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Jg 238 . Mittwoch, den 17. Oktober 1894. 21. Jahrgang

FuldaerMZeituiig

mit Unterhaltrrngs-Hrilage „Sterne und Klumen".

Erscheint täglich, Sonn» und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

Berlin, 15. Oktober.

* Der Kaiser verweilte am Sonntag bei seiner erlauchten Mutter, der Kaiserin Friedrich, auf Schloß Friedrichshof im Taunus. Heute (Montag) Vor­mittag begab 'sich -der Kaiser zum Besuch an den Großherzoglich hessischen Hof nach Darmstadt, wo­selbst der Großherzog den Kaiser am Bahnhofe em­pfing.

* Die Kaiserin Friedrich begibt sich nächster Tage zum Besuche des Prinzen und der Prinzessin Friedrich Karl von Hessen nach Schloß Rumpenheim, um daselbst die Entbindung ihrer erlauchten Tochter abzu­warten. Die Kaiserin Friedrich wird bis Ende No­vember auf Schloß Rumpenheim verweilen und dann nach Berlin kommen.

* Gegen das mittelparteiliche Geschrei nach anti­sozialistischen Gewaltmaßregelu nimmt die ,Kreuzztg.' wiederum scharf Stellung und verlangt von der Re­gierung, daß sie durch ihr Praktisches Vorgehen zeige, „daß sie mit der oberflächlichen und zugleich ge­malt thätigen Besserungsweise ihrer sogenannten „besten Freunde" nichts gemein hat." Auch gegen die Nationalliberalen insbesondere geht das konservative Blatt wieder scharf vor, indem es ihre Uneinigkeit und Zerfahrenheit an dem Beispiele des sehr spitz geführten Preßkampfes zwischen der ,Nat.-Lib.-Korr.' und dem natlib. ,Franks. Journal' erweist. Abweisend gegen die Gewaltpolitik der Mittelparteiler spricht sich ferner der konfervative ,Reichsbote' aus! der — ebenso wie wir — die Reformen in den Vordergrund stellt und betont: „Die Heilung sozialer Nebel muß von innen aus dem Volkskörper kommen." So ist es! —

* In der Eintheilung des Großen Generalstabes sind vor Kurzem wichtige Veränderungen eingetreten. Wie die ,Post' schreibt, ist die bisherige geographisch- statistische Abtheilung als solche aufgelöst worden; ihre Aufgaben fallen künftig den Abtheilungen zu, welche die verschiedenen Kriegs-Theater zu bearbeiten haben. In der Vertheilung der Letzteren sind einige Aende- rungen eingetreten, aus der 1. Abtheilung, welche die östlichen Kriegs-Theater bearbeitet, ist Oesterreich-Un­garn, aus der 3., welche die westlichen hat, ist Italien ausgesondert worden und sind beide einer neuen 5. Abtheilung unter dem Chef der bisherigen geographisch- statistischen Abtheilung überwiesen worden. Für be­sondere Aufgaben wurde eine 6. Abtheilung errichtet, welche direkt dem Chef des Generalstabes, also keinem Oberquartiermeister untersteht, ähnlich wie die kriegs­geschichtliche Abtheilung. Der bisherige Chef der 3. Abtheilung übernahm die 6., derjenige der 1. die 3. und ein engagirter Abtheilungs-Chef die 1. Abtheilung. Der Nebenetat umfaßt die kartographische, die topo­graphische und die trigonometrische Abtheilung.

* Der ,Vorwärts' veröffentlicht die bisher einge- gangeuen Anträge zum sozialdemokratischen Parteitage in Frankfurt. Die Sozial-Demokraten in Düsseldorf

Die Iigermerin.

Novelle von C. Borges.

(1- Fortsetzung.)

Ein mitleidiges Lächeln umschwebte die Lippen der alten Zigeunerin.

„Ich wollte gar nicht mit Dir über unsere Stel­lung oder unsern Stammbaum reden, meine Tochter," versetzte sie weich. „Warum lässest Du mich nicht aus­reden, ehe Du mich so ungestüm unterbrichst ? — Unser Geschlecht ist von edler Abkunft und unsere Familie so alt, wie die Hügel dort drüben. Aber der Glanz und die uralte Pracht der Zigeuner lebt noch in der Erin­nerung. — Hier in diesem Lande betrachtet man uns als Diebe und Vagabunden, als ein Fluch der Erde, als Wanderer, Ausgestoßene, ohne Heimath und Ob­dach. Wir haben keinen Fußtritt Landes, den wir unser Eigenthum nennen, selbst eine kurze Rast an den Landstraßen oder in den schattigen Wäldern wird uns oft versagt.

