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M 227 Donm-rstaq, den 4. Oktober 1894. 21. Jahrgang

FuldaerMZeitniii;

mit UrrterhaLtungs-Kettage „Kterne «nd KLumen".

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8. Die Zigeunerplage.

In Zeitungen, Zeitschriften, Broschüren, Büchern, Ministerien und sogar im hohen Bundesrathe führt man sehr ernstgemeinte Erörterungen darüber, ob es sich mit der Sicherheit des Reiches vertrage, die paar Jesuiten in das mächtigste Staatensystem des Erd­kreises einzulassen. So manches, was in früheren Zeiten mit feierlicher Würde behandelt wurde, kommt uns jetzt kindisch vor, wir denken daran mit Lächeln und Achselzucken — wenn eine weitere Reihe von Jahren oder Jahrzehnten vergangen sein wird, dürste sicher die offizielle und inosfizielle Jesuitenfurcht auch in diese Gattung der Sonderbarkeiten eingereiht werden.

Aber was hat das mit dem obigen Thema zu thun? Aeußerlich gar nichts, innerlich sehr viel. Muth- volle Männerseelen überläuft eine Gänsehaut, wenn sie an die Möglichkeit der Rückkehr der Jesuiten denken, die doch nichts wollen und sinnen, als die Ehre Gottes und das Wohl der Menschen. Aber ein interna­tionales Gesindel, welches ziemlich alle Laster an sich hat, macht sich in fast allen Gauen unseres Vaterlandes breit, und keine Hand rührt sich ernstlich, demselben wirksamen Einhalt zu thun — die Z i g e u n e r.

Wenn sonst Jemand sich kein Obdach verschafft hat, kommt er zunächst ins „Speckkämmerchen", wo es keinen Speck gibt, sodann vor die Schöffen — für die Zigeuner gilt das faktisch nicht. Sie schlagen ihr Obdach auf dem Grund und Boden eines Beliebigen auf, lassen ihr Vieh weiden, wo sie Weide finden, ist es nicht bei Tage, dann bei Nacht. — Jeder muß sonst ehr­lichen Erwerb nachweisen; dem Zigeuner fällt das nicht ein; die Kinder betteln, die Weiber wahrsagen, die Männer betreiben zum Scheine ein Handwerk, aber das wahre Handwerk aller ist dasjenige, bei dem „krumme Finger" gemacht werden müssen. Wo eine Zigeunerbande einfällt, namentlich wenn es auf dem platten Lande ist, kann nur Jeder seine Sachen hüten, und nicht bloß diese, sondern auch seine kleinen Kinder. Namentlich aus der letzten Zeit sind so viele Beweise vorhanden, daß diese verwünschte Gesell­schaft vor dem Menschenraube nicht zurückschreckt, daß ein Zweifel an dieser Thatsache auch behördlicherseits wohl kaum mehr möglich sein dürfte. Ebensowenig verschmäht der Zigeuner die Gewaltthat, wo er in der Uebermacht zu sein glaubt; wenn dennoch selten Meld­ungen über solche Thaten seitens der Zigeuner kommen, so rührt dies daher, daß auf dem Lande der wehrlose Bauer den braunen, unheimlich wild blickenden Ge­sellen meistens einfach gibt, was sie verlangen, um sich so nur von dieser Brut loszukaufen.

Wie eine Zigeunerhorde sich präsentirt, wird wohl Jedermann aus Erfahrung wissen. Die Kerle mit der unvermeidlichen Pfeife im Munde tragen vollendete Galgengesichter zur Schau, in ihrer Kleidung sind sie

Fall und Rettung.

Erzählung von F. 3E. Hoermann.

(15. Fortsetzung.)

Schweigend nahm Walther seinen Platz auf dem Sopha ein. Dellroth schilderte ihm den Aufruhr in Lobau; den Anlaß dazu gab die Entlassung von zehn Arbeitern, welche als gewählte Abordnung dem Fabrik­vorstande, sowie den Behörden ihre Beschwerden und Wünsche vorgetragen hatten. Einen halben Tag lang war die gesammte Bevölkerung Lobau's in den Händen der Feiernden, bis Abends eine Militär-Abtheilung aus der nächsten Garnisonsstadt eintraf. Die Zerstörung der Fabrikgebäude und Wohnhäuser geschah mit einer großen Erbitterung. Erst als das anrückende Militär mit gefällten Bajonetten vorging, stob die Menge aus­einander.

