Einzelbild herunterladen
 

JV 210 Freitag, den 14. September 1894. 21. Jahrgang

MdaerMZeitling

Erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ettfgeneeaitn. — Inserate kosten die einspaltig« Zeil« oder der«, Staun, IS bei Wiederholungen entsprechet« Rabatt, vierteljährlicher Abonne ment-prei- ohne Bringeriohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

e-e Zn den Aussichten der Univerfitäts- studien.

Es ist ein großer Fehler, wenn man bei der Aus­wahl der Studiums sich zu sehr davon leiten läßt, ob die Aussichten in einem Fache augenblicklich günstig sind oder nicht. Vielmehr muß man immer fragen, wie werden die Aussichten voraussichtlich fein, wenn der Abiturient das Examen bestanden und anstellungs­fähig fein wird bezw. in die Prcxis gehen torn. Weil das so selten geschieht, so haben wir in den meiste« Fakultäten den Wechsel zwischen großer Ueberfüllung «nd großer Ebbe. Dasjenige Fach, in welchem sich in neuerer Zeit zuerst eine große Ueberfüllung zeigte, und zwar schon im Anfänge der siebziger Jahre, war dar Baufach, nachdem lange Zeit hindurch die Nachfrage nach Baumeistern und Bauführern das Angebot weit übertroffen hatte. Auf die Ueberfüllung folgte die Ebbe und zur Zeit scheint die Nachfrage nach Bau­meistern eine recht rege zu sein. Wie lange daS noch dauern wird, ist zwar zweifelhaft, weil die Zahl der Studirenden auf den techn scheu Hochschulen in den letzten Jahren wieder sehr zugenommen hat. Dagegen hat die Zahl der Studenten, welche sich dem höheren Lehrfache widmen wollen, ganz erheblich abgenommen und zwar ist schon die Zahl der Philologen, welche in den letzten 2 Jahren das Staatsexamen gemacht haben, hinter der Zahl, welche jedes Jahr allein für die staat­lichen und städtischen vollberechtigten höheren Lehran­stalten nothwendig ist, zurückgeblieben. Aus der Zahl der Studenten, welche iu den letzte« Jahren in die philosophische Fakultät eivgetreten sind, geht aber her­vor, daß die Zahl der philol. Staatsexamina in den nächsten Jahren repide abnehmen wird. In den nächste« Jahrzehnten werden aber voraussichtlich durchschnittlich viel mehr Lehrer an den höheren Lehranstalten ab­gehen, als in dem letzten Jahrzehnte. Einmal haben in den letzten Jahren viele Lehrer mit dem Anträge auf Peltftvvirung gewartet, weil die Gehaltserhöhung und damit die Pensionserhöhung in Aussicht stand. Zweiter s sind die Lehrer, welche in den letzten Jahren angestellt sind und in den nächsten 2—3 Jahren an­gestellt werden, verhältnißmäßig sehr alt. Die Sterb­lichkeit wird also schon im nächsten Jahrzehnte viel größer sein, als in den achtziger Jahren, wo unter den angestellte« Lehrern sehr viele junge Leute waren.

Wenn nun schon im allgemeinen die Aussichten für dar Studium der Philologie im nächsten Jahr­zehnte sehr günstige sein »erben, so wird das am meisten bei den katholischen PH lologen der Fall sein. Von den katholischen Abiturienten der letzten Jahre hat sich ein sehr großer Theil dem Studium der Theo­logie zugewandt, während He Philologie gerade sehr wenig zum Studium erwählt ist. Man ersieht das sehr deutlich aus einer in der .Deutschen Schülpost' (1892) veröffentlichten Statistik, welche die Abiturienten der preußischen Gymnasien nach den Ofterprozrammen 1890—91 betrifft. Während von 832 Abiturienten, welche Theologie studiren wollten, 353 katholisch waren,

Das goldene Dach ;u Hildesheim.

Historische Erzählung von Antonie Haupt.

(Schluß.)

Der Friesenthorwächtsr schloß gerade auf, als die Schaar mir frohem Morgengruß zur Stadt hinein« sprengte.

»Den Gefangenen bringet nach der Bischofsburg in Gewahrsam. Saget dorten, ich selber würde Seiner Gnaden alsbald Bericht erstatten über den Verlauf unserer Sendung."

Mit diesen Worten trennte sich der Freiherr auf dem Markte von seinen Leuten, um mit Altfride dem Hardenberg'.schen Hause zuzureiten.

In der Vorhalle stand der Prokonsul vollständig gerüüet zum Ausbruche. Sein bekümmertes Antlitz zeugte von der Sorge, die er um sein holdeS Töchter­lein trug.

„Herzlieber Vater, hier bin ich ja!" rief Altfride mit heller Stimme von ihrem Zelter her.

Graf Dethmars Züge verklärten sich zu unaus­sprechlicher Freude. Ec eilte hinzu, hob das Mägd­lein stürmis-y in seine Arme und hielt cs fest um­fangen.