Unsere Macht, unser Wissen besteht allein darin, das Geschick der Menschen aus den Sternen zu deuten und um diese Kunst werden wir verspottet; man nennt uns,Wahrsager oder Betrüger! Glaubemir, mein Kind, die Welt verachtet uns, und Du, Thöriu, glaubst, ein Edelmann würde ein armes, unerfahrenes Zigeuner-

und Aachen beantragen eine deutlichere Fassung des § 6 des Partei-Programms (Religion ist Privatsache), um irrthümliche Auslegungen auszuschließen; die Sozial- Demokraten in Solingen und Ohligs beantragen dessen Streichung. Die Parteigenossen in München wünschen die Ersetzung des Paragraphen durch „Trennung von Staat und Kirche". Die Parteigenossen in Berlin und Lahr verlangen „Kampf gegen die Religion, wo ihre Lehren dem Befreiungskämpfe des Proletariats entgegenstehen". Die Parteigenossin in Bremen regen die Errichtung eines eigenen Depeschen-Bureau's an; die Parteigenossen in Berlin ersuchen die Reichstags­fraktion, eine allgemeine deutsche Versicherung gegen Arbeitslosigkeit zu beantragen. Ein Berliner Partei­genosse, Schroeter, verlangt Produktiv-Geuossenschaften; ein Parteigenosse aus Kiel beantragt Errichtung einer Schule welche ganz im sozialistischen Sinne geleitet, wo keine dogmatische, sondern rein wissenschaftliche (!) Weltanschauung gelehrt werde u. s. w.

* Der ,Reichsanzeiger' schreibt: Ein gewisser L. Fr. Joost in London, der sich königlicher Colonie-Direktor oder Direktor der königlichen Colonie Joost, Egivien- thal am Congo nennt, versendet nach Deutschland Cirkulare, in welchen er unter allerlei Versprechungen deutsche Landwirthe, Handwerker und Gewerbetreibende zur Auswanderung nach dem Congo auffordert. Durch Beidruckung eines Stempels sucht er seinen Mittheilungen den Schein amtlichen Ursprungs zu geben. Joost soll in London 201 Cable Street einen dürftigen Geschäftsraum innehaben. Er ist augen- fcheinlich mittellos und es kann nur dringend davor gewarnt werden, sich mit ihm einzulassen.

* Die Anstifter des letzten Streiks im nieder- schlesischen Kohlenrevier, sind nach erfolgter Vernehmung verhaftet worden.

* Geilenkirchen, 13. Okt. Da Herr Landgerichts- Direktor Schmitz (früher Amtsgerichtsrath inErkelenz) eine Wiederwahl zum Abgeordnetenhause ablehnte, wurde seitens des Centrums Herr Amtsgerichtsrath Opfergeld dahier aufgestellt. Die Wahl ist eine fehr glückliche.

Rustand.

* Wien, 12. Okt. Das Komitee des ersten nieder­österreichischen Katholikentages hat zu seinem Obmanne den Neffen des Grafen Egbert Belcredi, Reichsfreiherrn Max Vittinghoff-Schell von Schellen­berg, zu dessen Stellvertreter den Prälaten und Uni- versitätsprofeffor Dr. Joseph Schindler gewählt. Der niederösterreichische Katholikentag wird am 12. und 13. November in Wien im großen Musikvereinssaale abgehalten. Neben Fragen der Organisation, Presse, Schule und des Vereinswesens werden insbesondere soziale, darunter die wirthschaftlichen Fragen, die den österreichischen Reichsrath in nächster Zeit beschäf­tigen sollen, behandelt werden.

* lieber die ungarische Bischofskonferenz erhält die ,Germania' von eingeweihter Seite noch folgende Mit­kind zu sich emporheben. Bah! Er würde eher daran denken, eine Bettlerin zu heirathen, als Dich."

Die Alte lachte bitter, während todtenähnliche Blässe die Wangen des Mädchens bedeckte und die leuchtenden Augen ihren Glanz verloren.

„Er — — liebt mich," stammelte sie verwirrt, „und er ist so gut, so edel. Er bat mich, seine Gat­tin zu werden."

„So? Wirklich? Er treibt seinen Scherz mit Dir, Kind; Du bist nur sein Zeitvertreib. — Aber merke Dir, wir Zigeuner sind ein stolzes Volk; wir rächen jede Beleidigung. Er würde die Stunde bereuen, wenn er nur mit Dir spielt. — Deine Brüder sind ihm be­reits auf der Spur und wenn — —"

„Sie sollen ihm nicht seinen Weg kreuzen; ich schwöre es," unterbrach Coralli leidenschaftlich. „Ich will ihn warnen, damit er nicht hier in diese Nähe kommt. Wenn ihm ein Unglück zustoßeu würde, so würde ich sterben. Ich liebe ihn; ich will's in die ganze Welt hinausschreien, denn mein Herz droht sonst zu zerspringen. O, ich möchte für ihn sterben, wenn mein Tod ihm nützen könnte," und heftig erregt brach sie in krampfhaftes Weinen ans.

