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M 226 > Mittwoch, dm 3. Oktober 1894. 21. Jahrgang

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mit Unterhaltungs-Kettage „Sterne und KLurrren".

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Der allerneueste Kurs

wird mit fieberhafter Ungeduld von allen guten Freunden des Fürsten Bismarck rechts und links erwartet. Es ist einfach die Rückkehr zu der Bismarck'schen Politik, woran man bei den Reden von einer be­vorstehenden „Entscheidung", Krisis", „Klärung" denkt.

Der „neue Kurs" hat gerade zwei Jahre, vom 18. Mürz 1890 bis zum 18. März 1892, gedauert. Das Programm war aber klar uud unzweideutig: gründliche Sozial - Reform; christliche Schule; Ver- söhnnng statt Verhetzung der Parteien, Klassen und Nationalitäten; das Gute nehmen, wo es sich findet. Die große Mehrheit des Volkes begrüßte dies Pro- grainm mit Freuden und begleitete den neuen Kurs mit Vertrauen. Aber eben war die Parole ausge­geben: Hie Atheismus, hie Christenthum! als plötzlich links gesteuert wurde, weil man durch den Lärm der Liberalen über ihre Stärke sich täuschen ließ. Die Hoffnungen der Liberalen gingen zwar nicht in Er­füllung, da außer dem Falle des Schulgesetzes nichts für sie herauskam; aber die Steuerleute hatten die Sicherheit verloren.

Es kam die Politik des Fortwurstelns, bei der kein Mensch wußte: werden wir nun liberal oder konservativ regiert? Die Sozial - Reform ver­sumpfte, die Steuern wurden zwar reformirt, aber auch vergrößert, die Militärlast erhöht, die allgemeine Unzufriedenheit gewaltig vergrößert. Unzufrieden waren die Liberalen, weil die Wendung von 1892 ihre Er­wartungen getäuscht, die Konservativen und alle christ­lichen Elemente, weil man vor dem liberalen Ansturm zurückgewichen war, die Handwerker und kleinen Ge­werbetreibenden, weil ihre Klagen und Wünsche keine Beachtung fanden, die Arbeiter, weil die soziale Re­form-Arbeit stecken blieb, die Landwirthe, weil sie sich von der Handelsvertrags-Politik geschädigt glaubten und nichts zn ihrer Rettung aus der Nothlage ge­schah, alle, weil die Lasten gesteigert wurden. Daß überdies nut der Katastrophe vom 18. März bei der Regierung das Chaos hereingebrochen war, keine Ein­heit und Klarheit in den Zielen, keine Autorität, wohl aber geheime Machenschaften herrschten, wurde immer offenbarer, bis die Zustände zur Zeit der Entscheidung über den russischen Handelsvertrag geradezu ärgeruiß- erregend wurden. Niemand traute in Folge dessen mehr der Politik von heute auf morgen und jeder war jeden Augenblick auf eine neue Schwenkung gefaßt.

lieber zwei Jahre hat der „neueste Kurs" ge-

FaU Rettung.

Erzählung von F. 3E. Hoermann.

(14. Fortsetzung.)

Eine bange Besorgniß um die Familie Harach er­griff den Ingenieur. In der zerstörten Fabrik war ja Tr. Harach Fabrikarzt gewesen. Wenn demselben nun ein Unglück zugestoßeu wäre? Unruhig ging er in den Flecken Marienwall und sandte ein Telegramm nach Lobau. Die Nachmittagsstunden vergingen in banger Erwartung, es kam keine Antwort. So nahte gegen Abend die Stunde der Abreise und Trennung. Er ver­abschiedete sich in herzlicher Weise von den Patres und dem Prior, und sein Auge wurde feucht. Norbert be­gleitete ihn bis an die Klosterpforte, wünschte ihm Glück und Stärke für die kommenden Tage und empfahl sich rasch, um seine Bewegung zu verbergen. Die Klosterpforte schloß sich, und Walther war wieder allein.

Langsam trat er den Fußweg nach der Bahnstation an, die Bilder der vergangenen Tage überschauend. Von der Höhe des Hügels, wo er vor zwei Wochen zuerst das Kloster erschaut hatte, blickte er noch einmal zurück. Wolken und wechselnde Schatten zogen über das Land, Dächer und Wipfel glänzten in dem Strahle der Abendsonne, Schwalben schossen über die Flur,

dauert und nun spitzt sich nach Ansicht der alten Freunde Bismarck's, der stets so treulich bemüht war, durch gute Rathschläge den Regierungskarren in den Sumpf zu locken, alles zu einer neuen Schwenkung zu. Was „gegen den Umsturz" geplant wird, ist noch nicht klar erkennbar. Am besten waren in den letzten vier Jahren die Polen weggekommen. Wenn auch nicht alle ihre Wünsche erfüllt wurden, so behandelte man sie doch höflicher, machte ihnen auch kleine Zugeständnisse, wo­für sie sich dann auf Kosten des gejammten dentschenVolkes durch Bewilligung von neuen Soldaten und Schiffen dankbar zu erweisen suchten. Diese Polenpolitik war dem Fürsten Bismarck stets besonders verhaßt, und wenn es nach seiner und feines Anhanges hochge- schivellten Hoffnungen geht, stände endlich auch hierin eine Rückkehr zu feiner Praxis bevor. Fürst Bis­marck uud der Kaiser an der Spitze der Opposition gegen die Polen! klingt jetzt der Freudenruf durch die Lande.

