jfs 214 Mittwoch, den 19. September 1894. 21. Jahrgang
Huld acrW Zutun i;
mit Unterhaltungs-KeUage „Sterne und Klumen". ________
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* Die farblose Presse.
In der großen hessischen Katholikenversammlung, die im Mai in Mainz abgehalten wurde, sprach Herr von Brentano (Offenbach) über die Bedeutung und die Pflichten der Presse sehr beherzigenswerthe Worte. Bezüglich der farblosen Presse sagte Redner:
„Eine Spezies der Presse und fast die gefährlichste ist die sog. farblose, „unparteiische Presse, wie sie in den General- Anzeigern hauptsächlich vertreten ist. Unter dem Deckmantel der Farblosigkeit schleicht sie sich in unsere Familie, verwässert den Charakter, täuscht insbesondere die Katholiken über die bestehenden Zustände, indem sie aus angeblicher „Parteilosigkeit" nichts von alledem bringt, was den Katholiken bedrückt, und schädigt in sehr erheblichem Maße unsere gute Presse." „Ich verlange von der Presse", fuhr Redner fort, „daß sie in erster Lrme wahrhaftig sei. Was nicht vertheidigt werden kann, sollte und dürfte von unserer Presse nicht vertheidigt werden. Jrr- thümer, Fehler kommen überall vor und deren Leugnung oder Vertheidigung würde nichts nützen, sondern nur schaden. Ich verlange, daß die Presse ruhig gehalten sei, daß sie jede persönliche Polemik, so weit möglich, meidet, daß sie dem Hasse die Liebe, der Phrase die Vernunft, der Geschichtslüge die Wahrheit, der Erfindung die nackte Zahl entgegensetzt. Die Presse soll nicht lieblos sein. Wohl ioll sie den Hieb mit dem Hiebe pariren, wohl soll sie schneidig und surchtlos sein, allein anderseits soll sie bedenken, daß sie eine kirchliche Presse ist, sie soll kämpfen im Interesse des Altars und des Thrones, sie soll kämpfen für Glauben, Fürst und Vaterland, sie soll eintreten für die von Gott gesetzte Gewalt, der >oir Treue und Ehrerbietung schulden; sie soll betonen, was die Deutschen eint, und sie soll vermeiden zu befördern das, was sie trennt. Ich will nicht, daß unsere Presse lediglich das sagt, was etwa in der Centrumsfraktion beschlossen worden ist, sondern ich will eine unabhängige Presse auch nach dieser Richtung hin. Ich will, daß unsere Presse nicht nur das Recht, sondern die Psticht hat, die Fraktion in der wirklichen Stimmung des Volkes offen und frei zu unterrichten, daß die Presse gegebenenfalls auch das Recht haben muß, etwa unbedachte Aeußerungen einzelner, wenn auch hervorragender Katholiken in maßvoller und liebevoller Weise richtig zu stellen, womit ich der Splitterrichterei und dem Nachgehen von Kleinigkeiten mit Nichten das Wort geredet haben will. Möge auch für die Presse stets der schöne Spruch seine volle und entschiedene Geltung haben: in rebus catholicis unitas, in dnbiis — libertas, in omnibus autem — caritas. Und, meine Herren, ich behaupte, eine solche Presse haben wir in Bezug auf unsere großen und kleinen Centrums-Organe. Sie haben uns endlich viel geleistet in der Abwehr des Bösen und Verbreitung des Guten. Und auch aus Dankbarkeit müssen wir unsere Presse stützen. Denn wer ist immer zuerst auf dem Plane, wenn es gilt, unsere Interessen zu sichern? Es find die Leute von der Presse. Wer hat Geld und Freiheit geopfert für unsere Sache? Es waren die Leute von der Presse.
