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Donnerstag, den 20. September 1894.

21. Jahrgang

MdllkrWZkitrnig

mit Unterhaltnngs-HeiLage „Sterne und Klurnen".

Erhhedck täglich, Sotm- mtb Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abounemeutspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig Zierate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

Berlin, 18. September.

* Die vorgestern geschlossene Berliner Kunst-Aus­stellung war von mehr als 500,000 Personen besucht, abgesehen von den Inhabern von Saison-Karten. Die Verkäufe betrugen fast eine Viertelmillion Mark.

* Bei der Berathung des antipolnischcn Ansiede- lungsgcsetzes im Abgeordnetenhause hat Freiherr von Schorlemer-Alst bereits darauf hingewiesen, daß diese ganze Gesetzgebung nicht sowohl auf eine Germani- sirung sondern auf eine Protestantisirung pol­nischer Landestheile berechnet sei. Die bisherigen Thaten der Ansiedelungskommission haben diese Vor­aussage voll bestätigt. Neuerdings liefert das .West­preußische Volksblatt' zu diesem Kapitel wiederum einen lehrreichen Beitrag den es dem .Graudenzer Geselligen' entnimmt. Es heißt dort:

Durch die zukünftige Besiedelung der Güter Bukowitz, Franzdorff, Branitz und Pniewo mit deutsch-evangelischen Bauern wird die Bukowitzer evangelische Kirchengemeinde einen Zuwachs von etwa 750 Seelen gewinnen. Dadurch wird der Verlust an Seelenzahl, den sie durch die Abzweigung nach dem Vikariat Lnianno erleidet, ausgeglichen. Zugleich aber wird die Gemeinde durch die Thätigkeit der Ansiedelungs- Kommission ihrer ganzen Baunoth enthoben werden und ohne Kostenaufwand in den Besitz einer schönen Kirche und eines stattlichen Pfarrhauses gelangen. Die Ansiedelungs-Kommission übernimmt das alte, in mancher Beziehung unzureichend ge­wordene Kirchengebäude, um es zum Schulhaus auszubauen. Ebenso übernimmt sie das bisherige, 21 Hektar 99 Ar große, in 4 Stücken getrennt gelegene Psarrgrundstück mit dem alten Wohngebäude, um es als Kolonistenstelle später zu verwerthen. Dafür wird sie eine neue Kirche mit 600 Sitzplätzen in Kreuz- iorin mit gothischen Fenstern und Thurm und ein neues Pfarr­haus nebst Wirthschaftsgebänden nach dem Projekt, wie es bereits in Zerniki, Regierungsbezirk Bromberg, zur Ausführung gekommen ist, in dem Gutsparke erbauen und der Kirchen- gcmeiude übereignen. Für den Bau der Kirche sind einige 60,000 Mark, für die Pfarreigebäude etwa 30,000 Mark bereit gestellt. Desgleichen wird die Kommission zur Psarrdotation ein der Größe der bisherigen Pfarrländereien entsprechendes Stück Land in unmittelbarer Nähe der neuen Pfarrei hergeben. Zur Anfuhr der Baumaterialien :c. ist bereits Auftrag ertheilt. Die Bauausführung soll im nächsten Frühjahr ihren Anfang nehmen. Nach Beendigung der Bauten wird der gegenseitige Austausch der Grundstücke und Gebäude ftattfinden.

Wo die staatliche Ansiedelungskommission in solcher Weise vorgeht und evangelische Gemeinden „ihrer ganzen Baunoth" enthebt", da kann man doch kaum mehr jammern, daß in den Ostprovinzen das „Evangelium" in Gefahr fei.

* Die ,Deutsche Tageszeitung^ schreibt in eigener Sache: „Man hat es geradezu als eine Täuschung bezeichnet, daß wir geflissentlich verschwiegen haben sollen, daß die ,D. Tagesztg.' das Organ des Bundes der Landwirthe sei. Wenn wir uns als Organ des Bundes der Landwirthe bezeichnet hätten, würden wir etwas Unwahres gesagt haben . . . Wir sollen und wollen kein Organ des Bundes der Landwirthe sein." Dagegen bringt eine der letzten Nummern der Zeitschrift ,Bund der Landwirthe' an

Fall and Rettung.

