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M 228 ' Freitag, den 5. Oktober 1894. 21. Jahrgang

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mit Unterhaitungs-Keilage „Sterne und Kimnen".

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Deutsches Reich.

Berlin, 3. Oktober.

* In der Ruhmeshalle zu Berlin findet am 17. Oktober d. I. die Nagelung von 132 für die vierten Bataillone bestimmten Fahnen und am 18. Oktober vor dem Denkmal Friedrich des Großen die Weihe derselben in besonders feierlicher Weise statt. Zu dieser Feier sind Einladungen an sämmtliche regierende deutsche Fürsten ergangen, insoweit dieselben nicht selbständig den Truppen Fahnen zu verleihen berech­tigt sind. Die Fürsten werden theils im Neuen Palais, theils im Stadtschloß zu Potsdam Wohnung nehinen. Auch der König von Serbien, der am 17.. Oktober hier eintrifft, wird der Feier beiwohnen. Nach der Fahnenweihe findet im Marmorpalais des Neuen Palais große Galatafel statt.

* Mit dem Fallen des Laubes und der herbstlichen Kühle wird es ans dem Gebiete der hohen Politik in allen Staaten allgemach lebhafter. Die Parlamente rüsten sich zur Wiederaufnahme ihrer Berathungen, die Regierungen bereiten die Vorlagen vor und die öffent­liche Meinung beginnt sich mit den politischen Vor- ^uitgen eingehender zu beschäftigen. Jnteresfant ist, daß jetzt im deutschen Reiche von officiöser Seite gegen das allgemeine direkte Wahlrecht zu Felde gezogen wird, dessen Beseitigung gewissen Kreisen erwünscht zu sein scheint. Allein im gegenwärtigen Reichstage ist dafür keine Majorität zu finden. Das Centrum hält am allgemeinen Wahlrechte fest.

* Regierungspräsident Prinz Handjery in Liegnitz hat seinen Abschied eingereicht. Er galt für den An­wärter auf das nun durch Hatzfeld besetzte Ober- prüsidium.

* Die Verhaftung der 180 Unteroffiziere der Ober­feuerwerkerschule erregte im Jnlande und noch mehr im Auslande großes Aufsehen. Es scheint sich aber in der That nur um Disziplinarvergehen einer An­zahl sich als Studenten fühlender und deshalb die Strammheit der militärischen Unterordnung etwas ver­gessender Unteroffiziere zu handeln. Der Ruf: „Es lebe die Anarchie!" hat wohl nur dieselbe Bedeutung, wie die übrigen Kundgebungen des Uebermuthes. An eine anarchistische Verschwörung und Aehnliches ist schwerlich zu denken. Wir halten auch das bloße Dis­ziplinarvergehen in diesem Umfange für bedenklich genug.

Fall rntfr Rettung.

Erzählung von F. 3E. Hoermann.

(16. Fortsetzung.)

Sie trieb den Kahn an's Ufer und stieg den schattigen Weg zur Villa empor. In der Laube des Gartens saß die Mutter und las in einem Buche. Das Mädchen legte zwei Wasserrosen auf den Tisch, und da blickte die ältere Dame auf und sprach; „Morgen sind es bereits vier Monate, daß der Vater gestorben ist. Wie rasch die Zeit vergeht!"

„Wohl, die Zeit vergeht", entgegnete das Mädchen, „doch das Leid bleibt. Uns tröstet Niemand in der Einsamkeit unseres Schmerzes."

„Die Zeit wird mildernd einwirken."

„Mildernd, Mutter? Ich fühle nichts davon."

Die Mutter antwortete nichts, und man sah, wie sie eine Thräne mühsam verbarg. Eine Amsel flötete im Garten, wie Klagegesang um verlorenes Glück und verlorene Liebe tönte es durch die Zweige.

Nach einer Pause begann die Mutter wieder: „Morgen Mittag werden die Lehrer der Mittelschulen in Arztheim mit ihren Abiturienten einen Ausflug nach Friedensgrün machen. Die Kellerhalle des Hirschbräu's wird bereits geziert."

