M 225 Dienstag, den 2. Oktober 1894. 21. Jahrgang
mit Unterhattungs-Keilage „Sterne und Kinmen".
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* Es geht wieder hoch her in den Kreisen der „Duldsamkeit."
Zunächst sind es die Polen, welche ganz plötzlich wie aus der Pistole geschossen die gemeingefährlichsten Reichsfeinde geworden sind. Vor nicht langer Zeit waren noch die Anarchisten mit ihren Schnupf: abaks- dosen-Bomben auf der Tagesordnung. Und die für ein Kartell schwärmenden Edelbürger und Patentpatrioten erschauerten förmlich vor Wonne, daß nun endlich ihre Zeit gekommen sei. Aber auch dieses Schreckniß ging vorüber, ohne daß es den Vaterlandsrettern gelungen wäre, in Aktion zu treten. Das alte Zugmittel Kampf gegen Rom war abgenutzt. Die Zeit hatte durch nicht wegzuleugnende Thatsachen der Welt bewiesen, daß in China mehr Kenntniß über den Katholizismus verbreitet sei, als in gewissen reinprotestantischen Gegenden. Systematisch verhetzt, könnten diese unsere Mitbürger eben nicht anders, als jeden Katholiken für den leibhaftigen Gvttfeibeiuns zu halten. Die Reichstagsverhandlungen, die Reden gerecht denkender Protestanten haben vieles gebessert. Daß es indessen auch heute noch viel, viel — man verzeihe den Ausdruck — Fanatismus gibt, gerade in den „gebildeten" Kreisen, das wollen wir nachher an einem kleinen Beispiel erläutern.
Die Katholiken waren den Kartellbrüdern also zu mächtig, und im Lager der Moralgläubigen herrschte die schönste Verlegenheit. Rathlos sahen die guten Leute sich nach irgend einem vernünftig scheinenden „Karnikel" um; Unvernünftiges hatten sie schon im Ueberfluß versucht. Es wollte sich nichts, rein gar nichts finden, wodurch man bei der Regierung hätte Parade machen können, als „Wächter des Kapitells", als Vaterlandsretter; nichts wollte sich finden, um eine Einschränkung der Verfassung für die „Nichtpatrioten" zu empfehlen (wozu „natürlich" auck die Katholiken gehörten). Da im Moment der größten Verlegenheit steckt das Orakel von Varzin den Kopf zu seinem politischen Sprachfenster hinaus und hält eine rührende, eine rettende Rede an die bismarcksfromme Pilgerschaar aus Posen. Eine erneuerte, verbesserte Auflage ist auch bereits an Wallfahrer aus Westpreußen gehalten worden. Nun war keine Noth mehr. Ja, da hatte man wirklich nicht mehr daran gedacht. Wohl war fort und fort — aus alter Gewohnheit — den Polen immer noch eins aufgebrummt worden; aber daß man diese Polen zu einer Haupt- und Staatsaktion aus-
FaU und Kettung.
Erzählung von F. X. Hoermann.
(13. Fortsetzung.)
In das Zimmer des Kranken allein drang nicht dieser Jubelruf des Festes. Immer neue Fieberanfälle ergriffen ihn, und einen Pater, der den Kranken zum Empfang des Bußfakramentes mahnen wollte, wies er wiederholt mit stummem Kopfschütteln und entschiedener Handbcwegung zurück. Norbert litt sehr um ihn, und sandte seine flehenden Bitten für den Kranken, für dessen leibliches und geistiges Wohl, zum Throne des Allerhöchsten.
So waren die Osterglocken verhallt, die Festeschöre verklungen, doch für Walther hatten sie keine Genesung gebracht. Die heftigen Erfcheinungen seiner Krankheit kehrten immer wieder. Oft perlte kalter Schweiß von seiner Stirne, während sein Inneres wie Lava glühte. Selten kam ein Wort über seine Lippen, und stier blickte er oft stundenlang nach der Decke.
Endlich nahte die Krisis. An einem Nachmittage — es war der Vorabend des weißen Sonntages — traf Norbert den Kranken ruhig. Die Fieberhitze war seit Nachmittag gesunken, und mit einer Thräne im Auge flüsterte Walther plötzlich: „Lasse mir den Pater Corbinian kommen!"
schlachten könne, davon hatten die ehrlichen Kartellseelen nichts geträumt. Ja, ja.
„Was fein Verstand der Verständigen sieht,
Das erkennet in „Einsalt" eine kindlich — Genie."
Nun ist's geschehen. Das ahnungslose deutsche Volk sieht jetzt den geöffneten Vulkan der Polengefahr vor sich liegen. Die kartellfreudigen Pauken und Trompeten erklingen nun so laut zum Kampfe, daß auch sonst weniger politisch veranlagte Personen stutzig werden.
