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Dienstag, den 18. September 1894.
21. Jahrgang
FuldlierWZcitiliiir
mit Urrterhattrrngs-Kettage „Sterne und Kinmen".
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Deutsches Reich.
Berlin, 15. September.
* Das preußische Staatsministcrium hielt heute unter dem Vorsitz des Grafen zu Eulenburg eine Sitzung ab, die erste nach der durch die Sommerferien bedingten Pause.
* An der Huldigungsfahrt nach Varzin, welche die Anhänger des Fürsten Bismarck aus der Provinz Pofen am Sonntag veranstalten, sollen sich über 4000 Personen betheiligen. Den dann folgenden Sonntag, den 23. September, wollen die Anhänger aus Westpreußen zu einer Fahrt nach Varzin benutzen. Ein Herr aus dem Schwetzer Kreise hat in Varzin schon Quartier gemacht. Ihm gegenüber sprach sich Fürst Bismarck auch wieder einmal mit großer Erbitterung über die Behandlung der Pol en frage durch die Regierung aus. In Pofen scheint man die Huldigungsfahrt vielfach als agrarifche Demonstration aufgefaßt oder ausgelegt zu haben. Das ,Pos. Tagebl.' versichert nun, die Fahrt fei keine Veranstaltung, des landwirthschaftlichen Centralvereins oder des Posener landwirthschaftlichen Vereins oder des Bundes der ' Landwirthe. Auch der kommandirende General in Posen hat das Unternehmen als Demonstration aufgefaßt und deshalb die Stellung einer Militärkapelle abgelehnt. Inzwischen soll er aber besser unterrichtet worden sein.
* Der Verein zur Besserung entlaffener Strafgefangener in Berlin ist bemüht, entlaffenen Sträflingen Arbeit zu verschaffen. Auch die entlaffenen Juden wandten sich bisher an ihn, wenn sie Arbeit haben wollten. Nunmehr hat sich eine vom Vorstand der jüdischen Gemeinde reich mit Mitteln ausgestattete Kommission gebildet, die den Verein ersucht hat, sie als besondere Abtheilung anzuerkennen und ihr die Fürsorge aller jüdischen Strafgefangenen zu belassen. Die Kommission wünscht die jüdischen Strafentlassenen „den jüdischen Anschauungen zu erhalten." Vom 1. April n- I. ab sollen ihre Mittel noch erhöht werden, damit sie den Entlassenen einen kleinen Handel und dgl. einrichten kann. Der Verein zur Besserung entlassener Strafgefangener wollte aber auf den Vorschlag der Kommission nicht eingehen und stellte ihr anheim, ihre Mitglieder dem großen Verein anzuschließen, um an der Arbeit, die Strafentlassenen durch die Erziehung zur Arbeit wieder zu nützlichen Gliedern der Gesellschaft zu machen, theil- zunehmen.
* Eine deutsche Togoexpedition ist unter Führung des Herrn v. Pawlowski von Hamburg abgegangen. Man will den geplanten englischen und französischen Expeditionen in das Hinterland von Togo und in die bisher einzig uud allein von Deutschen (Dr. Ludwig Wolf und Hauptmann Kling) durchforschten Gebiete zuvorkommen und durch Entsendung einer deutschen Expedition Deutschland jene Gebiete in möglichst weitem
Fall und Rettung.
Erzählung von F. £ Hoermann.
(1. Fortsetzung.)
Etwas verletzt fragte Alois: „Mein Weggang scheint Dir angenehm zu sein?"
„Das gerade nicht," entgegnete der Bruder, „aber ich kann es nicht sehen, wenn großstädtisch geputzte Menschen auf dem Lande herumlungern und mit nutzlosen technischen und noch nutzloferen sozialen Studien die Zeit todtschlagen, während wir arbeiten, um ihnen das tägliche Brod zu verschaffen."
„Fritz, habe ich das verdient?" fragte Alois schmerzvoll.
„Verdient? Nein, verdient hast Du um uns gar nichts, als daß uns Dein Studieren viel Geld gekostet und eine große Schuldenlast auf unser Anwesen gebracht hat. Ich vor Allem muß die Folgen tragen."
„Durch mich allein ist das Anwesen nicht gesunken."
„Durch wen sonst?"
„Ich kann Dir nicht erwidern, weil ich nicht wie Du verletzend sein will. Am väterlichen Erbtheil jedoch sollst Du nicht zu kurz kommen, ich kenne meine Pflicht." Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte er in das Haus zurück und stieg langsam die Treppe hinauf. ~ „Kann man zur Maria hinein?" fragte er die ihm begegnende Mutter.
