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21. Jahrgang

Sonntag, den 14. Oktober 1894.

«ldaerMZeitiing

mit Unterhaltungs-Beilage „Sterne und Klrrrurn".

Erscheint täqtich, Sonn» und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementsvreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Hierzu eine Beilage.

Deutsches Reich.

Berlin, 12. Oktober.

* Die mit so großer Spannung entgegengesehene Sitzung des preußischen Staatsministeriums hat heute Nachmittag von 2 Uhr ab unter dem Vorsitz des Grafen zu Eulenburg stattgefunden. Es wird ange­nommen, daß in dieser Sitzung bestimmte Stellung zu derFrage der Bekämpfung der Umsturzbestre­bungen genommen worden ist.

* Dem ,Berl. zufolge ist der 17. November für Einberufung des Reichstages in Aussicht ge­nommen.

* Mit einer Reichstagsauflösung droht ein liberales Stettiner Blatt, wenn die Volksvertretung die an­gekündigte Verschärfung des Strafgesetzbuches nicht ge­nehmigen wolle. Graf Caprivi habe sich in seiner Besprechung mit dem Kaiser zu dieser Maßnahme bereit erklärt. Sehr wahrscheinlich klingt die Nachricht nicht; eine Neuwahl unter der Parole: „Beschränkung der bürgerlichen Freiheit" könnte für die Regierungen ein höchst verblüffendes Resultat haben.

* Deutschland hat in China außer den Handels­interessen auch die dortigen Missionen zu schützen. Die deutschen protestantischen Missionen wirken hauptsächlich im Süden Chinas, während eine deutsche katholische Mission in der Provinz Schantung arbeitet. Hafen­platz dieser Mission ist Tschifu, wohin einer der größeren deutschen Kreuzer entsendet worden ist.

* Was die liberalen Hetzer gegen die Polen eigentlich wollen, hat die ,Köln. Ztg/ nun verrathen, indem sie es scharf tadelt, daß die preußische Hundert- Millionen-Kommission Polen nicht schnell und gründlich genug protestantisire. Eine Schande unserer Nation sei es, daß auch einige katholische Ansiedelungen, die doch dem Einflüsse der polonisirenden kath. Geistlichen unterstellt seien, angelegt wurden. Das Geld, wozu die Katholiken ebenso beitragen müssen, wie die Protestanten, soll also nur zur Protestanti- sirung einer katholischen Provinz verwendet werden. Und da wirft man uns Intoleranz vor!

* Der Verfaffer des „Hymnus an den Satan" predigt — Frömmigkeit! Wie der ,Köln. Ztg/ be­richtet wird, hielt der „vom Radikalismus zum Monar­chismus bekehrte" Dichter und Bologneser Professor Giosue Carducci bei der Einweihung eines neuen Palazzo Publico in San Martino die Festrede. Diese Rede hat nun eine über die Grenzen der Republik hinausgehende Bedeutung gewonnen, da der Verfasser des „Hymnus an den Satan" eine Taste angeschlagen hat, um welche seit Crispis Neapeler Rede so viel hin- und hergestritteu worden ist; er hat gleich dem italienischen Ministerpräsidenten den Glauben an Gott als das Bollwerk aller guten staatlichen

Die gebesserte Stiefmutter.

(Eine wahre Begebenheit.)

Das trübe Licht eines düsteren Novembertages fiel durch die kleinen Scheiben des Försterhauses in die Stube und beleuchtete hier eine noch trübere Scene. Auf den weichen Kiffen eines Bettes lag die junge Förstersfrau, schon seit Wochen krank. Die Blässe des Todes lagerte sich auf ihren noch vor wenigen Monden von Gesundheit und Lebensmuth strahlenden Zügen. Der Förster Reineck saß neben dem Bette und be­trachtete sein geliebtes Weib mit besorgten Blicken. Ach, sie waren so glücklich gewesen während ihrer drei­jährigen Ehe, und nun sollte sie ihm entrissen werden! Er fühlte ängstlich nach ihren Händen: „Wie geht es Dir, Rosa?" sprach er mit bewegter Stimme.

„Gut", lispelte die Kranke und zwang ihren matten Lippen ein Lächeln ab für den Mann, der das Glück ihres Lebens gewesen war. „Gut, es wird wohl bald ganz besser sein."

„Rosa, liebe Rosa! Ganz besser? Du meinst doch nicht, daß der schreckliche Tod--" Hier erstickte

Schluchzen die Stimme des wettergebräunten Mannes. „Sich' mich, sieh' unser Kind an! Du willst uns ver­lassen? Belassen für immer?"

„Wie gerne lebte ich noch! Du hast mich ja so glücklich gemacht. Und Maria, meine süße, kleine

und gesellschaftlichen Ordnung angerufen." — Carducci und Crispi — sie scheinen einander werth zu sein!

