21. Jahrgang
Samstag, bett 15. September 1894.
JV 211
fuldaerMZeilnng
derselbe daS interessante Geständniß, daß Fürst BiS- marck schon 1872 da? Gefühl g habt hat, daß fern Eipflaß beim Kaiser Wilhelm I. schwinde. In welcher Weise aber Fürst BiSmarck seinen Einfluß zur Geltung zu bringen wußte, ist ebenfalls auS obigem Briefe ersichtlich. Im Nebligen ist die Polevangst beim Fürsten Bismarck schon längst bekannt.
sich ansässig gemacht hatten, ein sehr geraum,g angelegtes Gebäude mit vielen Nebeabauten käuflich erwarb. ES war daS Palais, in dem der Letzte von Fulda'S geistlichen Fürsten, Adalbert IIP von Harstall, nachdem er aus dem gegenüber liegenden Residenzschlosse vertrieben worden, nachtraurrnd einer untergegangenen Zeit, seine Tage beschloßen hatte. In den Räumen die eS schloßartigen HauseS, daS mit der Rückseite im schönen, großen Garten iteht und über grüne Baumrerhen nach der maj stätischen Kathedrale hinblickt, verbrachte Sophie von Gilsa ihr Dasein und strebte, eS möglichst befriedigend aus zufüllen. Hier fand sie hinlänglich Muße, ihr hsth-tischeS Empfinden zu schulen und zu läutern «nd um dem Drange nach intellektuellem Werken in recht nützlicher, fruchtbringender Weise genug zu thun, war sie selbst als Lehrerin thätig. Er war närn- lich im Jahre 1839, in einer Zeit, wo die Englffchen Fräulein neben den Benkdiktinerivnen nur in den Volksschulen den Elementarunterricht für die weibliche Jugend ertheilien, Fulda'S erste höhere Töchterschule gegründet worden. An dieser, einer zweiklassigen Simultanschule, welche von den Töchtern aus den besieren Ständen be- sucht wurde, wirkten die tüchtigsten Lehrkräfte; wir nennen davon nvr folgende: Dr. Fried?. Franke (später Rektor der Fürstenschul- zu Meißen), Dr. Karl Schwartz (f als Gymnasial-Direktor zu Wiesbaden), Dr. Theodor Gies (f zu Hanen), Dr. Jos. Wiesen
± Sophie von Gilsa.
Ein hessisches Dichterbild von I ®.
Wir haben neulich eines vergessenen Büchleins gedacht, welches die vormals hier lebende Freiin Sophie von Gilsa einst der Kaiserin Friedrich zu widmen beabsichtigte; möge eS darum gerechtfertigt scheinen, jene beinahe verschollene hessische Dichterin, deren Erdendasein schon seit langer Zett abgeschlossen ist, auch in das Andenken der Leser dieser Zeitung zurückzurufeu.
Im sogenannten „Löwenstemer Grund", einem reichen und gesegneten Landstriche an der Schwalm, liegt der Stammsitz der Freiherren von und zu Gilsa, eines alten kraftvollen Geschlechtes, das dem H'ssen- lande so manchen Wackern Haudegen ohne Furcht und Tadel zur Wehr gestellt hat; — erwähnt sei nur der Grnerallieutenant Titel Ludwig Philipp von Gilsa, der sich im siebenjährigen Kriege durch b'-e glänzendsten Waffenthaten hervorthat und dafür auch die volle Anerkennung und Hochachtung Friedrich's des Großen gewann. Doch nicht minder als die Söhne dieses HauseS zeichneten sich auch seme Töchter durch vortrtsiüche Eigenschaftes und hohen Adel der Gesinnung aus, vorab diejenige, deren Gestalt wir hier vorzuführrn versuchen wollen.
