21. Jahrgang
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mit Urrterhalturrgs-Kettage „Sterne und Klumen".
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Deutsches Reich.
Berlin, 25. September.
* Der Berliner Hof hat für den verstorbenen Grafen von Paris achttägige Trauer angelegt.
* Kardinal Kopp ist heute früh hier eingetroffen und wurde am schlesischen Bahnhof vom Armeebischof begrüßt. Heute Nachmittag findet ein Diner im Vereinshause statt. Morgen Vormittag 7 Uhr wird die Piuskirche konsekrirt.
* Das preußische Staatsministerium hielt heute unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten Grafen Eulenburg eine Sitzung ab.
* Der Bundcsrath nimmt seine Arbeiten nach der Sommerpause wieder auf. Heute hatten die vereinigten Bundesrathsausschüsse für Handel und Verkehr und für Rechnungswesen Sitzungen.
* Der Kronprinz von Rußland hat in der Nacht zum Freitag den Thorner Hauptbahnhof auf seiner Reise nach Darmstadt zum Besuche seiner Braut passirt. Daß in den offiziösen Telegrammen über diese Reise gerade Thorn erwähnt wird, hängt wohl mit dem am Tage darauf zu erwartenden Kaiserbesuch zusammen; ein Zusammentreffen des russischen Kronprinzen mit dem deutschen Kaiser hätte sich also in Thorn sehr leicht arrangiren lassen. Es ist indessen schon auffällig bemerkt worden, daß der Äroßfürst- Thronfolger von Rußland auch die Einladung zur Theiluahine an den diesjährigen Kaisermanövern abgelehnt hat.
* Nach einer heute beim Auswärtigen Amt ein« gegangenen telegraphischen Meldung des stellvertretenden Landeshauptmanns für das südwestafrikanischc Schutzgebiet, Majors Leutwein, hat die Schutztruppe am 27. August Witbrois Lager in der Nauklust erstürmt. Wstbroi hat den Rückzug nach Süden angetreten und um Frieden gebeten. Nachdem vom 30. August bis zum 4. September Verfolgungsgefechte stattgefunden haben, setzt Major Leutwein die weitere Verfolgung fort. Die Verluste der Schutztruppe belaufen sich auf 9 Todte und 11 Verwundete. Gefallen sind Premier- Lieutenant Diestcl und die Reiter Schern, Bock, Bartsch, Rocher, Pinske, Eckhardt, Görcke und Holter- mann. Verwundet sind Hauptmann von Estorst und die Reiter Pollet, Reichel, Krause, Hohmann, Kluth, Baleke (?), Moser, Wischkon, Iben, Koht (?). Die Verwundeten befinden sich sämmtlich außer Lebensgefahr. Ueber die Verluste auf Seiten der Witbrois enthält die Meldung des Majors Leutwein nichts.
* Nach einer telegraphischen Meldung an das Oberkommando der Marine istS. M. S. „Alexandrine", Kommandant Korvettenkapitain Schmidt, am 22. September in Nokohama eingetroffen. S. Bk. S. „Seeadler" ist nach Kilwa beordert worden.
* An die Freunde des armen Afrika ist ein uns vorliegendes Cirkular gerichtet, welches den Ankauf
Fall und Kettung.
Erzählung von F. X. Hoermann.
(9. Fortsetzung.)
5. Am Todtenbette.
In dem Gerberhause zu Großwerthen herrscht Stille und Trauer. Mit dem Ernste der Fastenzeit ist dort auch der Schmerz eingezogen. Der über das Gerbereigeschäft hereinbrechende Bankerott war durch die gesandte kleine Geldsumme des Sohnes nur hinausgerückt, nicht ausgehoben. Auf dem Schmerzenslager, den Tod im Angesichte, lag die Mutter, während der ältere Sohn — ein neues, unsagbares Leid für die Schwergeprüften — wegen einer Rauferei in das Unter® suchungsgefängniß hatte wandern müssen. So sehlte der Werkstätte die Hauptarbeitskraft. Mit düsterer, abgehärmter Miene schritt Gerber Walther durch die Räume, die er bald nicht mehr sein eigen nennen durfte. Wechselnde Empfindungen von Schmerz, Schande nnd Noch bewegten ihn. Seine Lieblingsbeschäftigung, die Jagd, hatte er aufgeben, die Hunde verkaufen müssen, und es machte einen ungemein schmerzlichen Eindruck auf ihn, wenn eines der treuen Thiere dem neuen Besitzer entlief und wieder in das Gerberhaus zurückkehrte. Alle Schritte hatte erj versucht, um seine Gläubiger zur Nachsicht zu bewegen, aber alle waren nutzlos gewesen. Der Fall des Hauses war nur eine Frage der nächsten
