mit Unterhaltungs-Beilage „Sterne und KLumen".
Sonntag, den 21. Oktober 1894.
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21. Jahrga ng
Erscheint täglich Som,. und Feiertage ausgenommen. - Bierteljahrlicher Abonnementsvreis ohne Brinqerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Psennia Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
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1RI** Hierzu eine Beilage.
* Katholisch-soziale Thätigkeit in Italien.
Mau schreibt aus Loreto: Am Sonntag den 22. Sept, begaben sich über 1200 Arbeiter von Bergamo mit einem Spezialzug nach Grumella del Monte zu einem frohen Feste; es kamen noch andere Theilnehmer hinzu nebst ihrem sehr beliebten Bischof und anderen hervorragenden Persönlichkeiten ans dem Priester- und Laienstande. Es mögen etwa 5000 anwesend gewesen sein. Es wurden viele Reden gehalten, aber, um die Thätig- keit der Diözesanen von Bergamo auf dem f ozi al en Gebiete zu erkennen, wollen wir nur aus dem Referat des Professors Rezzara Folgendes hervorheben. Er sprach: Arbeiter, Brüder! Heute jubeln wir und wir haben dazu ein Recht. Sieben Jahre einer geordneten, anhaltenden, verständigen und klugen Arbeit haben uns Fortschritte machen lassen. Wir hatten im Jahre 1888 (in Genossenschaften) Zu gegenseitiger Unterstützung genossenschaftlich verbundene Arbeiter in 74 Pfarreien; heute haben wir solche in 132 Pfarreien. Damals hatten wir 7000 eingeschriebene Mitglieder, heute haben wir 8200. Die Gesellschaften (Vereinigungen, Genossenschaften) hatten damals ein Patrimonium-Kapital von 78,914,19 Lire, welches heute auf 120,000 Lire gestiegen ist und ll/2 Million wurde zur Unterstützung an kranke Genossen vertheilt. Damals hatten wir noch keine Sektion für die jugendlichen Arbeiter, heute haben wir deren 15 mit 417 Mitgliedern. Während der verflossenen sieben Jahre hat unsere Union noch andere Fortschritte gemacht. Nach den Studien und den Vorbereitungen von Zwei Jahren entstand durch Auregung unserer „Union" mit dem Gelde unserer Arbeiter und dem Gelde der befreundeten Genossenschaften der „kleine Kredit" von Bergamo. Was war und was ist unser kleiner Kredit? Auf dem Bundesfest zu Stezzano am 11. Sept. 1892 theilte ich mit, daß er nach 8 Monaten seiner Existenz 463 Genossen (Theilnehmer) hatte mit 4092 unterzeichneten Aktien, einen Umsatz (Einzahlung) von 81,840 Lire und Ende August einen Bestand von 842,514.35 Lire. Im verflossenen Jahre theilte ich auf dem Bundesfeste zu Caprino mit, daß die (Genossen) Mitgliederzahl von 463 auf 824 gestiegen war; die Aktien von 4092 auf 8719, das genossenschaftliche Kapital von 81,840 Lire auf 174,380 Lire und der Bestand des Vermögens Ende August bereits eine Höhe von 1,079,283.13 Lire erreicht hatte. Ich hatte außerdem zur Kenntniß gebracht, daß zwei neue Institute des Volkskredits — zwei Sparkassen für das Landvolk —, die eine zu Martinengo, die andere zu Cor- nalba, sich gebildet hatten, um die Funktion des Kredits zu erleichtern und die unschätzbaren Vortheile auch den letzten, aber ehrlichen Ackerbauern zu Gute kommen zu lassen. Eine neue Kreditgenossenschaft entstand im Laufe
Die Iigennerm.
Novelle von C. Borges.
(5. Forlsetzung.)
Bald darauf erschien Sophie. Schnell huschte die schwarze Katze in ihren Arm und ließ sich in gewohnter Weise streicheln und liebkosen. Dann öffneteSophie die Postbeutel und sortirte die angekommenen Briefe.
„Von Ernst — endlich!" flüsterte sie halblaut, den großen Brief in ihren Fingern hin und her wendend, unschlüssig, j)b sie ihn öffnen oder bis zur Ankunft der ältereir Schwester warten sollte. — Es war zwischen beiden schon lange die Uebereinkunft getroffen worden, daß alle Familienbriefe, die ihnen gemeinschaftlich bestimmt waren, von der.enigen zuerst geöffnet und gelesen werden konnten, die sie zuerst in den Händen hatte. „Hoffentlich meldet er uns feine Rückkehr," dachte sie sinnend weiter, „es ist doch wahrlich Zeit, daß er endlich seine Pflichten übernimmt, ah--
guten Morgen, Irmgard," begrüßte sie die eintretende Schwester, „hier ist endlich ein Brief von Ernst — ich habe ihn noch nicht geöffnet." —
Jrmgard's Laune schien heute nicht die rosigste zu fein. Ohne die Begrüßung der Schwester zu beachten, ergriff sie die Schelle, auf deren schrillen Ton Marie cintrat.