Sophie Ernestine Marianne Dorothea Christiane von Gilsa wurde zu Gilsa am 18. Mai 1807 ge
boren als Tochter des OberstallmeisterS Karl Ludwig l Philipp von Gils- und dessen Gattin Elisabeth Maria ; Frida, geb. von Buttlar. Schon a!S Kind zeigte sie hervorragende Geistesanlagen, welche in einem Ec» ! zikhungS - Institute zu Hanau eine sorgfältige Ausbildung erhielten. Gleich ihrer älteren Schwester Karo- i line wurde ihr dann frühe ein Platz in dem freiade- , ligen Damenstifte Wallenstein, jenem Stifte, daS j in den Zeiten von Deutschlands tiefster Ekniedrtgung i seinen Namen so ruhmvoll in die Blätter der vaterländischen Geschichte eingeschrieben hat. ES war auch eine Freiin von Gilsa, welche damals >hm als Aeb- - tissin Vorstand, während Marianne von Stein, die LieblmtzSschvester des berühmten deutschen Staatsmannes („Deutfchland'S Edelstein!"), Dechantin war. Bekanntlich mißlang der Aufstand Dörvberg'S und jener hessischen Helden, die daS Joch der fremden Zwingherr, schäft zerbrechen wollten, aber wie Alle, auf denen der Verdacht ruhte, dabei betheiligt gernefm zu sein, schwer für ihren Patriotismus büßte« mußten, so auch jene edlen Frauen. Die schmählichst! Behandlurg wurde ihnen zu Theil: die brutalen Gewalthaber scheuten sich sogar nicht, stein ein Gefängniß für gemeine Verbrecher zu bring«!.
Im Jahre 1830 wurde daS Damenstlst von Hom- berg rach Fulda verlegt, wo eS im anmuthigsten Thnle der Stadt, da, wo schon im Mittelalter ÄdelSfamrlien
dam statt. . , _
• Daß im nächsten Militäretat eme wesentliche Er- t Höhung der Besoldung der Unteroffiziere, Ser- - geanten «nd Feldwebel beantragt werden soll, ist - der .Kreuzztg.' zufolge unzutreffend. .
* Fürst Hatzfeldt Trachenberg wird, wre die j .Kreuzztg.' bestätigt, Oberpräsident von Schlesien - werden. Wie eine Zuschrift an die .Kreuzztg.' kund- ! gibt, ist man in den konservativen Kreisen Schlesiens mit dieser Ernennung nicht ganz einverstanden; es wird darauf hingewiesen, daß Fürst Hatzfeldt therlr freikonservativen, theils liberalen Ansichten huldige, und dann ist derselbe — Katholik. „Wem di- evangelische Bevölkerung der Provinz der Ernennung eines Katholiken mit einer gewissen Beklemmung gegeu- übersteht, so ist dieS gewiß natürlich", meid der Verfasser der Zuschrift an die ,Kreuzztg.' «nd doch muß er zugeben, daß „bei der dem Fürsten eigenen ver- mitteluden Denknngsweiss eine Berücksichtigung, jedenfalls keine bewußte Verützung der kvangelischen Konfessionsinter«ss-n vorauszusetzen ist" Da ist doch eine „B-kiemmung" der evangelischen Bevölkerung erst recht unverständlich. Aber rnan ersteht hier Sieder, wie in gewissen Kreisen über die Parität gedacht wird. Die Mehrheit der Bevölkerung GLKsimS ist katholisch (2 247,890 Katholiken gegen 1,942,063 Protestanten) gleichwohl soll die evangelische Bevölker- uag „Beklemmungen" darüber empfinden, daß endlich einmal und ausnahmsweise ein Katholik Ober- Präsident wird, ein Katholik, der politisch weitab steht vom Centrum als der parlamentarischen Vertretung der Katholiken. Die Besetzung der höheren Beamtenstellen betrachtet man a!S ein Vorrecht der Prote- stauten, und bann wundert man sich noch, wenn die Katholiken als gleichberechtigte Staatsbürger sich über Mangel an Parität beklagen!
* Zur Frage der Lokalsch«!i«spektion liefert die .Neiffer Zeitur-g' folgenden lehrreichen Beitrag: Der Besitzer Großbürger Hartog in Zauditz, Kreis Raf.bor, erlaubte seinen katholischen Arbeitern und Dienstboten < nicht, an dem Tage dtL Einzuges deS Fürsterzdischofs ; von Olmütz in Zauditz sich an dem Empfange zu be- i theiligen. Ec zwang sie nach der .Oberschles. Vztg.', ans dem Felde zu arbeiten. Herr Hartog selber ließ durch die Festversammlung sein Jaochefaß und eine
Deutsches Reich.