Auch die Generalversammlung der Katholiken Deutschlands zu Köln beschäftigte sich mit der farblosen Presse und nahm folgenden Antrag der Herren Dr. Schädler, Dr. Hülskamp und Gruner, betr. den Kampf gegen die farblose Presse, an:
„Die 41. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands erklärt im Anschluß an die Resolutionen früherer Katholikenversammlungen den „Kampf gegen die farblose Presse" als eine der grundlegenden Ausgaben des katholischen Volkes.
Insbesondere möge unser hochwürdiger Klerus von der Veröffentlichung der Gottesdienstordnungen, mögen unsere Kirchenvorstände und die katholischen Vereine von der Publikation ihrer Anzeigen in sogenannten „General-Anzeigern", in gewissen amtlichen Kreisblättern an Orten, wo ein gutes Centrumsorgan
Fall und Pettung.
Erzählung von F. X. Hoermann.
(2. Fortsetzung.)
Alois eilte fort. In der Dorfgasse begegneten ihm einige Nachbarsleute, die von seinem Fortgang bereits erfahren hatten nnd ihm zu seiner Beförderung gratu- lirten. In der Postexpedition entledigte er sich rasch seiner Briefe und eilte dann nach dem Hause des Försters Mindl, wo ihm Joseph beim Eintritte entgegen kam. Die zwei Jugendfreunde begrüßten sich auf das Herzlichste und traten dann in das mit Rehgeweihen gezierte Wohnzimmer, wo sie am Ecktische Platz nahmen. Mindl reichte Alois schweigend ein Schreiben und hörte die Frage des Ueberraschten:
„Wie, Du hast die theologische Preisaufgabe gelöst? Ich gratuliere. Das ist ein schönes Weihnachtsgeschenk für Deine Eltern."
„Ja, den Vater hat es sehr gefreut. Fast so sehr," fügte er lächelnd hinzu, „als ob er einen Zwölfender geschossen hätte. Doch nun von etwas Anderem! Was gedenkst Du dieser Tage zu thun?"
„Abzureisen!"
„Abzureisen, wie soll ich das verstehen?"
„Ich habe die Stelle, von ^der ich Dir früher schrieb, nunmehr erhalten, in drei Tagen ziehe ich fort, und da mußt Du uns übermorgen noch die Ehre geben, unser Tischgast zu sein."
besteht, überhaupt von der Benutzung farbloser Blätter, unter welchem Deckmantel dieselben auch auftreten mögen, unbedingt Abstand nehmen.
Das katholische Volk möge sich immer wieder m's Bewußtsein rufen, daß es nur durch Unterstützung und Förderung der entschieden und ausgesprochen katholischen Presse möglich sein wird, in Zukunft auch die Vertheidigung der Rechte unserer heiligen Kirche durchzuführen, welche für uns als Katholiken wie als Staatsbürger unumgängliche Nothwendigkeit ist."
Prälat Dr. Hülskamp begründete den Antrag mit Hinweis darauf, daß die farblose Presse mit ihren nur zu häusig unsittlichen Romanen nicht in katholische Familien gehöre und daß überhaupt der Katholik keine Presse unterstützen dürfe, die weder kalt noch warm sei. (Beifall.) Nicht bloß die Dankbarkeit, sondern auch die Klugheit bedingten es, daß das katholische Volk seine katholische Presse Hochhalte, damit dieselbe der katholischen Sache auch kräftig in altbewährter Werse nützen könne. Redner verweist auf die großen Verdienste der katholischen Presse im Laufe des Kulturkampfes und kommt zu dem Schluffe, daß ohne die thatkräftige Hilfe der katholischen Presse kein, ruhmreiches Centrum und kein Sieg des Centrums möglich gewesen wäre. (Leb- hafte Zustimmung.)
Deutsches Keich.
Berlin, 17. September.
* Als Grund des Rücktritts des bisherigen deutschen Gesandten in Stockholm Graf Wedel gibt das in Christiania erscheinende Morgenbladet' an, Graf Wedel beabsichtige, sich mit einer hochstehenden schwedischen Dame zu verheirathen. Es ist Regel, daß sich ein Diplomat nicht durch Heirath an ein fremdes Land bindet. Nach der ,Nat. Ztg.' dürfte die Mittheilung des Morgenbladet' richtig sein.