des Jahres zu Fiumenero und wurde auch eine Frauenvereinigung (Genossenschaft) zu Bergamo gegründet. Eine neue Föderation ferner mit 4 Cirkeln ist sozusagen eine vollendete Thatsache im Thale von Sombreno. Genossenschaften und Cirkel hielten im letzten Jahre 275 besondere oder allgemeine Versammlungen. Noch mehr. Nach dem Feste, das im vergangenen Jahre zu Caprino und dann zu Grumello abgehalten wurde, bildeten sich in der Diözese weitere 22 ländliche, für Anlagen-, Depositen- und Anleihen-Kassen, zum größten Nutzen der Landbevölkerung. Bei diesen ländlichen Kassen sind etwa 880 Mitglieder eingezeichnet, die von den schmutzigen Klauen des Wuchers erlöst sind. Wenn diese Kassen, woran kein Zweifel, fortbestehen unter guter Leitung und Verwaltung, stets treu den Statuten, so werden sie den anderen Psarreien zum Vorbild dienen, wo das Bedürfniß zu so wohlthätigen Einrichtungen sich fühlbar macht. Und wie ist's mit der Bank „der kleine Kredit" (Piccolo credito)? Ende August des vergangenen Jahres waren es 824 Mitglieder ; dieses Jahr zu derselben Zeit sind es 1277; im verflossenen Jahre waren gezeichnete Aktien 8719, dieses Jahr stiegen sie auf 11,231; im vergangenen Jahre war das Kapital 174,380 Lire, dieses Jahr ist es auf 224,620 Lire gestiegen. Das Vermögen betrug Ende August vergangenen Jahres 1,079,25'3.19 Lire, dieses Jahr hat es sich mehr als verdoppelt, hat eine Höhe von 2,584,742.12 Lire. Und es geht so weiter, man gewinnt Boden jeden Tag mehr und der Boden, den man gewinnt, wird den heißhungrigen Spekulanten, den schmählichen Wucherern entrissen. Drei Agonzien des Piccolo credito (kleinen Kredits) funktioniren schon, bald wird hoffentlich die vierte eröffnet. Voriges Jahr wurde zu Caprino der Wunsch ausgesprochen und in Erwägung gezogen, ob man nicht etwas thun soll zum Nutzen der B auern und des Ackerbaues? Dieser Wunsch, diese Erwägungen — blieben sie ein todter Buchstabe? Nein. Zum Studium tmd zur Vorbereitung bedurfte es nahezu die Zeit eines Jahres ; aber die Wünsche und Erwägungen von Caprino sind in einem Jahre zur Wirklichkeit geworden. Sehen Sie die katholische Union der Bauern im Gebiete von Bergamo, wie sie sich nun gebildet hat mit 136 katholischen Assoziationen und der Anzahl von 7200 Mitgliedern nebst einer Präsidentschaft seit drei Wochen. Die neue katholische Bauern-Union, obwohl kaum geboren, hat sich schon vernehmen lassen, daß sie da ist und da ist um Gutes zu thun. Katholische Arbeiter-Genossenschaften und Cirkel zu gegenseitiger Unterstützung, Abtheilung für das jugendliche Element, Kredit - Einrichtungen, Sparkassen für das Landvolk, Bauernvereine, Viehversicherungen, Vereine im allgemeinen, errichtet auf der Grundlage des Katholizismus, d. h. der religiösen Moral, welche erzieht und erhält (nicht jener unverständigen, die verdirbt und verschleudert), sehen Sie da die Vereinigungen, welche die Diözesan - Union in ihren Schooß aufnimmt, befördert, unterstützt, beschirmt. Unserer Diözesan-Union
„Sage dem Kutscher, daß pünktlich um 11 Uhr der Wagen bereit steht; ich muß nach dem Vorwerk hinaus," befahl sie kurz. „Dann sage dem Gärtner, daß ich ihn nach dem Frühstück erwarte; die Nachtfröste treten schon ein, es ist Zeit, daß das Treibhaus gedeckt wird."
Nachdem sie so ihre Befehle gegeben, setzte sie sich langsam zum Frühstück nieder.
„Es soll mich doch wundern, ob Ernst endlich an die Rückreise denkt," unterbrach Sophie das peinliche Schweigen und bereute im Stillen, den Brief nicht vorher geöffnet zu haben.
„Jedenfalls, sonst würde er nicht geschrieben haben," lautete die unwirsche Antwort und ruhig verzehrte sie ihr Frühstück. — — — Besser so, ihr ahnungslosen Seelen, denn die unerwartete Nachricht in dem so ahnungslos aussehenden Briefe wird einer Bombe gleich in euer friedlich stilles Leben hineinfallen und zweifellos euch den Appetit zu eurem Frühstück rauben.
Endlich hatte Irmgard die letzte Tasse Kaffee geleert. Mechanisch nahm sie den inhaltschweren Brief zur Hand, suchte dann in ihrem Strickkorb nach ihrer Brille und musterte ihn dann sorgfältig.
