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233 . Donnerstag, den 11. Oktober 1894. 21. Jahrgang

mit Unterhaltungs-Beilage „Sterne und Klumen".

Erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig Inserate kosten die einspaltige Garmondzelle oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Diktatur.

Kein Tag vergeht mehr, ohne daß die liberale Presse den Ruf nach einem Ausnahmegesetz erschallen läßt. An der Spitze dieser Blätter steht aber das Bismarck­organ, die Münch. Allg. Ztg.'. Professor Rößler, der sich in einer Broschüre über die Unmöglichkeit von Ausnahmegesetzen ausläßt, sieht keine andere Rettung mehr, als daß der Kaiser den Bundesrath veranlaßt, auf drei Jahre die gesetzgebende Gewalt an sich zu nehmen und so die Bundesverfassung zu suspendiren. Nur die Diktatur sei es, welche das deutsche Volk noch retten kann, das sei die unerläßliche Forderung des Augenblickes. Dazu hat sich die Münch. Allg. Ztg.' wohlwollend ausgesprochen. Das sind ja recht hübsche Auffassungen, die da ganz ungenirt zu Tage gefördert werden. Ist man denn in gewissen Kreisen gänzlich mit blinder Sozialistenfurcht geschlagen? Bedenkt man denn gar nicht, welche zweischneidige Waffe man den Regierungen mit dem Rath, die Bundesverfassung zu brechen, in die Hand drückt? Könnte nicht das Volk, das mit einer Diktatur kurirt werden soll, sich eines schönen Tages auch auf den Standpunkt stellen, daß die Verhältnisse unhaltbare sind und nur mit einem Bruche der Verfassung ge­bessert werden können? Wir wollen dieses Bild nicht weiter ausmalen, sagt die ,Pfälzer Zeitung', warnen aber auf das Dringendste vor solchen „Rathschlägen", die nie und nimmer zum Guten führen können. Die Rechte der Fürsten wie jene der Völker sind unan­tastbare und es ist geradezu entsetzlich von einem nationalliberalen Blatte solchen Rath gegeben zu hören in einem Augenblick, in dem die Führer der bayerischen Sozialdemokratie erklären, daß sie verfassungsmäßig Geschaffenes nur auf verfassungsmäßigem Wege ändern wollen. Wer wird da den Namen des „Revolutionärs" bekommen? Aber so waren die Nationalliberalen von jeher. Sie haben den Kulturkampf geschaffen, sie haben das Sozialistengesetz gehalten und heute sind sie für die Diktatur zu haben. Wir hoffen, daß die Rathgeber der Krone diesen Einflüsterungen kein Gehör schenken, denn sie würden gerade Diejenigen schädigen, die sie zu unterstützen berufen sind. Es gibt noch Mittel genug, um das Reich vor den drohenden Gefahren zu retten. Die staatserhaltende Partei, das Centrnm, hat oft genug auf dieselben hingewiesen. Warum be­nützt man sie nicht? Jeder Staat, der sich einzig auf die Bajonnette stützte, ist noch daran zu Grunde ge­gangen. Auch Deutschland wird dieses Schicksal nicht erspart bleiben, wenn es nicht umkehrt auf der heutigen Bahn. Wir wollen nicht wie die ,Allg. Ztg.' einen „solchen außerordentlichen Versuch dem' Gottesurtheil des Erfolges" unterwerfen, sondern wir wollen die bestehenden Verhältnisse mit erlaubten Mitteln bessern und die drohenden Gefahren abwenden. Dann brauchen wir die „Rechte des Volkes" nicht zu schmälern, sondern

MiiimMoß AGileah x. seine Smchur.

Bilder aus dem Süden Algier's von Theodor Habicher.

(2. Fortsetzung.)

Dumpfes Gemurmel rauschte wie Meeresbrandung durch die Räume. Und doch — welche Ordnung, welche Ruhe herrschten in dem Betsaal, in dem sich gegen 400 Araber befanden.

Den arabischen Frauen ist der Eintritt in den großen Saal nicht gestattet, sie dürfen sich den Blicken fremder Männer nicht preisgeben, sie halten sich in Logen auf, welche sich in den Wänden befinden und deren Fenster vergittert sind.

Immer mehr und mehr vergrößerte sich die Anzahl der Andächtigen, die, nachdem sie ihre Schuhe im Vor­saale abgestreift, sich zu den früher Gekommenen ge­sellten. Die großen Fensterscheiben gewährten mir die Möglichkeit, den ganzen Saal zu überblicken; er war von einem Lichtmeer erfüllt und zwar ging das Licht von einem einzigen Punkt, von einer Wand aus. Un­zählige Wandlampen und andere, welche auf dem dort befindlichen Altar brannten, entsandten ihre Strahlen über den weiten Raum.

