Jahrgang
amstag, den 29. September 1894.
uldacrWZeituiig
mit Unterhaitungs-Krilage „Sterne und Hlnmen".
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Deutsches Reich.
Berlin, 27. September.
* Der Kaiser hat genehmigt, daß in Verbindung mit dem Hauptgottesdienst am Sonntag, den 9. Dezember, in den evangelischen Kirchen eine Feier znr Erinnerung an die dreihundertjährige Wiederkehr des Geburtstages Gustav Adolfs veranstaltet und daß in den von den evangelischen Schülern besuchten höheren und niederen Schulen auf die Bedeutung dieses Gedenktages hingewiesen wird. — Hoffentlich wird man bei dieser Feier in den evangelischen Kirchen uni) Schulen überall der historischen Wahrheit über Gustav Adolf gerecht werden.
* Dem Bmidesrathe sind heute iveitere Entwürfe von Bestimmungen betreffend Ausnahmen von dem Verbote der Sonntagsarbeit in gewerblichen Anlagen zugegaugcu. Dieselben betreffen die Gruppen der Gewerbestatistik: Industrie und Steine; Metallverarbeitung ; Maschinenwerkzenge, Instrumente und Apparate; chemische Industrie; Forstivirthschaftliche Nebenprodukte, Leuchtstoffe, Fette, Oele und Firnisse; Papier und Leder.
* Im Reichsamt des Innern ist ein Gesetzentwurf über Maßregeln zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs aufgestellt worden. Derselbe wird zunächst einer Kommission von Sachverständigen, die nächste Woche hier zusammentritt, zur Vorprüfung vorgelegt.
* Der Kultusminister hat, der ,Voss. Ztg.' zufolge, letzten Sonnabend eine Abordnung von Lehrern aus den Regierungsbezirken Potsdam und Frankfurt a. O. empfangen, welche ihm eine Denkschrift über die Verhältnisse der Lehrer aus dem platten Lande und in den kleinen Städten überreichten. Herr Dr. Bosse erklärte wiederholt, daß er den besten Willen habe, den Lehrern zu helfen, daß aber das Schulleistungsgesetz, dessen Beseitigung er sehnlichst wünsche, ihm die Hände binde. Er verhandele mit dem Finanzminister wegen Gewährung neuer Mittel und hoffe, daß seine Bemühungen auch Erfolg haben würden.
* Für den vom 1. bis 6. Oktober d. I. in Mailand stattfindenden internationalen Kongreß für Unfallverhütung und Arbeiterversichernng haben von deutschen Delegirten Referate übernommen: der Präsident des Reichs-Versicherungsamts Dr. Bödiker und der Staatssekretär a. D. von Mayr-Straßburg und Professor von der Borgst-Aachen.
* Wie die Posener und Westpreußen, so gedenken auch die Ostpreußen eine Huldigungsfahrt zum Altreichskanzler nach Varzin anzutreten. Vorläufig ist der 20. Oktober dazu in Aussicht genommen.
* Die ,Volksrundschau' entpuppt sich immer mehr als ein Knltnrkampfsblatt erster Güte. Es ist ja auch gar nicht anders möglich. Ein Blatt, welches das Christenthum für altersschwach, für entnervend hält, kann ja nur christen- und katholikenfeindlich sein! Jetzt fordert das Blatt „Einrichtungen",
Fall mrd Rettung.
Erzählung von F. 3c. Hoermann.
(11. Fortsetzung.)
Die Leichenfeierlichkeiten waren zu Ende, die Fran des Gerbers ruhte in der Erde ihrer Heimath. Vater und Sohn und eine Menge Leidtragender hatten ihr das letzte Geleit gegeben und der Schleier der Ewigkeit, bald auch derjenige der Vergessenheit, lagen über dem Hügel des Kirchhofs. Der Gerber zog sich in sein Haus zurück und ließ sich, dem Schmerz ergeben, wenig mehr sehen.