Erzählung von F. 3E. Hoermann.

(3. Fortsetzung.)

II. Der neue Wirkungskreis.

Es ist Fastnacht, die Zeit tollen Jubels. An dem Fenster einer der belebtesten Straßen der Stadt Lobau sitzt ein bleicher, junger Mann und sieht theilnahmslos auf die unten wogende bunte Menge hinab. Narren ziehen in buntem Kostüm vorüber, Kinder eilen ihnen jauchzend nach, und die Klänge der verschiedensten Musikinstrumente tönen herauf. Wie unwillig schließt der Kummerbleiche das Fenster und blickt, in traurige Traumesbilder versunken, auf den Tisch. Vor ihm liegen ein zerknittertes Papier und ein Telegramm, Wer die er wiederholt seine Blicke gleiten läßt. Mit zitternder Hand ergreift er das erstere, und ein paar Thränen rollen nieder. Das Papier zeigt mit Bleistift geschriebene, kaum erkennbare Buchstaben, und lautet: Lieber Bruder!

Wenn Du diese Zeilen in den Händen hast, weile ich nicht mehr bei den Lebenden. Der Winter meines Daseins naht seinem Ende, meine letzte Stunde tritt heran. Mühsam, mit Aufwendung all' meiner Kräfte, lege ich die letzten Worte hier nieder, stündlich weilen meine Gedanken bei Dir, und gar oft habe ich für Dich gebetet. Mögen meine heißen Wünsche sich er­füllen, möge Gott mein Gebet nicht unerhört lassen!

der Spitze folgende Bekanntmachung: „Wir haben uns von dem Verlage der ,D. Tagesztg.' das Recht er­wirkt, daß jedem Bundes Mitglied, dessen Bemüh­ungen es gelingt, fünf Abonnenten für die ,D. Tagesztg.' zu werben, ein Freiexemplar gewährt werden foll. Wer das Freiexemplar nicht nehmen will, der mag über die Zahlung des entsprechenden Geldbetrages an eine beliebige Wohlthätigkeits-Anstalt oder an die Kasse des Bundes der Landwirthe verfügen. Als Ausweis für die Sammlung von fünf Abonnenten gelten die an den Verlag der ,D. Tagesztg.' Berlin SW. 61. Blücherplatz 2, einzureichenden bezüglichen Postquitt­ungen". Unterzeichnet ist die Bekanntmachung: „Der engere Vorstand v. Plötz. Dr. Rösicke, Dr. H. Suchs- land." — Wie käme der „Bund der Landwirthe" dazu, für ein ihm völlig fremdes Blatt zu agitieren? Zum Ueberfluß kommt nun auch noch der Gesellfchafts- vertrag, auf Grund dessen das Blatt gegründet ist, ans Tageslicht. Da heißt es im § 5: „Aktien zeichnen können nur Mitglieder des „Bundes der Landwirthe." Weiter im § 15: „Das Recht der Ausschließung steht der Generalversammlung insbe­sondere dann zu, wenn der Aktionär aufhört, Mitglied des Bundes der Landwirthe zu sein." Endlich besagt der § 151: „Falls der Bund der Landwirthe zu bestehen aufhören follte, treten die in diesem Statut enthaltenen Bestimmungen, welche ihn betreffen, außer Kraft." Ob das Blatt sein Versteckensspiel auch jetzt noch anfrechterhalten wird? Seine „Unparteilichkeit" gegen die Katho­liken beweist es bereits in seiner dritten Nummer „unter dem Striche". Da wird ein im Kulturkampf entstandenes Wildenbruch'sches Schauspiel, welches „den Kampf um die Ehrlosigkeit der Priester, den Zwie­spalt zwischen Kaiser und Papst" in bekannter Manier auf die Bühne bringt, weidlich herausgestrichen.

