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Letzte Nr. des 3. Quartals.
M. „Wenn ich mir das nicht mehr leisten kann —"
so lautet eine Redensart, die man leider recht oft hören kann von Leuten, die in der Regel dem kleinern oder mittleren Beanitenstande, dem Kaufmanns- und Gewerbestande oder dem mittleren Bürgerstande angehören, die int Allgemeinen des Rufes der Solidität sich erfreuen. Sie gebrauchen diese Redensart häufig zur Entschuldigung von Ausgaben, die bei Lichte besehen, nicht durchaus nothwendig, daher entbehrlich sind und welche dazu nicht selten mit den gesammten Einkommensverhältnissen der Betreffenden in einem schon auffallenden Mißverhältnisse stehen. Als Ausgaben der hier gedachten Art find anzusehen die Aufwendungen, welche man gewohnheitsmäßig glaubt machen zu muffen, tagaus tagein für Cigarren, für Bier, vielleicht auch schon für einen regelmäßigen Frühschoppen oder ähnlichen Verbrauch in den allezeit freundlichst geöffneten Restaurationslokalen. Die Summen, welche für derartige Bedürfnisse von diesen Leuten mittlerer Erwerbsfähigkeit jährlich ausgegeben werden, sind recht bedeutende. Es bedarf keiner großen Kunst, um herauszurechnen, daß ein Mann, der gewohnt ist, täglich einige oder mehrere Cigarren zu rauchen, einige oder mehrere Glas Bier zu trinken, der zudem auch — wie das ja fast die Regel ist — thätiges Mitglied irgend eines Vereines oder gar mehrerer Vereine ist, auf's Jahr seine 200, 300, auch wohl 400 Mark ausgibt zur Befriedigung von Bedürfnissen, die er bei einiger Ueberlegung in Rücksicht auf sein Jahresgehalt oder seinen Jahresverdienst auf wenigstens ein Drittel bis ein Viertel dieser Summen einschränken müßte.
Von welcher Bedeutung aber sind denn diese 200 bis 400 Mark bei einem gesammten Jahreseinkommen von 2000 bis 4000 oder auch bis 4500 Mark, von welcher Bedeutung sind dieselben bei einem Geschäfte, das vielleicht auf wenig eigene Mittel gegründet, erst mühsam festen Bestand sich zu erringen hat?
In dem einen Falle sind es die Existenzmittel für eine ganze Familie auf mindestens einen vollen Monat des Jahres, welche das Haupt der Familie leichtfertig dahingibt, im anderen Falle aber bedeuten sie eine Bilanzverschlechterung, vielleicht eine Unterbilanz, die, wenn sie sich wiederholt, dem Bestände des Geschäftes gefährlich werden kann. Es liegt demnach auf der Hand, daß der Mann, der kleine oder mittlere Beamte, der kleine Bürger oder Kaufmann oder Gewerbetreibende, der für seine Person die gedachten Ausgaben sich glaubt gestatten zu müssen, seine Familie, sein Geschäft und damit seine Existenz in hohem Grade
FaU und Rettung.
Erzählung von F. X. Hoermann.
(12. Fortsetzung.)
Walther legte sich alsbald in das bereit gestellte Bett und suchte die Gluth seines Innern durch einen bereit gestellten Krug Wasser zu löschen. Norbert erschien bald wieder, setzte sich theilnehmend neben das Lager und richtete mehrere Fragen an denselben. Es wurden erst die Verhältnisse in Großwerthen und in der Familie Walther besprochen, die Norbert schon zum größten Theile erfahren und der Freund suchte dem Freunde Trost und Theilnahme zu spenden.
Als die Rede auf Lobau kam, auf die zwei Jahre, die Walther dort verbracht hatte, und die Eindrücke, die er dort empfangen, stockte der Fluß der Unterhaltung einige Zeit. Was sollte der Gefragte antworten? Keine Lüge jedenfalls! Aber sollte er sein ärgerliches Leben, seinen inneren Zustand wirklich enthüllen ? Was würde er, der strenge Ordensmann, davon denken? Es sei, wie es wolle, dachte er schließlich, ich will die Zerrissenheit meines Innern meinem Freunde aufdecken. Und er that es und fchilderte sein ganzes Leben, seinen Rückgang in der religiösen Gesinnung, seine innere Friedlosigkeit und das ganze Unglück seines Daseins.
„Ich bin unglückliche, sagte er zum Schluffe, „wie
schädigt und gefährdet. Eine Berechtigung zu derartigen Ausgaben unter den angenommenen Verhältnissen ist also nicht da.
