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Samstag, den 22. September 1894.

21. Jahrgang

»ldlitrNZkituiig

mit Untrrhaitrrngs-Keilagr „Sterne und Klnmen".

Erscheint tfigfiflj, Gom>» und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Moltke auf Korea.

Moltke und Sedan sind in's Hinterasiatische über­setzt worden: er heißt Damagata und es heißt Ping- Hang. Der japanische Oberbefehlshaber hat offenbar unser Generalstabswerk oder wenigstens die letzte volks­tümliche Kriegsgeschichte von Moltke studirt und sich dann eines erfolgreichen Plagiats schuldig gemacht. Getrennt marschiren, vereint schlagen, den Feind um­fassen, diese einfachen und wunderbar wirksamen Hand­werksgriffe hat er dem deutschen Schlachtenlenker glücklich abgeguckt.

Ausgezeichnete Schüler- die Japaner! Vor Allem muß man die Selbstbeherrschung anerkennen, mit der sie den Schlag von Ping-Iang von langer Hand vor­bereitet haben. Sie hüteten sich vor einem überstürzten Angriff, der besten Falls nur einen halben Erfolg ge­habt hätte. Sie ließen den Feind herankommen und nach seiner Weise Stellung nehmen, während sie erst ruhig und gründlich die Heranziehung und richtige Ordnung der Streitkräfte besorgen. Unterdessen gingen chinesische „Siegesnachrichten" in die Welt, vermuthlich auch nach Japan, die mit dem napoleonifchen Sieges­bulletin von Saarbrücken Aehnlichkeit hatten. Iama- gata ließ sich dadurch in seiner gründlichen Vorbe­reitung nicht stören. Erst als er sicher war, daß die japanische Armee von drei Windrichtungen auf die Kernstellung des Feindes losgelassen werden konnte, ließ er das Kesseltreiben beginnen. Die getrennt Marschirenden trafen pünktlich zusammen; sie stellten ihre Uhren genau nach der hinterasiatischen Einheits­zeit, damit mit dem Glockenschlage drei in der Frühe der concentrische Angriff beginne. Die zwei Seiten­kolonnen waren stark genug, um die chinesische Stellung auch von der vierten Seite, im Rücken zu fassen. Ein Bourbaki'scher Ausweg über die neutrale Grenze gab es nicht. Die Chinesen mußten den Ring durch­brechen oder sich ergeben. Da das Erstere nicht gut ging so zogen sie das Letztere vor, um sich der Versetzung unter die Ahnengötter noch einige Zeit zu entziehen. Nebenbei muß man es den Japanern hoch anrechnen, daß sie sich mit 16,000 Gefangenen belasteten, statt nach der alten Landessitte die Unterliegenden kurzer Hand aus der Welt zu schaffen. Wenn die Chinesen ein japanisches Heer in einem solchem Falle gehabt hätten, würde es ein schreckliches Morden gegeben haben.

Nun muß man auch die Punkte beachten, welche den japanischen Ruhm mäßigen. Dahin ist nicht zu rechnen die Ueberzahl. Denn die Ueberzahl ist in der Regel kein Glückszufall, sondern ein Verdienst. Es gehört zu der guten Kriegskunst, daß man an den Stellen, wo die Entscheidung fallen soll, sich in die Mehrzahl bringt, oder daß man die Entscheidung dort­hin zu verschieben weiß, wo man die Mehrzahl hat. Japan ist bloß ein Zehntel von China; aber wenn es mit der bisherigen Beweglichkeit und Umsicht seine

Fall und Urttrmg.

Erzählung von F. X. Hoermann.

(5. Fortsetzung.)

3. Abwärts.

Der Winter war vorübergegangen, Frühling und Sommer mit Blüthenpracht und Früchten in das Land gezogen und rasch wieder imFluge der Zeit entschwun­den. Es war Herbst geworden und seine »angenehmen Lüfte wehten über Flur und Feld. In täglich schönerer Farbenpracht zeigten sich die bewaldeten Höhen, in täglich intensiverem Roth das niederfallende Laub des Baumes; doch die Empfindung des Hinsterbens der Natur ließ deren Schönheit nicht mehr mit ungemisch­ten Gefühlen schauen.

In der Stadt Lobau hat sich wenig verändert, nur die Bewegungen innerhalb der arbeitenden Welt nah­men einen immer bedenklicheren Charakter an. Von Seiten der Fabrikanten und Aktionäre wurde die be­scheidenste Lohnerhöhung schroff abgelehnt, das Kapital war entschlossen, keinen Schritt zurückzuweichen. Bange schauten alle Einsichtsvollen in die kommenden Tage.

Ingenieur Walther hat seinen Lehrberuf mit Erfolg erfüllt, er hat aber wenig mehr studiert, vor Allem keine wirthschaftlichen Fragen. Dem Gemisst des Lebens hat er sich in vollem Maße hingegeben und ist religiös lau und lauer geworden. Nur wenn das Bild seiner

Truppen zu verwerthen fortfährt, kann es auf jedem Schlachtfeld die Mehrheit haben.