Zwischen zwei Fenstern stand auf einem kleinen Podium ein hoher Sessel und hinter demselben ragte eine lange Stange empor, deren Spitze die Form einer Hand hatte.

wir können sie erhalten und erweitern. Wir wollen schließen mit dem Worte des Bismarckorgans: „Man hat noch keinen Grund an dem guten Willen und der sittlichen Kraft der Mehrheit des deutschen Volkes zu zweifeln" und eben deßhalb darf man auch picht solche Mittel empfehlen.

Deutsches Reich.

<■ Berlin, 9. Oktober.

* Der Ministerrath, der sich mit der Frage der Abwehr der Umsturzbestrebungen beschäftigen soll, wird dem ,Berl. Tage bl.' zufolge voraussichtlich erst am nächsten Montag stattfinden, da Graf Eulenburg vor Ende der Woche nicht zurückkehrt, und am Sonn­tag Sitzungen des Gesammtministeriums nicht mehr stattfinden sollen.

* Professor Leyden ist zu einer neuen Konsultation zum Zaren berufen worden. Er reist morgen ab.

* Die Freisprechung Thümmel's durch die Bres­lauer Strafkammer erregt in allen katholischen Kreisen das größte Aufsehen. Man schreibt der ,Köln. Volks- ztg.' anläßlich derselben aus Berlin u. A. das Fol­gende: Es ist für einen Katholiken nicht leicht, an­gesichts eines solchen Urtheiles ruhiges Blut zu behal­ten. Da aber nichts gefährlicher ist, als seine Mei­nung über einen Richterspruch zu äußern, so beschränken wir uns auf die Bemerkung: die Katholiken denken ganz anders als der Gerichtshof. Sie fühlen sich durch die Thümmel'schen Schmähreden auf das schwerste verletzt und in dem Heiligsten gekränkt. Wie alle glaubenstreuen Katholiken über die Sache denken, das hat die Protest-Versammlung der Breslauer Katholiken seiner Zeit gezeigt. Wir sind sicher, daß nicht ein Katholik anders über die Thümmel'sche Leistung urtheilt. Wenn nun das, was Thümmel gesagt hat, nicht gegen den § 166 des Strafgesetzbuches verstößt, was darf man denn gegen die katholische Kirche und ihre Ein­richtungen nicht sagen? Es wird selbst einem Thüm­mel schwer werden, noch stärkere Beschimpfungen aus­zudenken, als er schon gebraucht hat. Die katholische Kirche wäre also den Hetzern gegenüber vogelfrei. An der Person des Hrn. Thümmel liegt uns wenig, so wichtig er sich selbst auch vorkommen mag. Wir rech­nen ihn zu jener Sorte von Fanatikern, die man nicht in vollem Maße für ihre unverantwortlichen Spreche- reien verantwortlich machen darf. Wenn solche Leute der „heiligeLutherzorn" überkommt, sind sie nicht mehr zurechnungsfähig. Das Uebel verschlimmert sich mit den Jahren und mit den „Erfolgen in Versammlungen und vor Gericht. Die konservative und orthodoxe Presse hat nie ein Wort des Tadels gegen die Hetzer; man muß also annehmen, daß sie das gewissen- und vaterlandslose Treiben im Herzen billigt oder daß sie zu ängstlich ist, dagegen aufzutreten. Welche Strafe hätte wohl ein Katholik zu erwarten, der gegen

Ueber den Fußboden waren, schmale Durchgänge freilassend, Teppiche gebreitet und auf diesen hockten die Beter. Einige derselben rauchten gemüthlich ihre Wasserpfeifen, Andere schlürften ihren Thee, der ge­räuschlos servirt wurde, wieder Andere waren in eifrige Gespräche vertieft.

Im Mittelpunkte des Saales befand sich eine Gruppe, welche meine Aufmerksamkeit besonders fesselte: etwa 30 jugendliche Männer, augenscheinlich Kameel- treiber und Fellah, saßen, zwei Reihen bildend, nach morgenländischer Art am Boden und schlugen sich mit der geballten Faust unermüdlich an die entblößte, blut­unterlaufene, schweißbedeckte Brust. Einigen dieser Fana­tiker traten die Augen aus den Höhlen und Schaum vor den Mund. Plötzlich erscholl eine ohrenzerreißende Musik und mit festerem Takt hoben sich die sehnigen Arme der sich Geißelnden und fielen mit wuchtigem Schlage nieder.

Ein wilder, grauenerregender Anblick war es!

Geradezu betäubend wirkten die laute Musik, die strahlende Helle, die von fanatischem Feuer durch­glühten Mienen; doch sah man dazwischen auch manches Antlitz, welches mit unentwegter Ruhe um sich schaute. In einer Gebetpause trat Mostafa zu mir auf die Gallerie. Ich äußerte mein Befremden darüber, daß nur die der ärmsten Klasse Angehörenden sich der Geißelung unterzogen.

