­bigen Protestanten, fordern, daß das apostolische Glau- bensbekenntniß wie bisher als unantastbare Glaubens­regel bei allen kirchlichen Amtshandlungen gebraucht werden solle, und zwar als Ausdruck der inneren Glaubensüberzeugung. Und die Orthodoxen haben Recht, wenn sie durch zähes Festhalten an dem ganzen Inhalt des Apostolikums (des apostolischen Glaubensbekennt­nisses) ihr Christenthum retten wollen. Aber ihr Stand­punkt ist — katholisch. Und dagegen wehren sich die liberalen Protestanten. Sie verlangen, daß es jedem evangelischen Christen überlassen bleibe, von dem apo­stolischen Glaubensbekenntniß zu denken, was ihm be­liebe; es dürfe Niemand gezwungen werden, an den ganzen Inhalt desselben zu glauben. Und auch diese Liberalen haben Recht, wenn sie sich auf das Aposto­likum nicht wollen festnageln lassen; denn Glaubens­und Gewissenszwang verträgt sich nicht mit dem prote­stantischen Prinzip der freien Forschung. Dieser Stand­punkt der liberalen Protestanten ist echt lutherisch. Führer dieser liberalen, halb gläubigen, halb ungläu­bigen Protestanten ist der bekannte Professor Dr. Bey sch lag in Halle; Führer der Strenggläubigen ist Stöcker, Hofprediger a D. in Berlin. Bei diesem Kampfe zwischen orthodoxen und liberalen Proteste.ten steht nichts Geringeres auf dem Spiele, als ob das Christenthum in der evangelischen Kirche beibehalten wird oder nicht. Denken wir uns zweiJahre zurück: Bei der Berathung des Schulgesetzes im Landtage 1892 handelte es sich schon um eine ernste Entscheidung zwischen Christenthum und Atheismus (Unglaube). Der damalige Kultusminister Graf Zedlitz unterlag in diesem Kampfe und mit ihm das Christenthum — well die liberalen Protestanten, die Gegner des Apostolikums, zugleich auch die Gegner des Grafen Zedlitz waren. Um dieselbe Entscheidung handelt es sich jetzt innerhalb des Protestantismus. Die Orthodoxen werden zwar noch einmal siegen und ihr Christenthum äußerlich wenigstens retten. Aber den weiteren inneren Verfall des Protestantismus werden sie dadurch nicht aushal­ten. Die Protestanten, denen es Ernst ist mit ihrem Christenthum, werden ihr Heil in der Rückkehr zur katholischen Kirche suchen, wie Moltke vorhergesagt, „am Ende müssen wir Alle doch noch katholisch wer­den". Alle anderen, die sich mit dem gesiebten und gichtbrüchigen Christenthum eines Beyschlag und Kon­sorten begnügen oder am liebsten außerhalb des Schat- teus der Kirche wohnen, werden dem völligen Un-

D. Aeußere und innere Zersahrenheit des hentigen Protestantismus.

Bekanntlich hat der hl. Vater im Juni dieses Jah­res an die Fürsten und Völker des Erdkreises etn Rundschreiben gerichtet. Darin ladet der Papst u. A. auch die Protestanten ein, zur wahren von Christus gestifteten Kirche zurückzukeyren, da im Protestantis­mus die kirchlichen und religiösen Zustände ganz un­haltbar geworden seien. Die protestantischen Zions­wächter wehren sich zwar aus Leibeskräften gegen diefe Behauptung. Indessen zahlreiche und gewichtige Stim­men aus dem protestantischen Lager selber bezeugen es, daß die heutigen Zustände in der evangelischen Kirche zum Erbarmen traurig sind, und so wird gerade won Protestanten, freilich gegen ihren Willen, das Urtheil des Papstes bestätigt.

Ganz zeitgemäß weist daher der ,Pa stör bonus‘, Zeitschrift für kirchliche Wissenschaft und Praxis, her­ausgegeben von Dr. Einig und Dr. Müller (Ver­lag der Panlinusdruckerei in Triers im laufenden Jahrgang Heft 7 ff. auf diese Zeugnisse aus prote­stantischem Munde gegen den Protestantismus hin. Der.Pastor bonus" schreibt: „Protestantische Zeugnisse sind es, die wir zusammenstellen; diese müssen ja, da es sich um protestantische Dinge handelt, am ehesten als unparteiisch und unverdächtig gelten. Heber protestantische Dinge sollen sie uns also zunächst Auskunft geben, indirekt aber auch über die ihnen entgegenstehenden katholischen Angelegenheiten: es ist klar, daß solch ein Zeugniß einen ganz beson­deren Werth beansprucht." Soweit unser Raum es gestattet, wollen wir an der Hand dieser Zeugnisse, welche der ,Pastor bonus1 bringt, die äußere und in­nere Zerrissenheit des hentigen Protestantismus in Kürze schildern. , ,