' Ruhmmindernd wirkt die Unterwerthigkeit des Gegners. Die Chinesen scheinen keine Ahnung von der modernen Strategie zu haben. Sie durften nicht in Korea eindringen, wenn sie nicht ihre Flanken gegen die Japaner gesichert hatten. Zu dem Zweck mußten sie die Küste von beiden Seiten von Korea zu be­herrschen suchen. Statt dessen sind sie allem Anschein nach auf der bequemsten Mittelstraße des Landes erst munter vorgerückt, und haben sich dann, als das Gros nicht mitkommen konnte, bei Ping Jang verschanzt, ohne zu bedenken, daß man eine befestigte Stellung unter Umständen auch von hinten angreifen kann. Die Mündung des Flusses, der vor Ping-Jang vorbei­fließt, hatten sie nicht in ihre Gewalt gebracht, von dem gegenüber liegenden Hafen von Gensan gar nicht zu reden. Zu der Dummheit der zopfigen Feldherren kam die Jämmerlichkeit der Truppen. Abgesehen von den europäisch gedrillten Elitekuppen des Vizekönigs huldigt die übrige Soldateska von China offenbar noch der alten LandeDsitte, bei Beginn der Schlacht sich nach Möglichkeit zu drücken. Man kann das schließlich den Leuten, die in der Eile zusammengerafft sind und in schlechter Ausrüstung nach erschöpfenden Märschen vor besser geschulte Feinde kommen, auch gar nicht so übel nehmen.

Der Hauptfehler der chinesischen Rechnung lag darin, daß sie eine abgelegene Halbinsel ohne tüchtige Hilfe der Flotte erobern wollten. Die Japaner konnten ihre Schiffe frei laufen lassen und waren also in der Lage, Soldaten, Munition und sonstigen Bedarf schnell an den besten Platz zu bringen. Die Chinesen konnten nur ausnahmsweise ein Schiff nach Korea durch­schlüpfen lassen. Ihr ganzer. Nachschub an Personen und Dingen war also auf den kolossalen, aufreibenden Landweg angewiesen. Unter diesen Umständen hätte auch ein erster Sieg der Chinesen ihnen nicht viel genützt. Denn ehe der nöthige Nachschub aus der Mandschurei angekommen, hätten die Japaner Reserven zur Stelle gehabt, um die Scharte auszuwetzen.

China kann Korea nur erobern und behaupten, wenn es die übermächtige Flotte hat. Nach den bis­herigen Proben reicht aber China's Seemacht h ö ch st e n s zur Verth ei digung des Eingangs zum Pekinger Busen aus. —

Die Japaner haben nun Sedan nachgemacht. Werden sie sich nunmehr auf den Marsch nach Paris, d. h. nach Peking machen? Jetzt müssen sie zeigen, daß sie selbständig zu denken und die andersartigen Verhältnisse nüchtern zu würdigen wissen. Viele Blätter haben einen Eroberungszug zu Lande über Mukden als selbstverständlich hingestellt, aber das wäre der reine Heeresselbstmord. Einen Angriff auf China selbst ist höchstens nach einem gründlichen Seesiege auf dem Wasserwege über Tientsin denkbar. Aber ob es nicht überhaupt klüger ist, sich in Korea festzufetzen Kindestage ■ an ihm wieder vorüberzog, als er noch kindlich geglaubt und gebetet, dann faßte er für kurze Stunden wieder Entschlüsse zu einem andern, einem neuen Leben. Aber nur für Stunden. Die Gesell­schaft mit dem burschikofen Kollegen Leichtmann ließ ihn rasch diese ernstere Anwandlung wieder vergessen.

Nach wie vor verkehrte er im katholischen Kasino und betheiligte sich am Vereinsleben. Aber es war nur mehr eine äußere Begeisterung; das innere selbst­lose Streben, der Opfersinn für die gute Sache schwan­den allmählich. Desgleichen setzte er feine Besuche in der Familie Harach fort. Was ihn vor Allem dorthin zog, war Fräulein Bertha, zu der er eine immer ent- fchiedenere Zuneigung faßte. Und das Mädchen schien diese Neigung des in Aufmerksamkeiten sich erschöpfen­den jungen Mannes zu verstehen und zu erwidern.

Walther sollte im Herbste von der Stellung eines Funktionärs an der Schule in die eines Lehramtsver­wesers vorrücken, die ihm in sichere Aussicht gestellte Beförderung erschien aber nicht, trotz seiner glänzenden Unterrichts - Erfolge. Eine neue, große Enttäuschung in Lobau! Er vermuthete, daß ihm Rektor Dr. Schütz Schwierigkeiten gemacht habe und sein Freund Leicht­mann theilte diese Anschauung. Eine nie empfundene Unzufriedenheit und Erbitterung zog in seine Seele und auf's Neue süchte er in Unterhaltung und Genuß Zer-

und erst die Entwicklung in China abzuwarten? In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister.