Umfange sichern. Die deutsche Kolonialgesellschaft hat einen namhaften Betrag für die Togoexpedition bewilligt. Durch diese Mittel im Verein mit der Unterstützung, welche dem Unternehmen vom Auswärtigen Amte und einzelnen Kolonialfreunden zu Theil geworden, war die Möglichkeit gegeben, die Entsendung der Expedition ins Werk zu setzen.
* Aus Baden, 14. Sept. Herr Geistlicher Rath Abg. Wacker hatte jüngst gelegentlich einer Fahnenweihe die Taktik des Centrums bei den künftigen badischen Landtags-Wahlen besprochen und die selbstredende Parole ausgegeben: „Das Erste, Wichtigste und Nothwendigste in Baden ist vor Allem, daß das parlamentarische Uebergewicht des Nationalliberalismus gebrochen werde." Der Zorn der nationalliberalen Presse richtet sich nun eigentlich weniger gegen diese selbstverständliche Programmforderung des Centrums, als gegen ihre praktische Verwirklichung durch die vom Redner empfohlenen Mittel. Es ist die altbewährte Taktik der badischen Centrumspartei: jeden gegen einen Nationalliberalen in Frage kommenden oppositionellen Bewerber, ohne Aussicht oder Anspruch auf Dank oder Gegenleistung, mit allen Kräften zu unterstützen — ausgenommen einen Sozialdemokraten. „Wo ein nationalliberaler und ein sozialdemokratischer Bewerber in Frage kommen, da werden die Centrumsleute ruhig zusehen und die Brüder den Kampf unter sich ausmachen laffen." So wörtlich Wacker, der natürlich kein Sonderprogramm besitzt. Mit einer unglaublichen Verlogenheit stürzen die Amtsverkündiger sich auf den unbequemen Centrumsführer, die schlecht verhüllte Absicht verrathend, ihn und feine Anhänger nach oben hin in effektvoller Beleuchtung als revolutionären Agitator hinzustellen. Aus dem erkünstelten Wuthausbruch des Mannheimer Amtsverkündigers', um mit der ,Köln. Volkszeitung' nur diesen sprechen zu lassen, einige Proben: „Wie reimt sich die Parole des Eintretens der Ultramontanen für die Sozialdemokraten mit den Kundgebungen des Papstes, vieler Bischöfe und auch des letzten Katholikentages? . . . Der Führer der badifchen Ultramontanen gibt die Wahlparole für die Sozialdemokratie aus! . . . Die Ultramontanen sind ja alle Erzjesuiten, Dr. Örter er hat es in Köln laut genug verkündet, und den Jesuiten ist bekanntlich jedes Mittel heilig. . . . Jene Partei, Cie Königstreue und Religion fortwährend im Munde führt, . . . wird für die Sozialdemokratie eintreten, die bekanntlich Königthum und Religion abschaffen will."
Ausland.
* Wien, 14. Sept. Gestern Vormittag fand im Stephansdome die feierliche Enthüllung des Denkmals zur Erinnerung an die Befreiung Wiens, aus der Bedrängniß der Türken im Jahre 1683-statt. Der Feier wohnten der Kaiser, die Erzherzöge, der Minister des Auswärtigen Graf Kalnocky, der Ministerpräsident Fürst Windischgrätz, mehrere andere
„Ja, sie ist soeben aufgewacht. Mache ihr Deinen Fortzug nicht zu schwer."
Durch einen getäfelten Gang fchritt er leise an eine Thüre und horchte. Von innen klang mit schwacher Stimme die Strophe eines Liedes:
Weiße Todesengel singen Mir das Ende meiner Tage, Und mit goldbeglänzten Schwingen Himmelaufwärts sie mich tragen.
Er trat behutsam in das gegen den Garten zu liegende kleine reinliche Gemach. In der einen Ecke stand ein weiß überzogenes Bett mit alterthümlicher Lade. Halb schlummernd lag eine bleiche, abgezehrte Mädchengestalt in demselben.
„Maria, störe ich Dich nicht?" fragte ihr Bruder.
„Nein, Alois," entgegnete sie mit klangloser Stimme, „ich bin froh, so froh, daß Du kommst. Hole Dir einen Stuhl und setze Dich zu mir her."
„Du hast eben sehr traurig gesungen. Ich habe es gehört, es hat mich schmerzvoll ergriffen."
• „Ich habe nicht traurig gesungen, wohl aber ernst und traurig geträumt. Laß Dir erzählen. Es waren vier verschiedene Traumbilder, in denen ich Dich sah. Zuerst in einem fernen Lande, in einem glanzvoll ausgestatteten Raum, vor Freude trunken und verschwenderisch die Goldstücke unter Deine leichtfertigen Genossen der Lust werfend. Einen Becher, auf dem mit feurigen Zügen das Wort „Genuß" stand, trankst
Minister, der päpstliche Nuntius Agliardi, der Statthalter, sowie zahlreiche Hof- und Staatswürdenträger und der Bürgermeister bei. Kardinal, Grnscha hielt eine feierliche Ansprache an den Kaiser. Nach der Enthüllung stimmte Kardinal Grnscha das Tedeum an.
