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216 Freitag, den 21. September 1894. 21. ^aprgang

FlildaerWZkitmg

mit Mtrrhaltimgs-Krilase „Sterne und Kinmen".

Deutsches Reich.

Berlin, 19. September.

* Die Sonntagsruhe im Eisenbahn-Güterverkehr dürfte im Sinne langgehegter Wünsche und oft er­örterter Beschwerden endlich eine weitere Förderung erfahren. Im Interesse der Sonntagsruhe und der äußeren Heilighaltung des Sonntags ist nämlich, wie offiziös gemeldet wird, von den betheiligten Ministern angeordnet worden, daß auf Verlegung der auf Montag fallenden Vieh- und Pferdemärkte Bedacht zu nehmen sei. Es handelt sich hauptsächlich darum, den Güterverkehr auf den Eisenbahnen am Sonntag zu vermindern und den Angestellten der Eisen­bahn eine ausreichende Sonntagsruhe zu verschaffen, sowie zu ermöglichen, daß das Treiben von^Vieh durch geschlossene Ortschaften für Sonn- und Festtage verboten werden kann. Aus Anlag des Hinweises aber, daß eine so umfassende Markt­verlegung, wie sie in dieser Anordnung geplant totrb, innerhalb des bestehenden Marktsystems nicht ausführ­bar und die Herstellung eines neuen Marktsystems sehr schwierig sei, auch das Interesse der Viehzucht darunter leiden würde, ist gestattet worden, daß von der Ver­legung solcher Märkte, die ohne Gefährdung wichtiger Interessen nicht erfolgen kann, sowie solcher Märkte, zu denen am Sonntag vorher ein Viehantrieb^ nicht stattftndet, abgesehen werden kann.^ Dagegen ist die Verlegung sämmtlicheraufSonntag fallen­der Vieh- und Pferdemärkte angeordnet worden. Es ist damit seitens der Regierung ein weiterer Schritt zur Förderung der Sonntagsruhe nach der Richtung hin geschehen, wie sie im Reichstage nament­lich seitens des Abg. Dr. Lingens wiederholt und ein­dringlich gefordert worden ist. Wenn die Regierung jetzt noch Ausnahmen von der Verlegung der Montags-Märkte zulassen will, „wenn sie ohne Ge­fährdung wichtiger Interessen" angeblich nicht erfolgen kann, so bedauern wir das; schreibt die ,Germania'; wichtiger als alle materiellen Interessen ist uns das göttliche Gebot vom Sinai über die Sonntagsheiligung. Wir hoffen aber, daß die Regierung sich bald davon überzeugen wird, daß auch die Ausnahmen, die vor­läufig noch zugelassen werden sollen, nicht als absolut nothwendig sich erweisen und deshalb recht gut eben­falls ausfallen können.

* Der Gustav-Adolph- Verein hat auf fein Hul­digungstelegramm an den Kaiser folgende Antwort erhalten: „Se. Majestät lassen für den dargebrachten Huldigungsgruß herzlich danken, und wünschen der Gustav-Adolph-Stiftung möglichste Ausbreitung und reichen Erfolg. Auf allerhöchsten Befehl v. Lucanus." Die ,Germania' fügt dieser Mittheilung den Wortlaut der Antwort hinzu,' welche der Chef des Civilkabinets Sr. Majestät, von Lucanus, der 41. Generalversamm­lung der Katholiken Deutschlands in Köln hat

Fall und Kettung.

Erzählung von F. X. Ho ermann.

(4. Fortsetzung.)

Von Letzterem zur Thüre begleitet, verließ er das Haus. Nach wenigen raschen Schritten stand er an der alten Pfarrkirche, über welche sich bereits die Dämmerung des Abends lagerte. Er trat in die hohen, stillen Hallen, in denen nur ein altes Mütterchen verlassen betete, und kniete sich in der Nähe des ewigen Lichtes vor dem Allerheiligsten nieder. Ein Gefühl des Trostes und der Ruhe kehrte, ein in sein schmerz­volles Innere; er hörte die dumpfen Töne des draußen herrschenden Lärmes, und sie schienen ihm den Fluthen der Welt und den Stürmen der Leidenschaften zu gleichen, die sich an der Schwelle des Gotteshauses brecheu. Finstere Nacht war es bereits, als er, durch den Küster gemahnt, die Pfarrkirche verließ. In seiner Wohnung beschäftigte er sich bis in die späte Nacht mit der Korrektur der Schulaufgaben. Es war bereits die Mitternachtstunde, als sich seine Augen zum Schlummer schlossen; doch die Bilder des Schmerzes verfolgten ihn auch noch im Traume. _

Unter steten Gedanken an feine todte Schwester floß die Zeit bis zum nächsten Sonntage hin. Der Lärm der Fastnacht verrauschte, die Klänge der Musik schwiegen, ernstere Gedanken schienen in die Menschen­brust eingezogen zu sein.

zu Theil werden lassen. Dieselbe lautet: „Se. Majestät lassen für die Huldigung der deutschen Ka­tholiken danken." .

