21. Jahrgang
Samstag, den 20. Oktober 1894.
uldlikiWZeitiiiil;
mit Untrrhaltrmgs-KeUage „Sterne und Klumen". ____
Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn^undBeMgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfenmg. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petltzeile 2c> Pf., bet Wr^erholungen entsprechender Rabatt.
Die Parteiblätter vor dem Richterstuhl des Fuldaer General-Anzeigers,
des „Unparteiischen Organs für Jedermann".
Fulda, im Oktober 1894.
Gegen Ende des vorletzten Jahrzehntes existirten in unserer Stadt nur zwei politische Blätter, die ,Fuldaer Zeitung' und das amtliche Kreisblatt'. Sowohl dem politischen wie dem lokalen Bedürfniß war, wenn man von auswärtigen Zeitungen hier absehen will, mit diesen zwei Blättern vollständig Rechnung getragen, und Niemand hätte das Bedürfniß nach Vermehrung unserer Lokalblätter empfunden, wären es nicht einzelne Personen gewesen, die sich durch Gründung von Zeitungen eine Erwerbsquelle zu eröffnen suchten. —
So entstanden während des letzten Jahrzehnts das .Fuldaer Tageblatt' (Oktober 1884), der ,Fuldaer Beobachter' (April 1888) und der ,Bote für Stadt Land' (Oktober 1890). Die beiden letztgenannten Preßprodukte verschwanden schon nach kurzer Zeit spurlos von der Bildfläche, dagegen brachte uns der Oktober 1893 den Fuldaer ,General-Anzeiger', der zunächst wöchentlich ein Mal ausgegeben wurde und vom 1. Oktober d. I. ab wöchentlich drei Mal erscheint.
Da die Gründung dieser vier neuen Lokalblätter, wie schon bemerkt, nur dem Privatbedürfniß ihrer Unternehmer entsprungen war, so stellte sich bei ihnen natürlich die Frage ein: Woher den Leserkreis nehmen? An der Beantwortung dieser Frage arbeitet das .Fuldaer Tageblatt' nach zehnjährigem Bestände mit Hangen und Würgen noch heute, und es dürfte eine befriedig ende Lösung derselben überhaupt nicht erleben. Mit politischen Tageszeitungen, die erst nach einer Partei fahnden müssen, deren Organ sie sein möchten, ist es eine fatale Sache. So dachte, durch die Nothlage des ,Fuldaer Tageblatt' abgeschreckt, jedenfalls auch der Fuldaer ,General - Anzeiger' und sann deshalb auf guten Rath, an dieser Klippe vorbeizukommen. Doch incidit in Scyllam qui vult vitare Charybdim! — Er gelangte auf der Suche nach einem Leserkreife aus dem Regen unter die Traufe, und es geschah dies also:
Der Fuldaer .General-Anzeiger' sollte sich aus einem bloßen Jnseratenblatt mit einigem Anhängsel all- mälig zu einer Zeitung entwickeln, die dazu angethan sei, den übrigen Fuldaer Lokalblättern erfolgreiche Konkurrenz zu machen. In Ermangelung einer genügenden Anzahl von Parteigängern, die das Lesepublikum eines vierten Blattes repräsentiren konnten, verfiel man noth- gedrungen auf die nicht mehr ungewöhnliche sogenannte „Parteilosigkeit" politischer Tageszeitungen. Damit wäre man aus der Verlegenheit „fein heraus" gewesen, wenn sich der mit den Regeln der Logik vertraute „gesunde Menschenverstand" ebenso leicht und bequem hinter's Licht führen ließe wie die Urtheils-
Die Zigeunerin.
Novelle von C Borges.
(4. Fortsetzung.)
Lange noch saß die Zigeunerkönigin mit dem jungen Gutsherrn im eifrigen Gespräch auf der Rasenbank, doch schon nach kurzer Zeit hatte er das feste Versprechen, nach vier Wochen in der benachbarten Residenz Coralli zum Traualtar zu führen, wo sie still und ohne Aufsehen den treuen Bund für's Leben schließen wollten. — Nach einem kurzen Aufenthalt in Paris oder einer anderen Weltstadt wollte er dann mit den Zigeunern wieder zusammentreffen, sie nach Ungarn geleiten und dort noch einige Zeit in ihrer Nähe weilen.
Es war dem jungen Weltmann mit seiner Ueber- redungskunst ein Leichtes gewesen, die Lust nach Freiheit und Unabhängigkeit in dem Herzen der Zigeunerin zu wecken. Die beträchtliche Summe, die sie in den Stand setzen sollte, wieder als Königin unter ihrem Volke zu leben, sollte nicht eine Gabe der Barmherzigkeit, sondern nur ein Unterpfand für die Hingabe der geliebten Tochter fein. Er wollte in der Nähe leben, später auf jeden Wink herbeieilen, damit sie sich selbst von dem Glück ihres Kindes überzeugen könne, wie es dem stolzen Geschlecht, das seinen Stammbaum bis auf die Patriarchen zurückführe, zukomme.
losigkeit jener Leute, auf die der Fuldaer.Gene'-al- Anzeiger' seinen Gimpelfang berechnet zu haben scheint.