Berlin, 13 September.
* In dem gegen dm Kanzler Leist schwebenden DiSziplinar-Verfahren findet die Verhandlung am 10. Oktober vor der Kaiser!. DiSziplinarkammer zu Pots-
Fuhre Getreide fahren. Dieser selbige evangelische Hartog ist bis heute noch R.visor über die katholische Schule in Zauditz. Daß sich H-rr Hartog dazu vor- züglich eignet, dürfte wohl einleuchten!! Die evangelische Schule inspizirt der Herr Pastor von RoeSnitz.
* Tine gemeinsame Berathuug der antisemitische« Abgeordneten und Vertrauensmänner der verschiedenen antisemitischen Richtungen wird am Sonntag dm 7. Oktober in Eisenach stad finden. Nachdem stch der Dtutschfoziale Verband sür Westfalen auf seiner Versammlung in Hamm für die Bereinigung aller Antisemiten ausgesprochen, hat der Deutschsoziale Landesverband für das Rheinland am Sonntag m Düsseldorf dasselbe gechan. Der Schlesische P: ovinzialverband wird in Kurzem dar Gleiche thun. Zu der Eisenacher Berathuug sollen auch Vertreter der Norddeutschen Antisemitischen Bereinigung, der Bayerischen Volkspartei und von Hamburg eing laden werde». .....
* Vom EichSfelde, 12 Sept. Charakteristisch für die prinzipielle Handhabung der Parität ist folgender Vorgang, welchem P. Pfülf, S. J., m seinem Buche: „Hermann v. Mallinckrodt, bte Geschichte seines Lebens," Seite 59-60, erzählt. Auf Anrathm des Regierungspräsidenten Du Bignau, seines Vorgesetzten, bewarb sich der Referendar von Mallinckrodt um die Landrathsstelle in WorbiS. Der Kreis ist fast ganz katholifch. Der Dirigent im Ministerium, v. Puttkarner, sagte seine Genehmigung zur Stellung des Antrages zu. Der Oberpräsident erklä-te jcdoch kurzweg, das gehe nicht. „Gegen die Person habe ich nichts, und wen« er wo anders Landraih werden kann, will ich eS unterstützen, aber im katholischen EichSfeld dürfen wir keinen katholischen Landrath haben." Der Kreis WorbiS und der Kreis Heiligenstadt haben, seitdem sie mit Preußen vereinigt sind, d. h. seit 1815 noch keinen katholischen Landrath gehabt. Es ist nun einmal so: evangelische L-ndräthe sind überall möglich, aber daß in einer katholischen Gegend ein katholischer Landrath angestellt wird, gehört zu den Seltenheiten.
* Karlsruhe, 12. Sept. Der vierte Verbands- tagdeutscher und österreichischer Eisenbahnbeamten. vereine findet hier vom 14. bis 16. September statt.
Ausland.
* Rotterdam, 12. Sept. Aus Lombok wird 1 gemeldet: Eine Abtheilung unter General Saigof, ! dem zweiten Befehlshaber, ist nach Rembega mmjchirt i und beschießt den Feind, der weiße Flaggen zeigt. ! Mataram ist ruhig. Wegen heftiger Brandung ist die i Ausschiffung weiteren Geschützes sehr gefährlrch.
* Freiburg, (Schweiz) 12. S«pt. Die theologische i Fakultät unserer so schön aufblühenden katholischen Universität berief als Professor der praktischen Moral den rühmlichst bekannten Prediger an der Dominikaner krrche zu Wien, P. Reginald Frankenstein, wogegen der seitherige Inhaber drefeS Lehrstuhles, P. BoiSdron in seine Ordensprovinz Südamerika zurückberusen wurde. Die von dem bekannten
# Em Polenbrief des Fürsten Bismarck wird im neuesten Heft der Harden'jchen,Zukunft' mit- gethellt. Der Brief ist an den früheren preußischen Minister des Innern Grafen Friedrich zu Eulen- bura (Eulenburg I) gerichtet und lautet wie folgt:
” Berlin, 7. Februar 1872.
Verehrter Freund!
