Neilage Mv Mulöaev Aeitung.
M 236
Sonntag, den 14. Hktober 1894.
21. Jahrgang
* Die Arbeiter-Einigungen des Mittelalters.
(Aus der .Gelsenkirchener Zeitung'.)
Dies ist der Titel eines Buches, auf dessen bevorstehendes Erscheinen wir schon aufmerksam machten. Das kleine Werk, welches nach dem französischen Schriftchen des Professors Kurth: „Les corporations ouvrieres au moyen-äge“ von Dr. K. A. Leimbach in Fulda bearbeitet ist, hat kürzlich die Presse verlassen*). Es legt den Begriff und den Zweck der mittelalterlichen Zünfte dar, schildert .deren Einrichtung und öffentliche Stellung, die „goldene Dreiheit des Handwerks": Lehrling, Geselle und Meister, gibt ein Bild der damals üblichen Beschaffung des Materials, von Herstellung und Verkauf der Arbeitserzeugnisse und schließt das fesselnde Bild mit einer interessanten Abhandlung über die Stellung der gewerblichen Lohnarbeiter im Mittelalter.
Aus dem kleinen Werk spricht ein beredter Anwalt der Handwerker und Arbeiter für deren engen Zusammenschluß, für die Einigung der Handwerker in Innungen, der Arbeiter in Gewerkschaften. „Es ist dem Menschen", so heißt es in der Einleitung „nicht möglich, auf sich allein angewiesen und isolirt in der Welt dazustehen. In den tausend Schwierigkeiten des Lebens hat er eine Stütze nöthig, und er selbst muß hülsreiche Hand jenen seiner Brüder bieten, welche sich in Noth befinden. Das gilt besonders von der Klasse der Arbeiter. Sich selbst überlassen, sind sie des Schutzes und der Kraft beraubt; mit einander verbunden, bilden sie feste Einigungen, durch welche ihnen reichlich Ansehen und Stärke zu Theil wird." Nach einer kurzen Schilderung der Verdienste, welche sich gerade die kathol. Kirche um das Zustandekommen der Innungen rc. im Mittelalter erworben hat , und des Zerstörungswerks der französischen Revolution, heißt es in dem Buche: „So hat denn unser Jahrhundert die Männer der Arbeit getrennt von einander gesehen wie Sandkörner, die der Wind zerstreut, und unverdientes Elend und Mißgeschick ist über sie gekommen, weil sie in dem Augenblick, als die Groß - Industrie ihre Herrschaft anzutreten begann, der unzähligen Hilfsmittel beraubt waren, welche die Vereinigung ihnen geboten."
Ueber den Geist, der in den mittelalterlichen Innungen waltete., giebt folgende Stelle aus dem 1513 in Mainz erschienenen Büchlein: „Eyn crist- lich Ermanung" Aufschluß. Da heißt es auf Blatt 23:
„Darumb vor allen Dingen thun sich die Bünde und Brüderschaften in der Arbeit zusammen, das ir ganz Leben in cristenlicher Zucht und Lib geordnet sy und die Arbeit selber geweyhet werde. Denn wenn wir arbeiten alle nach Gottes Gebot, so arbeiten wir nit allein umb des Gewinstes willen, denn das ist kein Segen und bringt Schaden der Seele. Der Mensch soll arbeiten umb der rechten Ere Gottes willen, der es gebotten, — und umb den Segen des Fleißes zu haben, der in der Seele liegt. Auch umb zu haben, was uns und den Unseren zum Leben not und auch wol, was zu cristenlicher Freude gereicht; nit minder aber auch, um den Armen und Kranken mitteilen zu können von den Früchten unserer Arbeit. Darumb sind Bünde und Einungen der Handwerksgenossen gut, wie sie danach trachten sollen. Und wer nit danach trachtet, und nur suchet Geld und Reichtumb zu scharren mit sin Arbeit, der handelt schlecht und sin Arbeit ist Wucher; wie denn der hl. Augustinus sagt: du solst nicht wuchern mit diner Hende Werke, denn die Seel get daby verloren, und ebenso: man sol die Wucherer nit lyden, sondern die Gesellschaft soll sie ußstoßen als faule und schedliche Glider."
