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grausamen Verfolgungen, welche Andersgläubige in seinem Reiche erleiden müssen, unbekannt, daß sie so­gar gegen seinen direkten Willen geschehen. Das ist nicht der Fall. 3or Alexander III. geht darin sogar noch weiter als seine Minister. Wenn heute die Apostel selbst in sein Land kämen und anders predigten, als er ihnen befiehlt, würde er sie ohne weiteres durch einen Ukas nach Sibirien verbannen.

Es ist ein eintöniges, freudloses Leben, welches der Kaiser führt. Jedes Geräusch läßt ihn erzittern, jede Miene in dem Antlitz eines derjenigen, welche seine Umgebung bilden, erweckt sein Mißtrauen. Darin besteht denn auch seine Krankheit — eine Krankheit, deren Charakter ebenso offenkundig vor der Wissen­schaft dalicgt, wie ihr Verlauf den Männern derselben ersichtlich ist. Vor dem Winterpalast, der bekanntlich schon einmal durch eine Dynamit-Explosion theilweise zerstört worden ist, hat er eine abergläubische Ab­neigung; er verbringt niemals eine Nacht dort, und Gatschina ist, besonders im Frühling und Herbst ein trüber, eintöniger Platz. Aber wo er auch ist, über­all hat er Gelegenheit, über seine kaiserliche Verein­samung nachzudenken. Freunde besitzt er nicht, denn die Erfahrung hat ihn mißtrauisch gemacht, und seine Brüder, Vettern und sonstige Verwandte thauen in seiner Gegenwart nicht auf; sie fürchten sich mehr noch als der geringste seiner Unterthanen, ihn auf einen Fehler aufmerksam zu machen. Der Zar seinerseits läßt sich wohl am meisten gehen bei den Randbe­merkungen, mit denen er die ihm vorgelegten Schrift­stücke ausstattet. Er hat eben keinen Grund, eine hohe Achtung vor der Menfchheit zu haben, am aller­wenigsten vor den ihm als geschickt angepriesenen, denn sie haben ihn mehr als die Uebrigen getäuscht. Er sand heraus, daß einer seiner vertrautesten Minister, eine Säule der Orthodoxie, Wittwen und Waisen be­trog; ein anderer, dessen Freimuth ihm gefiel, ent­puppte sich als Lügner; sein Kriegskamerad, ein General, mit dem er während des russisch - türkischen Krieges Schach spielte, bestahl die Soldaten, und die Offiziere, die ihm Treue gelobt, verschworen sich zu seiner Er­mordung. Daher traut er denn eigentlich niemandem mehr — ebenso wie ihm niemand traut. Das ist die Krankheit des Zaren, und wie sie einst endigen wird, weiß jeder, welcher die Weltgeschichte kennt. — Nach den neuesten Meldungen dürfte die Abreise des Zaren nach Korfu Anfang nächster Woche, vermuthlich am Dienstag, erfolgen. Der Thronfolger soll zwar die Regierungsgewalt übernehmen, der Kaiser aber will sich bei wichtigen Anlässen die Entscheidung Vorbe­halten. Professor Leyden wird den ganzen Winter über beim Zar bleiben.

Deutsches Keich.

Berlin, II. Oktober.

* Die Polenhetze ist ebenso plötzlich von der Bild­fläche verschwunden, wie sie aufgetaucht war, eine Thatsache, die fchon für sich allein beweist, daß die zur Das Ganze wurde begleitet von wildem Geschrei der Araber, welche gespannt zuschauten. Als Alles beendet war, zogen sich die Altanas in ihre Zelte zurück. Ich blieb noch einige Zeit unter den Palmen, die schöne Nacht genießend, welche sich langsam auf die Landschaft herabsenkte. Alle Araber hockten vor ihren Zelten und lauschten den Erzählungen der Alten.

Während wir noch so saßen, ließ sich aus derFerne das vielstimmige Geheul der Schakale vernehmen, so daß ich erschrak. „Hast Du noch nie Schakale gesehen?" fragte mich Mostafa; und auf meine verneinende Ant­wort fuhr er fort: „Komm mit, ich werde Dir Ge­legenheit geben, welche zu sehen." Er führte mich etwas gbseits, nahm eine Flinte und einen Iatagan (langes Messer) und wir gingen in die Dunkelheit hinaus. Kaum waren wir einige hundert Schritte ge­gangen, als wir fchon auf ein ganzes Rudel dieser Thiere stießen. Mostafa legte hinter einen Steinhaufen ein Stück Hammelfleisch. Kaum waren fünf Minuten verstrichen, als schon ein Schakal, vom Gerüche des Fleisches angezogen, langsam den Berg herunter kam, hier und dort lauschend und jeden Stein beschnüffelnd. Endlich fiel er über die gefundene Beute her. Mostafa zielte, fchoß und — fehlte, worauf der Schakal, fchnel- ler, als er gekommen war, den Berg hinauffloh. Ohne

Schau getragene „nationale Entrüstung nichts weiter als eine künstliche Mache und eine Maske war für die eigentlichen Pläne der mittelparteilich-bismärckifchen

des Schreiben:

N. bei N., 1. Oktober 1894.

Frondeure.

