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. Mittwoch, den 10. Oktober 1894. 21. Jahrgang

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mit UntechaU«»gs-Keilage „Sterne und Ktnmen". ________________

forderungen der Katholiken sind nirgends von den Konservativen unterstützt worden. Als der freikonser­vative Graf Hatzfeld Oberpräsident von Schlesien werden sollte, bekam die ,Kreuzztg.' wegen seines Katholizis­mus „Beklemmungen", und der „orthodoxe" .Reichs­bote' hat die läppischsten Gründe, um die Imparität zu rechtfertigen. Es ist eben eine alte Erfahrung: die fogen. gläubigen und positiven Protestanten stehen im Allgemeinen den Katholiken feindseliger gegenüber als ein überzeugter Liberaler. Wie die Liberalen jetzt meist sind, haben wir ja von beiden Seiten nicht viel Gutes zu erwarten, aber die Liberalen beeinflußt doch nur die Gleichgiltigkeit oder die Abneigung gegen jede Religion überhaupt, der gläubige Protestant aber hegt leicht eine persönliche Eifersucht und einen persönlichen Konkurrenzneid gegen die katholische Kirche; in ihm flammt der alte protestantische Haß gegen das „Papst- thum" viel heftiger, als in einem Liberalen. Wenn im Kultusministerium ein „Orthodoxer" Decernent in katholischen Angelegenheiten zu entscheiden hat, so werden wir im Allgemeinen mindestens nicht besser wegkommen, als wenn ein Liberaler entscheidet. Die Intoleranz, die man uns erweist, ist in praxi bei den „positiven" Protestanten. Wo findet man auch fana­tischeren Romhaß, als bei den sanften und sriedlieben- den orthodoxen Pastoren? So lange also die Konser­vativen sich nicht bequemen, den berechtigten Wünschen der Katholiken gegenüber auch einmal ihr vielgerühmtes Christenthum zu beweisen, können sie nicht verlangen, daß das Centrum um ein Bündniß mit ihnen buhlt. Wie alle anderen Leute auch muß es seinen Vortheil dort wahrnehmen, wo er sich ihm ohne Opfer an seinen Grundsätzen bietet. Wir dürfen uns dagegen gesichert halten, daß nicht eine Hurrahmehrheit überflüssige Steuern und andere bedenkliche Sachen beschließt.

(*) Der Fall Forbes, den wir bisher nicht erwähnt, weil wir überzeugt waren, daß die von den liberalen und katholikenfeindlichen Blättern gegen die Alexi- anerbrüder in Mariaberg bei Aachen eifrig ver­breiteten schweren Beschuldigungen sich als ebenso große Verleumdungen Herausstellen werden, hat vor Gericht seine Erledigung gefunden und unsere Ansicht vollauf bestätigt. Die gerichtlichen Verhandlungen haben die völlige Schuldlosigkeit der obigen Kongregation und ihre ganz korrekte Handlungsweise ergeben, dagegen erwiesen, daß Forbes ein Gewohnheitstrinker und geistes­krank sei, wie es seine vorgesetzte geistliche Behörde von ihm ansgesagt. Die Schauergeschichte von gewalt­samer Jnternirung eines geistig vollständig gesunden Geistlichen, die so schön Gelegenheit ge­boten, den katholischen Orden „Eins zu versetzen" und von der genannten Presse zu einer Staats-Aktion auf­gebauscht worden war, hat sich also wieder einmal als Seifenblase erwiesen, und werden nun diese „Organe der Wahrheitsliebe und Gerechtigkeit" gewiß nichts

Den Kindern der Muadhi wird schon in der srühesten Jugend der Christenhaß eingeschärft, da man dieselben irrthümlicher Weise als die Bedrücker ihrer Freiheit betrachtet. Dieser Tribus, wie schon bereits bemerkt, nimmt jedoch nur während der heißesten Zeit Besitz vom Schloß El-Goleah. Nach dem Pflücken der Datteln, von denen die Oase ungefähr 6000 Bäume besitzt und nach Abführung der noch anderen diversen Früchten in die Schloßkeller zerstreuen sie stch in der ungeheuren Wüste Sahara, woselbst sie von der Gazellen-, Antilopen- und Muflon- (Art Hirschkuhs- Jagd, sowie von der Milch ihrer Kameele sich er­nähren. Dieses zwar rauhe jedoch unabhängige Leben würde der Muadhi unter keinem Umstand selbst mit dem noch so gut situirten Bürger oder anderen No­maden Nord-Algeriens vertauschen.

Von frühester Kindheit an, an alle Mängel, Ent­behrungen und Strapazen gewöhnt, nahm im be­ständigen Kampfe mit den Elementen der Muadhi- Araber einen unabhängigen, harten und wildenCharakter an, der beim Zusammentreffen mit ihm auf den Europäer einen gewissen beängstigenden Eindruck her­vorbringt.