Die Mitglieder der Zünfte beobachteten gegenseitig die Pflichten der brüderlichen Liebe. In allen wichtigen Anlässen standen sie einander zur Seite : sie nahmen am Glücke des Bruders am Tage der Hochzeit Theil, wie sie ihm bei seinem Sterben die letzten Ehren erwiesen. Ja über den Tod hinaus sollte die Brüderlichkeit fortdauern, und „wer den gestorbenen Bruder nit in Eren bestatten Hilst und nit im Gebete seines Seelenheiles gedenket, der ist brüchig seines Wortes, das er gegeben beim Eintritt in die Zunft und Brüderschaft." Das sind allerdings Grundsätze, von denen die Welt heutzutage himmelweit entfernt ist. Soll es in unseren Zeiten wieder besser werden, dann muß vor allem der christliche Begrisf von der Arbeit sich wieder Bahn brechen und muß Arbeiter und Arbeitgeber bestimmend beherrschen. So hielt sich z. B. der Arbeitgeber des Mittelalters nicht für berechtigt, seine Arbeiter zu überbürden. Man trug bei Be-
* Verlag der Fuldaer Aktiendruckerei. Fulda 1894. Preis 25 Pfg.
Messung der Arbeitszeit der Schwierigkeit oder Gesundheitsschädlichkeit der Beschäftigung gebührend Rechnung. Die Arbeitszeit für Bergarbeiter betrug z. B. in Deutschland damals nur 8 Stunden. Nachtarbeit war bei den meisten Gewerben gänzlich untersagt. Ebenso war Frauen- und Kinderarbeit genau geregelt, sowie die Ausbildung und das Halten von Lehrlingen rc.
Wir müssen es uns versagen, die fesselnde, historisch getreue Schilderung der alten ^Innungen aus dem erwähnten Büchlein wiederzugeben; es würde dies den Rahmen dieses Aussatzes überschreiten, doch empfehlen wir das kleine Werk allen Freunden des Handwerkerund Arbeiterstandes zur Lektüre. Es gewährt so recht einenEinblick in die von echt christlicher Nächstenliebe belebte Organisation der gewerbetreibenden Bevölkerung. Jeder Gewerker begriff sich als lebendiges Glied eines engeren Ganzen, welches er liebte und auf desfen Ehre und Anfehen er nicht weniger stolz war, als der Bürger auf die Ehre und das Ansehen seiner Stadt. Sich behaglich fühlend in den Grenzen seiner gesellschaftlichen Stellung und sich und seinen Stand hochachtend, wurde der Handwerksmann vor jenem dünkelhaften Neide bewahrt, der mißvergnügt auf die im Leben höher Gestellten hinblickt. Er dünkte sich in seinem Stande und Wesen nicht geringer als irgend ein Vornehmer und Mächtiger, denn er erachtet auch seinen Stand als von Gott eingesetzt und als ersprießlich für das Ganze, so gut wie Papst und Kaiser und aller geistlicher und weltlicher Fürsten-und Herrenstand. „Wer ein Meister im Haudwerksampte ist," urtheilt „Ein cristlich Ermanung, „deß Ere ist ebenbürtig der hohen Eren, die von Menschen vergeben werdent".
Die genossenschaftliche Arbeit und das gebundene Eigenthum schützte die wirthschaftliche Selbstständigkeit der verschiedenen Gewerbe und Gewerbetreibenden und die gerechte Vertheilung des Arbeitsertrages. Sie verschaffte dem ganzen Handwerkerstande in allen Schichten eine blühende Wohlhabenheit und dadurch Bildung und Macht, während sie den Einzelnen an einer wirth- schaftlichen Machtentfaltung verhinderte, welche allerdings nicht selten zu ungeheueren Reichthümern führt, aber gemeinlich zugleich zur Ausbeutung der Arbeitskräfte und damit zur Unterdrückung von Hunderten und Tausenden.
Das Schriftchen schließt: Die Stunde ist gekommen, die Kräfte der Arbeit wieder zu organisiren, die Männer des Handwerks zur Vertheidigung ihrer Interessen aufzurufen und zu brüderlichen Genossenschaften zu versammeln. Leo XII l. fordert dazu auf und die Freunde der Arbeiter antworten seinem Rufe. Nach den rauhen Winterstürmen, welche lange Zeit über sie hingebraust sind, beginnen die Einigungen wieder Knospen zu treiben, wie die Bäume bei dem Nahen des Frühlings. Gibt Gott ihnen die Lebenskraft, so werden sie den Männern des Handwerks die verlorene soziale Stellung znrückgeben und die goldene Kette der Tradition wieder anknüpfen. Wenn heute fast gleichzeitig in Deutschland und Frankreich die Ideen zur Wiedereinführung der Handwerker-Verbände in neuem Gewände auftauchen, in zwei Ländern, bereit Entwickelung keineswegs parallel läuft, so spricht dies sicherlich für die Richtigkeit des Keimes, der in diesen Bestrebungen verborgen liegt. Wenn auf bestimmter Gesellschafts-Stufe sich die Üuzuträglichkeiteu des freien Verkehrs in erhöhtem Maße zeigen, so gibt es eben keinen andern Ausweg gegen das Unterdrücktwerden, als die Vereinigung.