* Innsbruck, 14. Sept. Der bekannte Jefuiten- pater Dr. theol Emil Michael, Professor der Kirchengeschichte an hiesiger Universität, hat dieser Tage einen Besuch in Kopenhagen gemacht. Er sammelt zur Zeit Material für fein großes Werk: „Die Geschichte des deutschen Volkes seit dem dreizehnten Jahrhundert bis zum Ausgange des Mittelalters," welches eine Art Einleitung zu Janssen's Geschichtswerk bilden wird.
* Pest, 14. Sept. Graf Tisza sagte in der Eröffnungsrede der ungarischen Delegation: Nebst dem Dreibund, der eine Garantie für die Erhaltung des Friedens biete, wolle er auch die Kriegstüchtigkeit der Verbündeten, und fomit auch der österreichisch- ungarischen Monarchie; aber auch die Erhaltung des inneren Friedens sei nothwendig und wiege die guten Beziehungen zu den Nachbarmächten auf. Indem Ungarn alle der Erhaltung der Großmachtstellnug nöthigen Mittel zur Verfügung stelle, erwarte es (!), daß die Monarchie ihr ganzes Ansehen in die Wagschale lege gegen unbefugte äußere Einmengungen, deren Duldung den inneren Frieden stören könnte, (Was ist damit gemeint? Wohl der hl. Stuhl?) dessen Gewähr der König von Ungarn neben der Integrität der Stefanskrone zu wahren für seine heiligste Pflicht halte.
* Paris, 15. Sept. Der .Gaulors' veröffentlicht Einzelheiten über die Absichten des Herzogs von Orleans. Der Herzog entläßt das gesarnrnte politische Personal und ersetzt es durch Persönlichkeiten ans der royalistischen Jugend. Er siedelt nach L o n d o n über, wo allwöchentlich Empfänge royalistischer Abordnungen stattsinden sollen. Jedenfalls steht eine regere Thätigkeit des Prätendenten bevor. — Der Anarchist Bodey, der dem Polizisten Balesdan einen Messerstich versetzte, wurde zu 15 Monaten Kerker verurtheilt. .
* Orleans, 14. Septbr. Die fremden Offiziere, welche gestern den großen Manövern in Artenay beigewohnt hatten, kehrten Nachmittags mit einem Spezialzuge hierher zurück. Nach Verlassen des Zuges begaben sich der deutsche Oberst von Schwarzkoppen und der französische Major Tantan gemeinsam nach dem Kirchhof von St. Vineennes. Dort legten sie auf die Gräber der 1870 gefallenen deutschen und französischen Soldaten je einen Lorbeerkranz nieder. Beide Offiziere waren in großer Uniform. Die Nachricht von der den gefallenen Kriegern beider Nationen gemeinsam dargebrachten Huldigung rief ungeheuren Eindruck hervor. Man ist überzeugt, daß der deutsche Offizier nach formeller Instruktion feiner Regierung gehandelt hat.
Du bis zur Neige. In einem zweiten Bilde sah ich Dich hastig von einem Gotteshaufe fliehen, in der einen Hand eine ausgelöschte Kerze, mit der anderen die Blätter des Katechismus zerreißend. In einem dritten stand unser Vater mit abgehärmtem Antlitz am Tische der Wohnstube, und bei ihnl zwei Männer. Sie nötigten ihn, ein Schreiben zu unterzeichnen, auf welchem das Wort „Vergantung" stand. Du selbst hieltest im Hintergründe dem Vater die leeren Hände entgegen. Dann kam ein viertes, düsteres Bild. Ich sah Dich, den Vater und unsern Bruder Fritz, und zwar letzteren in Zuchthauskleidern, trostlos vor einem Sarge stehen, und auf dem Large stand — der Name unserer Mutter. Das war der Traum; ich habe gar lange darüber nachgedacht."
Kopfschüttelnd hatte der Bruder zugehört, dann sprach er: „Und Du glaubst an die Erfüllung dieses SE/muirtcS?"
„Nein, wenigstens nicht in diesem Umfange. Doch lasse Dir das Mitgetheilte zur Warnung und Vorsicht bienen!" „ . ,
Es trat eine kleine Stille em, wahrend welcher man nur das Ticken der Uhr hörte. Dann begann Alois wieder: „Schwester, ich habe Dir eine wichtige Nachricht mitzutheilen. Ich bin als Lehrer an die Werkmeisterschule zu Lobau berufen und reife in drei Tagen fort."