Das strenge Antlitz der Mutter milderte sich. Ihre Tochter war das einzigste Wesen auf der Welt, das einen Hellen Lichtschein in ihr trauriges Dasein warf.

theilungen: Im Ofener Palais des Fürstprimas Vas- zary hat heute, wie drahtlich kurz gemeldet, Vormit­tags eine Bischofskonferenz stattgefunden, deren wich­tigster Beschluß die Ueberreichung einer Adresse an den Monarchen bildete, in welcher seitens des unga­rischen Episkopates auf die Gefahren hingewiesen wird, welche eine Sanktionirung der kirchenpolitischen Vor­lagen, speziell des Civilehegesetzes Hervorrufen müßte. Der Text dieser Adresse wurde in der Bischofs- Konferenz zur Verlesung gebracht und der oben er­wähnte Beschluß einstimmig gefaßt. Hinsichtlich der kirchenpolitischen Fragen wurde weiter der Beschluß gefaßt, bei einem etwaigen Zurückgelangen der diesmal abgelehnten Gesetzentwürfe an dem bisherigen prinzipiellen Standpunkte fernerhin fest zuhalten. Die Konferenz befaßte sich weiter mit dem Berichte jenes Subkomitees, welches unter Vorsitz des Erz- bischofes Csaszka in Angelegenheit der Beschlüsse der Landes-Kongruakommission von der jüngst stattgehabten Konferenz entsendet worden war. Dieser Bericht bean­tragt, der Episkopat möge sich gegenüber dem Separat- Votnm des Erzbischofes Samassa dem Beschlüsse der Landeskongruakommission anschließen und demzu­folge aussprechen, daß die Lehrorden (Benediktiner, Piaristen und Prämonstratenser) zu den Beiträgen für die Kongrua nicht herangezogen werden sollen. Die hierüber sich entspinnende Diskussion, an welcher sich Bischof Hornig und Erzabt Fe hör in hervor­ragender Weise betheiligten, schloß mit der Annahme des Antrages des Subkomitees unter Beifügung des Zusatzes, daß das Einkommen dieser Lehr­orden auch aar nicht den Gegenstand der Konskription zu bilden habe. Der Minister möge nur darauf achten, daß die betreffenden Fonds und Stiftungen auch wirk­lich zu kirchlichen und Schulzwecken verwendet werden. Unmittelbar nach Schluß der Konferenz fuhr Kardinal Fürstprimas Vaszary nach der Hofburg, um daselbst die Adresse angelegentlich der Sanktionirung dem Monarchen zu überreichen, der um halb fünf Uhr nach Gödöuö zurückkehrte.

* Brüssel, 15. Oktbr. Ungefähr 40 Stichwahlen haben stattzufinden, darunter auch in Brüssel. Im Senate ist eine große katholische Mehrheit sicher. 76 katholische Abgeordnete find gewählt. Die Sozialisten hatten überall große Erfolge. Die katholische Regie­rungsmehrheit ist gesichert.

* Petersburg, 12. Okt. Die russische Regierung wird mehrere Aerzte nach Berlin, Halle und Paris entsenden, welche sich mit dem Studium der Methode der Heilung Diphtheritiskranker durch Heilserum beschäftigen sollen.

* Newyork, 14. Okt. Wie aus Lima gemeldet wird, hat die Regierung bei Huarez die Aufständischen völlig in die Flucht geschlagen. Bei dem Kampfe wurden 90 Mann getödtet, 40 verwundet und Material erbeutet. — Der Senat hat eine Anleihe von 200,000 Pfd. Sterling empfohlen, um die Geschäfte mit der „Peruanischen Gesellschaft" zu orduen.

— Die harte, erbarmungslose Welt, die ihr nur Ver­achtung und Leid entgegengebracht, hatte schon längst ihr Herz mit einer harten Eisrinde umzogen. Jetzt dachte sie vielleicht an ihre eigene Jugend; sie hatte ebenso leidenschastlich und glühend geliebt wie jetzt Coralli, hatte dem jungen hübschen Zigeunerburschen unter Ungarns tiefblauem Himmel und seinen sengen­den Sonnenstrahlen Liebe und Treue geschworen. Dort in den dunkeln Wäldern hatten ihre Eitern gelebt; wie Könige über ihr Reich, so hatten sie über die kleine Truppe geherrscht und als Könige betrachtete man sie heule noch.

„Nun, nun, weine doch nicht," sagte sie endlich beruhigend'und streichelte mit ihren knöchernen bering­ten Fingern die glänzenden Locken ihres Lieblings. „Auf dieser bösen Welt ist kein Mann so würdig, daß wir unser Leben für ihn geben solllen, nicht einmal, daß wir Thräneu um ihn vergießen. Es war Dein Un­glückslag, der Dich mit diesem stolzen Edelmann zu­sammenführte und Du mußt lernen, in Zukunft vor­sichtiger zu sein. Meide ihn, Coralli, und laß mich kein Wort mehr davon hören. — Geh' in's Zelt und bereite jetzt das Essen; ich höre Deine Brüder kommen."

Coralli trocknete ihreThränen und gehorchte schwei­gend. Sie nahm die dampfenden Kessel vom Feuer, stellte spiegelblanke Teller auf den Tisch und bald er-