* Die Freisprechung Thümmel's betreffend, schreibt man der ,Köln. Vztg/ aus richterlichen Kreisen: „Aus Anlaß Ihrer Artikel über den Prozeß Thümmel in Breslau möchte ich Sie auf den § 262 der Strafprozeß- Ordnung aufmerksam machen, der einem großen Theil Ihrer Leser unbekannt sein dürste. Hiernach muß bei jeder Entscheidung, welche die Schuldfrage betrifft, eine Mehrheit von zwei Dritttheilen der Stimmen vorliegen. In der Strafkammer wirken fünf Richter. Wenn zwei für Freisprechung votiren, müssen sich die andern drei dieser Entscheidung fügen. Die Ab­stimmung ist eine geheime. Die drei überstimmten Richter sind hiernach nicht ein Mal in der Lage, ihr abweichendes Votum in irgend einer Weise zum Aus­druck zu bringen, z. B. durch einen Vermerk zu den Akten. Es ist gar nicht unwahrscheinlich, daß in Breslau bei der Berathung Bieinungsverschiedenheiten obgewaltet haben und daß die Mehrzahl der Richter überstimmt worden ist."

* Die Prozeßverhandlung gegen den Wucherer Treuherz und Genoffen ist für Mitte November an­gesetzt, über hundert Zeugen werden geladen.

* Die sozialdemokratischen Mitglieder der Berliner Stadtverordneten-Versammlung haben die Einführung der Achtstunden-Arbeit in allen städtischen Verwaltungen und Betrieben, sowie bei Ausführung städt. Arbeiten durch Privatunternehmer beantragt.

* Augsburg, 12. Okt. Gestern fand die Beer­digung des Bischofs v. Dinkel statt; an derselben nahmen der bayerische Episkopat, die gesammte Geist­lichkeit der Diözese, ferner als Vertreter des Prinz- Regenten Flügeladjutant von Bianca, sowie die Generalität und die Spitzen der Civilbehörden Theil. Der Sarg wurde im Dom von dem Erzbischof von München, Thoma, eingesegnel. — Der verstorbene Bischof hat während des Kulturkampfes mehr als hundert Priestern aus Preußen Aufnahme in seiner Diözese gewährt und auch sein Seminar für Alumnen aus Preußen bereitwilligst geöffnet. Als die Regierung des Ministers Lutz Schwierigkeiten erhob, trat er entschieden für sein bischöfliches Recht ein, Priester aus fremden Diözesen als Hülfsgeistliche anzustellen. Später, wußte er es durchzusetzen, daß den Geistlichen aus Preußen auch Pfarrstellen in seiner Diözese übertragen werden konnten. Als den preuß. Geistlichen zu Anfang der achtziger Jahre die Heim­kehr nach Preußen möglich wurde, that er alles, um den Wünschen der Bischöfe Preußens fo schnell als möglich zu entsprechen. Gewiß verdient er dafür den besondern Dank der Katholiken Preußens.

* Stuttgart, 12. Okt. In Ravensburg haben die oberschwäbischen Demokraten einen Parteitag abgehalten, der sich ausschließlich mit dem Centrum beschäftigt hat. War das ein Jammern, Klagen und Maria, die Freude meines Lebens, wie schwer wird es mir, sie zu verlassen!"

Die Augen der kranken Mutter suchten das lockige Haupt ihres Kindes, das nicht fern vom Krankenbette der Mutter ohne Ahnung spielend an der Erde saß. Es war ein liebliches, blühendes Kind von zwei Jahren. Jauchzend sprang die Kleine auf, als sie ihren Namen nennen hörte und eilte zur kranken Mutter. Schmeichelnd legte sie ihr Köpfchen auf das Deckbett, um der Mutter einige Liebkosungen abzuringen.

„Gott sei Dir nahe mit dem Schutze!" sagte die Kranke feierlich und erhob mühsam ihre Hand, um sie segnend auf das Haupt ihres geliebten Kindes zu legen. „Er fei Dein Hort, wenn das Mutterauge sich auf ewig geschloffen hat."

„Rosa, willst Du sterben? Was soll aus mir, aus Maria werden?" rief der verzweifelte Gatte.

Die Kranke machte eine beruhigende Bewegung. „Mein Leben ist in Gottes Hand," hauchte sie müh­sam, „und Du kannst auch ohne mich glücklich sein. Du bist noch jung und mein einziges Kind wird Gottes Gnade schirmen."

Die sterbende Mutter faltete ihre Hände, und sie erhob ihr Herz in stillem Gebet zum ÄÜbarmherzigen.