* Der ständige Ausschuß des Kolouialrathes trat heute zur Regelung der Frage der deutschen Aus­wanderung unter dem Vorsitz des Unterstaatssekretärs Jakobi zusammen.

* Nach einer hiesigen Lokalkorrespondenz soll die Untersuchung der Affaire der Oberfeuerwerkerschule ergeben haben, daß der Ruf: „Hoch die Anarchie!" gar nicht gefallen, vielmehr nur die Worte: „Hoch die Artillerie!" ausgerufen und beim herrschenden Lärm falsch verstanden worden seien. Wenn sich dies be­stätigt, würde die Angelegenheit noch harmloser er­scheinen, als sie neuerdings bereits von militärischer Seite dargestellt ward.

* Unver—frorenheit oder sonst was? Man schreibt der ,Schles. Volksztg.': In einem Dorfe des Reg.-Bez. Breslau mit protestantischer Schule lebt ein Ehepaar; der Mann ist protestantisch, die Frau katholisch; ihre zwei Kinder besuchen die protestantische Schule des Ortes, erhalten aber, nach dem Willen der Eltern, mit anderen katholischen Kindern dieser Schule katho­lischen Religionsunterricht; trotzdem hat der Pro­testantische Lehrer die Kinder zum Besuche auch des protestantischen Religionsunterrichts genöthigt und selbst dann davon nicht abgelassen, nachdem der protestantische Vater persönlich seine beiden Kinder zum katholischen Religionsunterricht geführt hatte. Daraufhin fchrieb der protestanifche Vater dem be- trffenden Pastor, auch als Lokalschulinspektor, daß seine beiden Kinder katholischen Religionsunterricht er­halten sollen und er sie in den evangelischen Religions­unterricht nicht mehr gehen lasse. Nun erhielt die katholische Frau des protestantischen Mannes folgen-

An die Frau des Knechtes N. in N.

Auf das Schreiben Ihres Mannes vom 9./9 a. er. theilen wir Ihnen mit, daß wir in der gestrigen Sitzung beschlossen haben, Ihnen, falls Sie die evangelische Erziehung Ihrer Kinder nicht auch fernerhin betreiben, die kirchlichen Ehrenrechte zu entziehen und mit Disziplinarstrafe gegen Sie vorzugehen. Wir machen Sie auf Ihre heilige Pflicht aufmerksam, Ihre Kinder in der Zucht evangelischer Wahrheit zu belassen und jeden fremden Einfluß von ihnen fern zu halten.

Der Evangelische Gcmeinde-Kirchenrath N., Pastor.

Wir trauten unfern Augen bei der Durchlesung dieses, mehr als in einer Hinsicht interessanten Schrift­stückes nicht! Also die katholische Mutter erhält vom evangelischen Gemeinde-Kirchenrath die Aufforderung, ihre Kinder „in der Zucht der evangeli­schen Wahrheit" zu belassen und — die Drohung mit Disziplinarstrafen! Wir nehmen an, daß sich der evangelische Gemeinde-Kirchenrath in der Adresse ge­irrt hat, obgleich ihm die qu. Verhältnisse mehr als genug bekannt sein konnten! Aber trotz alledem, woher nimmt der Gemeinde-Kirchenrath das Recht zu einer Strafandrohung überhaupt? Wo bleibt denn da die

mißmuthig zu sein, sagte Mostafa nur, man müsse Geduld haben, es kämen schon andere. In der Thal erschien bald ein anderes Thier, welches schnell auf demselben Wege wie das vorige daher kam. Aber welcher Schrecken bemächtigte sich meiner, als Mostafa selbst erschreckt ausrief: „Ein Panther, ein Panther!" Aus der Art und Weise, wie mein Freund sich benahm, konnte ich ersehen, daß uns ein ernster Moment bevor­stand. Jetzt stand der Panther still, wahrscheinlich überlegend, ob er vorwärts oder rückwärts gehen sollte. Jetzt schoß Mostafa. Ein dumpfes Gebrüll schallte zurück, das Thier war blessirt und kam wüthend auf uns zugesprungen. Meine Lage war in diesem Augen­blicke keineswegs beneidenswerth. Mostafa aber zog kaltblütig seinen Iatagan aus dem Leibgurt und er­wartete ruhig das verwundete Thier. Gleich einem Gladiator sprang er mit einem geschickten Sprunge auf das wüthende Thier und stieß ihm das lange Messer bis an das Heft in den Leib. Ein Schrei und das Thier brach zusammen. „Ich habe schlecht getroffen," sagte Mostafa dann, „das ganze Fell ist verdorben." Ich, der ich nur an den Tod und nicht an das Fell des Thieres gedacht hatte, war höchst erfreut. Nun steckte Mostafa seinen Hirschfänger in die Scheide, lud das Thier auf seine Schulter und wir kehrten in das

21. Jahrgang

Samstag, den 13. Oktober 1894.

mit UnterhaLtrrngs-Krttage „Sterne und Ktnwen"

Erscheint täalich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

* Die Krankheit des Zaren unheilbar.

