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21. Jahrgang

Dienstag, den 16. Oktober 1894.

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* Schutz des deutschen Geldes.

Daß durch die schwindelhaften Bankerotte fremder Kleinstaaten das deutsche Nationalvermögen auf das empfindlichste geschädigt wurde, ist zur Genüge bekannt. Bekannt ist auch, daß wenig oder gar keine Aussicht obwaltet, diesen Schaden im vollen Umfange wieder ersetzt zu sehen. Die Regierungen schreiben papierene Noten, welche die Bankerotteure in den Papierkorb werfen, und die hohe Finanz macht ein Gesicht wie ein Engel, thut so, als ob gar nichts ge­schehen wäre und bringt immer neue fremde Anleihen auf den deutschen Markt. Gebranntes Kind scheut bekanntlich das Feuer, und die betrogenen deutschen Gläubigen von Griechenland, Portugal und anderen modernen Briganten st aaten werden sich weislich hüten, ihr Geld wieder in faulen Papieren anzulegen, doch auch das weiß man, daß es immer noch Leute gibt, welche auf den biedermännischen Ton der neuen Anleiheprospekte hineinfallen. Wer einen solchen Prospekt durchlieft und mit den fremden Finanzen keinen Bescheid weiß, kann nach der Inhaltsangabe der Prospekte gar nicht daran zweifeln, daß die neuen Papiere unbedingt sicher sind. Da steht, wie der fremde Staat zur Deckung von Kapital und Zinsen diese und jene Garantieen geschaffen habe, und der einfache Mann schließt natürlich von seiner Ehrlichkeit auf fremde. Daß solche Garantieen unter Umstünden auch nicht das Geringste bedeuten können, zeigt sich bei den Gaudieben in Athen und anderswo. Wenn bei uns im Reichs­tage von neuen Anleihen die Rede ist, dann wird eine hochnotpeinliche Untersuchung darüber angestellt, wie wir immer tiefer in Schulden gerathen, wie unsere Finanzverhältnisie erschüttert würden. Und oft genug ist eine folche Darstellung über unser an­gebliches Finanzelend ganz haarsträubend. Kommt aber ein fremder Staat mit einer Anleihe, dann wird von feinen Gefammt-Finanzverhältniffen, von feinen Schulden usw. in den Prospekten keine Silbe gesagt. Es wird in den Prospekten keine Unwahrheit gesagt, den vorliegenden Fall angeht, bei Leibe nicht, aber es wird auch Alles verschwiegen, wonach sich erst der in Rede stehende Fall beurtheilen läßt. Griechen­land hat kurz vor seinem Staatsbankerott in Deutsch­land noch eine Anleihe ausgenommen. In den Prospekten über die letzte Anleihe war aber nichts von der wahren Gesammtfinanzlage des griechischen Staates gesagt. Diese heillose Vertuscherei, schreibt das ,M. S-' muß ein Ende nehmen, lieber keine Geldgeschäfte, als solche, in welchen ein guter Theil des deutschen National­vermögens geopfert wird; und daher auch vollste Wahrheit über die Verhältnisse des geldsuchenden Staates. Der Schutz des deutschen Geldes ist die Hauptsache, besonders des Geldes kleiner Leute; warum geben die Herren von der hohen Finanz ihr eigenes Geld nicht her? Mögen sie das thun, wenn sie Geschäfte machen wollen.

mit Uutrrhaltuitgs-Keitage „Sterne und Hlnmen"

Die Zigeunerin.

Novelle von C. Borges.

(Nachdruck verboten.)

1. Kapitel.

Es war Frühling. Wälder und Wiesen prangten im ersten, frischen Schmuck der erwachenden Natur; verborgene Veilchen und der liebliche Duft des Weiß­dorn erfüllten die Luft mit balfamischem Wohlgeruch. In dem jungen Laub der mächtigen Eichen und dunkeln Kastanien sang die muntere Drossel, ertönte der ein­förmige Ruf des Kuckucks, und in den benachbarten Wiesen wetteiferten Lerchen und Nachtigallen, die mit ausgebreiteten Flügeln höher und immer höher der Sonne entgegen stiegen, gleichsam als wollten sie mit ihrem zwitschernden Lobgesang dem Thron des Höchsten zueilen.

Das nahe gelegene Dorf schien mit Recht den Namen Lerchenheim zu führen, denn in dem saftigen Grün der Wiesen sowohl wie in den dichtbelaubten Wäldern hatten die muntern Vöglein noch jedes Jahr in zahl­reicher Menge ihr Heini aufgeschlagen. — Dicht am Waldessaum lag das Herrenhaus mit seinen park­ähnlichen Anlagen. Schon fast seit einem Jahrhundert war diese reiche Besitzung der Familie von Sall vom Vater auf Sohn vererbt. Der jetzige Eigenthümer,

Deutsches Reich.

Berlin, 13. Oktober.