„So entschieden man den Aufruhr verurtheilen muß," fügte der Stadtpfarrer hinzu, „so dürfen wir doch nicht vergessen, daß die erste Ursache dazu ihren Grund in der Rücksichtslosigkeit und Ausbeutung der Uuternchmer, in der Hartherzigkeit des Kapitalismus lag. Man sagte, Dr. Harach sei als Opfer feines Berufes bei der Hilfeleistung für die Verunglückten gefallen, doch ich glaube das nicht. Ich möchte viel­mehr annehmen, er sei ein Opfer der Abneigung der Arbeiterschaft geworden. Er hatte sich zu sehr auf die Seite der Fabrik-Direktoren und Aktionäre gestellt und war zu sehr für die unbeschränkte Freiheit des Kapitals

zerlumpt, aber in der Regel noch nicht so sehr wie die Weiber und Kinder. Die Frauenzimmer, entweder abschreckend häßlich, oder, wenn sie noch sehr jung sind, mit einem Anfluge orientalischer Schönheit, geben auf die dem Weibe geziemende schickliche Bekleidung ihres Körpers gar nichts; in ihrem ganzen Aeußern sind sie wandelnde Aergernisse, anstößig für Jedermann, der noch sittliches Gefühl in sich hat. Die Kinder laufen fast oder ganz unbekleidet einher, höchstens sind sie in Lumpen oder Kleidungsstücke gehüllt, welche den «tementarsten Anstandsregeln nach europäischen Begriffen nicht im Geringsten genügen können.

Wenn man die Schilderung einer Zigeunerbande vor einigen Jahrhunderten liest, so muthet Einen die­selbe an, als ob sie aus der Gegenwart heraus ge­schrieben sei; die Rasse hat ihre Eigenthümlichkeiten und ihre Eigenschaften behalten, nur find leider die letzteren ausnahmslos schlechter Art. Bettelnd durch­ziehen die Banden die Gegenden; in ihrem Aeußern machen sie den Eindruck der bittersten Armuth, aber wenn einmal eine Behörde mit ernster Hand eingreift und eine Kaution verlangt, dann hat die Gesellschaft Geld genug; das System, umsonst zu kaufen, erweist sich bei ihr als materiell sehr lukrativ.

Vor einer Reihe von Jahren hieß es, man wolle dem Nomadenthume der Zigeuner ein Ende bereiten, indem jeder derselben sowohl Stand wie Wohnort haben müsse. Thatsächlich sind auch Verfügungen auf dem Verwaltungswege ergangen; die Zigeuner haben sich mit denselben abgefunden, d. h. 'sie haben die Ein­tragungen in die offiziellen Listen bewerkstelligt, die Bureaukratie befriedigt, damit war die Sache abge- than und Alles blieb beim Alten.

Der Kampf gegen das Zigeunerthum ist Jahr­hunderte alt und wurde oft genug mit recht drastischen Mitteln geführt. So war z. B. im Bisthum Pader­born den Zigeunern vor 1720 das Betreten des Ge­bietes verboten; wenn sie dennoch kamen, sollte den Weibsleuten ein Ohr und das Haar abgeschnitten werden, die Mannsleute sollten außerdem mit Ruthen gestrichen und gebrandmarkt werden. Unter dem 23. August 1720 erging ein Edikt des Landesherrn, daß ihnen nicht bloß eins, sondern beide Ohren abge­schnitten werden sollten, dann mußten sie Urfehde schwören, d. h. das Versprechen ablegen, sich im Lande nicht mehr sehen zu lassen; kamen sie dennoch wieder, so heißt ’e§ in einem Edikt vom 8. Oktober 1723, sollten die „Mannskerle am nächsten Galgen sofort aufgehenkt, die Weiber mit dem Schwert vom Leben zum Tode gerichtet werden." An den Landesgrenzen waren Pfähle aufgepflanzt, welche diese „Zigeuner­strafe" bildlich darstellten.

Wenn man mit Berücksichtigung der Gepflogen­heiten der damaligen Zeit die Berichte über die Zigeunerplage zu Rathe zieht, begreift man ein solches eingetreten. Ein religiös entschiedener Katholik war er, aber in sozialen Dingen liberal, ein Verfechter des Manchesterthums. Er hatte als Vorstand des katho­lischen Kasino's gewiß große Verdienste, allein er war ein Hemmniß für die so wichtige Behandlung der sozialen Frage in unserem Verein. Das Vertrauen der arbeitenden Welt fehlte ihm vor Allem. Doch er hat sich, wie betont, um die religiöse Sache sehr ver­dient gemacht. Friede seiner Äsche! Wo seine un­glückliche Familie jetzt ihren Wohnort hat, weiß ich nicht. Sie scheint einen Grund gehabt zu haben, ihren neuen Aufenthalt nicht anzugeben. Vielleicht weiß es ihr Vertreter, Advokat Gröll. Zu den trüben Mit­theilungen kann ich Ihnen aber auch eine erfreuliche berichten. Ich war gestern bei Herrn Rektor Schütz; Sie sind nach seinem Berichte fest angestellt und ich gratulire zu dieser Beförderung."

Walther dankte und ein schwacher Strahl der Freude glänzte in seinem Antlitze. Er erzählte von seinem Aufenthalte im Kloster Marienwall und von dem Ein­flüsse, den derselbe aus sein Leben geübt hatte. Für den Pfarrherrn war diese Mittheilung eine freudige Überraschung.

