Einzelbild herunterladen
 

240 ' Freitag, den 19. Oktober 1894. 21. Jahrgang

luliiflcr@3titung

mit Unterlialtungs-Krilage „Sterne und Htmnen".__

? Auch sozial.

Unser Jahrhundert wird mit Recht als die Aera der wissenschaftlichen Bildung und des technischen Fort­schrittes gepriesen. Beweis dafür, die von Jahr zu Jahr sich mehrenden Ausstellungen, Kongresse, Vereins­tage u. s. w. Obwohl es Leute gibt, welche im Zu­nehmen ähnlicher Festivitäten ein keineswegs günstiges Zeichen der Zeit erblicken, wollen wir nicht weiter auf diese Seite der Erscheinungen eingehen. Etwas an­deres, fast seltsam klingendes ist es, worauf wir die Aufmerksamkeit weiterer Kreise lenken möchten. Man hat seit jeher der Ansicht gehuldigt, daß leere Mägen von der Wissenschaft allein durchaus nicht befriedigt würden und in richtiger Erwägung dieser Thatsache an allen Orten, wo sich die Vertreter der modernen Wissenschaft zu nützlicher Arbeit zusammenfanden, den realistischen Forderungen des leiblichen Theiles der würdigen Gelehrten in promptester Weise Rechnung getragen. Immerhin blieben jedoch die diesbezüglichen Veranstaltungen in den gehörigen Schranken und man hütete sich, ähnlichen Zusammenkünften den Charakter eines Vergnügungszuges oder einer fidelen Gasterei zu geben. Das scheint nunmehr anders werden zu wollen.

In der Hauptstadt von Ungarn, dem aus dem Kossuthrummel zur Genüge bekannten Budapest, fand vor Kurzem ein hygienisch-demographischer Kon­greß statt. Wir müssen ein guttheil den anerkannter­maßen noch immer stark asiatisch angehauchten Gewohn­heiten und Gebräuchen des magyarischen Volkes einer­seits und dem gutgemeinten, jedoch schlecht ausgeführten Bestreben, diese Eindrücke im Auslande zu verwischen, andererseits zu gute halten, damit es uns möglich wird, mit einigermaßen gemindertem Staunen über jene Vorfälle zu referiren, die sich im Geleite und Gefolge des Budapester Kongresses abgespielt haben. Oder muthet es nicht — gelinde gesagt — sehr sonderbar an, einen unverdächtigen, für die Ehre seines Landes ängstlich besorgten Zeugen folgendermaßen von der Thätigkeit der Männer der Wissenschaft berichten zu hören: ~

„Kein Tag ohne Gelage, kein Tag ohne em ge­waltiges Trinken, so verfloß die Woche und die Herren, die sonst gewiß die besten Eindrücke mit sich genommen hätten, werden nicht umhin können, uns dieses ewigen Festessens (der Bericht gebraucht einen stärkeren Aus­druck) wegen denn doch ein hübsches Stück Barbarei zuzumuthen. Und was es dann bei diesen Gelagen auch noch für Ausschreitungen gab! Die Feder sträubt sich, die ©eenen wiederzugeben, welche sich in den Kellereien der Firma Saxlehner zngetragen haben sollen. Die Direktion hatte einen glänzenden Empfang vorbereitet, allein der Empfang ward zu einer Orgie; doch nicht unsere)Gäste waren es, welche da wie die Berserker gehaust, sondern Autochthone (Einheimische), welche den Empfang mitgemacht. Was da an Getränken in ungeheueren Quantitäten vor­bereitet worden war, alles ward zu wenig für die

Dir Zigeunerin.

Novelle von C Borges.

(3. Fortsetzung.)

2. Kapitel.

Langsam und kaum merklich hatte der Abend seinen dunkeln Mantel über Thal, Wiesen und Wälder ge­worfen und die liebliche Seenerie wie mit einem dichten Schleier umhüllt. Nur im Westen war von den letzten Strahlen der Sonne der Horizont noch rosig ange­haucht, sie umsäumte die finstern Wolken mit einem goldigen Rand und warf einen letzten, flüchtigen Schimmer auf die Gipfel der uralten Bäume, die im Abendwinde leise flüsterten.

„In einer Lichtung des Waldes saß ein Herr auf einer Rasenbank, an dessen Schulter das Haupt eines jungen Mädchens ruhte, das seinen leise geflüsterten Liebesworten von unwandelbarer Treue und Liebe lauschte. Selbst die Nachtigall in den dicht belaubten Zweigen hatte aufgehört zu schlagen und wagte nicht, die feierliche Stille mit ihrem Gesang zn unterbrechen, und lanschte mit den anderen Waldvögeln auf die leisen Stimmen der Liebenden.