von Lotterieloosen für die „in Afrika erkrankten und ermüdeten Brüder und Schwestern" empfiehlt. „Noth und Liebe drängen dazu", heißt es in dem Aufruf, dessen Verfasser sich aber in keiner Weise dazu „gedrängt" fühlt, auch nur mit einem Worte zu ver- rathen, ob es sich hier um eine Sammlung für katholische oder sür protestantische Missionszwecke handelt. Das Cirkular aber ist vielfach an katholische Adressen gesandt worden, und wem in diesen Kreisen der unterschriftlich gezeichnete Pastor Bodel- schwingh - Bielefeld nicht gerade als protestantischer Prediger und Agitator für die protestantische Missionssache bekannt ist, der kann natürlich auf einen solchen Aufruf in dem Glauben, es handle sich um ein katholisches Werk, leicht hereinfallen. Wir nehmen daher Veranlassung, unsere Leser vor dem Schriftstück zu warnen, müssen aber auch zu gleicher Zeit gegen derartige Manipulationen protestiren. Würden derartige Versuche von katholischer Seite gemacht, so würde auf Seiten der Freunde des Herrn Bodelschwingh sich sofort ein Geschrei der Entrüstung erheben über den „unlauteren Wettbewerb", den „Bauernfang" und „viel List" der „Römlinge". Inzwischen aber streicht man selbst das auf oben geschilderte Weise zusammengebrachte Geld der „Römlinge" mit Vergnügen ein — non ölet. Wir meinen, wenn man auf jener Seite wirklich ein protestantisches Liebeswerk unternehmen will, zu dem man „von der Liebe gedrängt" wird, so sollte das doch nicht hinderlich fein, Farbe zu bekennen.
* Die Verhandlung gegen den Kanzler Leist, welche am 16. Oktober vor der Disziplinarkammer in Potsdam stattfindet, wird, wie das ,Bert. Tagt/ hört, unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattfinden. Der Ausschluß der Oeffentlichkeit wird nicht nur wegen der bei der Verhandlung zur Sprache kommenden Vorgänge mit den schwarzen Frauen, die sich der Kanzler ans dem Gefängniß holen ließ, aus Sittlichkeitsrücksichten, sondern auch im Interesse des deutschen Reiches im Allgemeinen erfolgen. Gegen den Assessor Weh lau wird eine Disziplinarverhandlung überhaupt nicht stattfinden, da derselbe von der Bestimmung des § 100 des Gesetzes, betreffend die Rechtsverhältnisse der Reichsbeamten vom 31. März 1873 Gebrauch gemacht und seine Entlassung aus dem Reichsdienst mit Verzicht auf Titelgehalt und Pensionsanspruch nachgesucht hat. Kanzler Leist ist auf Grund des § 72 dieses Gesetzes angeklagt, weil er gegen die M 10 und 13 verstoßen hat, welche bestimmen, daß jeder Reichsbeamte die Verpflichtnng hat, das ihm übertragene Amt der Verfassung und den Gesetzen entsprechend ge- wiffenhast wahrzunehmen und durch sein Verhalten in und außer dem Amte der Achtung, die sein Beruf erfordert, sich würdig zu erzeigen hat, sowie daß er für die Gesetzmäßigkeit seiner amtlichen Handlungen verantwortlich ist. Die Verhandlung vor der Disziplinarkammer, welche aus fünf Mitgliedern besteht, leitet Tage, und dazu mußte er noch sehen, wie die Freunde und Nachbarn sich von ihm zurückzogen und ihn mit Geriugschätzuna behandelten. Nur die Familie Mindl und der alte Müller Poller kamen wiederholt tröstend in das Haus.
Eben wollte er in der Werkstätte bei den zwei noch arbeitenden Gesellen Nachsehen, als der Arzt die Treppe herunterkam und ihm mittheilte, daß es mit seiner Frau schlimmer als je stehe, und sie den folgenden Abend wohl nicht mehr erleben werde. Der geprüfte Mann war unfähig, auf diese ernste Botschaft etwas ;u erwidern. Er stieg langsam zum Obergeschosse und trat in das einfach getünchte Zimmer an das Krankenbett seines Weibes.' „.Wie geht es Dir heute, Elis?" fragte er mit schmer-gebrochenen Worten.
„Joseph, ich weiß es nicht," entgegnete mit stockender Stimme die Kranke, „ich habe keinen Schmerz; nur eine abnungsvolle Angst und Beklemmuna ergreift mich seit heute Morgen. O, wenn nur Alois schon hier wäre! Er kommt doch heute Abend?"
„Nicht heute, sondern morgen Abend, wie er geschrieben hat. Die Osterferien haben erst vor zwei Tagen begonnen, und die Reise ist weit."
„Morgen erst?" hauchte sie wehmüthig. „Werweiß, ob der morgige Tag noch mir gehört?"
„Sprich' nicht so, Elis." entgegnete balb in Thränen ihr Gatte, „Du wirst Deinen Sohn sehen."