Ter Petersburger Standard-Korrespondent erfährt von einer Persönlichkeit, deren Informant Augen- und Ohren-Zeuge der Scene wär, daß Professor Sacharjin zum Zaren sagte: „Euer Majestät Krankheit ist unheilbar! Durch Sorgfalt und Pflege kann Ihr kostbares Leben auf einige Zeit verlängert werden, aber es ist nutzlos, die Thatsache zu verheimlichen, daß es keine Mittel gibt, über eine gewisse Periode hinaus etwas ansrichten zu können." Der Zar trat nach dieser Unterredung in ein anderes Zimmer mit den Worten: „Sacharjin hat mir eben gesagt, daß für mich keine Hoffnung mehr ist." Der Zar war von diesem furchtbaren Schlage sichtlich aufs tiefste erschüttert. Die Anwesenden waren von der Veränderung seines Gesichts und seiner Haltung äußerst bestürzt und tadelten Sacharjin lebhaft, daß er so -etwas gesagt habe. Der Korrespondent fügt hinzu, die Information stamme aus einer Quelle, die keinen Zweifel an deren Authentieität znließe.

Nach langen Versuchen, den Zustand des Monarchen zu verheimlichen, hat man sich endlich dazu entschließen müssen, ihn öffentlich zu bekennen. Alle Handlungen, welche den kritisch beurtheilenden Menschen an dem Monarchen so räthselhast vorkommen, seine Beschlüsse, seine Worte — seine Abschließung in Gatschina, die peinlichen Vorsichtsmaßregeln, wenn er reift, das Spioniersystem, die Aufstellung ganzer Armeen (längs dem Schienenwege, auf welchem sein Zug dahinrollt — das ist sehr einfach aus der Nervosität zu er­klären. Wer wie Zar Alexander HI. seinen Vater verstümmelt neben sich liegen sah, wer dem Tode zu wiederholten Malen nur haarscharf entging; wer in­mitten der endlosen Steppe zwischen Trümmern und Leichen stand, die Gattin ob dieses Grauens leblos im Arme, während sich die Tochter schluchzend an ihn schmiegte mit den Worten: „O Papa, sie werden uns ermorden!" — dessen Nerven müßten in der That sehr hart sein, um nicht endlich einmal zu erschlaffen, wie es bei dem kranken Monarchen nunmehr der Fall ist.

„Daß nun gerade ich von allen Menschen Kaiser werden muß!" rief er aus, als sich die schwerste Krone von Europa auf fein Haupt senkte. Verwirrt, betäubt, hilflos bestieg er den Thron. Seine Rathgeber waren uneins und widersprachen sich. Der eine verlangte eine Verfassung, der zweite die Aufrechterhaltung des Status quo; fein eigener Bruder befürwortete die Rückkehr zur eifernen Herrschaft des Großvaters Nikolaus. Verrath lag in der Luft, der Palast barg angebliche Meuchelmörder. So sah sich der Zar einer dunklen Gewalt gegenüber, ohne Triebkraft in sich selbst, ohne Ziel.

Der Zar ist auch krank aus religiöserSchwär- merei, welche ihm jede echte, harmlose Lebensfreude vergällt und einen unheilvollen Mystizismus in ihm gepflanzt hat. Häufig hört man sagen, ihm seien die

Sedumenschloß El-Goleah«.seine Bewohner.

Bilder aus dem Süden Algiers von Theodor Habicher.

(Schluß.)

Nach dem Essen führte mich Mostafa in eine Ge­sellschaft. Es waren dies arabische Komödianten, eine jener Banden, wie sie im Süden des Reiches Algier sehr oft anzutreffen sind, gleich unseren Taschenkünst­lern von Dorf zu Dorf ziehend. Blau nennt sie Altanas und sie stehen im Rufe, auch Kranke heilen zu können. Ob das Letztere wahr ist, möchte ich als Tyroler stark bezweifeln, jedenfalls sind sie in ver­schiedenen Kunststücken sehr bewandert. Der ganze Araberstamm sammelte sich denn auch bald um diese .Künstler.

Bei dem eintönigen Klange ihres Flötenspieles und ihres Tamtams, einer Art Trommel, spielten die Einen mit Schlangen, welche sie sich auf die Brust legten oder gleich einem Turban um den Kopf rollten. Andere fpielten mit brennenden Kohlen oder sie ver­schlangen Glas, Steine, Dörner, ja sogar Kröten und andere abscheuliche Thiere. Wieder Andere tanzten nach den Klängen der Musik, bis sie halbtodt zu Boden fielen und ihnen der Schaum auf dem Munde stand.