Zu Thorn deutete unser Kaiser in einer Rede an, daß die Polen in Thorn auf seine kaiserliche Huld nur dann rechnen könnten, wenn sie sich auch als preußische Bürger fühlen. Daraufhin haben alle polnischen Blätter ausnahmslos deutlich erklärt, daß die preußischen Polen in Wirklichkeit als Unterthanen Preußens dächten und handelten und ihrer Pflicht eingedenk seien. Die Polen müßten verleumdet worden sein, und die Erregung im polnischen Volke sei ungeheuer. Wir sind für unfern Theil fest überzeugt, daß diese offene frei- müthige Erklärung beim Kaiser kein verschlossenes Herz finden wird. Der schwere Vorwurf — gegen wen er sich richtet, weiß man ja noch nicht — es habe jemanden seinem kaiserlichen Herrn unrichtige Darstellungen über das Verhalten der Polen gemacht, dieser Vorwurf wird, das hoffen wir zuversichtlich, untersucht und aufgeklärt. Denn, beruhte dieser Gedanke auf Wahrheit, so hätten auch noch andere Leute in Preußen ein bedeutendes Interesse daran, etwas Näheres zu erfahren. Se. Majestät ist gerecht und hochherzig und er hat für seine Rede — ob vorbereitet oder nicht — seine guten Gründe gehabt. Da aber die Polen öffentlich im Reichstage ihre monarchische Gesinnung bekundeten und betonten, und da ein Volk für die That eines Einzelnen (wenn v. Koscielsky wirklich die ihm in den Mund gelegten Worte von Verbergung der wirklichen Gesinnung gesprochen hätte) nicht verantwortlich zu machen ist, so darf man — bis zu einer offiziellen Aufklärung — wohl annehmen, daß sich die Aeußerung Sr. Majestät aufBerichterstattung stützte. Darüber, wie und wo und von welcher Seite dieselbe erfolgt, zu grübeln, ist nicht angängig.
Wenn nun Jemand fragt, was uns die Polen angingen, dann sagen wir ihm, daß wir Katholiken am eigenen Leibe erfahren haben, was es heißt, von einer brutalen Mehrheit als Paria's, als Bürger II. Klasse, behandelt zu werden.
Gleich nach der furchtbaren „patriotischen" Entrüstung gegen die Polen kommt der deutsche ,Reichsanzeiger' und veröffentlicht die Aufforderung zur Verherrlichung Gustav Adolphs, des Verwüsters Deutschlands. Und die verschiedenen Adolphs-Vereinler und Bündler zeigen nicht übel Lust, den Geburtstag des Schweden — wie schade, daß es kein Pole war — mit dem üblichen „Takt" als deutsch-nationalen Festtag zu begehen. Mau scheint also den Gipfel der
„Wie Alois, Du willst Dich mit Deinem Gott wirklich versöhnen?"
„Ja, ich will!" lautete die feste Antwort.
„Und was hat die plötzliche Aenderung Deines Sinnes hervorgebracht?"
„Ich weiß es selbst nicht. Alle Schicksalsschläge und Leiden der letzten Wochen hätten mich dazu nicht bestimmen können. War es eine plötzliche Erleuchtung der Gnade, oder das Gebet meiner tobten Schwester und Mutter? Ein äußerlicher Umstand hat mich in meinem Entschlüsse noch bestärkt. Ich sah vorhin, als ich mich mühsam von meinem Kissen emporrichtete, hinaus durch das Fenster der Zelle. Da schaute ich die Kinder des Ortes, die Erstkommunikanten, mit Gebetbüchern zur Klosterkirche schreiten, um sich dort durch die Beicht auf den morgigen Tag vorzubereiteu. Da dachte auch ich zurück an meine erste heil. Kommunion, an jene Stunde des Lebens, wie sie so heilig und schön mir seitdem nie wieder erschienen ist. Weich und wehmüthig wurde es in meinem Innern, und die Thränen, die ersten wieder nach langen Jahren, flössen mir aus den Augen."
„So habe ich nicht umsonst gehofft und gebetet," sprach nun Norbert. „Ich werde Dir in wenigen Minuten den verlangten Beichtvater senden; lebe wohl bis morgen.
Der greise Pater Corbinian erschien nach kurzer Zeit und blieb lange im Krankengemache. Als er
Inkonsequenz, Charakterlosigkeit und „Duldsamkeit" noch nicht erstiegen zu haben. Wenn die protestantischen „Gefühle" von den Behörden so stark geschont werden, daß nicht einmal ein Professor einen sozialpolitischen Vortrag halten darf, weil dieser Professor Jesuit ist, dann fordern wir, daß man un s Deutsche mit diesem Gustav Adolph ungeschoren läßt. Die schwedischdeutschen Patentpatrioten haben nicht mehr Pflichten und daher nicht mehr Recht, als auch wir Deutschen haben. Das ist unsere glatte Ansicht.