Als unermüdliche Reiter besitzen sie außer ihren herrlichen schlanken arabischen Pferden, bewunderungs- werthe „Mehara" (zum schnellen Laufen eigens dressirte Dromedare) mit denen sie Proben von unübertreff­barer Schnelligkeit und Ausdauer ablegen.

Hiervon nur einBeispiel von einem gewissen Chaamba-

Eiligeres zu thun haben, als ihren Jrrthum emzuge- tehen und das Unrecht, das sie einem geachteten Institute gethan, wieder gut zu machen durch Wider­ruf!? „Ach, es wär' zu schön gewesen, aber ach, es hat nicht sollen sein!"

* Der ältere Jahrgang der Oberfeuerwerkerschnle ist von der zuständigen Behörde zunächst aufgehoben worden. Diese Anordnung ist von dem Gesichtspunkte aus getroffen, daß die in Magdeburg inhaftirten Schüler wahrscheinlich größtentheils zunächst zu ihren Regimen­tern zurückgeschickt werden, da es nicht angeht, mit den einzelnen zur Entlassung gelangenden den Unterricht sofort wieder aufzunehmen.

* Die zwischen England, Deutschland und den übrigen Mächten zur Zeit schwebenden Unterhandlungen über gemeinsame Maßregeln zum Schutze ihrer Unter« thanen in China lassen ein baldiges Einvernehmen er­warten. . i ,

* Auf dem bevorstehenden Parteitage der Sozial­demokratie in Frankfurt a. M. soll über die fünf bayerifchen sozialdemokratischen Landtags-Abgeordneten zu Gericht gesessen werden, weil sie es sich haben bei­kommen lassen, sür den bayerischen Gesammt-Etat zu stimmen. Die „Genossen" vonBerlin, Halle, Dresden- Neustadt re. erblicken darin einen Verstoß gegen das Prinzip der Partei und sie haben ihre Delegirten beauftragt, in Frankfurt diesen „unerhörten Vorgang" zur Sprache zu bringen und den Parteitag zu ersuchen, „ähnlichen Vorkommnissen für die Zukunft vorzubeugen". Der Delegirte des 5. Berliner Reichstags-Wahlkreises wurde sogar beauftragt, dem Abg. v. Vollmar und seinen Landtags-Kollegen in Frankfurt „ganz energisch die Wahrheit zu sagen".

* Der fünfte Parteitag der «orddeutscheu Demo­kraten hat gestern, 32 Mann stark, in Berlin getagt. In der Debatte mußte man den Rückgang der nord­deutschen Demokraten zugeben, ermattete aber den gänz­lichen Fall der freifinnigen Volkspattei und damit eine neue Aera der norddeutschen Demokraten.

* Morgen (Dienstag) sind es 20 Jahre, daß durch den in Bern abgeschlossenen allgemeinen Postvettrag der Grund zum Weltpostverein gelegt wurde. Gegen­wärtig umfaßt der Verein ein Gesammtpostgebtet von gegen 98'/» Millionen Quadratkilometer mit über einer Milliarde Bewohner. Sämmtliche Kulturvölker der Welt mit eigenem Postwesen sind aufgenommen mit Ausnahme der Kap-Kolonie nebst Britisch-Betschuana- land und des Orange-Freistaates. Die Kap-Kolonie tritt aber am 1. Januar k. I. bei und es ist zweifellos, daß die beiden anderen Länder alsbald folgen werden. Um eine Vorstellung von dem Verkehrsaufschwung, bei welchem der Einfluß der Weltposteinrichtungen wesent­lich mit betheiligt ist, zu geben, theilt das Reichspost­amt mit, mögen folgende Zahlen erwähnt werden. Der gesammte Postverkehr, welcher für das Jahr 1873 Bii-Haus-be HaudH. Derselbe" befand sich bei erneut feiner Glaubensgenossen auf Besuch in Ksar-el-Arab (Route von Jn-Saleh), als er erfuhr, daß sich cm von der allen Jslamiten geheiligten Prophetenstadt Mekka in Arabien gekommener Pilger sich auf Besuch zu Fareß-Um-el-Lil, 75 Kilometer von Ksar-el-Arab aufhielt. Nach dieser vernommenen Nachricht sattelte er sofort seinen Mehari und ritt an einem Freitag gegen 10 Uhr Vormittag ab. Noch an demselben Abend stieß er auf die ihm als Wüstensohn nur zu bekannten Spuren eines Kameels, das nach seiner An­sicht kein anderes als das des Pilgers sein konnte. Allein nach kurzer Folgung der Spuren wichen diese gar bald von der erst angegebenen Richtung ab und birigirten sich gegen El-Goleah woselbst er Dienstag Morgens ankam. .

Somit le'gte er in 96 Stunden eine Strecke von 475 Kilometer mit ein und demselben Mehari zurück- Ich glaube, daß bis heute nicht viele derartige Spott­stücke unter den beschriebenen Umständen ausgefühtt wurden und dieser wohl als der einzige in seinem Genre gewesen sein dürste. .