Es kann sich freilich nicht um eine einfache Nachahmung der Vergangenheit handeln. Die politischen und sozialen Verhältnisse haben sich geändert. Die Großindustrie hat die Herrschaft. Der Markt ist international geworden. Die Einigungen des Mittelalters mit ihren Einrichtungen, welche dem Zustande jener Zeit angepaßt waren, würden uns nicht mehr die gleichen Dienste leisten. Aber der Gedanke, der ihnen das Leben gegeben, bleibt ewig jung und ewig fruchtbar.
An unsereZeit müssen die zu bildenden Einigunaen sich anschließen, vom Geiste brüderlicher Liebe müssen sie beseelt sein, der religiöse Gedanke muß sie beleben und nähren, damit durch sie wieder Ordnung und Gerechtigkeit in die Wirren des wirthschaftlichen Lebens eingeführt werde. Vor allen Dingen ist es nothweu- dig, daß der christliche Begriff von der Arbeit sich Bahn breche. „Im Schweiße Deines Angesichtes sollst Du Dein Brod essen." Dieses göttliche Wort spricht zwei Wahrheiten aus: einmal, daß der Mensch zu arbeiten verpflichtet ist, dann aber auch, daß die Arbeit den Menschen ernähren soll. Gerade der zweite Theil des göttlichen Gebotes aber muß von der Welt erst begriffen sein, ehe die Verhältnisse sich ändern können und die Gerechtigkeit wieder ihren Einzug hält, welche Gott zum Eckstein der Gesellschaft gemacht hat.
Vermischtes.
* Dresden, 11. Oft. Die Stadtverordneten-Versammlung bewilligte heute 4000 Mark zur Einführung des Bering'schen Diphtherie-Serums in den städtischen Kinderheilanstalten.
* Ratibor, 12. Okt. In Biala stürzte ein zweistöckiger Neubau, dem Sladtarzte Dr Kwiezinski gehörig, ein. Von sieben verunglückten Maurern blieben drei sofort tobt, vier sind schwer verletzt
* Eine Rabenmutter. Aus Hildesheim wird berichtet: In der gestrigen Sitzung der hiesigen Straikammer gelangte ein Fall unmenschlicher Behandlung eines Kindes zur Verhandlung. Die 30 Jahre alte Ehefrau des Dachdeckers Kühne stand unter der Anklage, durch schlechte Behandlung bin Tob ihres sechs Jahre alten Kinbes, eines Knaben, verursacht zu haben. Es konnte nur die Ehefrau Kühne allein auf die Anklagebank gebracht werden, da ihr Mitschuldiger, der Ehemann, sich der Bestrafung durch die Flucht nach Amerika entzogen hat. Vor vier Jahren heirathete Kühne, der Vater von sieben Kindern war, die Angeklagte, die ihm ein etwa ein Jahr altes uneheliches Kind zubrachte. Gleich von vornherein hatte das arme Kind durch den Stiefvater die größten Unbilden zu erleiden, an denen sich schließlich auch die eigene Mutter detheiligte, indem sie anscheinend dem Gebote ihres Mannes nachkam. Das Kind wurde wegen des geringsten Vergehens mit so grausamer Härte bestraft, daß die Nachbarsleute eines Tages die Frau zur Anzeige brachten. Diese wurde denn auch im September vorigen Jahres wegen Körperverletznng vom hiesigen Schöffengericht mit 50 Mark Geldstrafe belegt. Die Bestrasung fruchtete aber gar nichts; die Mißhandlungen des Kindes dauerten fort. Es fehlte dem Kinde an jeglicher Pflege, und Hungerleiden war bei ihm .an der Tagesordnung. Mit einigen Brodrinden mußte das arme Kind zufrieden sein, bis der Hunger es an den Schweinetrog trieb, wo es sich Nahrung suchte. Kaum mit dem Allernöthigsten bekleidet, mußte das Kind im Winter im kalten Zimmer ober auch im Stalle zubringen, sobaß ihm die Hände und die Füße erfroren. Seine Schlafstätte war eine alte kurze Kiste, die mit schmutzigem Stroh gefüllt war; zum Zudecken mußte der Knabe seine zerrissene Hose benutzen! Selbst das Trinkwasser versagte man ihm; das Kind mußte schmutziges Wasser trinken! Infolge dieser schlechten Behandlung magerte das Kind immer mehr ab, und es war schließlich nur noch ein Schatten. Am 14. Januar trat der erlösende Tod ein; das Kind war vollständig an Entkräftung gestorben, was auf gerichtliche Veranlassung von den Aerzten sestgestellt wurde. In der Verhandlung schob die Raben- mutter die ganze Schuld auf ihren Mann, unter dessen Einfluß sie gestanden. Indessen lauteten die Zeugenaussagen für sie sehr ungünstig, sodaß die Staatsanwaltschaft eine Gesängnißstrase von 5 Jahren Beantragte. Das Gericht ließ es bei einer solchen von 3 Jahren bewenden.