Läßt sich dieselbe aber aus jener billigen Redensatt: „Wenn ich mir das nicht mehr leisten kann —“ etwa herleiten?
Was heißt denn unter solchen Umständen diese Redensart, was ist ihr Inhalt und ihr wirklicher Werth?
Sie heißt geradehin nichts anders als: ich kann mir das zwar vernünftiger Weise nicht leisten, leiste es mir aber dennoch, weil es nichts verschlägt, ob die Schuldsummen, unter denen ich schließlich untersinken werde, so viel größere oder geringere sein werden — oder int besten Falle: ich bin nicht fähig, den Stand meiner Angelegenheiten zu überschauen und lasse es darauf aukommen, ob sie solche Ausgaben ertragen oder nicht, ich leiste sie mir aber auf alle Fälle.
Beides ist nach den Grundsätzen des Rechts, der Ehre und der Sittlichkeit verwerflich. Was ich mir „leiste" über meine Verhältnisse hinaus, das leiste ich mir schließlich nicht vom eigenen, sondern vom fremden Gute meines Nächsten. Des Nächsten Gut aber soll Jedem heLig und unantastbar sein, das ist göttliche wie menschliche Satzung, Gebot der Ehre und der guten Sitte.
Jene Redensart muß daher ihrem ganzen Inhalte und Werth nach als verwerflich und durchaus ftivol bezeichnet werden und ihre Anwendung keineswegs als geeignet, um Ausgaben zu rechtfertigen oder auch nur zu entschuldigen, die an sich nicht zu rechtfertigen sind.
Aus dem Munde eines rechtschaffenen Mannes wird man darum jene Redensart nicht hören, denn seine Gedanken sowohl wie sein ganzes geschäftliches Thun und Lassen gehen in andern Bahnen. Ausgaben, die seine Verhältnisse übersteigen, macht er nicht, weder auf Kosten seiner Familie und seines Geschäftes, noch auf fremde Kosten. Er ist sparsam und richtet seine Bedürfnisse ein nach dem Maße des Nothwendigen. Was er aber dadurch in guten Zeiten unfehlbar erspart, das wird ihm in kritischen Zeiten helfen, Geschäftsverlegenheiten leichter zu überwinden. So macht er sich selbst zum Herrn seiner Lage und das ist nicht nur Geschäftsklugheit, das ist wirkliche Weltweisheit. Ein gegentheiliges Gebühren aber nach dem Worte: „wenn ich mir das nicht mehr leisten kann —" ist, wie dieses Wort selbst, eitel Thorheit.
Deutsches Reich.
Berlin, 28. September.
* Die kommende Reichstags- »nd Landtagssession dürfte unter dem Zeichen der Kartellbildungsversuche stehen. Die Vorpostengefechte sind von den ehemaligen Kartellbrüdern mittelparteilicher Richtung ja schon lange eröffnet, der Zusammenschluß der Bundestruppen, die seit dem Fiasko der Bismarck'schen Kartellpolitik ge-
nur ein Mensch unglücklich sein kann, unglücklich durch mich selbst. Es sind in den letzten Tagen, nach dem Tode meiner Mutter, Stunden über mich gekommen, in denen ich vollkommen begriffen habe, wie atheistisch gesinnte Menschen ihr inneres Geisteselend allein zum Selbstmorde treiben kann. Es waren Stunden ohne Hoffnung, Stunden der Verdüsterung, in denen mir die Verzweiflung und der Zweifel an Allem höhnisch in das Antlitz sahen. Umsonst hob ich'die Hände flehend nach Rettung aus innerem Elend empor, umsonst sah ich mich nach Stütze unb Stärkung um. Das Gefühl der Geistesöde und der Verlassenheit drückte mich zu Boden, und daß ich überhaupt noch lebte, fühlte ich an meinem Eckel am ganzen Leben."