Ich kann nicht umhin, Ihnen ehrlich mitzutheilen, daß Ihre Passivität bezüglich der polnischen Verhältnisse mich mt Bewußtsein meiner Verantwortlichkeit auch für unsere inneren Verhältnisse bis an die Grenze der Linie bringt, innerhalb deren meine ministerielle, ich kann nicht sagen Mitwirkung, aber Muleiden- schäft für mich thunlichst erscheint. Ich habe das Gefühl, daß aus dem Gebiete unserer polnischen Provinzen der Boden unter uns, wenn er heute noch nicht auffällig wankt, doch so unterhöhlt wird, daß er einbrechen kann, sobald sich auswärts eine pol- nisch-katholische-österreichische Politik entwickeln kann. , .. ..
Wollen Sie mir in den Vorkehrungs - Maßregeln, die ich gegenüber in jedem der nächsten Jahre möglichen Eventualltaten für unabweisbar nothwendig halte, nicht aktiver und selbstthatiger als bisher beistehen, so machen Sie mir die Frage eines Personenwechsels in Ihrem oder meinem Ministerium zu einer unabw islichen.
Ich kann mich mit theoretischen Erörterungen und Zuge- ständnissen auf dem erwähnten Gebiete nicht beruhigen, sondern bedarf des praktischen Beweises, daß Sie mit mir gegen d,e seit 10 Jahren prosperirende polnische Unterwühlung der Fundamente des preußischen Staates vorgehen. , . ■ .
Mein Antrag geht auf prinzipielle Ausweisung aller bei uns nicht heimathbercchtigten Polen, vorbehaltlich der Ausnahmen, welche die Regierung in Gnaden bewilligt. Dre Passivität des mit dieser für die Sicherheit des Staates fo bedeutungsvollen Frage ressortmäßig betrauten Ministeriums nöthigt mich, meine petita in diese allgemeine und vielleicht unpraktische Form zu bringen. Wenn ich einen Kollegen hatte, der seinerseits dre Frage mit derselben an keinem Tage nachlassenden Energie betriebe welche von der polnischen Seite zur Untergrabung der Sicherheit Preußens seit 24 Jahren entwickelt wird, fo würde ich gar nicht in die Versuchung kommen, den Details des Geschäftes meine Aufmerksamkeit zu widmen. an- -
Aber ich habe das unbehagliche Gefühl, daß m Ihrem Ministerium die Frage bisher keiner prinzipiellen, aktiven, aggressiven Behandlung unterliegt, sondern die Thätigkeit des Staates sich auf die abwehrende Erledigung der einzelnen von hier oder aus dem Lande eingehenden Anregungen beschränkt. Ich Hobe das persönliche Bedürfniß, die Aufgaben, an denen wir nun bald 10 Jahre gemeinsam arbeiten, auch mit Ihnen, verehrter Freund, gemeinsam durchzuführen, foweit unsere Kräfte reichen. Wenn Sie aber von den Ihrigen in der polnischen Frage kernen nachhaltigeren und freiwilligeren Gebrauch machen als bisher, so reichen meine Kräfte zur Durchführung des mir zufallenten An- theilcs nicht aus.
Ich habe in Folge der Ueberanstrengung, die für mich daraus erwächst, daß ich Ihnen und den anderen Kollegen nur in der Rolle des lästigen Bittstellers und Mahners näher treten kann, meine Nervenkräfte erschöpft, und ich kann mcin Geschäft unter diesen Bedingungen nicht fortführen. Wir brauchen vier Aftm- sterpräsidenten: für Se Majestät, wo ich fühle, daß me>n Einfluß schwindet, sür die Kollegen, sür das Parlament und für die auswärtigen Geschäfte. Ich habe drangesetzt, was ich tonnte, aber meine Kraft ist verbraucht, Sie haben die Ihrige geschont; wenn Sie jetzt nicht Ihre ersparten Ueberschüsse etnsetzen, so liquidire ich Lhr
M v. Bismarck.
Der Brief ist rach Form und Inhalt „echr viL- mälckifch". Er bftder, tote die ,Germania' richtig bemerkt, einen neuen intereffanten Beleg dafür, wie Fürst BiSmarck gewohnt gewesen ist, feine „verehrtenFreunde" unb Mmiüerkollegm zu beaanbeln; autzerdem enthält