Nach dem bereits in unserer Mittwochs-Nummer wörtlich citirten „Programm des,General-Anzeigers'" muthet er seinen Lesern zu, über ihre politischen Angelegenheiten mcht die Parteiblätter zu befragen, welche niemals den Ausdruck der objektiven Wahrheit bilden, sondern jene neutralen Organe, welche rundweg erklären, daß sie die Sache eigentlich gar nichts angehe und daß sie eben darum am besten in der Lage seien, dem w ahrheitsliebenden Publikum Aufschluß zu geben. Das zuverlässigste Organ für Centrums - Politik ist also in Fulda seit dem 1. Oktober d. I. der .General-Anzeiger'! Aber nicht genug damit! In gleichem Sinne ist er auch der wahre Jakob für jene Regierungs-Konservativen und Kartell- freunde. die bisher der Meinung waren, im .Fuldaer Kreisblatt' ein entsprechendes Organ zu besitzen. Wer aber seither „weder kalt noch warm" in seinen politischen Anschauungen war und deshalb das .Fuldaer Tageblatt' unterstützte, findet in Zukunft ein viel passenderes Organ in dem .Fuldaer General-Anzeiger', denn dieser bildet vorzugsweise in diesem Punkte das Non plus ultra unserer Lokalpresse. Auch unsere guten Freunde, die Sozialdemokraten, brauchen ihr Parteiblatt jetzt nicht mehr von auswärts zu beziehen, denn sofern sie wirklich wahrheitsliebend sind und nicht mehr am Gängelbande ihrer Parteiblätter marschiren wollen, werden sie ebendenselben ,General-Anzeiger' als das Ideal ihrer Presse betrachten müssen. Der auf seinem Kameel in politische Betrachtungen versunkene Muselmann würde bei dieser überraschenden Entdeckung plötzlich wie aus tiefem Traume auffahren, sich gähnend die Augen reiben und ausrufen: Allah ist groß und Käsberger ist sein Prophet! —
Worin liegt nun das Täuschende der sogenannten „Parteilosigkeit" politischer Tagesblätter?
Zunächst in der mißbräuchlichen Anwendung der Begriffe „unparteiisch" und „parteilos". Die Unparteilichkeit ist eine Grundbedingung des Urtheils, mag es von einzelnen Personen, Körperschaften oder politischen Parteien ausgehen. Dieses Privilegium des ,General-Anzeigers' nehmen alle erklärten Parteiblätter für sich in Anspruch, und sie bezeichnen sich nicht ausdrücklich als „unparteiisch", weil dies selbstverständlich ist.
Anders der Begriff „parteilos". Derselbe bedeutet: nicht zu einer bestehenden politischen Partei gehörig! Wer aber „parteilos" ist — und der offene Anschluß an irgend eine Partei ist nicht Jedermanns Sache — darf darum nicht seinen politischen Standpunkt verleugnen, wenn er in politischen Fragen mitreden und ein selbstständiges Urtheil darüber fällen will. Zu irgend einer politischen Frage Stellung nehmen heißt sich auf einen politischen Standpunkt stellen, und das ist ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man keinen hat oder den vorhandenen verleugnet.
„Ich muß aber dennoch erst mit meinen Söhnen beratschlagen", bemerkte die Alte, ehe sie sich an jenem Abend trennte, „jedoch zweifle ich nicht, daß sie sich freuen werden, diefes herumziehende Wanderleben endlich aufzugeben, wo sie nur Spott und Verachtung für ihre Mühe ernten. Es ist schon lange der Wunsch meines jüngsten Sohnes gewesen, nach Amerika auszuwandern; Caleb wird bei mir bleiben, und nach meinem Ende über mein Volk regieren."
In Gedanken sah sich die Zigeunerin schon mit königlicher Würde ausgezeichnet; ihre Wangen glühten; ihre Augen leuchteten. Hochaufgerichtet stand sie vor dem jungen Edelmann; dann reichte sie ihm ihre braune Rechte, die er kräftig schüttelte.
„Ich will meinen Söhnen Ihre Worte wiederholen", fuhr sie dann fort, „und wenn Sie mir schwören, daß Sie mein Kind glücklich machen wollen, so will ich nicht widersprechen. Sie haben ihr Herz gewonnen, und es ist besser, ich lasse sie Ihnen, sonst würde sie sich nach Ihnen sehnen, und ihre Sehnsucht würde nicht gestillt werden, bis zu ihrem letzten Athern- zug. Wir Zigeuner lieben heiß und leidenschaftlich, aber — — ebenso heiß und glühend ist auch unser Haß und unsere Rache, wenn wir betrogen werden."