* Die Antisemiten der Spielart Förster von Mosch — offiziell nennen sie sich „Verband deutsch-liberaler Antisemiten" müssen natürlich ihr besonderes Programm haben. In einer zu Berlin abgehaltenen Sitzung wurde eine siebengliedrige Kommission zur Ausarbeitung eines solchen gewählt und ihr für diese Aufgabe folgende Direktive mit auf den Weg gegeben: Zusammenschluß aller deutschen und ehemals deutschen Länder zu einem Groß-Deutschland mit Wahl- Kaiserthum aus den deutschen Bundesfürsten (V o l k s w ah l), Zusammensetzung der Volksvertretung aus Vertretern der einzelnen Stände, Heranziehung der Einkommen der Fürsten zur Staats- und Kommunalsteuer, Beseitigung aller Standes-, Adels- und Ordens-Vorrechte, Ausmerzung des Alten Testamentes aus Kirche und Schule und Ersatz durch den (heidnischen?) Glauben unserer Väter, überhaupt gründliche Reform des „Juden-Christenthums", Verbot der Judentaufe und Namensveränderung der Juden unter rückwirkender Kraft, Verbot der Ehe zwischen Juden und Deutschen und des Haltens deutscher Dienstboten und
„Zu freundlich! Doch ich nehme die Einladung mit Dank an und beglückwünsche Dich zu Deiner neuen Stellung. Für mich werden die paar Feiertage etwas still verlaufen. Doch eine weitere Frage: „Studierst Du noch soziale Fragen?"
„Wie früher."
„Das ist schön von Dir; nur zu viele versäumen das Studium dieser ernsten Fragen der Gegenwart. Habe ich später einmal mehr Zeit, so muß ich selbst auf diesem Gebiete noch Vieles nachholen."
„Das wird später unsere Korrespondenz noch interessanter .gestalten. Meine zukünftige Heimath Lobau, ist eine Fabrikstadt, da gibt es wohl manche Gelegenheit, sich in der Arbeiterfrage zu unterrichten."
Unter solchen Gesprächen verfloß allmählich die Zeit. Als Alois dann aus dem Hause trat, kam der Förster eben mit einem Bock auf dem Rücken heim. „Sage Deinem Vater", rief er dem nach Hause Gehenden zu, „daß ich den Bock, den er am Vormittag angeschossen, mit Hilfe meines Nimrod verendet gefunden habe. Das gibt ein saftiges Weihnachtsessen."
Am Abend war eine ungewöhnliche Christbaumfeier im Gerberhause. Um der kranken Tochter den Anblick des glanzenden Baumes zu ermöglichen, wurde er in deren Zimmer gebracht, und Eltern und Brüder begaben sich geräuschlos dorthin. Stumm, mit gefalteten Händen, betrachtete die Kranke die gezierte Tanne,
Arbeiterinnen, Wiederaufnahme der Ritual-Mordpro- zesse unter Behandlung der Israeliten als Talmud-Juden, Ausweisung sämmtlicherHebräer nach entlegenen meerumspülten Kolonien, staatliche Einziehung aller durch Lug und Trug ergaunerten Judenvermögen und Verwendung derselben zur Aufbesserung der sozialen Lage der Arbeiter u. s. w.