* Die Berufung des Reichstags ist nach einer offiziöfen Mittheilung des ,Hamb. Korr.' vor dem 20. November nicht beabsichtigt, bis dahm werde das neue Reichstagsgebäude zur Benutzung freistehen, lieber die Eröffnungsfeier ist noch nichts bestimmt. Auch die ,Nordd. Allg. Ztg/ tritt den in der letzten Zeit von verschiedenen Seiten ausgesprochenen Befürchtungen entgegen, die innere Fertigstellung des neuen Reichs­tagsgebäudes könne nicht vor Ende des Jahres er­folgen und versichert demgegenüber, daß fämmtliche Arbeiten für die innere Einrichtung so weit vorge­schritten sind, daß, sobald der Reichstagsbauverwaltung der Tag der feierlichen Schlußsteinlegung bekannt ge­geben wird, jene Arbeiten vor diesem Termine beendet sein können, sofern dieser nicht vor Mitte November liegt. Sollte jedoch ein früherer Termin in Frage kommen, fo könnten die zur Benutzung des Gebäudes notwendigen Einrichtungen in der Frist von zwei Wochen beendet werden. — Nebenbei bemerkt foll die Akustik im Sitzungssaale des neuen Reichstags ganz vorzüglich sein. Das hat sich neulich beim Besuch des Architektenvereins gezeigt. Bei dieser Gelegenheit wurden in dem Sitznngssaale die ersten Reden vor „gefülltem Hause" gehalten. Als ersten „Beschluß" verkündete man — die Ernennung von Meister Wallot zum Ehrenmitgliede des Vereins.

* Die Verhandlungen des Staatsministeriums über Maßregeln gegen die Umsturz-Bestrebungen sind noch nicht abgeschlossen. Die gestrige Sitzung dauerte vier Stunden. Zwischen den betheiligten Verwaltungs­zweigen werden nunmehr die Verhandlungen fortgesetzt behufs Abfassung von Gesetzesvorschlägen; über letztere wird das Staatsministerium in der nächsten Woche berathen und entscheiden.

* Pricstermangel in Berlin. Auch nach der neuen, mit dem 1. Oktober begonnenen Gottesdienst-Ordnung für den Winter finden in der neuen St. Sebastians- kirche auf dem Gartenplatze allsonntüglich nur zwei hl. Meffen, um 6 und 10 Uhr, statt. Die St. Sebastians- Gemeinde ist die größte Berlin's. Wann wird endlich dem Priestermangel gesteuert werden, damit wir wenig­stens die vorhandenen Kirchen hinlänglich ausnutzen können? In der neuen Piuskirche finden Sonntags drei heil. Messen statt, was für diefe große Gemeinde auch zu wenig ist, um so mehr, als dort der 10 Uhr- Gottesdienst ein polnischer ist, zu dem die Polen aus ganz Berlin zusammen kommen, weil dort polnisch ge­predigt wird. In der Herz-Jesu-Kap eile, welche für 20 000 Katholiken ausreichen soll, können ebenfalls nur zwei hl. Meffen stattfinden. Diese Gemeinde hat außer dem Pfarrer einen neuerdings angestellten Kaplan aus dem Rheinland.

* Die Verhandlungen gegen Aufhebung des Ber­liner Bierboykotts sind gescheitert. Die Brauereien hatten sich bereit erklärt, die am 16. Mai entlassenen Ernst von Sall, der gleichzeitig Patronatsherr des kleinen Dorfes war, war erst vor wenigen Monaten von seinen Reisen heimgekehrt und hatte es sich zur Pflicht gemacht, das Wohl der Untergebenen nach allen Richtungen zu fördern. ,

Gerade dem Walde gegenüber breitete sich eine weite, dürre Haidefläche aus. Selten verirrte sich hier­her ein Vöglein, nur Mücken und Käfer fummten in dem niederen Gestrüpp; fleißige Bienen suchten hier vergeblich nach Blüthenftaub, sonst wars still auf der großen Haide. Am Rande murmelte und plätscherte ein kleiner Bach, aus dem die muntere Dorfjugend sich erfrischte, ehe es zum Spiel auf die Haide ging.

Doch seit kurzer Zeit war die Haide belebt. In­mitten derselben war ein großes Zelt aufgeschlagen, und rings umher standen wie eine Wagenburg eine Anzahl größerer und kleinerer Karren, die auf eine beträchtliche Anzahl Bewohner schließen ließen. Doch auch hier war's jetzt still. Die Fremdlinge hatten sich im Dorfe oder in der Umgegend zerstreut, ihrem Handwerk obliegend; die Männer versuchten durch Korbflechten oder Kesfelflicken, die Weiber durch Wahr- fagen ihr Brod zu verdienen.

Da öffnete sich leise die Thür des großen Zeltes.

Ein junges Mädchen von kaum 18 Jahren trat schüchtern in's Freie, und spähete mit verstohlenen

Arbeiter wieder einzustellen mit Ausnahme der Haupt­hetzer, 33 an der Zahl. Singer erklärte daraufhin, die Boykott-Kommission könne nicht 33 Freunde „auf der Strecke" liegen lasten.