„Ich schwöre Dir, Coralli", sagte jetzt der Herr zärtlich, „daß ich niemals ein anderes Weib als nur Dich allein geliebt habe, und nur Dn und keine andere

durstigen Schlünde; wenn die Betrunkenen nicht mehr weiter konnten, so steckten sie in die Taschen, was nicht niet- und nagelfest war, und dem Zuschauer bot ich das erbärmliche Schauspiel, daß eine Menge voll­trunkener Personen mit Cognakflaschen in allen Taschen und mit Champagnerflaschen in den Händen phlend und gröhlend durch die Straßen zog. Ein ganzer Sagenkreis hat sich um den Empfang in den Saxlehner'schen Kellereien gebildet: die ungeheueren Mengen, welche dort getrunken wurden, sie wurden noch übertroffen von dem, was fort geschleppt worden ist, und nicht allein um Getränke soll es ich gehandelt haben — es verschwanden auch Dinge, welche weder zum Essen noch zum Trinken zu dienen pflegen, sondern bloß als Einrichtnngsgegen- kände verwendet werden können. Daß eine Anzahl Betrunkener schließlich aufgelesen und mit Wagen nach Hause befördert werden mußte, davon spricht man ebenfalls; doch wurde uns kein Beweis darüber er­bracht. Einen hübschen Eindruck muß diese Seenerie auf die fremden Gelehrten jedenfalls gemacht haben. Sie besitzen sicherlich soviel Einsicht, diese Widerlich­keiten nicht zu verallgemeinern und der Gesammt- bevölkerung in die Schuhe zu schieben. Die Gesammt- bevölkerung schämt sich dieses Tohuwabohus und möchte nicht verantwortlich gemacht werden für das, was eine Rotte Betrunkener in ihrer unzurechnungs­fähigen Laune verübt hat."

Wir sind weit davon entfernt, das, was jener Pöbel verbrochen, der in Pest schon bei den denkwür­digen Demonstrationen zu Gunsten der obligatorischen Civilehe und anläßlich des Leichenbegängnisses Kossuth's sich seine fraglichen Lorbeeren geholt, als Typus aller derartigen Veranstaltungen hinzustellen, aber immerhin scheint man auch anderwärts in der Verschwendungs­manie, gepaart mit einer hübschen Portion Reklame­sucht, Schule gemacht zu haben. Wenigstens lieferte der bald nachher in Wien abgehaltene Naturforscher­tag einen deutlichen Beweis hierfür. Wenn die Kon- greßler sich auf alle mögliche Weise, auch unwissen­schaftlich, zu unterhalten suchen, kann man nichts da­gegen haben. Etwas Anderes ist es aber, wenn sich der Wiener Gemeinderath den Spaß erlaubt, den Her­ren ein Dejeuner zu serviren, dessen Speisekarte fol­genden hochinterefsanten Wortlaut hat:

„Buffet du 27. Sep+embre 1894. Consomme. — Fogos en belle vue. — Filets de sandre ä la rasse. — Saumon du Rhin ä la remonlade. — Frongons de saumon dresses en gelee. — Poissons ä la suedoise. — Langue et jambon decoupes. — Composition de viandes froides. — Pate de lievre a la chasseur. — Galantine de volaille sur so eie. — Selle de chevreuil ä la godard. — Filet de gibier en bordure. — Piece de boeuf garnie. — Rötis de volaille au cresson. — Poulardes bardees. — Salade ä la frangaise. — Salade melee. — Patisserie. — Fruits, Fromage. — Sand­wichs. — Biöre de Dreher. Mailberger. — Vöslauer."

Ganz abgesehen davon, daß mit dieser Speisekarte der untrüglichste Beweis vorliegt, daß Wien eine deutsche Stadt und deren Vertretung stolz auf den

soll meine Gattin werden. Was frage ich nach dem Urtheil der Welt, nach dem Unterschied in unserer Geburt und Stellung? Selbst wenn ich ein Graf oder Fürst wäre, so sollte mich dieser Rang nicht von Dir trennen. Wenn Deine Mutter--"

„Sie wird niemals einwilligen", unterbrach ihn traurig Coralli, „sie sowohl wie meine Brüder wollen nichts von einer Verbindung mit Dir hören, ich darf sogar nicht einmal Deinen Namen nennen."

„Aber wenn Du Deinen Leuten reichlich Geld gibst, was dann?" wandte er ein. „Sieh, ich bin reich, habe Ueberfluß, warum sollte ich Euch nicht helfen, und würde Deine Mutter dann nicht günstiger von mir denken? Wenn sie dann noch nicht einwilligen will, nun gut, so bleibt uns kein anderer Ausweg als List oder Gewalt, denn die Meine sollst und mußt Du werden," fügte er mit heiterem Scherz hinzu.

Coralli konnte in dieses sorglose Lachen nicht mit einstimmen; ihre Glieder zitterten, und energisch schüttelte sie ihr schwarzes Lockenköpfchen.

„Nein, nein," bat sie flehentlich, „gebrauche nur keine Gewalt, Du kennst uns noch nicht; unser Volk ist rachsüchtig und grausam, Du würdest Deines Lebens nicht sicher sein, wenn Du ohne ihre Einwilligung mich entführen würdest."