Wir wollen den Herren, soivohl dem „Eisernen", als den Gustav Adölphleru, doch einen kleinen Hinweis geben. Sie haben wahrlich mehr zu thun, als gegen Polen und Rom zu eifern. Die freireligiöse Gemeinde zu Berlin hat ihren Nachwuchs jüngst „konfirmirt". Der „Apostel" dieser modernen „Sozialdemokraten der evangelischen Kirche", ein gewisser W ill e, behauptete: „Alle denkenden Köpfe, die nicht gerade durch die Autorität der Kirche ganz und gar vernagelt seien, huldigten der freireligiösen Weltanschauung. Weite Kreise der Gesellschaft seien für die Grundsätze der Dissidenten reif, besonders in der protestantischen Kirche. Entweder müsse diese Kirche „in das Schlepptau eines kulturfeindlichen Katholizismus" kommen, oder in freiheitlichen Sinne sich reformiren, d. h. dieselben Schritte thun, die vor 50 Jahren die freireligiöse Bewegung gethan habe." Dem Fürsten Bismarck sagten die Sozialdemokraten, daß der polnische Adel und die polnische Geistlichkeit den festesten Schutz gegen die Sozialdemokratie bildeten und den Gustav Adolph-Schwärmern sagen die „Freireligiösen", daß sie andere Dinge zu thun hätten, als den Verwüster Deutschlands zu feiern. Das genügt hoffentlich.
Deutsches Reich.
Berlin, 30. September.
* Der Kaiser bleibt bis Ende nächster Woche auf Jagdschloß Romiuten und begiebt sich dann nach Hu- bertusstock. Am 12. oder 13. Oktober trifft der Kaiser wieder im Neuen Palais bei Potsdam ein.
* Im ,Staatsanz.' wird die Ernennung des Fürsten v. Hatzfeldt-Trachenbcrg zum Oberpräsidenten der Provinz Schlesien heute amtlich veröffentlicht.
* „Die polnische Fahne" hat in den letzten Tagen bei den Erörterungen zur Polenhetze eine große Rolle gespielt. Da Niemand weiß, was dem Kaiser zu seiner Rüge an die Polen in Thorn Anlaß gegeben hat, ist man naturgemäß auf Kombinationen angewiesen, und die ,Thorner Zeitung' ist bei ihren Nachforschungen nach dem Uebelthäter glücklich auf die — „polnische Fahne" gekommen, indem.sie schrieb:
„Zum Kaiserbesuch in Thorn erfahren wir folgende be- merkeaswerthe Thatsache, die vielle cht nicht ohne Einfluß auf die gegen die Polen gerichteten Worte des Kaisers gewesen ist. Der katholische Gesellenverein, welcher in Reih und Glied beim Einzuge des Kaisers sich versammelt harte, entfaltete schied, warf die Abendsonne ihre Strahlen durch das vergitterte Fenster, und ein Strahl der Freude leuchtete auch aus dem Antlitz Walther's, die Ruhe eines gereinigten Gewissens. Ein Glück bewegte sein Inneres, das Niemand begreifen kann, der nicht selbst diesen Reinigungsweg durchschritten hat. Ihm war, als sei er plötzlich aus einer Welt voll verzehrender Gluth, voll Stürmen und Gefahren, in eine Oase des Friedens eingetreten, wo der Himmel blauer lacht, wo aus den Höhen Harmonieen klingen, und in erquickender Waldeskühle der Quell ewigen Lebens rauscht.
Mit wunderbaren Traumesbildern umsing ihn die Nacht. Er sah die Zelle sich glänzend erweitern, und in jungfräulichem Schmucke erschien ihm seine selige Schwester. Eine Strahlenkrone bedeckte ihr Haupt, und ein weißglcknzendes Kleid fiel reich von den Schultern herab. Sie lächelte ihm verklärt zu und drückte ihm den Kranz des Sieges auf sein Haupt. Er erwachte und das Bild war verschwunden. Nur der Mond warf sein mildes Licht durch das vergitterte Fenster der Klosterzelle und erhellte matt das Bild der hl. Jungfrau Maria au der schmucklosen Wand. Er hörte im Kreuzgange die Schritte der Mönche, die zur Mette eilten, dann schlummerte er wieder ein.
Am andern Vormittage, während die weißgekleideten Erstkommunikanten mit brennender Kerze in der Klosterkirche weilten, empfing auch Walther in der mit Blumen gezierten Zelle in Demuth das Himmelsbrod. Ein