Christus hat nur eine Kirche gestiftet. Das glatt» ben auch die Protestanten. Äber diese eine Kirche, behaupten sie, sei die evangelische Kirche, welche als die ursprünglich katholische Kirche, jedoch durch Luther von Jrrthümern und Mißbräuchen gereinigt, sich dar­stelle. Ist denn die evangelische Kirche in Wirklichkeit nur „eine" Kirche, eine Einheit, ein geschloffenes Ganze? Nein; sie zerfällt, wie der Hallenser Professor Dr. Beyschlag in seinen „deutsch-evangelischen Blät­tern" bezeugt, in Deutschland in vierzig Landes­kirchen. Und zur evangelischen „Kirche" in Amerika gehören, nach einer Statistik der dortigen Regierung, 143 verschiedene religiöse Gemeinschaften oder „Kirchen". Solche heillose Zersplitterung ist, so sollte man meinen, für jeden, der sehen will, doch ein deutliches Merk­mal dafür, daß die evangelische Kirche die vou Christus gestiftete Kirche nicht sein kann.

Diese äußere Spaltung ist aber nur die nothwen- dige Folge von der inneren Uneinigkeit in den Glau­benslehren. Hier ist dieZerrissenheitnochviel schlim-

„Hah! wir dürfen niemals wagen, unser Haupt wieder zu erheben", klagte Irmgard, als sie das unschuldige Papier in ihrer Hand zerknitterte und dann in den Ofen warf. „Wie könnte er uns nur diese Schande machen! Wie konnte er es nur thun!"

„Es ist ja durchaus keine Nothwendigkeit, daß die Leute erfahren, daß Coralli eine Zigeunerin ist", lenkte Sophie besänftigend ein. „Ernst bittet felbst darum ihre Abkunft soll vorläufig verschwiegen werden. Und da sie Ausländerin ist, werden die Leute denken, die Hochzeit sei in der Fremde gefeiert."

„Ich bleibe keine Stunde mehr in diesem Hause" rief Irmgard empört. „Wir müffen schnell unsere Sachen packen, damit wir vor Freitag fort sind. Denke nur, es soll ihretwillen eine Festlichkeit veranstaltet werden! Ich rühre bestimmt keinen Finger drum, ja, wenn es von mir abhinge, so sollte er bei seiner An­kunft ein ganz leeres Haus finden! Der Gedanke, daß ein gewöhnliches Zigeunerweib hier als Herrin ein­ziehen soll, ist mir unerträglich — unfaßlich!"

Niemals war in den stillen Räumen des Herren­hauses ein solches Klagen und Stöhnen gehört, als heute. — Irmgard dachte nicht mehr daran, nach dem Vorwerk hinauszufahren, oder dem Gärtner ihre Be­fehle zu geben, das hatte jetzt Zeit, bis der Bruder kam. —

mit Unterhattnngs-Heilage „Sterns und Siumen"

Die Zigemrerin.

Novelle von C Borges.

(6. Fortsetzung.)

Irmgard hatte mit monotoner Stimme den Brief bis zu Ende gelesen, gleichsanp als habe sie den Sinn der Worte gar nicht verstanden.

Jetzt folgte peinliche Stille. Die Augen der beiden Damen waren unverwandt auf den Briefbogen ge­richtet, den die ältere krampfhaft in ihren zitternden Händen hielt. Es wurde ihnen augenscheinlich schwer, ihre wirren Gedanken zu sammeln und sich in die nüchterne Wirklichkeit zu versetzen. — Sophie erholte sich zuerst.

„Eine Zigeunerin!" kam es mühsam ü6er_ ihre zuckenden Lippen. „Irmgard! es ist ganz gewiß das hübsche Mädchen, daß zu der Zigeunerbande gehörte, die im Frühjahr ihre Zelte auf der Haide aufge­schlagen hatte! — Oh Gott! wie entsetzlich! Was soll nun geschehen?"

„Was?" zischte die Schwester, „diese Vagabunden? diese diebische Bande? Unmöglich! — Ernst würde niemals unseren Namen auf diese Weise entehren! Wie kommen Dir nur solche thörichte Gedanken in den Kopf? ich füge Dir, es ist Unsinn, Sophie."

„Das Mädchen hieß Coralli; Ernst nannte sie selbst so", wandte Sophie schüchtern ein.

glauben verfallen und die Bataillone der Umsturzpar­teien vermehren.