* Die Freimaurer-Abzeichen sollen, tote d:e,Nat.- Ztg.' triumphirend verkündet, nunmehr zum erstenmale in einer evangelischen Kirche angebracht werden, nachdem die drei in Preußen privilegirten Freimaurer­logen für die Kaiser Wilhelm- und für die Kaiser Friedrich-Gedächtnißkirche 20,000 Mk. gestiftet haben.

* Bei dem Empfang seiner Getreuen aus Posen hielt Fürst Bismarck in Barzin auf die Ansprache des Oekonomierathes Kennemann eine fast einstündrge Rede. Wenn der betr. telegraphische Auszug richtig ist, so wird sie die Besucher wohl einigermaßen ent­täuscht haben. Dieselben hatten nämlich eine donnernde und polternde Strafrede über die Polenpolitik des „neuesten Kurses" erwartet. In dieser Beziehung scheint sich aber der Herzog von Lauenburg einige Reserve aufgelegt zu haben, um sich dafür an An­griffen auf den polnischen Adel und auf die polnische Geistlichkeit schadlos zu halten. Ueberdies hat sich Fürst Bismarck neben dem geistigen Genuß auch die Bewirthung seiner Gäste, etwa 1700, in materieller Hinsicht etwas kosten lassen. Die Bewirthung erfor­derte 138 Pfund Kalbsbraten, 135 Pfund Schweine­braten, 130 Pfund Butter, 150 Pfund Käse, 150 Laib Brod, 1600 Paar Würste, 100 Tonnen Bier und 2000 Glas Grogk. Gewiß eine respektable Leistung!

* Danzig, 19. Sept. Das gestrige Flottenmanöver in der Ostsee dauerte von 8 Uhr früh bis 6 Uhr Nachmittags. Gegen 4 Uhr fand vor Rixhöft eme große Seeschlacht statt, an welcher die ganze Flotte betheiligt war.

* Breslau, 19. Sept. Der .Schlesischen Zeitung zufolge hat auf der Stiinkohlengrube Rothenbach, Kreis Landeshut, in der Nähe von Waldenburg gestern ein Ausstand begonnen, der heute 900 Mann umfaßt.

Ausland.

* Wie», 17. Sept. Fürstprimas Vaszary hat für den 25. September eine Bischofskonferenz wegen Stellungnahme gegenüber der kaiferlichen Sanktion der Kirchengesetze einberufen.

* Pest, 17. Sept. Der auswärtige Ausschuß der österreichischen Delegation votirte dem Grafen Kalnoky mit allen gegen die Stimme eines Jungtschechen das Vertrauen. In seinem Expos« sagte Graf Kalnoky, der Dreibund sei nicht gegen Rußland gerichtet, sondern bezwecke nur die Erhaltung des Friedens. Man brauche den Dreibnnd nicht zu fürchten, man rechne aber mit ihm; in Folge dessen seien die Be­ziehungen mit allen Mächten, auch mit England gut. Die Sympathien Frankreichs hätten sich bei der Reise des Kaisers gezeigt. Der Abschluß eines Handesver- trags mit Rußland habe auch die politischen Bezie­hungen gebessert. Angesichts dieser Umstände könnten

die Ereignisse in den kleinen Staaten nicht beunruhigen. Oesterreich-Ungarn wolle in Serbien keine Politik machen, die Beziehungen zu Serbien hätten sich fett anderthalb Jahren gebessert. Die inneren Vorgänge in Bulgarien alterirten nicht die Beziehungen zu dem Lande. Die Bulgaren seien klug und würden die errungene Position nicht auf s Spiel setzen. Ter bewaffnete Friede werde noch eine gewisse Zeit fort­dauern, weil das Gefühl der Sicherheit in die Bevöl­kerung noch nicht eingedrungen sei; allein die Regie­rungen thäten ihr Möglichstes, um die Beunruhigung fern zu halten. Die Presse habe durch ihre Sensations­nachrichten einen großen Antheil an der Beunruhigung. Die Regierung von Rumänien habe sich trotz der nationalen Strömungen stets korrekt benommen und den freundnachbarlichen Pflichten genügt; er sei über­zeugt, daß dies auch in Zukunft so bleiben werde.

* Rom, 18. Sept. Der Papst befaßt sich gegen­wärtig besonders eifrig mit der Idee der Vereini­gung der schismatischeu Kirchen mit dem Katholizismus. In Verfolgung dieses Gedankens beabsichtigt er, für den Oktober d. I. sämmtliche Pa­triarchen der verschiedenen orientalischen unirten Kirchen nach Rom zu berufen, um ihnen besondere Weisungen behufs Erreichung ihres Zieles zu ertheilen.