Martervolle Stunden des Leides und der Zerrissenheit waren über den jungen Walther dahingezogen. Umsonst hatte er während der Trauerfeierlichkeiten zu beten, umsonst vor dem Altar des Allerhöchsten Trost zu schöpfen versucht. Der mächtigste Trost, der allein Balsam in die Wunden gießen kann, der Trost der Religion, fehlte ihm, und damit der Glaube an die Zukunft, Vertrauen und Hoffnung. Er war unglücklich, wie nur ein Mensch unglücklich sein kann. Sein ganzes Innere schien ihm leer und ausgebrannt, und eine dumpfe Gleichgültigkeit trat zeitweise an Stelle des Schmerzes. Der Aufenthalt in der Heimath war ihm verbittert, er wollte nicht mehr lange bleiben. Bei Mindls erkundigte er sich noch nach dem Kloster, wo ihr Sohn, sein Freund, weilte. Ein innerer Instinkt
welche verhindern, daß ein polnischer Arbeiter in Deutschland zu thun finde, bevor alle deutschen Arbeiter mit Arbeit versorgt sind." Wenn es gilt, das Vaterland zu vertheidigen, ist der polnische Arbeiter auch in den Augen dieser neumodigen Mittelstandsretter gleichberechtigt, wenn aber der oberschlesische, der westpreußische, der posensche Arbeiter als Preuße bei Preußen und Deutschen Arbeit sucht, heißt es: „Fort mit ihm!" In einem anderen Artikel wird der Einfluß der katholischen Geistlichkeit beklagt und dreist geflunkert, sie schreibe im Posenschen dem Gesinde auf dem Lande vor, wie lange es bei einer evangelifchen oder deutschen Herrschaft bleiben dürfe. Weshalb verschreiben sich die Herrschaften nicht ihr Gesinde aus der Gegend, die sie selbst verlassen haben? Sie werden wohl ihre guten Gründe haben!
* Köln, 25. Sept. Gestern Vormittag 10 Uhr trat im Gartensaale des „Fränkischen Hofes" die zahlreich besuchte Versammlung der Präsides der ka t holischeu Ar b eit er-Vereine unter dem Vorsitze des Herrn Domkapitular Licentiat Velten aus Köln in die hochwichtigen Benützungen ein. An 60 Präsides waren erschienen, die vom Vorsitzenden herzlich begrüßt wurden. . Redner erstattete sodann einen eingehenden Bericht über die bisherige Thäligkeit des Präfides-Komitee's und über die bisher erzielten Erfolge. Herr Kaplan Dr. Oberdörffer machte hierauf zunächst einige geschäftliche Mittheilnngen und verlas eine Reihe eingelaufener Zustimmuugs- und Ent- schuldignngs - Schreiben. Sodann fand ein Antrag Rektor Neumann-Aachen betreffs einer Zusammenkunft der Präsides der Arbeiterinnen-Vereine und bezüglich der Beschaffung weiteren statistischen Materials Annahme. Zur Besprechung gelangte sodann ein Antrag des Herrn Kaplan Hoyscheid aus Aachen bezüglich der Einberufung eines katholischen Arbeiter- Kongresses, welcher eine sehr interessante Erörterung hervorrief.
* Die Methode der sächsischen „Ordnungsparteien" im Kampfe gegen die Sozialdemokratie, insbesondere die allerdings an dem Gesetz gescheiterte Methode des Raths der Stadt Leipzig findet bei der sächsischen Regierung „volles Verständniß". Aus einem von der sozialdemokratischen,Sächs. Arbeiter-Zeitung' veröffentlichten Schreiben des Ministers des Innern an die Kreishanptmannschaften ersieht man nämlich, daß auch sie die Sozialdemokraten von der Theilnahme an der städtischen Verwaltung fernzuhalten bestrebt ist. Im Juli hat, wie aus dem Schreiben bekannt wird, eine vertrauliche Besprechung von den Vertretern der größeren Städte des Landes zu Meißen über die Frage stattgefunden, ob man dem Eindringen der Sozialdemokraten in die Gemeindevertretungen durch die Verschärfung der auf die Bürgerrechtsgewinnung bezüglichen Bestimmungen der Städteordnung entgegentreten könnte. Aus Anregung dieser Vertreter will nun der Minister des Innern eine vertrauliche Besprechung trieb ihn, um jeden Preis seinen Jugeudgenossen zu besuchen, und sollte es auch eine längere Reise verursachen.
Am Gründonnerstag ging er noch einmal zum See hinunter und ließ sich ziellos im Kahne umhertreiben. Am südlichen Ufer fliegen die Berge mächtig empor, die grünen Waldessäume spiegelten sich im Wasser, und mit leichtem Wellenschlag bewegten sich die Wogen. Lebe wohl, du glänzendes Wasser und Wellenrauschen, lebe wohl, weithin leuchtender Spiegel der Heimath, zu dem es mich stets mit unfaßbarer Sehnsucht gezogen ! Unendlich weit wie deine Wasserfläche ist mein Schmerz. Ich scheide, um dich nie wieder zu sehen; doch auf allen Gemälden meines Lebens steht dein Bild, alle meine Sehnsucht trägt deinen Namen. Lebe wohl!
Abends nahm er Abschied von der Försterfamilie, welche ihm Grüße für ihren Sohn mitgab, und von Müller Poller. Letzterer versprach ihm noch feierlich, alles zu einem günstigen Verkaufe feines Elternhauses zu thun, was er könne, und der Ingenieur dankte im Voraus dem alten, treuherzigen Manne für feine Bemühungen.