„Er ist in Paris," sagte sie, als sie mühsam den Poststempel entziffert hatte. Dann las sie:
„Meinen lieben Schwestern Irmgard und Sophie!
Für Euch Beide sind heute meine Zeilen be
gehören heute 166 Vereine an mit 16,670 Mitgliedern. Ist das viel? Ja; aber weit mehr bleibt uns noch zu thun übrig. Vorwärts, immer vorwärts! Welche andere Diözese hat so wacker zu handeln verstanden, wie die von Bergamo?
Deutsches Keich.
Berlin, 19. Oktober.
* Der Kaiser hat dem Könige von Serbien den Schwarzen Adler-Orden verliehen.
* Das preußische Staats - Ministerimn hielt heute Vormittag unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten Grafen Eulenburg eine Sitzung ab.
* Der Entwurf eines Lehrerbesoldnngsgesetzes ist der ,Schles. Ztg/ zufolge vom Kultusministerium letzthin den königlichen Regierungen zur Kenutuißnahme und gutachtlichen Aeußerung übersandt worden. Erst wenn die Gutachten eingegangen sein werden, dürfte der Entwurf vor das Staatsministerium gelangen. Für sein ferneres Geschick wird am meisten entscheidend fein, ob der Finanzminister in der Lage ist, schon int nächsten Etatsjahre die nicht ganz unbeträchtlichen Summen zur gleichzeitigen Aufbesserung der äußeren Lage ganzer Gruppen von Lehrern an den Volksschulen zur Verfügung zu stellen.
* Kanzler Leist ist am Dienstag von der Dis- ziplinarkammer in Potsdam zur Versetzung in ein anderes Amt mit demselben Range aber unter Schmälerung von einem Fünftel seines bisherigen Diensteinkommens „verurtheilt" worden. Diese Verurtheilung ist von einer Freisprechung nicht allzu sehr verschieden. Wir haben es da wieder mit einem der immer häufiger werdenden Gerichtsurtheile zu thun, die zum allgemeinen Volksnrtheile in schroffstem Gegensatz stehen. Leist selbst hat nicht daran gedacht, daß es so gut abgehen würde; er erwartete seine Dienstentlassung mit Sicherheit und fürchtete nur, es möge noch schlimmer kommen, indem man ihn auch noch strafrechtlich verfolge. Legationsrath Rose hat ja auf § 174 des Strafgesetzbuches hinge- wiesen, der allerlei von Zuchthaus bis zu 5 Jahren sagt zur Warnung von Beamten, die ähnliche Dinge treiben, wie Herr Leist sie gestandenermaßen in Kamerun getrieben hat. Der Angeklagte hat überhaupt alle die sauberen Geschichten, die man von ihm berichtet hat, zugestanden. Er hat nackte Dahomeweiber öffentlich mit Nilpferdpeitschen (es sollen nur keine geflochtenen gewesen fein) prügeln lassen. Der Gerichtshof hat aber darin eine Ueberschreitnng seiner Amtsbefugnisse nicht erblickt. Nun geben wir ja auch zu, daß es bei den Negern manchmal ohne körperliche Züchtigung nicht gehen mag. Aber Herr Leist hat die Züchtigung in barbarischer, jedenfalls aber in schamloser Weise vornehmen lassen. Mit Recht sagte der Vertreter der Anklagebehörde: Zum mindesten war es nicht noth- wendig, die Auspeitschung in so ekelerregender Weise öffentlich, in Gegenwart der Männer der ausgepeitschten Weiber vornehmen zu lassen." Wenn nun dies nach
stimmt und Ihr werdet über die Neuigkeit überrascht sein, die ich Euch mitzutheileu habe. Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß Ihr Euch treuen werdet und bedauere fast, daß ich Euch so lange in Ungewißheit darüber ließ."
Irmgard hielt inne. Sie erbleichte sichtlich und blickte zu ihrer Schwester hinüber; doch als Sophie nicht die geringste Bemerkung machte, fuhr sie fort: „Es ist ja lange Euer Wunsch gewesen und Ihr habt mir so oft den schwesterlichen Rath gegeben, inich zu verheirathen, um dann dauernd in Lercheicheim zu bleiben. — Diesen Euren ersten Wunsch habe ich bereits erfüllt, den zweiten hoffe ich'am Freitag zu et füllen und gedenke an dem Tage meine Gattin als Herrin in das Haus meiner Väter einzuführen."
„Herr meines Lebens," rief Sophie händeringend, „er ist schon verheirathet."
„Die Dame, der ich an heiliger Stätte unverbrüchliche Liebe und Treue geschworen habe," las Irmgard weiter, „wird in ihrer neuen Heimath sehr gut ihre Stellung ausfüllen. Sie ist schön, liebenswürdig und hingebend, und obgleich eine Ausländerin, hat sie doch fast ihr ganzes Leben in Deutschland zugebracht und spricht die Sprache geläufig."
„Eine Fremde also," unterbrach Sophie.