* Hefter den schon gemeldeten japanischen sieg bei Pingyang erfährt man noch Folgendes: Am Donners­tag rekognoszirte eine japanifche Abtheilung vonPong- san aus die chinesische Stellung mit dem erwünschten Erfolge. Am Freitag Abend rüsteten sich dann die japanischen Streitkräfte zu einem gemeinsamen Angriff derart, daß die Abtheilung von Gensan gegen die chinesische linke Flanke, die Abtheilung von Ponsang gegen das chinesische Centrum und die Abtheilung von Hoang-Tschiu, verstärkt durch Marinesoldaten und Matrosen der japanischen Flotte, die an der Mündung des Tatong-Flusses vor Anker liegt, gegen die chmesische rechte Flanke vorging. Die Chinesen hatten die alten Befestigungen bei Pingyang durch neue Werke erheb­lich verstärkt. Am Samstag Morgen eröffnete die Ab­theilung von Pongsan aus die Kanonade bis zum Mit­tag, der die Chinesen wacker Stand hielten. Gegen 2 Uhr rückte die Infanterie vor und unterhielt das Ge­wehrfeuer bis zum Abend, ohne daß die Japaner er­heblich an Boden gewonnen hätten. Erst Nachts be­gannen die Abtheilungen von Gensan und Hoang-Tschiu die chinesischen Streitkräfte zu umzingeln, worauf um 3 Uhr Morgens ein concentrischer Angriff begann, der gleichzeitig mit wunderbarer Gleichmäßigkeit eröffnet wurde. Die chinesischen Flankenstellungen waren sehr schwach und wurden überrascht. Es entstand ein Schrecken unter den Angegriffenen und bei der Flucht wurden sie zu Hunderten niedergemetzelt. Li - Hung - Tschang s europäisch eingeschulte Truppen standen wacker und wurden bis auf den letzten Mann niedergehauen. Schließ­lich drang die Abtheilung von Pongsan im Centrum

Am genannten Sonntage Abends füllte sich der Saal des katholischen Kasino's bis auf den letzten Winkel. Die Nachricht von dem Austreten eines neuen Redners hatte viele Neugierige angezogen.

Walther hatte sich das etwas unvorsichtige, aber für einen Fabrikort besonders geeignete Thema: „Die höheren Klassen und die soziale Frage" gewählt. Um sechs Uhr ertheilte ihm Dr. Harach das Wort.

Die Vortragsweise des jungen Ingenieurs war an­fangs etwas ängstlich, um sich jedoch im Verlaufe der Rede zu immer entschiedenerem und packenderem Aus­druck zu erheben. Der Redner begann mit den Worten des Dulders Job: „Nichts auf Erden entsteht ohne Ursache, und aus dem Boden wächst das Leid nicht empor." Er führte aus, wie, sich unsere besitzenden und sogenannten gebildeten Klassen gegen das Studium dieser Ursachen meist absichtlich verschließen, um nicht an ihre Pflichten gemahnt zu werden. Mit den Worten: „Arme und Elende hat es immer gegeben" suche man sich über die schreiende Lage der Gegen­wart hinwegzutäuschen. Er wies hin auf die sich un­aufhörlich folgenden Konzerte, Theatervorstellungen und Balle, auf das flache und frivole Treiben des Haupt- theiles der höheren Klassen und schloß mit den pathe­tischen Worten:

„Besitzende, Gebildete des Volkes! Ihr eilt dem Vergnügen und dem spekulativen Erwerbe des Tages nach, Ihr schaut, den Kops gleich dem Vogel Strauß

verhüllend, nie das Elend und den Ernst des Tages, Ihr wißt nicht, daß Ihr aus einem Vulkane Euren Freudentanz aufführt, und seid überrascht, wenn manch­mal die gährende Lava etwas durch die Rinde bringt. Mitten im Leben stehend, seht Ihr das Leben nicht. Ihr ahnt nicht, daß mitten unter Euch eine täglich wachsende Schaar von Enterbten schreitet, welche grollenden Auges nach Euren gedeckten Tischen schaut und ungeduldig auf den Ruf des Signals wartet, um Eure Paläste zu stürzen. Trotz Unruhe und Aufruhr an allen Orten macht Ihr, wie der im letzten Stadium liegende schwind­süchtige Kranke, noch Pläne für ein langes Leben des Genusses, in der tollen Ueberzeugung, daß die Ver­hältnisse, so wie sie sind, noch lange dauern werden. Allein der Besitz des Morgens garantiert Euch nicht für den Abend», die Macht der Gegenwart nicht für die Sicherheit der Zukunft."

Brausender Beifall, besonders von der anwesenden Arbeiterbevölkerung, folgte der mit markiger Stimme vorgetragenen Rede.

Ein anwesender Werkführer, Hemskiel, bat um das Wort und sprach seine Freude aus, daß ein Mann der gebildeten Klassen in so entschiedener Weise das In­teresse der arbeitenden Welt vertrete, und er forderte die höheren Kreise und speziell die noch kirchli^en Elemente der Besitzenden auf, diesem Beispiele nachzu­folgen. Wenn der Arbeiter sehe, daß die noch gläu­bigen höheren Klassen sich nicht nur um Kirchenbesuch