Schwer, unendlich schwer war ihm der Weggang von seinem Vater, der nun ganz allein zurückblieb. Allein er konnte nicht bleiben und nahm am Char- sreitag Morgen von dem Lautweinenden Abschied. Er
mit den Kreishanptleuten abhalten, ob es räth- lich und durchführbar fei, etwa durch Gesetzesänderung oder durch statutarische Regelung die Sozialdemokratie von der Gemeindeverwaltung auszuschließen. Für die vertrauliche Besprechung ist die zweite Hälfte des Oktober in Aussicht genommen. Das amtliche .Dresdener Journal' bestätigt die Echtheit dieses Schreibens, indem es bemerkt, die ,Arbeiterztg.' könne nur durch einen groben Vertrauensbruch in seinen Besitz gelangt sein. Den „Hellen" Sachsen scheint absolut daran zu liegen, sich im Kampfe gegen die Sozialdemokraten noch mehr Niederlagen zu holen, als sie bereits erlitten haben.
* Der Umzug des Reichsgerichts aus seinem bisherigen, der Stadt Leipzig abgemietheten Hause in das neue eigene Geschäftsgebäude ist, der ,Kreuzztg.' zufolge, auf Mitte Juni 1895 in Aussicht genommen.
* Prinzessin Alix von Hessen bereitet, wie liberale Blätter anscheinend mit Genugthuung melden, dem Glaubenswechsel'keine Schwierigkeiten. Ohne die Bereitwilligkeitserklärung zum Uebertritt wäre ja die Verlobung auch unmöglich gewesen. Der feierliche Uebertritt erfolge 8 oder 14 Tage vor der Hochzeit in der Kapelle des kaiserlichen Winterpalais. Der ,Reichsb.' ärgert sich lebhaft, daß die liberale Presse den Uebertritt so leicht nimmt.
Ausland.
* Brüssel, 26. Sept. Die katholisch-konservative Partei ruft eine große Wahlversammlung nach Brüssel ein, in der der frühere Ministerpräsident Beernaert und der Minister des Aenßern, Graf Merode kandidiren werden. In der Provinz wurde in zahlreichen Wahlbezirken ein Wahlbündniß der Liberalen mit den Sozialisten geschlossen. — Die Gesellschaft gehört auch zusammen.
* Paris, 25. Sept. Augenblicklich finden auch in Frankreich, wie im übrigen civilisirten Europa die Waffenübnngen statt. Eine Menge Kleriker, unter denen ausgeweihte Theologen und in der Seelsorge angestellte Priester, haben ihren Talar aus- und den Waffenrock der Republik anziehen müssen, um sich während 28 Tagen im feldmäßigen Schießen zu üben. Das französische Militärgesetz, erst vor vier Jahren mit der obligaten Dienstleistung der Kleriker bereichert, macht für die militärpflichtigen Geistlichen im Waffendienste keinen Unterschied, wiewohl es gegen andere Stände, z. B. Lehrer und gegen die Inden, sehr weitgehende Nachsichten kennt. Während nun einige hundert Kleriker und Priester aktiv dienen, ist die Nachricht einer Zeitung interessant, daß kein einziger Rabbiner ober Rabbinats-Kandidat der dreifarbigen Republik dient! Warum nicht?
* Warschau, 26. Sept. Zahlreiche Verhaftungen werden hier vorgenommen, angeblich wegen Theilnahme an einem Geheimbunde. Unter den Verhafteten sind Literaten, Pharmazeuten, Studenten und Schriftsetzer.
hatte eine halbe Stunde Zeit, bevor der Postwagen Üoging. Noch einmal begab er sich auf den Friedhof an das Grab seiner Mutter, und mit dem Weihwasser, womit er es besprengte, mischten sich seine Thränen. Mit einem letzten Rückblick trennte er sich von dem thenern Hügel, und so ging er für immer in die Ferne, allein, innerlich verlasien, trostloser als je. Der Wagen rollte dahin, und Dorf und Flur entzogen sich seinen Blicken.
6. Kloster und Friede.
Die Stille des Charfreitags ist vorüber, der Glocken Töne hallen wieder. Ein erster warmer Frühlingstag lagert sich über die Erde, und die Knospen keimen bereits zum jungen Grün.
Aus der Landstraße von der Bahnstation Halling nach dem Flecken und Kloster Marienwall schreitet einsam ein Wanderer. Das weite Land liegt vor ihm, das südliche Gebirge mit den Höhen, die noch vom Schnee des Winters bedeckt sind. Er scheint viel zu denken und viel zu überlegen. Bald geht er langsam, dann beschleunigt er wieder seine Schritte; bald scheint er den herrlichen Anblick der aufsprossenden Natur zu genießen, bald wieder in tiefe Gedanken zu versinken. Das ganze Antlitz bedeckt eine leichenhafte Blässe, und die Knie des Wanderers scheinen zu wanken. Die Sttaße führt ihn eine Anhöhe hinauf, und plötzlich liegen das Kloster Marienwall und die Häuser des