Um die Beschleunigung des Friedens können sich die Londoner und Berliner G e l d l e u t e jetzt ver­dient machen, denn China wird jetzt mehr als je geld­bedürftig sein, und man kann ihm ja n a ch dem Friedensschluß einen lockenden Kredit in Aussicht stellen. Japan wird ja auf die 5 Milliarden wohl nicht gerechnet haben.____________________________________

Deutsches Reich.

Berlin, 20. September.

* Der Kaiser trifft am Sonnabend früh von Swine- münde in Thorn ein, besichtigt znnächst die Stadt, wohnt der Schießübung bei, fährt später zum Grafen Alvensleben nach Ostrometzko und fetzt in der Nacht zum Sonntag die Reise nach Rominten fort.

* Der Reichskanzler Graf Caprivi kehrt am Diens­tag von Karlsbad über Leipzig nach Berlin zurück.

* Der ältere der beiden japanischen Prinzen, die in Kiel die Marineakademie besuchen, hat vor Kur­zem seine Prüfung glänzend bestanden. Er hat dann um seine Entlassung gebeten, die ihm auch gewährt wurde. Der Prinz wird alsbald nach Japan znrück- kehren. Der jüngere Prinz gedenkt erst nach be­standenen Examen nach Japan zurückznkehren.

* Der ,Deutsche Reichsanzeiger und preußische Staatsanzeiger' hat es für angemessen erachtet, aus dem „offenen Brief", welchen der König von Schwe­den aus Anlaß der bevorstehenden Feier des 300. Geburtstages des Schwedenkönigs Gustav Adolph an das schwedische Volk gerichtet hat, folgende Stellen abzudrucken:

Die ganze evangelisch-protestantische Welt, die in ihm einer ihrer ersten Helden erblickt, hat Anlaß, auf dieses bedeutungsvolle Ereigniß ihre Gedanken zu richten. In erster Linie muß dies aber in dem Lande geschehen, welches das Glück hatte, ihn den Seinen zu nennen und als den vorzüglichsten in einer Reihe großer Könige zu zählen. ... So lange wie der evangelische Glaube Wurzeln schlägt und heilig gehalten wird, wird das An­denken Gustav Adolphs als des Mannes, der mit Gottes Hilfe die Sache des Protestantismus rettete, als diese in äußerster Gefahr schwebte, in Ehren gehalten werden. Für unsere deut­schen Glaubensverwandten schien keine Rettung vorhanden zu sein, und die Sturmfluth der päpstlich-katholischen Uebermacht drohte jeden Augenblick unsere eigenen Küsten zu erreichen. In dieser Stunde der Gefahr trat Gustav Adolph in den Kampf- In den Augen der Meisten war er ungleich, ungewiß und voll der größten Gefahren, für ihn stand es jedoch klar, daß die Zu­kunft Schwedens und die Freiheit des evangelischen Glaubens unauflöslich mit einander verbunden war. Er sah in dem Kampf einen Ruf von oben, folgte ohne Zaudern dessen Mahnung und gab mit Freuden sein Leben, und er hat es, wie die Geschichte lehrt, nicht vergebens gethan. Darum aber gehört sein Name nicht nur dem Baterlande, sondern der Menschheit, und sein Kampf für die Sache des Protestantismus hat seine welthisto­rische Größe begründet.

Was die Schweden von Gustav Adolph halten, bemerkt hierzu die ,Germania', nnd wie fie den 300. Jahrestag seiner Geburt feiern wollen, ist deren Sache; das geht nns nichts an und foll uns hier anch nicht streuung, aber dennoch zog immer wieder die Rnhe- losigkeit in sein Inneres.

So war aus einem zufriedenen Menschen ein un­befriedigter, aus einem sparsamen ein sein Geld ver­schwendender geworden.

Um diese niedergedrückte Stimmung noch zu ver­mehren, theilte ihm sein Vater mit, daß seine geschäft­liche Lage in Großwerthen eine immer schwierigere werde und daß es ihm im letzten Quartale Mühe gekostet habe, alle Zinsen und Umlagen zu bestreiten. Die Jagd, die einzige Vergnügung in dem ruhigen Orte, habe er schon vor Monaten aufgeben müssen. Dazu mache noch Fritz einen tollen Streich um den andern. Mit Be- sorgniß erfüllt? es ihn auch, daß die Mutter nach dem TodeMarie's zu kränkeln anfange. Zum Schluffe des Briefes theilte er ihm mit, daß der alte Müller Poller ihn vielmals grüßen lasse und sich wöchentlich nach ihm erkundige.

Die bedenkliche Nachricht aus seinem Elternhause ergriff ihn um so schwerer, als er nicht leicht in der Lage war, seine Eltern zu unterstützen, zumal er in Folge des sich angewöhnten Genußlebens den größten Theil seiner Einkünfte selbst verbrauchte. Von seinem Freunde Mindl hatte er seit Monaten keinen Brief mehr erhalten und er harrte von Woche auf Woche umsonst. Eine gewisse Besorgniß ergriff ihn.

Für den letzten September-Sonntag war ein Aus-