* Eine schreckenerregende Scene spielte sich auf dem Schlachthofe in Breslau ab. Mehrere Gesellen waren damit beschäftigt, einen starken Ochsen nach dem Schlachthause zu bringen. Der Ochse riß sich plötzlich los, machte eine Wendung und kletterte mit größter Schnelligkeit die etwa zwölf Stufen enthaltende Treppe des fast baufälligen Hauses hinauf. Die Treppe führt zu der Wohnung des schwer krank darniederliegenden Schlachthofmeisters. Derselbe lag in der einen Stube, deren Thür glücklicherweise eingeklinkt war, in der anderen Stube befanden sich seine Wirthschafterin und noch ein etwa vierjähriges Mädchen. Der Ochse, der sich in dem engen Küchen- roum befand, schlug Bei jeder Wendung das dort stehende Mobiliar und Geschirr entzwei und warf gefüllte Kessel und Eimer um, wodurch ein fürchterliches Getöse entstand. Zwei beherzte Gesellen kletterten durch die Fenster der Stube ein und suchten nun in Verbindung mit drei außen stehenden Gesellen das Thier zu fesseln. Das war aber ein sehr schweres Stück Arbeit. Als das Vieh wieder eine Wendung machte, schlug es mit Kopf und Hörnern die Fensterscheiben und das Fensterkreuz heraus. In einem dieser Momente gelang es, die vom Halse herabhängende kurze Kette zu fassen, die unter größter Anstrengung sestgehalten wurde. Dem Ochsen wurde nunmehr em langes, starkes Tau um den Hals geschlungen, an dem er dann von etwa einem Dutzend Gesellen mit Gewalt die Treppe heruntergerissen wurde. Jrn Galopp raste das Thier — obgleich am Seile festgehalten — über den Raum des Schlachthofes und riß dabei noch mehrere Personen nieder. Wenige Minuten später war es aber vorschriftsmäßig gefesselt, und nunmehr erfolgte regelrecht seine Abschlachtung.
*.Der moderne Riese. Nach den neuesten Ermittelungen besitzt Deutschland zur Zeit 59,000 stehende Dampfkessel, 1700 Schiffskessel und 10,000 Lokomotiven; Frankreich besitzt 49,590 stationäre Dampfkessel-Anlagen, 1850 Schiffskessel und 7000 Lokomotiven; Oesterreich hat 12,000 Kessel und 2800 Lokomotiven. In den Vereinigten Staaten von Amerika wird mittelst Dampfmaschinen eine Kraftleistung von 7,500,000 Pferbekräften ausgeübt, Englanb erzeugt 7,000,000, Deutschlanb 4,500,000 Pferdekräfte, Frankreich 300,000 und Oesterreich 150,000. Dabei sind jedoch die Lokomotiven in ihren Leistungen nicht inbegriffen, deren es in der ganzen Welt 105,000 mit einer Kraftleistung von 3 Millionen Pferdekrästen gibt. Die ganze auf der Erde burch Dampfmaschinen geleistete Arbeit wird auf 26 Millionen Pferdekräfte, also ungefähr die Leistung von 100 Millionen Menschen, geschätzt.
* Ostasiatische Grammatik. In den Berliner .Lustigen Blättern' spiegeln sich die japanisch-chinesischen Kriegsereignisse in folgenden „Reimregeln zum Auswendiglernen" ab:
, Die Worte, die auf Ping. Pung, Pang, Wie jene, die auf Ching, Chung, Chang, Bedeuten immer eine Stadt, Die China schon verloren hat.
Die Worte, die auf Tang, Tung, Ting, Wie jene, die auf Tschang, Tschung, Tsching, Sind immer je ein Schiffskoloß Bon China, den der Feind zerschoß.
Die Worte, die auf Tsang, Tsung, Tseng, Wie jene, die auf Jang, Jung, Jeng, Sind Generäle der Chinesen, Die meistens auf der Flucht gewesen.
Die Worte, die auf Pang, Ping, Pung, Wie jene, die auf Chang, Ching, Chung, Bedeuten, daß ein Ort dort liegt, Wo China Keile hat gekriegt.