* Ueber den Entwurf eines Gesetzes gegen den unlauter« Wettbewerb, welcher der Berliner Sachver- ländigen-Konserenz zu Grunde lag, theilt man der ,Franks. Ztg.' mit, es seien besonders in's Auge gefaßt: 1. Ausschreitungen im Reklamenwesen; 2. Kredit-Gefährdung; 3. mißbräuchliche Benutzung von Waaren-Zeichen und Firmen (über das Gesetz zum Schutze der Maaren - Bezeichnungen hinausgehend); 4. endlich soll, wie schon seit den achtziger Jahren geplant wird, ein Schutz des Geschäfts-Geheimnisses geschaffen werden. Der Entwurf werde in wenigen Wochen veröffentlicht und der öffentlichen Kritik unter­stellt werden, um danach die Gestalt zu erhalten, in der er an den Bundesrath gelangen werde. Man kann nur wünschen, daß die Veröffentlichung des Entwurfs bald erfolgt; Geheimnißkrämerei hat hier am wenigsten Sinn. Hier und da begegnet man An­deutungen, als ob es noch zweifelhaft sei, daß der Entwurf im Sinne der Stellungnahme der Sachver- ständigen-Konferenz werde umgearbeitet werden. Hoffentlich sind diese Andeutungen nicht offiziöser Natur, sonst wird die Sache im Reichstage keineswegs glatt abgehen. . .

* Major Leutweiu telegraphirt aus Werft Wlbbois, daß Hendrik Wibboi sich, nachdem er wiederholt ge­schlagen, der deutschen Schutzherrschaft bedingungslos unterworfen habe.

* Auch ein Beitrag zur Parität — aus dem Ge­biete werkthätiger Nächstenliebe. Nach Nr. 128 der Preuß. Statistik (amtliches Quellenwerk), herausgegeben in zwanglosen Heften vom Königl. Statistischen Bureau in Berlin, „Die Heilanstalten im preußischen Staate während der Jahre 1889, 1890 und 1891" (Berlin 1894. Verlag des Königl. Statistischen Bureaus) waren 1891 von insgesammt 1440 allgemeinen Heil­anstalten: Anstalten von Religionsgemeinden a) katho­lische 138, b) evangelische 35; Anstalten religiöser Orden und Genossenschaften a) katholische 115, b) evan­gelische 68. Es waren ferner die Zahl der Betten 1891 in allgemeinen Heilanstalten insgesammt 75,256; davon in Anstalten von Religionsgemeinden a) katho­lischen 6744, b) evangelischen 1763; in Anstalten religiöser Orden und Genossenschaften a) katholischen 6534, b) evangelischen 5731. Von einer Gesammtzahl von im Jahre 1891 in allgemeinen Heilanstalten Ver­pflegten von 468,132 sind verpflegt worden in An­stalten von Religionsgemeinden: a) katholischen 31,790, b) evangelischen 10,298; Anstalten religiöser Orden und Genossenschaften: a) katholischen 37,743, b) evan­gelischen 33,267. Nachstehend noch eine Prozentual- Statistik über die Jahre 1885, 1888 und 1891. Von je hundert Anstalten, Betten, Verpflegten sämmt- licher allgemeinen Heilanstalten kamen auf neben­stehende Besitzarten in den Jahren:

Blicken umher. Ihr schwarzes Haar, das in langen Ringeln von ihren Schultern fiel, ihre stechenden schwarzen Augen und der dunkle Teint, der nur den Südländern eigen ist, verliehen ihrem Antlitz einen eigenthümlichen Reiz. — Sie war von mittlerer Größe. Ihre graziöse Haltung und ganz besonders die wohl­geformte und gepflegte Hand ließen auf eine höhere Abkunft schließen. Ein hellblaues Sommerkleid, em Shawl von der gleichen Farbe bedeckten ihre zatten Glieder; ein breitrandiger, weißer Strohhut mit langen Bändern hing an ihrem Arm; sie wollte wahrscheinlich ihr hübsches Gesichtchen, die rabenschwarzen Locken nicht unter 'der schattigen Bedeckung verbergen.

Einen Augenblick stand sie still; ein ängstlicher, ungeduldiger Ausdruck malte sich in ihren Zagen. Dann strengte sie ihr geübtes Ohr an, welches schon in ganz beträchtlicher Entfernung die Ankunft eures Freundes oder eines Feindes erkennen konnte.

Allmälig erhellten sich ihre strengen Mienen. Jen­seits des Waldes hatte sie einen Ton gehört, zwar sehr schwach, aber deutlich genug für ihr scharfes Ohr. Ihr blitzendes Auge leuchtete in freudiger Erregung, und sie murmelte halb laut:

„Er kommt. — Ich muß eilen, oder Mutter wird zurückkommen und mich hindern, ihn zu sehen."

Sie eilte in das Zelt zurück, warf cm großes