„Ich habe gewußt," sprach er, „daß eine edle Natur wie Sie sich nie auf die Dauer im ©trübet des Ver­gnügens wohl fühlen kann. Sie wird sich fort und fort ihrer besseren Vergangenheit erinnern und sehen, daß aller - äußere Glanz des Lebens nur ein bitterer Schein ist und daß nur ein lebendiges Christenthum

Vorgehen; es fällt uns keineswegs ein, dasselbe etwa zur Nachahmung empfehlen zu wollen; aber was wir verlangen müssen, ist, daß die vorhandenen Ge­setze über Seßhaftigkeit und redlichen Er­werb auch auf die Zigeunerbanden mit Ernst angewendet werden. Soweit deren Mitglieder nicht deutsche Reichsbürger sind, schaffe man sie schonungslos über die Grenze und halte sie fern, wir verlieren fürwahr nichts daran. Wenn sie aber Reichs­bürger sind und das vollwichtig aufweisen können — bei den wenigsten wird es der Fall sein — dann fordere man von ihnen mit aller Energie die Erfüllung der reichs- und staatsbürgerlichen Pflichten: fester Wohnsitz und fester Erwerb. Das jetzige Ab­schiebungs-System von einer Gemeinde zur andern, ist gänzlich unhaltbar, es befördert einfach das Nomadenthum und gibt den Banden die bequemste Entschuldigung für alles Mögliche. Wenn gewisse Leute im deutschen Reiche sich vor den Jesuiten fürchten, so mag deren wissenschaftliche und moralische Ueberlegen- heit ja vielleicht einen Grund abgeben, aber wenn man dem Diebs-, Vagabunden- und Nomadenthun der lumpigen Zigeuner nicht wirksam beikommen und das Land von dieser mehr und mehr überhandnehmmden Plage nicht befreien könnte, müßte es schlecht um unser eisengerüstetes Reich stehen!_____________________________

Deutsches Reich.

Berlin, 2. Oktober.

* lieber de» Katholizismus in Deutschland fällt der protestantifche Literarhistoriker Paulsen in der ,D. Liter. Ztg.' bei Gelegenheit einer Recension des Janffen'schen Geschichtswerkes ein bemerkenswerthes Urtheil. Er schreibt unter Anderem: „Vor 20 Jahren waren wohl manche der Ansicht, daß der Katholizis­mus in Deutschland nur noch ein Ueberrest der Vergangenheit sei, derim neuen Reiche bald in die allgemeine protestantisch-liberale Bildung aufgelöst sein werde. Dieser Täuschung sind wir inzwischen ledig geworden. Wir haben wieder gelernt mit der That­sache zu rechnen, daß der Katholizismus die Religion der einen Hälfte der deutsch redenden Menschheit ist. Wäre die Reformation ganz durchgedrungen, so hätten wir jetzt eine deutsche Nationalreligion und Reichskirche, ich weiß nicht, ob wir dabei nicht in eine gefährliche Nähe zu russischen Zuständen geriethen. Die religiöse Spaltung unseres Volkes, so viel Blut und Thränen sie gekostet hat, leistet uns wenigstens dies, daß sie uns alle Tage die große Wahrheit pre­digt, daß dieReligion nicht Sache des Staates ist, eine Predigt, die vermuthlich nur die harte und sehr deutliche Sprache der Thatsachen, stark genug ist, sich den Fürsten und ihren geistlichen und weltlichen Rathgebern vernehmlich zu machen". Zum Schluffe sie befriedigen kann. Sie sind wieder in's Vaterhaus zurückgekehrt und aus Dank für diese Rückkehr und Rettung müssen Sie jetzt etwas für die gute Sache leisten. Haben Sie früher nur der Welt gedient, fo weihen Sie jetzt ihre Kräfte und Fähigkeiten der großen Aufgabe unserer Kirche."

„Ich habe den festen Entschluß," sagte der Ingenieur, „auf dem sozialen Gebiete, besonders in der Arbeiter­frage, int Sinne des Christenthums weiter zu studieren für die soziale Gerechtigkeit und den sozialen Frieden."

Lange unterhielten sie sich noch und dunkle Nacht lagerte bereits über der Erde, als Walther aus dem Pfarrhause schied. Durch die hohen Glasfenster der Kirche schimmerte ein Strahl der ewigen Lampe, des Zeichens dex fortdauernden Liebe des Gottessohnes. Er ließ sich vor dem in der Vorhalle aufgestellten Kruzifix nieder und betete lange. Die Thurmuhr schlug die zehnte Stunde, als er weiterging und der Mond friedlich fein Licht niederstrahlte. Beim Heimgange reifte in ihm der feste Entschluß, Lobau so bald als möglich zu verlassen und am nächsten Tage bereits um Versetzung zu bitten.

Das that er denn auch und alles fteundliche Zu­reden war nutzlos. Dr. Schütz hörte mit Bedauern den Entschluß, wenn er auch die Gründe wohl begriff. Er berührte auch die Versetzung Leichtrnann's, welche wegen der Schuldisziplin erfolgt fei.

„Ich weiß, Herr Kollege," fuhr er fort, „daß Herr Leichtmann Ihnen die Meinung beigebracht hat, ich sei