* Der Gemeinde-Schullehrer Otto in Charlotten- burg, der zum Vertreter für den Eisenacher Partei­tag der Freisinnigen Volkspartei gewählt worden war, kam bei dem Magistrat um einen Urlaub von fünf Tagen ein, um den Parteitag besuchen zu können. Der Magistrat hat, hiesigen Blättern zufolge, dieses Gesuch mit der Begründung abgelehnt, daß man sonst auch den Angehörigen anderer Parteien Urlaub ge­währen müsse, wenn sie an politischen Kongressen theil- nehmen wollten. Auch werde es auf die Eltern der Schüler, die auf einem anderen politischen Stand­punkte stehen, einen ungünstigen Eindruck machen, wenn einem Lehrer Urlaub ertheilt würde, damit er für eine bestimmte politische Partei thätig zu sein in der Lage sei. Es sind vielfach Lehrer auch in Berlin zu Vertretern für den Parteitag gewählt worden. Die freisinnige Presse fürchtet, daß auch anderswo der Urlaub verweigert werden könne. Die,Volks-Zeitung,' die mit der ,Freis. Ztg.' namentlich wegen der von ihr, aber nicht in dem neuen Programm-Entwurf ge-

Es ist Abend, während ich dieses schreibe. Ich sehe den Thurm unserer Marienkirche durch das Fenster hereinblicken und die letzten goldenen Sonnenstrahlen das Kreuz vergolden. Möge mein letzter Abend ebenso schön, möge er das Hinübergehen zu einem besseren Leben sein! Bruder, empfange noch einmal die ganze Liebe Deiner Schwester. Erfülle meine Bitte, die ich Dir bei Deinem Fortgänge kundgegeben: Bleibe fromm und ein entschiedener Christ, wie Du es bisher gewesen bist! Dies ist der letzte Wunsch Deiner sterbenden Schwester

Marie.

Alois Walther hatte diesen Brief kurz nach dem vor ihm liegenden Telegramm, welches den Tod seiner Schwester meldete, erhalten. Obwohl er seit Wochen auf ihr Ende vorbereitet war, fiel diese Nachricht doch mit schmerzlicher Wucht auf ihn nieder. Er rang um­sonst nach Trost und Beruhigung.

Zwei Monate sind verflossen, seit er in Lobau wohnt. Die Fabrikstadt hatte anfangs einen eigen« thümlichen Eindruck aus ihn gemacht, denn er sah nur schwarze Straßen, niedrige Arbeiterviertel, Schaaren schmutziger Kinder und eine sozial aufgelöste Bevölke­rung. Er sah nun die systematische Ausbeutung der Arbeiter durch einen herzlosen Kapitalismus und die Unzufriedenheit, die am Herzen der Arbeiter nagte. Er^sah einen kleinen, verkümmerten Menschenschlag mit oft stieren oder finsteren Augen und krankhafter Bläffe

forderten Einheits-Volksfchule sich lebhaft herumgezankt hat, meint, der Parteileitung, die gegen die Einheits- Volksfchule fei, werde es nicht unlieb sein, wenn die berufensten Wortführer in dem Kampfe um diesen Programmpunkt in Eisenach fehlten.

* Der ,Freib. Bote' hatte seiner Zeit die Behaup­tung aufgestellt, Voltaire fordere zumLügeu auf und sei deshalb ein unmoralischer Mensch. In der liberalen ,Freib. Ztg.' setzte darauf ein „Professor Dr. ***“ einen Preis von 100 Mark aus, wenn der ,Freib. Bote' seinen Ausspruch beweisen könne. Das Ergebniß ist nun, daß das liberale Blatt eine an­sehnliche Blamage, der ,Freiburger Bote' außer dem unbezahlbaren Gaudium einen Wettgewinn von 100 Reichsmark davongetragen hat. Der Verlag der ,Freib. Ztg.' hat an den ,Freib. Bote' die 100 Mark ausbezahlt. Das Centrumsblatt hat 50 Mark dem St. Elisabethenverein, die weiteren 50 Mark dem Vincenzverein überwiesen.