Eine lange Pause des Schweigens entstand, während welcher man den Gesang der Mönche bis in den Raum der Zelle hörte. Endlich begann Norbert:
„Du erwartest vielleicht Vorwürfe, Alois, auf das Mitgetheilte hin, ja, ich lese es von Deiner Stirne. Wohl hat mich Dein Bericht überrascht und schmerzlich berührt, allein in der offenen Erkenntniß eines verfehlten Lebens liegt bereits der Keim der Heilung. Steh' auf und wandle! spricht der Herr. Richte auch Du Dich empor durch die Heilmittel unserer Kirche. Sieh, Ostern steht an der Schwelle, und bald werden
trennt marschiren, ist aber trotz der eifrigsten Bemühungen der Mischmasch-Politiker seither nicht gelungen. Man thut aber auf volksfreundlicher Seite gut, sagt das ,Schw. Bl/, die Augen offen zu halten und die mannigfachen Kreuz- und Querzüge der mittelparteilichen Gewaltpolitiker stets unter dem Gesichtswinkel der Kartellbestrebungen zu verfolgen. Die Versuche, aus den anarchistischen Unthaten der jüngsten Zeit Kapital für neue Ausnahmegesetze zu schlagen, waren zu plump, als daß nicht Jedermann auf den ersten Blick hätte erkennen müssen, daß die Bekämpfung der Umsturzbestrebungen nur den Vorwand für eine neue Kartellklitterung abgeben sollte, und die offiziösen Ermahnungen, zunächst einmal den „Zusammenschluß aller staatserhaltenden Kräfte" zu verwirklichen, sagten deutlich genug, daß die verbündeten Regierungen zwar keine Lust haben, zu einem neuen Sozialisten- oder Anarchistengesetz die Initiative zu ergreifen, daß sie es aber sehr gern sähen, wenn eine zweite Auflage des verflossenen Kartells zu Stande käme und sich für alle Fälle — namentlich zu Steuer- und Militärzwecken — zu ihrer Verfügung stellte. Indessen mußte der allzuklar erkennbare Endzweck jener Preßerörterungen nicht nur bei den früheren Gegnern des Kartells, fondern auch bei den durch trübe Erfahrungen gewitzigten Konservativen Mißtrauen und Widerstand Hervorrufen. Darum versucht man es jetzt mit einem Kesseltreiben gegen die Polen, in der Hoffnung, durch Aufstachelung des deutschen Chauvinismus zu einem Zusammenschlüsse aller „national gesinnnten" Deutschen zu gelangen.
* Der Neubau des preußischen Abgeordnetenhauses soll bereits im Jahre 1896 fertiggestellt fein und als- ban.tt bezogen werden können. Es wird deshalb auch davon abgesehen werden können, dem Abgeordneten- hause im alten Reichstagsgebäude ein zweites provisorisches Heim zu schaffen.
* Die Ankunft des russischen Thronfolgers in Darmstadt zum Besuche seiner Braut ist abermals verschoben worden, weil der Großfürst seinen kaiserlichen. Vater, der sich zur völligen Wiederherstellung seiner Gesundheit nach der Krim begibt, dorthin begleiten wird.
* Prinz Heinrich von Preußen ladet als Präsident der deutschen Landwirthschafts - Gesellschaft die Mitglieder des Gesammt-Ausschuffes zu einer Sitzung am 19. Oktober hierher ein. In der Sitzung wird das Direktorium den Geschäfts-Bericht erstatten. Sodann wird die Abrechnung über die Berliner Ausstellung erfolgen, sowie die Ausstellungs-Ordnung für die Kölner Ausstellung festgestellt und die Begründung einer Abtheilung für Milchwirthschaft zur Beschlußfassung gestellt werden. — Für das von der deutschen Land- wirthschafts'-Gesellschaft erlassene Preisausschreiben, betreffend die Verwerthung der städtischen Abfallstoffe, sind bisher 3245 Mark gestiftet worden. 3000 Mark bewilligte der Provinzial - Ausschuß der
die Glocken das Alleluja hinaus in das Land erklingen lassen. Sollen Dir die Osterglocken nutzlos verhallen, soll die Osterfreude Dir nicht wieder glänzen? Nein, eine Charfreitagswoche war Dein letztes Leben, jetzt kommt ein neuer Morgen, an dem Du zu neuem Dasein erwachen sollst. Dein ganzes Unglück entspringt aus der Schwäche Deines Willens, dieser Krankheit unserer Zeit. Gegen diese Willensschwäche gibt es nun ein gutes Mittel, und dieses ist die Beicht. Reinige und stärke Dich im Bade der Buße, verschiebe es nicht, versuche es heute noch!"
„Heute noch? Nein, ich kann nicht!"
„Wie", rief,Norbert überrascht, „Du erkennst Dein verfehltes Leben und weigerst Dich, es zu ändern? Versuche es! Um sechs Uhr, nach den Auferstehungs- feierlichkeiten sitzen die Väter zur Beicht. Es sind noch zwei Stunden, und diese Zeit genügt, um Dich zu sammeln. Ich werde alsdann den Pater Corbinian hierherrufen lassen, einen greisen Kenner der Menschenherzen, milde und gewissenhaft zugleich. Unterwirf Dich in Demuth!"
„Es ist mir unmöglich, Norbert, wirklich unmöglich!"
„Es kann nicht unmöglich sein. Wage entschlossen den Schritt, der zum Frieden führt."
„Ich weiß, Du meinst es gut mit mir, doch Deine