„Pah, das wollt ich schon wagen," scherzte er

Wohlklang der deutschen Sprache ist, kostet das Früh- tuif — das Kouvert zu 10 Gulden bei 3500 An­wesenden — die Kleinigkeit von 35,000 Gulden aus dem Säckel der Steuerzahler. Dabei soll, wie Theil- nehmer versicherten, der Festsaal des Rathhauses einer Branntwein-Kneipe auf ein Haar geglichen haben und der Boden zu Ende des — „Dejeuner" mit einem unappetitlichen Brei bedeckt gewesen sein, der ebenso wie die Rechnung über zerschlagene Gläser unwillkür­lich an die schönen Tage von — Budapest erinnerte. Eine andere Frage ist aber die, ob es recht und billig ist bei der großen Not h, die in Wien wie überall zu finden ist, solch' himmelschreienden Luxus zu treiben. Eine bescheidenere Bewirthung hätte es auch gethan und )er Wiener Gemeinderath hätte dadurch zwei recht lösen Beispielen vorbeugen können: dem schlechten Beispiele und dem Aergernisse. Bekanntlich heißt es: Wehe dem, der Aergerniß gibt!

Deutsches Reich.

Berlin, 17. Oktober.

* Der Kaiser traf gestern Nachm. 4 Uhr 20 Min. in Wiesbaden ein und wurde auf dem Bahnhofe von den Spitzen der Behörden empfangen. Unter den brausenden Hochrufen der zahlreich von Nah' und Fern herbeigeströmten Volksmasien fuhr Se. Majestät sodann durch die in eine prachtvoll dekorirte Via triumphahs verwandelte Wilhelmstraße an dem neuen Theater vorüber zum Denkmal Kaiser Wilhelm's l. Auf dem Wege bildeten Truppen, die Kriegervereine und die hiesigen Schulen Spalier. Auf dem Festplatze am Denkmal hielt nach einem Vortrag der hiesigen Gesang­vereine der Oberbürgermeister eine Ansprache, worauf auf Befehl Sr. Majestät die Hülle fiel. Der Kaiser beschied darauf den Schöpfer des Denkmals, Professor Schilling, sowie den Oberbürgermeister Dr. v. Jbell zu sich, sprach sich höchst erfreut über das Denkmal aus und gratulirte der Stadt zu dem wohlgelungenen Werke. Nach der Enthüllungsfeier fuhr der Kaiser in das königliche Schloß; das vor dem Schloß versammelte Publikum brachte ihm fortdauernd lebhafte Ovationen dar, der Kaiser erschien wiederholt, sich dankend ver­neigend, auf dem Balkon. Um 6 Uhr fuhr der Kaiser unter dem Jubel der Bevölkerung nach dem neuen Theater zur Eröffnungsvorstellung. Nach der Vor­stellung brachte Se. Majestät den Abend bei dem Intendanten v. Hülsen zu und begab sich dann durch die prächtig iüuminirte Stadt unter den Hochrufen der Menge nach dem Bahnhofe, von wo um 11 Uhr die Abreise nach Berlin erfolgte.

* Eine Huldiguugsfahrt nach Barziu wird auch in Pommern geplant. Freiherr v. Wangenheim, der Provinzial-Vorsitzende des Bundes der Landwirthe in Pommern, macht nun im ,Bundeswochenblatt' be­kannt, daß Fürst Bismarck den lebhaften Wunsch habe, die ehrfurchtsvolle Begrüßung feiner pommerschen Lands­leute entgegenzunehmen, daß aber mit Rücksicht auf

weiter. „Nur gib mir das feierliche Versprechen, daß Du mir treu bleiben willst, und ich würde gern ben Kampf aufnehmen. Du liebst mich doch, Kleine? liebst mich so treu, wie ich Dich liebe?"

„Ja — ja, Ernst," versicherte sie und schmiegte sich fest an ihn.

„Dann überlaß mir das Weitere, Geliebte, ^ch will" Deine Mutter aufsucheu und ihr alles sagen; dann hören wir bald die Hochzeitsglockeu läuten, tue uns Glück, Friede und Freude bringen sollen."

„Ha, ha, ha," ertönte plötzlich in unmittelbarer Nähe die Stimme der alten Zigeunerin, die, von der Dämmerung «begünstigt, sich unbemerkt genähert hatte und Coralli's Blut in den Adern erstarren ließ.

Die Zigeunerkönigin warf ihrer Tochter einen er­zürnten Blick zu, dann wandte sie sich verächtlich an den jungen, überraschten Herrn.

„Sie sind zu hitzig, junger Herr, viel zu hitzig. Hochzeitsglockeu läuten nicht für den, der heimlich ohne Einwilligung der Eltern das Herz eines jungen, un­erfahrenen Mädchens zu bethöreu sucht! -sie bedachten wohl nicht, daß Coralli eine Mutter hat, der es nicht gleichgiltig ist, sie als Spielzeug eines jungen Edel­mannes in seinen Musestunden zu sehen. — Meine Tochter paßt nicht zu der Stellung, die Sie einnehmen, Ernst von Sall — Sie sehen, ich erkenne Sie trotz