Als vorzüglicher Schütze ernährt der Muadhi feine Familie von erlegtem Wildpret. Als Führer leistet er Staunenswerthes, beim er kennt alle Pfade und Saumwege und orientirt sich vorzüglich in dem im­mensen Labyrinthe des Erg. Als abenteuerlustiger Plünderer wird er von seinen Nachbarn stets mit Ar­gusaugen beobachtet. So verlebt der Chaarnba-Muadht

Dtiiifdits Keich.

Berlin, 8. Oktober.

* Der Kaiser wohnt am kommenden Sonnabend in Friesack der Enthüllung des Denkmals Kurfürst Friebrichl. bei und kehrt bann nach Berlin zurück, von wo aus er an bemselben Tage Abends zum Besuche der Kaiserin Friedrich nach Friedrichshof abreist. Die Kaiserin kehrt von Hubertusstock bereits am Sonnabend Vormittag zurück.

* Wie verlautet, tritt der Kolonialrath am 18. b. M. zusammen. Es werden ihm die Etats der Schutzgebiete vorgelegt werden. Ferner soll über die Ausdehnung der Wörmannlinie bis Deutsch-Südwest­afrika, über telegraphische Verbindung des Schutz­gebiets mit Deutschland, den Ausbau der Swakop- Münduug und die Herstellung einer Eisenbahnlinie in Deutsch-Ostafrika berathen werden.

* Der ,Reichsanzeiger' veröffentlicht amtlich die Ab­berufung des deutschen Gesandten am Hofe zu Lissabon, Grafen zu Pray-Steinbnrg, behufs anberroeiter dienst­licher Verwendung.

* Gar eigenartig klingt es, wenn in einigen Blättern noch immer der Zusammenschluß aller staats­erhaltenden Elemente gepredigt wird. Man sehe sich doch nur die Wirklichkeit an! Noch niemals war die Parteizerfahrenheit ärger, als jetzt, wo seit Wochen die Friedensschalmeien geblasen werden. Nirgends ist auch nur der Ansatz eines „Kartells" zu bemerken. Daß Nationalliberale und Freikonservative allenfalls Liebeszeichen austauschten, will nicht viel sagen, denn diese beiden Parteien habe/ sich stets im Wesentlichen nur durch Namen, nicht durch Grundsätze unterschieden. Die Konservativen sind auf die ehemaligen Kartell­brüder links so aufsässig, wie nur je, besonders seit Hammacher verrathen hat, daß man Herrn v. Bennigsen gern auf den Reichskanzlerposten bringen möchte, so­bald den Konservativen die Entfernung des Grafen Caprivi gelungen ist. Die liberale Linke ist in sich zerfallen und steht mit keiner der übrigen Parteien gut. Das Centrum ist unabhängig von jeder Äündnißsessel wie immer. Wäre es den Konservativen wirklich um die Herbeiführung einer christlich-konservativen Politik, von der sie so viele und schöne Wotte machen, zu thun, und nicht um die Caprivi-Stürzerei und um die Sonder­interessen östlicher Großgrundbesitzer, so müßten sie Fühlung mit dem Centrum suchen. Statt dessen wird dies von ihnen abgestoßen und gelegentlich, wie bei der „Wahlreform", betrogen. Als das Centrum ihnen im Abgeordneteuhause die Kirchenvorlage rettete, bekam es einige „warmgefühlte" Dankesversprechungen. In der Praxis haben die Konservativen aber seine be- rechtigsten Wünsche nachher wie vorher ignorirt. Die Mehrheit für den Jesuitenantrag im Reichstage hat es sich auf der Linken suchen müssen. Die Paritäts- ßtimintnidfloj N-Golwh «.smkÄmhnw.

Bilder aus dem Süden Algier's von Theodor Habicher.

(1. Fortsetzung.)

Die Chaamba - Muadhi, welche die gegenwärtigen Schloß und Gartenbesitzer sind, wohnen beinahe immer in ihren aus Kameelhaaren gewebten Zelten auf den unermeßlichen Steppen, die sie als Nomaden durch­streifen und nur während der heißesten Sommermonate, sowie gegen Beginn des Monats Oktober halten sie sich in den kühlen Schloßräumen vorübergehend auf um gleich darauf wieder ihr unstätes Leben weiterzu- führen.

Die nur in geringer Zahl existirende dauerhaft an- säßige Bevölkerung besteht aus einigen Familien der Zenata Abkömmlinge von Gurara, und weniger vom Sklavenjoche befreiter Neger, deren Zustand äußerst miserabel ist. Am Fuße des Schloßhügels befinden sich einige von den dauerhaft ansässigen Arabern bewohnte Steinbaraken und mehrere Grabstätten.

Die gegenwärtige Bevölkerungszahl beläuft sich auf 1500 Einwohner. Die dominirende Rolle spielt der von den anderen Arabern sich abgesondernde Stamm der „Muadhi".

Dieser Tribus behielt bis zur heutigen Stunde feine primitiven Sitten bei und schloß ein Freund- schaftsbündniß auf Leben und Tod mit den benach­barten Gurara-, Tuat- und Tidikelter-Stämmeu.