* Aus dem Münsterlande, 16. Sept. Die An­regungen und Rathschläge, welche seitens der Kölner Katholikenversammlung gegeben wurden, sind von dem Gesellenverein in Beckum bereits aus der Theorie in die Praxis übersetzt worden. Dort hat sich nämlich innerhalb des Gesellenvereins eine Vereinigung der Holzarbeiter, Schreiner, Tischler u. s. w. in sach­genossenschaftlichem Sinne gebildet.

Ausland.

* In Perugia wurde am 13. d. M. ein Frie­denskongreß eröffnet. Zahlreiche französifche und italienische Delegirte wohnten der Eröffnung bei. In der ersten Sitzung sprach der Pariser Municipalrat Giron im Namen der Stadt Paris. Bonghi brachte unter dem Beifall der Versammlung seine Sympathien für Frankreich zum Ausdruck. Lazzarini schlug zwei Resolutionen vor, von denen die eine über die Hal­tung der französischen und der italienischen Presse, welche zu den Bemühungen der Friedenskomites im Gegensatz stehe, das Bedauern ausspricht und die Solidarität zwischen Frankreich und Italien bekräftigt, die zweite alle Friedensgesellschaften auffordert, sich über ein permanentes französisch-italienisches Komite zu verständigen. Die Resolutionen wurden angenommen.

* Am 13. d. M. fand der Schluß des Katho­likenkongresses in Pavia in Gegenwart des Bischofs und zahlreicher Notabilitäten statt. Die an­genommenen Resolutionen sind religiöser, politischer und wissenschaftlicher Art. In einer Resolution wird auch die Gründung einer Hilfsgesellschaft für katholische Journalisten angestrebt.

* Petersburg, 16. Sept. Die Nachforschungen der hiesigen Polizei ergaben, daß der berüchtigte Anarchist Baron v. Unger n-Sternb erg hierher gekommen war, um ein Attentat gegen den Zaren zu verüben.

Abends aus den Fabrikräumen ziehen, und bann wieder mitten dazwischen hie und da eine Karosse, die zu den hellerleuchteten Wohnungen der Reichen fuhren. Dieser Gegensatz berührte ihn schmerzlich, und er vertiefte sich mit neuem Eifer in die Lektüre der Arbeiterfragen. Dazu gab eine unter den Arbeitern zur Zeit gährende Bewegung noch besonderen Anlaß.

Nach kurzen Wochen hatte er sich in Lobau einen kleinen Bekanntenkreis geschaffen. Vor Allem schloß er sich dem Pfarrer Dellroth und dem dortigen Klerus an und genoß da manche Stunden wahrer Freude. Auch im katholifchen Kasino war er bald ein gern ge­sehener Gast, und er betheiligte sich mit regem Eifer an der Pflege des Vereinslebeus. In den Kreis der liebenswürdigen Familie des Fabrikarztes Dr. Harach eingeführt, fchien er eine neue Heimath gefunden zu haben, und die drei Mitglieder dieser Familie, Eltern und Tochter, erschöpften sich in Aufmerksamkeiten gegen ihn. Dr. Harach war zugleich Vorsitzender des katho­lischen Kasinos. Das allgemeine Gesellschaftslebeu selbst hatte ihm anfangs nicht behagt. Die Bevölkerung er­schien ihm lebhaft und witzig aufgeweckt, aber ohne Gemüth, ohne dauernde Anhänglichkeit. Dazu war die Parteigehäfsigkeit eine große, und es trat, wie an vielen industriellen Orten, ein gewisser kleiner Kreis von Geldprotzen unangenehm hervor. Dieser Kastengeist, diese Absonderung und die Abschätzung des Menschen nach der Höhe seines Besitzes berührte den idealen