Das Mädchen schien die Worte kaum zu hören, es war wieder in träumerische Gedanken versunken. Erst als die Magd des Hauses erschien und das fertige

Daß in unserer wohldisziplinirten Armee so etwas Vorkommen könne, daß namentlich Unteroffiziere sich soweit vergessen könnten, hat sich wohl mancher nicht träumen lassen. Man möchte fast ernstlich zu zweifeln anfangen, ob denn die Armee noch so unbedingt die Stütze der Ordnung ist, für die man sie so gern, und sogar oft sie allein, ausgiebt. Daß die Unteroffiziere zu mehreren Hunderten unter sich waren, erklärt ja auch Manches; vertheilt in der Armee würden sie sich solche Dinge schwerlich herausgenommen haben. Andererseits ist es selbstverständlich, daß die Armee von dem Geiste der Sozialdemokratie nicht ganz unberührt bleiben kann. Bei der Auswahl der Unteroffiziere hat man Furcht genug, Sozialdemokraten mitzubekommen. Daß man wegen eines Disziplinarvergehens zu einem so auf­sehenerregenden und ungewöhnlichen Mittel der Ver­haftung von 180 Mann gegriffen hat, giebt dem Er- eigniß einen besonderen Anstrich, demgegenüber die Ver­suche, es als harmlos darzustellen nur schwer aufkommen können. Man schießt doch sonst nicht mit Kanonen nach Spatzen Zuerst scheint man übrigens eine ganz ungewöhnliche Nachsicht beobachtet zu haben. Diese wird zur Vergrößerung der Ausschreitungen wohl ihr Theil mitgewirkt haben. Vielleicht war auch die Un­zufriedenheit der Unteroffiziere nicht ganz grundlos; nach einer Meldung soll die Hauptveranlassung zu den Vorkommnissen in der Verpflegung durch den Oekonomen liegen. Wie die Sache sich auch verhält, zu denken gibt der Vorfall. Es wankt Manches und es ist etwas faul.

* Der „Retter!" Auf dem uationalliberalen Par­teitag hielt der Abg. Dr. Hammacher auf den ab­wesenden Herrn v. Bennigsen eine sonderbare Rede. Herr v. Bennigsen, so sagte der Redner, sei für die Sache der nationalliberalen Partei nicht verloren. Er werde zurückgehalten durch seine amtliche Stellung, durch die Rücksichten, die er seinem Könige und dem Amte schulde. Seine altern Freunde seien überzeugt, daß er richtig handele; denn nur so bewahre er sich für die künftige Entwickelung unseres Vaterlandes auf. „Er ist, so Gott will, noch ein Mal berufen, der Retter unseres Vaterlandes zu werden in den ernsten, kritischen Zeiten, denen wir entgegengehen." Danach scheint also Herr v. Bennigsen für die Nationalliberalen der kommende Mann zu sein; es gilt nur noch, den Grafen Caprivi zu stürzen. Herr v. Bennigsen wird dann auch wohl alles besser machen, was die Herren an der jetzigen Regierung zu tadeln hatten.

* Zur Begutachtung der Grundzüge eines Gesetz­entwurfs zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs ist heute die hierfür eingesetzte Sachverständigen-Kom- mission im Reichsamt des Innern zusammengetreten.

* Zum Thümmel'scheu Prozeß, der am 6. d. M. vor der Breslauer Strafkammer zur Verhandlung kommt, äußert sich eine, offenbar dem Evangelischen Bunde angehörige theologische Stimme wie folgt: „In Abendessen meldete, blickte es empor und trat mit der Blutter in's Haus.

Am anderen Tage war in Friedensgrün frohes Leben; Gesang und Musik hallten zur einsamen Villa hinauf. Auf der Hirschbräuhalle flatterten bunte Wimpel und in der Halle selbst mischten sich die Lehrer unter die geschmückten Abiturienten.

Während Nachmittags die frohe Schaar einen Spaziergang auf die Friedenshöhe antrat, wanderte der jüngste der Lehrer allein nach dem nahen See. Er ließ sich auf einer Bank an der Schiffshütte nieder und schaute sinnend in die blaue Fluth. „Die Gegend", dachte er, „ist ein Spiegelbild meiner Heimat: die­selben sanften Höhenzüge, dieselben Wälder und schmucken Orte, der blaue See und der murmelnde Bach. Welches schöne Gemälde bietet das Leben in diesem Lande gegenüber dem, welches ich früher ge­schaut habe. Keine Fabrikschlöte stören den Eindruck des harmonischen Bildes, kein schwarzer Dunst lagert über der Erde. Ich könnte glücklich sein, wenn die Natur allein glücklich machen würde. Doch ich suche umsonst das Ziel meiner Wünsche. Ewige Wehmuth nagt am Herzen, eine ewige Frage bewegt meine Ge­danken."