Herr Landgerichtspräsident Dr. v. Sepdewitz in Potsdam. Die Staatsanwaltschaft vertritt der Wirkt. Legationsrath Dr. v. Dirksen in Berlin.
* Herr Engen Richter hat auf dem Parteitage in Eisenach mit seinem und andern Gesinnungsgenossen Austritt aus der Partei gedroht, wenn in Bezug auf die Frage der Einheitsschule und des Religionsunterrichts in derselben nicht einfach nach den Sätzen des Programms-Entwurfs zugestimmt würde.
* lieber die Honorare für sozialdemokratische Ber- sammlnngsredner enthält die ,Post' einige Angaben. Danach schwanken die Honorare in Berlin zwischen 6 bis 12 M. für die Rede. In manchen kleineren Vereinen wird auch weniger gezahlt. Der reiche Kaufherr und Stadtverordnete Vogtherr war in einem solchen Verein mit 3 Mark Rednerlohn züfrieden. In der Provinz, wo es zum Theil an Konkurrenz fehlt, werden höhere Summen gezahlt. So erhielt in einer Nachbarstadt ein junger Berliner Handwerksgeselle, der ein erbärmliches Deutsch spricht, 25 Mark für einen Vortrag. In Havelberg forderte vor zwei Jahren ein Berliner Schuhmacher für ein Referat 20 Mark, obgleich ihm freie Zeche und freies Nachtlager gewährt worden war.
* Das Tagebuch Lassalles soll Mitte nächsten Monats in Bern öffentlich versteigert werden. Lassalle hat das 367 eng beschriebene Quartseiten umfassende Tagebuch bekanntlich als 15 und 16jähriger junger Mensch versaßt. Die von Paul Lindau vor drei Jahren in „Nord und Süd" daraus veröffentlichten, in usum Delphini ausgewählten Auszüge kennzeichnen den jungen Lassalle als faulen, verlogenen, betrügerischen, von unbändigem Haß und Hochmuth erfüllten Burschen. Was Lindau zart verschwiegen hat, wird ihn schwerlich liebenswürdiger erscheinen lassen. Vielleicht kaufen die Sozialdemokraten auf Kosten der Parteikasse die „Reliquie" an, damit nicht durch weitere Veröffentlichungen das Bild ihres Heros und Heiligen in den Augen minder zielbewußter Genossen getrübt werde. ..... .
* Daß der Ausdruck Judenblatt beleidigeud ist, wurde am Freitag in einem Prozesse des Zeitungsverlegers Rudolf Mosse gegen den Redakteur Dr. Müller vorn ,Reichsboten' erkannt. Der Vorsitzende des Gerichts, Landgerichtsrath Cullmann, führte in der Begründung des Urtheils aus: „Der Gerichtshof hält die Ausdrücke „Judenblatt" und „Mosse gegen den Schwindel — der Kasus macht mich lachen" für Herrn Mosse für beleidigend. Wenn auch im allgemeinen vom „Judenblatt" geredet wird, so kann doch nur an Personen angeknüpst werden; denn ein Blatt hat doch keine Religion. Hier ist also der Eigenthümer der Zeitung, Herr Mosse, gemeint. Eine berechtigte Kritik kann Niemand verwehrt werden; aber die Kritik darf nicht über die objektive Feststellung hinausgehen und beleidigend werden. Das ist aber in diesem Falle geschehen."
„Glaubst Du wirklich, daß ich ihn sehen werde? O mein Kind! mein Kind! Wo ist Fritz? Warum konlmt er seit einer halben Woche nicht mehr zu nur herauf?"
„Er mußte eine geschäftliche Reise nach N. an- treten, kommt aber bald wieder."
„Eine Geschäftsreise? Ist das wahr, Joseph?"
„Ja, Elis," antwortete er mit weggewandtem Gesichte, „es mußte sein."
Was wird der Junge anfangen, wenn das Geschäft veräußert ist? Es ist gut, daß ich sterbe und den Untergang unseres Hauses nicht mehr schaue. Könnte ich nur meinen Sohu gerettet sehen!"
Es entstand eine längere Stille im Krankengemache, nut unterbrochen durch das einförmige Ticken der Wanduhr. Endlich fuhr die Kranke fort: „Wenn Alois kommt, dann gib ihm die Kassette im großen, schwarzen Schrank. Sie enthält sein Pathengeld, sein Misftons- kreuz, feinen Tauf- und Firmschein und mehrere andere ihm theuere Gegenstände."
„Ich werde es besorgen, Elis."
„Und dann noch eine Bitte: Lasse heute wieder den 'Pfarrer zu mir kommen, um mich noch einmal auf den Weg zur Ewigkeit zu stärken."
„Ich werde sofort ins Pfarrhaus gehen. Adieu, Mutter, versuche indessen zu schlafen, ich bin bald