* Die ,Deutsche Tageszeitung^, die kein Blatt des Bundes der Landwirthe sein will, obwohl ihre Aktionäre Mitglieder des Bundes der Landwirthe sem müssen, erhält von allen Seiten Absagen. So schreibt jetzt sogar die ,Kons. Korresp.': „Wir vermuthen, daß in diesem Satze (daß die ,D. Tagesztg." kein Organ des Bundes sei) ein Wort ausgelassen sei und daß es heißen müsse: kein ausschließliches Organ des Bundes. Da jedoch bisher eine Korrektur in diesem Sinne nicht erfolgt, da demnach eine Irreführung der Leser der .Tageszeitung' nicht ausgeschlossen ist, möchten wir auf die Gründungsgeschichte des genannten Organs Hinweisen. Die,Tagesztg.' war dazu bestimmt, für die Jnteresfen des Bundes der Landwirthe ein tägliches Organ zu bilden, eine, „Lücke auszufüllen". Weift die ,Tagesztg.' diese Aufgabe von sich, so erlischt dadurch gewissermaßen auch ihre Existenzberechtigung, und sie sinkt zum Niveau der verschiedenen „parteilosen" Blätter hinab, die alle nur in den benachbarten Partet- wässern im Trüben sischen wollen, die also grundsätzlich von uns bekämpft werden müsfen."
* Eine bemerkenswerthe Folge der zweijährigen Dienstzeit hat sich bei der Garde gezeigt. In der Festung Spandau ist von jeher die Disziplmarabthet- lung des Gardekorps kasernirt; diese besteht aus denjenigen Mannschaften, welche eine Festungsstrafe erlitten haben. Solche Leute kommen, zum Unterschied von den Linienregimentern, nicht wieder zu ihrem Truppentheil zurück, sondern absolviren den Rest ihrer Dienstzeit bei der Disziplinarabtheilung. Durchschnittlich war letztere immer 80 bis 90 Mann stark. Seit Einführung der zweijährigen Dienstzeit ist der Zugang gegen früher merklich schwächer geworden, und gegenwärtig zählt die ganze Abtheilung etwa 30 Mann. Erfahrungsgemäß kamen die häufigsten Bestrafungen der Mannschaften im dritten Dienstjahr vor; nachdem dies fortgefallen, hat die Zahl der bestraften Soldaten aber bedeutend abgenommen.
* Fortschreitender innerer Zerfall im Protestantismus. Die protestantenvereinliche Christliche (!!) Welt hatte kürzlich einen Aufsatz gebracht, in welchem sie versuchte, „die Werthlosigkeit der biblischen Geschichte des Alten Testaments für den christlichen Religionsunterricht" nachzuweisen; ihre Ausführungen liefen darauf hinaus, daß die „alttestamentlichen Sagengestalten kein Umgang für Christenkinder find." Dazu bemerkt der p r o t e st a n t i s ch - gläubige Baseler Professor der alttestamentlichen Theologie, v. Orelli: „Wir haben diesen Bankerott schon lange vorausgesagt,
und ein paar Thränen rollten über das bleiche, verklärte Antlitz.
„Wie schön", flüsterte sie endlich, „tote schon! O, könnte ich morgen auch in der Kirche weilen; wie wird es mir morgen so weh werden, wenn ich die Glocken läuten höre! Seht", sprach sie nach einer Pause, „wie ein Licht dort anfängt, zu erlöschen, so geht es auch mit meinem Leben. Nur noch ein schwaches Aufflackern ist der Rest meiner Tage, bald wird der Docht verglommen sein."
Sie sank auf ihr Kissen nieder, und während dte Mutter weinend zurückblieb, verließen die anderen drei Personen das Zimmer, um sich allmählich auf den Besuch der Christmette vorzubereiten.
Ein kalter Weihnachtsmorgen stieg über demPsarr- dorfe empor, und knarrenden Schrittes eilten die Kirchgänger nach dem überfüllten Gotteshause. „Ehre sei Gott in der Höhe!" klang es in jeder Brust, und jedes Antlitz drückte Festesfreude aus. Nur im Walther- schm Hause war die Stimmung etwas gedrückt; die Mutter grämte sich über den Weggang ihres Sohnes, die Brüder schritten stumm an einander vorüber, und die Kranke betete und litt. Nur der Gerber selbst war in behaglicher Stimmung und ließ sich den Trunk und den Weihnachtsimbiß gut munden.
Am zweiten Tage kam der geladene Gast in das Haus, und es entwickelte sich beim Mittagstisch eine ziemlich lebhafte Unterhaltung, der nur Fritz interessen-