. Einige sind von den Reichen und Vornehmen

die evangelische Kirche und ihre Einrichtungen auch nur ein Zehntel der Schmähungen gerichtet hätte, die ein Thümmel und Genossen sich gegen die katholische Kirche fortgesetzt erlauben dürfen. In der konservativen Presse wird neuerdings so viel gesalbadert über den Kampf für Religion und Christenthum. Was soll man aber von dem Gerede halten, wenn man sieht, wie dieselbe Presse kein Wort des Tadels dafür hat, wenn protestantische Prediger eine christliche Kirche als vogel­frei behandeln und ihren Geifer auf sie loslassen ? Ehe die Herren uns Katholiken einladen, mit ihnen für Religion und Christenthum zu kämpfen, mögen sie einmal durch die That zeigen, daß sie auch unsere Religion und unser Christenthum geschützt wissen wol­len gegen die pöbelhaften Angriffe aus ihrem eigenen Lager.

* Mit Ausnahme der Vereinigten Staaten, die mehr zu Japan hinneigen, läßt sich immer deutlicher erkennen, daß die Großmächte nicht gewillt sind, eine Zertrümmerung China's zuzugeben. Die schließliche Liquidation des Krieges wird aller Wahrscheinlichkeit nach durch europäische Konferenz erfolgen, wie es den Japanern beim Beginn der Streitigkeiten bereits vor­hergesagt wurde. Deutschland und Amerika sind un­mittelbar nur in handelspolitischer Beziehung bei dem Kriege interessirt, während Rußland, England und Frankreich als Nachbarn Interesse an der Sache haben. Diesen Mächten kann es nicht gleichgültig sein, zuzu­sehen, wie China in Stücke zerschlagen, und in Folge dessen Unruhe und Unsicherheit an den Grenzen ihrer eigenen Länder verbreitet wird. Fast alle größern chinesischen Handelsschiffe sind bereits unter fremde Flagge gestellt worden.

* Den ,Pol. Nachr.' zufolge sind die auf die Reform der Börse bezüglichen Vorlagen soweit vor­bereitet, daß die Vorlegung im Reichstage in der be­vorstehenden Session sicher erwartet werden könne. Die Grundzüge der Vorlagen seien im Reichsamt des Innern festgestellt und würden demnächst den Bundes­regierungen zugehen.

* In Sachen des Bierboykotts fand gestern eine vertrauliche Berathung zwischen Vertretern der Gast- wirthe, der Brauereien und der Sozialdemokratie statt, die sich hauptsächlich um den Arbeitsnachweis drehte. Am nächsten Samstag findet eine öffentliche Konferenz statt, in der möglicherweise eine Einigung über die Beendigung des Boykotts erfolgt.

* Aus Königsberg wird gemeldet: Die Huldigung der Ostpreußen für den Fürsten Bismarck soll nach dem neuerdings gefaßten Beschlüsse in einer Geld­sammlung zum Zwecke einer milden Stiftung bestehen, die dem Fürsten an seinem achtzigsten Geburtstage, dem 1. April kommenden Jahres, überreicht werden soll.

* Die Verwendung des Fahrrads im preußische» Heer hat sich nicht bewährt. Die bei den verschiedenen Armee-Korps damit gemachten Erfahrungen entsprechen dazu gedungen", belehrte mich Mostafa, „und bilden nun deren Stellvertreter. Doch ist diefe Geißelung erst die Vorstufe zu den anderen Kasteiungen, welche bei uns gebräuchlich sind. Es gibt Solche, die, um Allah wohlgefällig zu sein, sich mit Dolchen und Schwertern verwunden und alsdann in die klaffende Wunde ein brennendes Licht stecken. Hier in der Oase wird das Moharemfest durch einen großen Aufzug, der sich durch die Straßen bewegt, gefeiert."

Wieder fiel die Musik ein und die Geißelung, be­gleitet von frommen Gesängen, nahm ihren Fortgang.

Mir schwindelte förmlich, meine Augen brannten geblendet durch die Lichtfülle; es hielt mich nicht mehr länger und froh athmete ich auf, als ich mich wieder auf dem dunklen Hofraum befand und die kühle Nacht­lust mich umwehte. Welch' ein großer Unterschied zwischen den religiösen Festen meines Heimathlandes Tirol und diesen fanatischen Zeremonien in der Wüste!

Der eigenthümliche Anblick, den ich gehabt, hatte sich tief in mich eingeprägt und mit einem geheimen Schauder gedachte ich seiner.

Seit jenem Abende verflossen mehrere Tage, ohne daß ich meinen Freund Mostafa zu Gesicht bekam. Ich schweifte in der Umgebung El-Goleah's herum, beseelt von dem Wunsche, auch einen Blick in das Familien­leben der die ewigen Zelte bewohnenden Araber zu werfen — allein vergebens. Wenn ich anch oft unter dem Vorwande, Eier zu kaufen oder mich verirrt'zu haben,