Die Dunkelheit der Nacht brach herein. Mit ihr wurde die Kranke schwächer, und als der trübe Schimmer des neuen Tages wieder durch die Fenster des Förster-

Räsonniren, weil sich das württembergische Centrum organisirt hat und mit einem selbstständigen Programme vor die Oeffentlichkeit getreten ist! Der Grimm unserer Demokraten erklärt sich damit, daß sie nun den Abfall vieler Wähler an das Centrum befürchten. Da sich nun die Herren Demokraten bedroht fühlen, lassen sie die lange getragene Maske fallen. Ohne sich zu geniren, wurde am Parteitage die Trennung des Staates von der Kirche, staatliche Schulaufsicht usw. verlangt. Die Entartung der Demokratte macht demnach ganz bedeutende Fortschritte. Die Börse darf nicht besteuert, die Jesuiten dürfen nicht hereingelassen werden, und die Männerorden in Württemberg sollen ausgesperrt bleiben! Recht hübsche „demokratische" Grundsätze!

* Freiburg, 12. Okt. Die Vorträge und Referate des praktisch-sozialen Kursus sind nunmehr in der nachstehenden Folge festgesetzt. Nach dem feier­lichen Pontifikalamt am Montag, 15. Oktober, Vor­mittags 8 Uhr, eröffnet Dr. Andreas Brüll-Plittersdorf die Reihe der vormittägigen Vorlesungen mit einem Vortrage über das soziale Programm der päpstlichen Encyklika über die Arbeiterstage; Professor Dr. Franz Hitze-Münster wird an den ersten vier Tagen über die Arbeiterfrage, am Samstag über Wohlfahrtseinrichtungen für die Arbeiter sprechen; Dr. Ernst Lieber-Camberg am Dienstag über den kaufmännischen Mittelstand; Dr. Eugen Jäger-Speyer am Mittwoch über die Agrarfrage, am Donnerstag über die Bauernvereine; P. Cyprian-Alt-Oetting, Ord. Cap., am Mittwoch über Charitas; Generalsekretär Dr. August Pieper-M.-Glad- bach am Donnerstag und Freitag über den Sozialismus; Professor Dr. Franz X. Heiner-Freiburg am Freitag über Klerus und soziale Frage; der bekannte Sozial­politiker P. Heinrich Pesch an zwei Tagen über Eigen- thum; außerdem ist für Samstag noch ein Vortrag über die Handwerkerstage in Aussicht genommen. Zum Schluffe wird dann, wie schon früher erwähnt, der hochw. Herr Weihbischof Dr. Friedrich Julius Knecht eine Ansprache an die Theilnehmer richten. An den Nachmittagen werden neben freier Diskussion Berichte erstattet: am Montag von Dr. Engelbert Käser-Merz­hausen über Arbeitervereine; am Dienstag von Pfarrer Cetty-Mühlhausen über industrielle Wohlfahrtsanstalten; am Donnerstag von Dr. Jäger über Darlehenkaffen; am Freitag von Dr. Pieper über unsere Aufgaben gegenüber der Sozialdemokratie. Die freien Nachmittags­stunden sollen hauptsächlich zur Besichtigung größerer privater und gemeinnütziger Anstalten verwendet werden. — In der großen Volksversammlung am Mittwoch Abend wird außer Dr. Lieber auch der badische Centrums­führer Wacker reden. — Wir wiederholen nochmals ausdrücklich, daß die Theilnahme an dem Kursus voll­ständig unentgeltlich ist. — Anmeldungen werden er­beten an Herrn Buchhändler August Bareiß, Litterarische Anstalt in Freiburg i. Br.

* Straßburg, 11. Okt. Herr Abba 3E. Metz hat heute die Chestedaktion des ,Elsässer' niedergelegt und DMWWWWWWVWSSSVSVSWMMMSS^MMWWWWWWDWM Hauses zu Dachsberg drang, war die junge Försters­frau eine Leiche, der Förster ein trauernder Wittwer, die kleine Marie eine Waise, die jedoch Nichts von dem für sie unersetzlichen Verlust fühlte, sondern voll Ungeduld die entschlafene Mutter rief und mit den kleinen Händchen am Bette zupfte, um sie zu erwecken. Umsonst, liebes Kind, die Mutter schläft den ewigen Schlaf. Reineck war in Schmerz versunken, er hatte viel verloren. Allmählich erst brachte die Zeit Heilung sür die tiefgeschlagene Wunde.

Ein Jahr war längst verflossen, seit sein geliebtes Weib heimgegangen war, und noch war er voll Trauer um die Tage des Glücks, die er mit ihr durchlebt hatte. Er fühlte, wie so nothwendig sie ihm gewesen, wie sehr ihm eine Hausfrau fehle. Schwer konnte er sich entschließen, einer Anderen die Stelle zu geben, die Rosa eingenommen, besonders um Mariens willen, -und doch brauchte diese ganz besonders eine Pflegerin und Erzieherin. Seine Kollegen drangen in ihn, end­lich die Trauer fahren zu lassen und praktischen Vor­schlägen Gehör zu schenken.

„Du mußt", sagte einer seiner vertrautesten Freunde, „an eine neue Wahl denken, wenn nicht Du, Tein Kind und Dein ganzes Hauswesen untergehen soll."

„Würde ich aber auch eine wirkliche Mutter meinem geliebten Kinde geben können?" meinte der um sein Kind besorgte Förster.