Er stand auf, untersuchte den vor ihm liegenden Kahn und fand, daß er mit einer Kette und Hänge­schloß befestigt war. Plötzlich hörte er hinter sich einen leichten Schritt und wollte sich schon in das Busch­

lebhafterer Spannung, als es nach Außen hin scheinen mag, sehen die evangelischen Kreise der Stadt Breslau dem am 6. Oktober er. stattfindenden Religionsprozeß gegen den Pfarrer Thümmel aus Remscheid eutgegen. Namentlich die sogenannten kleinen Leute haben die Thümmel'sche Schrift mit Eifer gelesen und kolportirt. Diese Leute können es nicht fassen, weshalb „die Re­gierung" gegen diese Schrift Anklage erhoben hat, die doch nichts Anderes lehre, als-das, was sie imUnterricht gelernt hätten undwassie sonntäglich in der Predigt hören könnten." Das unver—frorene Geständniß, das im letzten Satze ausgesprochen ist, bekundet also unumwunden, daß nach Art des Thümmel'schen Vortrages „Ueber konfessionellen Frieden" der Unterricht ertheilt und sonn­täglich gepredigt wird! Weiter heißt es: „Der neueste Religionsprozeß wird als eine Kraftprobe der katholischen Kirche gegen die evangelische Kirche be­trachtet. (Von wem denn?) Diese Kraftprobe — mag Pfarrer Thümmel verurtheilt werden oder nicht — wird mit einer Schädigung der staatsanwaltlichen Autorität endigen. Aeußere Macht ist religiösen Trieb­kräften gegenüber bald ohnmächtig . . . ." Als aber in den Zeiten des Kulturkampfes zahlreiche katho­lische Priester lediglich deshalb, weil sie ihre Priesterpflichten ausübten, gerichtlich verurtheilt wurden, hatten die Herren, die jetzt dem „Bunde" angehören, damals auch eine Schädigung der staatsanwaltlichen Autorität darin erblickt? Und doch handelte es sich damals nicht um religiöse Ver­hetzen — Oder liegt es etwa im Predigeramte des p. Thümmel, nach Breslau zu kommen und seinen Haß gegen die „Päpstlinge" in schnöder Weise offenbaren zu müssen und das noch dazu in einer öffentlichen Versammlung bei Behandlung des Themas: „Konfessioneller Friede"?--

Zum Schluß heißt es in jener „Stimme": „Wir wissen, daß preußische Staatsanwaltschaften ihr Amt unparteiisch zu führen pflegen." — Wozu wohl die Erwähnung dieser selbstverständlichen Rechtlichkeitsforderung? Oder wittert man etwa schon eine Verurtheilung Thümmels? Diesen Fall angenommen, würde er ja nur eine Be­stätigung der Unparteilichkeit sein und Thümmel könnte sich zum Tröste nur das bekannte „suum cuique“ zu­rufen !

* Zur Beherzigung für die Gustav-Adolph-Ber- ehrer. Bei einer Reise in Schweden besuchte der alte Wrangel den Stammsitz seines Geschlechtes, Skaekloster, dessen Herrin ihm auch die dort verwahrten Kunst­schätze zeigte. „Allens gestohlen", soll der alte Feld­marschall in soldatischer Offenheit seinen Begleitern zu­geraunt haben. In der That sind viele der in schwe­dischen Schlössern sich vorfindenden Knnstsachen durch die Schweden während des dreißigjährigen Krieges geraubt worden. In der französischen Geschichte (z. B. Historie de France, par Magin), welche in den fran- werk zurückziehen, doch es war zu spät. Er schaute empor und hatte Mühe, einen Ruf der Ueberraschung zu unterdrücken. e

„Bertha!"

„Herr Walther!"

Die Tochter des verstorbenen Arztes stand schwarz gekleidet vor Walther, das Antlitz mit glühendem Roth übergossen. Ihr Gegenüber wollte reden, brachte aber lange kein Wort hervor. Freudig und verlegen zugleich schaute Auge in Auge, und die alte Liebe leuchtete hell auf.

„Also hier, Fräulein Bertha, in diesem fernen Orte finden wir uns wieder", begann er endlich. „Wo ist ihre Frau Mgtter?"

„Dort oben in der Villa. Kommen Sie rafch, in unferm Hause wollen wir uns alles erzählen. Wie froh sind wir, Sie wiederzusehen!"

Walther stieg in freudiger Aufregung mit Fräulein Harach den schattigen Höhenweg empor. Glück und Hoffnung bewegten feine Brust, und es war ihm, als ob die Natur feine Freude mitempfinde, als ob jeder Laut des Waldes ein Wiederhall seines inneren Jubels fei. Bald war die Villa erreicht, und im einfachen, aber geschmackvollen Wohnzimmer empfing Frau Hargch überrascht den Ingenieur. Nachdem das erste Wieder­sehen vorüber war, erzählte letzterer seine Wiederan­kunft in Lobau nach dem Begräbnisse seiner Mutter und schilderte den erschütternden Eindruck beim Anblick