Wenn so in den wichtigsten politischen Fragen vor dem Exkanzler pater peccavi bekannt werden sollte, so müßte natürlich auch in der Regierung ein gründ­licher Personenwechsel stattfinden. Während die Konservativen diesen sehnsüchtig herbeiwünschen, in der Ueberzeugung, daß Graf Caprivi als Sündenbock in die Wüste gehen müßte, ist den Liberalen vor der angekündigten „Enticheidung", wie man ans der ,Nat.- Ztg.' ersehen kann, doch etwas bange. Alan weiß ja nich:, wer auf Caprivi folgen würde und ob nicht am Ende auch Herr Dr. Miquel, so gut ihm die Kon­servativen sind, bei der Herausbildung einer „solidari­schen Regierung und Politik" über die Klinge springen müßte. Sicher ist, daß das Ansehen des neuen Kurses vollends in die Brüche ginge, wenn die er­wartete Schwenkung einträte. Denn sie wäre das Bekeuntuiß eines vollständigen Fiasko's. Mit tausend Masten ist man in den Oeeau der eigenen, neuen originalen, selbständigen Politik ans allen Gebieten hinausgesegelt; welch' ein Schauspiel für die Welt, wenn man nun still auf gerettetem Boot in den Hafen der Bismarck'schen Politik zurückkehren müßte!

Vorerst wollen wir iudeß, schreibt die ,Köln. V.- Ztg.h an die von Polen-Feinden und Caprivi-Stürzern prophezeite Krisis nicht glauben. Wir glauben nicht, daß die Rede des Kaisers in Thorn eine Wendung in der Polenpolitik ankündigt. Mit den gesetzgeberischen Maßregeln gegen den Umsturz, die sich der Reichs­kanzler' und die preußischen Minister gegenseitig zu­schieben wollen, läuft es möglicher Weise auch harm­loser ab, als es in der Presse aussieht, so daß auch hier eine Krisis vermieden wird. Klärung der Lage, Beendigung der Zerfahrenheit in der Politik, einheit­liche Leitung derselben im Reiche und in Preußen, wünschen auch wir dringend, und zwar im Sinne der Königsberger Kaiserrede. Dieser Wunsch hat aber wohl noch weniger Aussicht auf Erfüllung als der unserer Gegner.

Frühlingslüfte spielten in den Zweigen, und der Thurm der Klosterkirche schaute grüßend herüber. Mit einem letzten wehinüthigen Blick trat er rasch wieder die Wanderung an, und bald war das Kloster hinter dem Hügel verschwunden.

7. Ruinen.

Durch die Straßen von Lobau eilt ein etwa dreißig Jahre zählender Mann mit Koffer und Reiseansrüstung dem Bahnhofe zu. Das von einem leichten Vollbarte umrahmte Gesicht zeigt einen verdüsterten Ausdruck, die kleinen Augen irren unftät umher. Am Bahnhofe fährt bald der erwartete Zug ein, und der Abreisende schickt sich eben an, einzusteigen, als er einen Ruf der Uebcrraschung ausstößt und auf einen eben den Zug verlassenden jungen Herrn zueilt.

„Alois, bist Du endlich angekommen?" ruft er, die Hände schüttelnd. „Zur letzten Minute treffen wir uns noch."

„Zur letzten Minute» Leichtmann!" fragte Walther, „willst Du fort?"

„Ob ich will? Ich muß leider, denn der Schuft von einem Rektor muß mich bei der Schulbehörde ge­hörig angeschwärzt haben. Ich wurde, allerdings mit gleichen Gehaltsbezügen, nach Leinheim versetzt."

„So, nach Leinheim? Soll ein schönes Städtchen sein."

Deutsches Reich.

Berlin, 1. Oktober.

* Die bedenklichen Zeichen der Zeit mehren sich in auffallender Weise. Nun ist es hier sogar, wie schon gestern berichtet wurde, zu einer militärischen Meuterei gekommen, und zwar in einem Umfange, der im deutschen Heere bis dahin wohl für unmöglich gehalten wurde. Daß die äußere Veranlassung zu diesem ernsten Zwischenfalle ziemlich geringfügig ge­wesen zu sein scheint, ändert an dem peinlichen Ein­drücke desselben nichts, ja es erhöht diesen insofern, als man sich über die Leichtherzigkeit wundern muß, mit der die schlecht begründete Unzufriedenheit in offener Meuterei zum Ausbruch kam. Heber den Vor­fall selbst wird gemeldet:

In der Oberfeuerwerkerschule, Jnvalibeustraße 55a, werden Unteroffiziere aus der gesummten Armee, zumeist Leute, die bereits sechs bis acht Jabre gedient haben, zu Ober­feuerwerkern ausgebildet, und zwar in einem zwei Jahre dauernden Kursus. Mit Rücksicht darauf, daß die Schüler dieses Instituts zumeist ein größeres Maß von Bildung haben, wurae denselben seither in ihren außerdienstlichen Verhältnissen eine freiere Be­wegung gelassen, als dies sonst im miliiär.schen Leben üblich ist. Die Leute fanden sich zu einer Art studeniischer Verbind­ung zusammen, so zwar daß z. B. die Garde ein eigenes Korps bildete, ebenso die Marine und die verschiedenen Armeekorps, jedes dieser Korps hatte seinen Präsiden, und über allen stand ein Obrrpräside. Die Korps hielten Kommerse nach studentischer Art, gaben Bierzeitungen heraus, sangen allerhand Lieder, die von Mckgliedern gedichtet waren, und in denen die dienstlichen und außerdienstlichen Verhältnisse einer mehr ober minder scharfen Kritik unterzogen wurden. Im Aug.st y. I. war für die Hälfte der Mannschaft ein Kursus beendet, und es verblieben etwa 180 Mann, die erst ein Jahr,auf der Schule waren, und zu diesen kamen ungefähr ebenso viele neue Schüler hinzu. Gleichzeitig fand auch ein Wechsel in der Stelle des Komman­deurs statt. Der neue Kommandeur führte nun eine stramme Disziplin ein, die namentlich unter den älteren Mannschaften viel böses Blut machte, so daß es unter denselben schon seit einigen Wochen zu gähren begann. Unter Anderem waren sie auch mit dem Oekonomen der schule unzufrieden, sie boykot- tirten denselben daher und entnahmen von ihm nur, was sie vorschriftsmäßig entnehmen mußten; so speisten sie Mittags bei ihm, tranken aber nicht dazu, wie es früher der Hall war, bezogen das Bier vielmehr direkt von hiesigen Brauereien Am Sonnabend, in vorgerückter Nachmittagsstunde war aus irgend einem uns nicht näher bekannt gewordenen Anlaß der Unmuth der Mannschaft in so hohem Grade erregt worden, daß gegen den Kommandeur, der sich gerade auf dem Hose der Anstalt befand, laute Drohungen von den Mannschaftszimmern ausgestoßen wurden, an einem Fenster wurde auch der Ruf laut: „Hoch die Anarchie". Die gesummte Mannschaft wurde in golge dessen sofort konsignirt, und es wurde sofort eine genaue Durchsuchung der Wohnräume vorgenommen. Hierbei sollen nun eine Menge Lieder, Bierzeitungen u. dgl. vorgesunden sein, in denen der mißliebige neue Kommandeur in gröblichster Weise verhöhnt wird. — Von dem Vorgänge ist zunächst der hiesigen Kommandantur Meldung erstattet und von dort aus dem Kaiser nach Stemmten auf telegraphischem Wege Nachricht gegeben, der aus gleichem Wege sofort die Ordre hierher gelangen ließ, die renitenten Mannschaften nach Magdeburg in die Festung über- führen zu lassen. Zu diesem Zweck wurde gegen llJitt ter nacht das 2. Bataillon des in der Kaserne au der Rathen. Swaße liegenden 4. Garderegiments allarmirt. Nachdem das Bataillon angetreten war, wurde dasselbe mit scharfen Patronen versehen und dann nach der Oberfeuerwerkerschule geführt; dort wurden sämmt- liche Schüler des älteren Coetus, wie gesagt, etwa 180, von

„Ja, schönes Nest, schön zum Verzweifeln, soll statt Leinheim Alleinheim heißen! Keine Unterhaltung und kein Vergnügen. Gewohnt, im frohesten Gesellschafts­leben mich herumzutreiben, soll ich dort nichts als Waldluft kneipen und vielleicht auch ein Glas Bier dazu. Nein, das ist mir auf die Dauer unerträglich."

„Ich habe gefunden, daß ein ruhiges, abgeschlossenes Leben oft mehr Reiz und vor Allem mehr inneren Frieden bietet, als alle lärmende Unterhaltung der Welt, die man doch nie verläßt, ohne einen Stachel des Vorwurfs in sich herumzutragen."

„Aber Freund Alois, was ist mit Dir vorgegangen? Ich verstehe Dich nicht mehr."

„Das habe ich erwartet," antwortete Walther.

Leichtmann wollte weiter sprechen, doch der Portier gab das zweite Zeichen zur Abfahrt. „Lebe wohl," rief er noch, „Du besuchst mich einmal, dann sprechen wir über das Thema weiter. Adieu!"

„Wie geht es Harach's?" rief der Ingenieur dem Davoneilenden nach, doch die Worte verhallten im Lärm des Gedränges. Er athmete doch erleichtert auf. Das war eine Fügung des Himmels, fprach er zu sich, die mich durch Versetzung des Kollegen Leichtmann von der mir gefährlichsten Gesellfchaft befreite. Der erste Schritt in die Stadt war ein mir fegensvoller und glückverheißender, mögen es auch die ferneren sein!