„Kind, mein Kind, so habe ich Dich wieder. Dem Herrn sei Dank!" rief er übernältigt von Glück. Sein Auge konnte sich nicht sättigen an dem rosigen jagend«

befanden sich unter den 89 klassischen Philologen nur 16 katholische. Neben 21 evangelischen Abiturienten, welche sich dem Studium der Naturwissenschaften zu widmen beabsichtigten, fanden sich nur 4 katholische «nd den 17 angehenden evangelischen Historikern standen nur 3 katholische gegenüber. Am auffallendsten aber ist er, daß von den 12 Abiturienten, welche die neueren Sprachen als ihr Studium angegeben haben, nur einer katholisch war. So viel also ersieht man daraus, daß der Mangel an Kandidaten, welcher sich nach einigen Jahren bemerkbar machen wird, am meisten bei den katholischen Kandidaten hervortreten muß. Für diejenigen katholischen Studirenden, welche in den nächsten Jahren zur Universität übergehen, bietet dar­nach die Philologie, besonders die neuere« Sprachen, am meisten Aussichten. Auch an katholischen Rechts­anwälten scheint kein Ueberfluß zu sein und für die katholischen BerwaltungSbeamten dürften die Aussichten gegen frühere Zeiten sich wesentlich gebessert haben. Am wenigsten haben j-tzt die Studenten der Medizi« Veranlassung, mit großen Erwartungen in die Zukunft zu blicken. Am ehesten werden noch diejenigen zu einer lohnenden Prcxis kommen, welche beabsichtigen, sich als Spezialisten niederzulassen.

Deutsches Reich.

Berlin, 12 September.

• Dem Bundesrathe ist eine Vorlage zugegangen, in welcher vor geschlagen wird am 5. Juni 1895 eine neue Berufs- und Gewerbezählung vorzunehme-e. Die letzte derartige Zahlung fand am 2. Juni 1882 statt, iettdem haben sich d-e g-werblichen Berufsver- hältniffe vielfach erheblich geändert. So wird auS Nachweisungen der Berufrgenossenschsften u. s. w. ge­folgert, daß von 1886—1891 die Zahl der haupt­sächlich mdustriellm Ardenerschaft im ganzen Reich um 1,4 Millionen oder um etwa 40 pCt., die Zahl der Eisen- und Textilarbeiter je um mehr als 100,000 und die der Bergarbeiter um nahezu 80,000 ge­wachsen sind. Unter Anderm würde eS bei den gegen­wärtig schwebenden Erörterungen über die Mittel zur Fördcrung der Landwirthschaft von Bedeutung sein, wenn man bis auf die neueste Zeit reichende Ermittel­ungen über das Zahlenverhältniß zwischen landwirth- schoftlicher und industrieller Bevölkerung und über den Umfang und die Geschwindigkeit hätte, mit der die Letztere auf Kosten der Ersteren zunimwt. Auch für den wei­teren Ausbau der Handwrrkergesetzzebung wäre cs von Werth, durch eine neue Zählung, sich über die fort­schreitende Entwickelung des Kleingewerbes zur Groß­industrie und über das Vorhandensein handwerks­mäßiger Betriebe Kenntnrß zu verschaffen.

* Zur Einführung des neuen Kommnnal- steuergesetzes schreiben die offiziösen ,Berl. Pol. Nachrichten': Die preußischen Kommunen sind zur Zeit lebhaft mit der Neuordnung chres Sttuerwis-r.s be­schäftigt, obwohl im Ganz« roch nicht viele endgiltige