Die letzten Worte stieß sie fast zischend hervor, dann schwieg sie. In den Bäumen hörte sie ein leises Geräusch, aber es war das Eichhörnchen, das, aus
Jeder Richter muß erst seinen Standpunkt, d. h. das Gesetzbuch nennen, nach dessen Maßgabe er urtheilen will. Der „gesunde Menschenverstand" ist nur das Mittel, Viesen Standpunkt als solchen zu erkennen und von ihm aus zu urtheilen. In der Thatsache, daß ein Mensch den Richterstuhl sich anmaßt, liegt noch nicht der Beweis, daß sein Urtheil ein „unparteiisches" sein muß.
Urtheilen wir unparteiisch und gerecht. Der General- Anzeiger' will mit dem Programm „parteilos aber nicht farblos" im günstigsten Falle sagen: Zwar zu keiner bestehenden Partei gehörig, aber darum „nicht farblos", d.h. nicht unpolitisch, — nicht ohne politischen Standpunkt! Wenn dem wirklich so ist, mag er seine Farbe nennen, sonst ist es mit dem Nichtfarblossein leeres Geflunker. Ist er aber im Stande, dies zu thun, so geräth er in Widerspruch mit sich selbst als „parteilos", denn der Name macht das Kind nicht aus. Parteien sind nicht gebunden an Zahl und Namen. Wenn das Kunststück blos darin besteht, daß nur der Partei-Name vermieden wird und sachlich doch ein Parteistandpunkt, z. B. der des „Mittelstandes" mit seinen politischen und wirthschaft- lichen Interessen in Frage kommt, so steht der .General- Anzeiger' als „wildes" Parteiblatt hinsichtlich der Objektivität des Urtheils nicht nur nicht auf gleichem Boden mit den erklärten Partei-Organen, sondern tief unter dem Niveau derselben, weil er kein ehrlicher Fechter ist. Dann ist seine sogenannte Parteilosigkeit nur Blendwerk und Gaukelspiel. Dann lieber die Parteibrille als das geschlossene Visir! Der Partei-Taufname läßt sich verleugnen, nicht aber das Wesen der Sache selbst, d.h. der Partei-Standpunkt, den ich im politischen Leben einzunehmen gewillt bin, wenn ich mich in Meinungsäußerungen darüber mit denkenden Staatsbürgern einlasse oder gar die Oeffentlichkeit in politischen Zeitungsartikeln darüber aufzuklären suche.
Lassen wir beispielshalber irgend einen angeblich „parteilosen" Mann aus dem Mittelstände sein politisches Privatprogramm in einer Broschüre niederlegen und ebendenselben Mann drei Jahre später im Reichstage als Führer einer auf Grund dieses Programms inzwischen entstandenen Mittelstandspartei auftreten, so ändert dies am Inhalt der Broschüre nicht das Geringste. Dieselbe ist zu einer Parteischrift nicht erst durch den Taufakt der Partei geworden. Auch die „parteilosen" politischen Zeitungen sind in ihrer Art nur Parteiblätter, sobald sie irgend einen politischen Privatstandpunkt konsequent behaupten, in Ermangelung dessen aber nur politische Chamäleons-Organe und Hokuspokusblätter. Der Parteistandpunkt des Staatsbürgers wird nicht bestimmt durch die Zahl seiner Vertreter und den Eintrag in's Parteiregister des Parlaments-Almanachs. Ein zwar konfessions- aber nicht religionsloser Heide wird doch nicht deshalb die oberste und zuverlässigste Entscheidung in religiösen seinem Schlummer aufgeschreckt, unruhig von Zweig zu Zweig hüpfte. Leise legte sie die Hand auf seinen Arm, flüsterte ihm ein „Wiedersehen" zu und verschwand nach der Richtung der Haide.
Ernst von Sall stand allein. Er hoffte, Coralli würde zurückkehren, er lauschte gespannt, um ihren leichten Schritt zu vernehmen, aber vergebens, und langsam trat er den Rückweg an. — Es war ein sonderbares Spiel des Zufalls gewesen, das ihn seinen Weg mit wandernden Zigeunern kreuzen ließ, und was würde Irmgard und Sophie sagen, wenn er Coralli in das Haus seiner Väter einführte? Um das Urtheil der Welt kümmerte er sich nicht; er liebte die Kleine, und das genügte ihm. Was ihr an Kenntnissen und Wissen mangelte, wollte er sie lehren; die Bildung, die geselligen Formen würde sie sich im Verkehr mit der Welt bald aneignen. Diese Gedanken erleichterten sein Herz, und sorglos schaute er der Zukunft in's Auge.
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Bleigrau war der Himmel. Hin und wieder ein feiner Regen, und heftige Windstöße trieben die Blätter der Bäume gegen die bunten Fenster der Kirche in der entlegenen Vorstadt der Residenz.
Der alte, grauhaarige Kirchendiener stand in dem offenen Portal. Er schaute mit prüfendem Blick gen Himmel, dann schüttelte er mißmuthig das Haupt.