Aber nicht bloß in den allgemeinen chrtstlrchen Wahrheiten, welche der Protestantismus noch mit der katholischen Kirche gemeinsam hat, finden wir Spaltung und Verwirrung, sondern auch in Betreff der eigentlich lutherischen Lehren ist der heutige Protestantismus auf dem Gipfel der Zerfahrenheit angelangt. Auch hierin herrscht eine solch babylonische Sprach- und Gedankenverwirrung, daß der eine den anderen nicht mehr verstehen kann. Der Protestantismus hat das kirchliche Lehramt in Glaubenssachen verworfen; dafür wurde jedem Einzelnen das Recht der freien Forschung und selbstständigen Entscheidung in Sachen des Glaubens gewährt. Und heute, wo dieses Recht der freien Forschung den Protestantismus an den Rand des Unglaubens gebracht hat, heute nennt der orthodoxe Stöcker diese freie Forschung einen Fehler. Die libe­ralen Protestanten dagegen können die freie Forschung nicht hoch genug preisen. Sie finden das gerade sehr schön an der Reformation, daß durch sie eigentlich jeder Einzelne sein eigener Papst ist, insofern er nämlich für sich felbst die höchste und entscheidende Stelle in Glaubenssachen bildet.

„Der Glaube allein macht selig, ohne dte Werke des Gesetzes." Diese Lehre gilt als Grundstein des Lutherthums, als Banner der Refor­mation. Nach dieser Lehre läßt sich's ja recht bequem und angenehm leben. Aber nachgerade findet man doch ein Haar in der Suppe. Einsichtige Protestanten müssen bekennen, daß diese Lehre auch schuld daran ist, daß die große Masse des evangelischen Volkes fremd und gleichgültig an der evangelifchen Kirche vorübergehe und um Prediger und Predigt, Taufe und Abendmahl sich nicht kümmere und bei den wohlhabenden Protestanten ein bedauerlicher Mangel an Opferfreudigkeit, sich zei^e.

Ein weiterer Zwiesvalt im Protestantismus ergibt sich dadurch, daß die Theologie, das heißt die Lehre von Gott und seinem Reiche, durch die Ergebnisse allzu freier Forschung die Kirche zu bereit Schaden immer mehr zu beeinflussen strebt, und daß ferner die Kirche nicht frei und felbstständig, sondern vom Staate ab­hängig ist. Luther hatte der kirchlichen Auktorität den Gehorsam gekündigt. Die Folge war nicht bloß Wirr- war in den Glaubenslehren, sondern auch Auflösung aller Kirchenzncht unter seinen Anhängern. Luthers Auktorität war nicht stark genug, um die Geister der Auflehnung und des Umsturzes, welche er wachgerufen, im Zaum zu halten. Um einigermaßen wieder Ord­nung in das wilde Durcheinander zu bringen, sah er sich geuöthigt, das innere und äußere Kircheuregiment den weltlichen Fürsten zu übertragen. Daher datirt das protestantische Staatskirchenthum, welches die Orthodoxen verwünschen, die Liberalen für ihre Zwecke ausbeuten und die große Masse gleichgültig erträgt.

Das vorstehend entworfene Bild der äußeren und inneren Zerrissenheit des heutigen Protestantismus

So gern sie auch, dem ersten Eindruck folgend, das Haus ihrer Väter verlassen hätte, mußte sie sich bei ruhiger Ueberlegung doch sagen, daß sie keine andere Unterkunft hatte, und gar nicht wußte, wohin sie ihre Schritte lenken sollte. Es blieb ihr kein anderer Ausweg, als den Verwalter zu beauftragen, die Be­fehle feines Herrn, der am Freitag, alfo in drei Tagen mit seiner Gattin eintreffen werde, pünktlich auszu­führen. c

Erst gegen Abend wurden die Damen ruhiger. Die Nachbarn sollten nie erfahren, wie verhaßt ihnen die neue Herrin sei, und muthig wollten sie daher der Zukunst in's Auge schauen.

Aber daß sie die Zimmer unserer Mutter be­wohnen soll, das ist mir ein schrecklicher Gedanke!" stöhnte Irmgard, ehe sie ihr Schlafgemach aufsuchte.

Drei Tage waren vergangen. Das Dörfchen Lerchen­heim prangte im festlichen Schmuck; die Glocken läuteten feierlich, Fahnen und Flaggen flatterten lustig tm Winde und die Häufer waren mit bunten Kränzen und Blumen geschmückt. , .

Auf der breiten Allee, die nach dem Herrenhause führte, stand ein mächtiger Triumphbogen. Vor dem­selben hatten sich die Schulkinder, in ihren Sonntags­kleidern, geschaart, die, mit dem Lehrer an der Spitze, zur Begrüßung des jungen Patronatsherrn ein Lied-

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