Beschlüsse gefaßt find. Er muß aber doch fchon jetzt festgestellt »erben, daß vielfach ein Bestreben hervor­tritt, das mit dem Grundgedanken der ge« fammteu staatlichen und körn munalenSt euer« reform nicht in Einklang zu bringen ist. Es muß darum wiederholt daran erinnert werden, daß der Staat die Realsteuern als Steuer quellen den Gemeindm nicht überlassen hat, damit fie einfach aufgegebeu wer­den, sondern um den Gemeinden die Möglichkeit zu gewähren, frei über die Obj-kte zu verfügen, die mit den Gemeinde« auf Gedeih und Verderb verbunden find, einen großen Theil der Ausgaben verursachen und nicht bloß von de« Einrichtungen der Gemeinden, sondern auch von ihrem allgemeinen WachSthmn dauernden Nutzen und dauernde Werthsteigerung er­fahren! Dieses ist zugleich der einzige Weg, um der übrrwäßigen Heranziehung der für die Gemeinden gänzlich unsicheren und schwankenden Personalsteuer vorzubeugen. Der ganze Inhalt des Kommuual-Steuer« gesitzts führt auf diesen Weg, und die ganze Grundlage der Steuerreform würde gefährdet werden, wenn er verlnffeu würde. Von der Ncthw-mdigkeit einer ange« Mtsier-en Heranziehung der Realsteuern können auch nicht kleine, wenig einträgliche und vielfach zu großen Belästigungen führende LvxuSstenern befreien. Auch dort, wo bisher in den Gemeinden die Realsteuern schon in einigermaßen angemessenem Betrage herange­zogen sich, darf doch nicht die Außerhebungsetzung der staatlichen Realsteuern einfach zu einer Schenkung an die Realsteuerpflichtigen führen. Vielmehr muß auch dort ein wesentlicher Theil der bisherigen staatlichen Realstenern als Gemeinde steuern weiter erhoben werden. Wo aber, was in vielen Gemeinden leider der Fall ist, die Real steuern ent­weder gar nicht ober in unverhältnißmäßig geringem Betrage herangezogen sind, müssen diese unhaltbaren Zustände nunmehr nach Maßgabe der Kommunal« avgabengesetzeS in gründlicher Weise beseitigt werden. Ueberall muß daS Ziel fest im Auge behalten werden, die Zuschläge zur Einkommensteuer in den Gemeinden möglichst zu vermindern. Es ist za hoffen, daß die in der letzten Reichstagssession von den verbündeten R-gierungen beantragte Erweiterung der Zeilössizkeit einer kommunalen Weinsteuer neben einer au gerne ffenen Heranziehung der Realsteuern den Gemeinden die Erreichung dieses Zieles erleichtern wird. Auch ist das Streben vieler größeren Gemeinde», eine neue Einnahmequelle in sonstigen indirekte« Steuern zu ftiben, durchaus zn billigen, so­fern dabei nicht allzu sehr in die Gebiete der staat­lichen Besteuerung eingegriffen wird. Im Allgemeinen ist eS erfreulich zu sehen, daß überall das Bestreben vorwaltet, nach den Gesichtspunkten des Kommunal« abgabegesetzeS unter Berücksichtigung der besondere« Verhältnisse in den einzelnen Gemeindm rationelle Grundsätze bei der kommunalen Besteuerung zur An« Wendung zu bringen und damit die bessernde Hand an daS bisherige buntscheckige und grundsatzlose System der Kommunalsteuern zu legen.

frohen Antlitz? deS Töcherleins. Bald ober nohm er ; auch den Ritter wahr, der sich bi scheiden in der Ferne ] hielt.

„Und Ihr, mein junger Freund, mein L-benSretter, s Ihr machet mich noch immer mehr zu Euerm Schuld« | ner, Ihr bringet mir mein liebstes Kleinod zurück. ' Dank, heißen Dank! Wie könnte ich jemals Vergeltung üben!" Ja Lbersttörnendem Gefühle umarmte Graf Hardenberg den jungen Helden und zog ihn dann gleich seiner Tochter irS Wohvgemach.

Hier begrüßte die froh erstaunte Mutter mit Freudenthränen ihren Liebling.

Der Prokonsul aber rief ungeduldig:

„Erzählet, erzählet! WaS geschah Dir mein Kind? Wo und wie fandet Ihr sie; Herr Ritter? Wie ge­lang es Euch, sie heimzubringen?"

Altfriede und Kurt berichteten abwechselnd. AuS deS Letzteren bescheidener Rede klang leise, jedoch dem Baterherzm verständlich, welche Hoffnungen des Helden Brust verbarg.

Ernst-freundlich ruhte daS Auge DethrnarS auf der Reckengestalt des kräftig-schönen Mannes. Met plötzlich gereiftem Entschlüsse streckte er ihm die Rechte ent­gegen:

„Herr Kurt von Dinklar", sprach er langsam mit Betonung, „auf daS Kleinod, welches Ihr mir zurück­gewonnen, habt auch Ihr ein Recht.erworben. Ver­

stand ich ben geheimen Sinn Eurer Worts, so leget Ihr Werth auf solches Anrecht. Ich ober wäre glück­lich, wenn ich Euch in etwa meinen Dank beweisen könnte. Altfride soll die Eure werden, so ihr das Mägdlein als Gattin heimzuführen begehrt."

Ein zweifacher Freudemuf war die Antwort. Kurt und Altfride ergriffen die Hände des Vaters und dankten im höchsten Glücke.

Dann schloß der Freiherr daS geliebte Mägdlein in seine Arme und drückte den ersten Kuß auf ihre Lippen.

So war denn eitel Wonne und Glückseligkeit im Haufe deS ProkonsulS eingekehrt.

Seine Brschöflichen Gnaden wunderten sich, daß der treue Ritter von Dinklar so lange auf sein Erscheinen und auf den verheißenen Bericht warten ließ. AIS Gerhard vom Berge aber den fröhlichen AnSgarg der Sendung vernahm, freute er sich von ganzem Herze«.

Größer selbst als im Kampfe zeigte der edle Bischof sich als SiegeSherr. In dem Bewußtsein, daß ihm und den Seinen der ruhmvolle Sieg nur durch ein Wunder deS Himmels zu Theil geworden, verlangte er als Kriegsentschädigung und für die Auslösung der Ge­fangenen nur eine verhältnißmäßig geringe Summe. Bikmen Monatsfrist wurde die Angelegenheir zu Braun­schweig auf einer Berathung Der sächsischen Fürsten und Stände zur allseitigen Zufriedenheit erledigt.